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Verpasste Gelegenheiten

März 1, 2015

Der letzte Tag in Sarajevo. Einkaufstag. Und natürlich muss ich noch mal zum alten jüdischen Tempel. Der hatte jeden Tag geschlossen. Auch heute. Mist.

Dafür finde ich an der großen Moschee das Besucherschild. Da hätte ich täglich 8:30 Uhr rein gekonnt. Zu spät. Doppelt Mist.

Der Teeladen, also jetzt nicht Dijanas Café, sondern einer, wo es wirklich Tee zum Mitnehmen gibt, hat auch geschlossen. Hätte ich nur gestern…. Da muss ich nun was neues suchen. Süßigkeiten sind ja auch nicht schlecht. So selbst gemachte Pralinen. Ich darf sogar bei der Herstellung zuschauen. In der Kupfergasse darf ich auch zusehen. Aber Teebecher von dieser Größe sind nun wahrlich nur ein Mitbringsel zum Hinstellen und Verstauben. Kaffeebecher auch. Hier in Sarajevo ist das ja ganz nett mit dem bosnischen Kaffee, aber zu Hause brauche ich wieder meine großen Pötte.

Ich will immer noch in ein serbisches Viertel. Also laufe ich die Miljacka entlang, lasse die Bibliothek und die letzte Informationstafel hinter mir. Jetzt fragen Sie mich bloß nicht, in welche Himmelsrichtung. Bei so was bin ich blöd. Ich denke, es ist Osten, ich könnte mich aber auch täuschen.

Die Bibliothek wurde zwischen 1892 und 1894 ursprünglich als Rathaus gebaut. Der Wiener Architekt Alexander Wittek ließ sich durch Reisen nach Kairo und Spanien zu diesem pseudo-maurischen Stil inspirieren. Seit 1948 diente das Gebäude als National- und Universitätsbibliothek.

100 Jahre nach der Erbauung, in der Nacht vom 25. zum 26. August 1992, wurde die Bibliothek durch schwere Artillerie und Bomben nahezu zerstört. Dabei verbrannte fast der komplette Bibliotheksbestand, darunter handschriftliche Dokumente von unschätzbarem und nicht zu ersetzendem Wert.

Der Wiederaufbau begann sofort nach dem Ende des Krieges, 1996, zunächst mit Unterstützung Österreichs, später half die Europäische Kommission finanziell. Obwohl die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, scheint sie ein Symbol des Wiederaufbaus zu sein, ein Zeichen des Neubeginns. Denn jeder Einwohner, mit dem ich über die Stadt sprach, wies mich auf das Gebäude hin.

Mein Spaziergang entlang des Flusses endet da, wo nur noch eine von hohen Mauern begrenzte Straße ohne Fußweg mir mein Unterfangen doch blödsinnig erscheinen lässt.

Also streiche ich ein letztes Mal durch die Altstadt, esse ein letztes Mal Burek, sitze bei Dijana und versichere, im Sommer wieder zu kommen.

Auf Wiedersehen, Sarajevo. Ich hoffe, ich kann mein Versprechen wahr machen. Es gibt ja noch so viel zu sehen. Anderswo.

Zum Abschluss noch mal viele Bilder. Wems nicht zuviel ist, der klickt drauf und guckt groß.

Neujahrsspaziergang

Februar 25, 2015

Am Neujahrsmorgen will ich eigentlich mit dem Bus Nr. 56 hoch nach Jarcini fahren. Von da soll es eine schöne Wanderung zurück in die Stadt geben. Sagt mein kleiner Reiseführer. So richtig traue ich dem ja nicht mehr nach der Pleite mit Ildica. Und  natürlich, an einem Werktag würde ich lieber nicht Bus fahren. Ich habe das hier beobachtet, da ist Straßenbahnfahren ein Spaziergang dagegen. Aber am Neujahrsmorgen fahren vielleicht nicht so viele Bus.

Trotzdem es heute mit -8°C fast warm ist, zum Warten ist das immer noch zu kalt. Ich stehe 10 min dumm rum, dann ändere ich meine Pläne und laufe durch die Sonne am Fluss entlang. Ich biege in Nebenstraßen ein, laufe Hügel hinauf und hinunter. Wähle meinen Weg dabei immer so, dass ich im Sonnenschein laufen kann. Ich gucke mir noch mal die Ashkenazi, die neue Synagoge an, aber wie in den vergangenen Tagen hat sie auch heute geschlossen.

Auf der Flucht vor der Inquisition in Spanien kamen 1566 die ersten Juden nach Bosnien, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Das waren sephardische Juden. Die Aschkenasim kamen am Ende des 19. Jahrhunderts in die Stadt, nachdem Bosnien-Herzegowina unter die Verwaltung Österreich-Ungarns gestellt worden war. Die Herrschaft der Osmanen hatte 1878 geendet. Die waren etwas „moderner“ als die Sephardim, kamen meistens als österreichische Staatsbedienstete in die Stadt. Und natürlich sprachen sie kein Ladino, die Aschkenasim. Es würde mich interessieren, inwieweit sich die zwei Glaubensgemeinden bereicherten oder doch eher misstrauisch betrachteten. Ende des 19. Jahrhunderts, da wird man wohl mehr auf die Unterschiede gepocht haben, so wie zwischen Katholiken und Protestanten vielleicht.

So schlendere ich also durch die Stadt, sitze lange in meinem Lieblings Wiener Café, schlendere weiter, esse Burek, und lande wieder bei Dijana. Doch unten ist alles voll, also steige ich die Stufen hinauf, schichte in der 1. Etage die Kissen um mich, lese und genieße die Ruhe und den Kaffee.

Ich würde gern mal in den serbischen Teil der Stadt. Aber dort scheint es so gar keine Sehenswürdigkeiten zu geben. Jedenfalls sind auf den zahlreich in der Stadt aufgestellten Infotafeln nur Gebäude, Brücken und Parks im nicht-serbischen Teil dargestellt. Auch mein kleiner Reiseführer ist da sehr zurückhaltend. Aber vielleicht gibt es dort ja wirklich nichts zu sehen. Außer das Denkmal für Gawril Prinzip. Aber das will mir ja niemand zeigen.

Die Bilder werden groß, wenn man drauf klickt. Und nein, diesmal gibt es keinen Link zurück

Silvester, made by Inch in Sarajevo

Februar 22, 2015

Mein kleiner Reiseführer empfiehlt Ildiza, gut mit der Straßenbahn zu erreichen. Er lockt mit hübschen Fotos und rät, die Fahrt mit der Bahn zu genießen und dabei die Stadt zu bestaunen.

Heute sollen es wieder -13°C werden, nachts gar -22°C.  Da gilt es, sich irgendwo aufzuhalten, wo man sich schnell der Kälte entziehen kann. In Ildiza soll es viele Cafés und Restaurants geben. Und die Straßenbahn schützt ja auch ein bisschen.

Die Straßenbahnen sind so voll wie die Busse (ich erwähnte es direkt am 30.12.), ich lasse zwei ziehen, eh ich in eine passe. Mit Gucken ist hier nichts, da stehen mir viel zu viele Menschen im Weg rum. Es fällt auf, dass hier nicht nur Kinder und Jugendliche ihre Sitzplätze hergeben, wenn ältere Menschen oder behinderte stehen. Und Kinder, auch noch 5-jährige, sitzen ohne zu murren auf dem Schoß ihrer Mutter. Auch die Mütter scheinen damit nicht überfordert zu sein. Die Erziehungsratgeber aus Deutschland scheinen das Land noch nicht erreicht zu haben. Das es je ein Erziehungsratgeber aus BIH, falls es so etwas überhaupt gibt, nach Deutschland schaffen wird, wage ich zu bezweifeln.

Und Ildiza? Jedenfalls im Winter vergeudete Zeit. Ein hässlicher Vorort mit hässlichen Neubauten. Immerhin, es gibt einen sehr großen Park. Der könnte von Frühjahr bis Herbst hübsch sein. Vielleicht sind hier die zahlreichen Cafés und Restaurants, von denen mein kleiner Reiseführer schreibt? Das römische Bad muss hier ganz sicher sein. Leider fehlen Hinweisschilder. Ich irre ein bisschen rum, gebe auf und mache mich auf den Weg zur Römischen Brücke.

Durch ein Neubaugebiet und ein Industriegebiet laufe ich ganz hinaus aus Sarajevo. Sehr berühmt ist die vielleicht nicht, denn ein paar Einheimische schicken mich erst mal zu einer falschen, einer schnöden aus Beton. Die richtige Brücke liegt auch in einer parkähnlichen Anlage. Vielleicht gibt’s auch einen Weg hierher ohne Neubauten und Tankstellen? Doch für Experimente ist es zu kalt, ich laufe den gekommenen Weg zurück und diesmal erkennt mich dieser eine Hund und verzichtet darauf, mich zähnefletschend zu ängstigen.

In Sarajevo gibt es sehr viele streunende Hunde, weil es keine Tierheime gibt. Allerdings kümmern sich die Bewohner um die herrenlosen Tiere, wie mir mehrmals bestätigt wird. Und ich sehe auch einigemale gut verteiltes Futter und zwei drei mal sogar Leute, die direkt aus der Tür des Fleischers tretend, Knochen oder Hühnerbeine auspacken und den Hunden hin legen. Dementsprechend sind die Hunde auch kein bisschen aggressiv. Bis jetzt jedenfalls und bis auf diesen einen.

Auch in Ildiza steht so eine neue, von irgendeinem arabischen Scheich finanzierte Moschee. Dzemal hat mir eine gezeigt, ich glaube, die hat der König von Saudi-Arabien bauen lassen, von der ist Dzemal ganz begeistert wegen der angeschlossenen, in allen Belangen kostenlosen Schule. Also keine Koranschule, sondern eine für Sprachen zum Beispiel.

Ein Teil Ildizas soll zur Srpska Republik gehören. Keine Ahnung, wer den Ortsteil zur Zeit des Krieges besetzt hielt oder wo die Frontlinie verlief, aber ich sehe hier viele zerschossene Gebäude. Also nicht solche mit Trefferspuren wie in der Stadt, sondern richtig zerschossene.

In Büdchen werden ausnahmslos Silvesterknaller verkauft, Weihnachtsmannmützen und Last Minute Weihnachtsgeschenkpakete. Im Österreichischen Viertel sah ich heute schon eine Frau einen künstlichen Weihnachtsbaum durch die Straßen schleppen. Letzte Vorbereitungen für den Neujahrsabend, der bei den Orthodoxen so gefeiert wird wie bei uns Weihnachten. Mit anschließender Silvesterparty.

Auf der Rückfahrt, klar, ich steige ja an der Endhaltestelle ein, habe ich einen Sitzplatz. Von da aus kann ich einen Blick auf einen christlichen Friedhof erhaschen. Und noch mehr Moscheen. Die meisten neu und ähnlich wie bei uns die neuen Kirchen aus Beton, austauschbar und hässlich. Ansonsten Vorstadttristesse, Neubaugebiete, Plattenbausiedlungen, grau. Keine Ahnung, was ich auf meiner Straßenbahnfahrt genießen soll.

An der Latinbrücke steige ich mit Ziel Kaisermoschee aus, aber die wird gerade restauriert, laufe noch weiter zum Franziskanerkloster, erkundige mich nach Busabfahrtszeiten, laufe zurück Richtung Altstadt, suche ein nicht näher benanntes Café in der Nähe des Hotels Europa, finde es nicht, lande in einem ohne Toilette, gehe deshalb wieder, probiere ein „öffentliches“ aus.

Dann suche ich in der Altstadt lange die Curciluk mali, wo sich das von Dijana empfohlene Ascina ASDZ befinden soll.

Ein seltsames Restaurant. Man wählt die Speisen am Tresen, wo diese auf Wärmeplatten stehen. Da sie nicht ausgeschildert sind, kann ich nur nach Aussehen wählen. Ich esse etwas mit Hühnerfleisch und Pilzen, dazu Gemüse. Das kommt alles zusammengewürfelt in einem tiefen Metallteller. Hier gibt’s ja alles auf diesen Metalltellern, normalerweise aber liebevoller angerichtet als in diesem seltsamen Lokal. Dazu Cola. Klar. Nein, dieses Restaurant ist nicht empfehlenswert, zumal es im Vergleich teuer ist und das Essen lauwarm.

Es dämmert schon, als ich mich auf den Weg zu meinem neuen Lieblingscafé mache. Das schöne an diesen bosnischen Cafés ist, dass man sich durchaus eine Stunde an seinem Tässchen festhalten kann. Auch wenn der Kaffee längst ausgetrunken ist. Man kann mit anderen Gästen schwätzen oder der Wirtin oder einfach lesen, Tagebuch oder Ansichtskarten schreiben. Ich muss ja noch in dem Buch weiterlesen, aber wieder sind viel zu viele Leute da. Da quake ich lieber mit, höre zu und schichte die Kissen um mich.

Silvester selbst, also Mitternacht, verbringe ich im Bett! Das liegt aber eher so an der nicht erreichten Wärme in meinem Zimmer. Da ist es einfach angenehmer, sich zuzudecken. Zumal der Fußboden, ein Steinboden, noch kälter ist und bei diesen Außentemperaturen eher zu Erfrierungen an den Füßen führen würde.

Ich bin nicht die einzige, die schon vor Mitternacht im Hostel ist. Im Aufenthaltsraum trinken wir noch einen Tee zusammen und rauchen die letzte Zigarette des Jahres.

Silvester selbst ist recht unaufgeregt in Sarajevo. Fünf Minuten Feuerwerk. Dann senkt sich Stille über die Stadt. Wie angenehm.

Mehr Fotos gibt es hier.

Für hier gilt wie immer: Aufs Bild klicken, groß gucken

Berg auf Berg ab

Februar 19, 2015

Als Dijana mich fragt, ob ich schon mal bosnischen Kaffee getrunken habe, antworte ich aus einer Eingebung heraus: Nein. Und schon lehrt sie mich eine ganz andere Art als die vor zwei Tagen von Jasmin gelernte. Erinnert mich ein bisschen an die russische Art Tee zu trinken. Wie es in den Büchern steht. In Russland habe ich nie einen Menschen so Tee trinken sehen.

Ich bin endlich in dem Teeladen in der Kovaci, den mir Herr Ärmel empfohlen hat. Klein ist er und sehr gemütlich. Und liegt nur 2 min Fußweg vom Hostel entfernt.

Durchgefroren hocke ich mich auf eine der Bänke gleich am Fenster zur Straße, schichte die Kissen um mich, lehne die Decken ab und lasse mir von Dijana das Kaffee trinken erklären.

Statt mich von Jasmin zur Festung fahren zu lassen, bin ich lieber selbst los gestapft. Sarajevo liegt eingebettet zwischen Bergen, die laden geradezu zum Selber Bewegen ein. Und auf meinem kleinen Faltplan sieht das alles auch sehr einfach aus.

Ist es natürlich nicht. Und wie das eben so ist, in den Bergen, kann ich nicht einfach quer rüber laufen, ich muss den Weg zurück, runter in die Stadt und den nächsten wieder rauf.

Sehr viele Moscheen liegen auf meinen Wegen. Nach dem Ende des Krieges sollen 70 neue Moscheen gebaut worden sein. In Sarajevo. Oder war es in ganz BiH? Wie dem auch sei, mir scheint das etwas inflationär. Andererseits, wenn ich an den Kirchenbauboom in Russland denke…

Laut meinem Reiseführer soll man die Außenbezirke nur mit Guide besuchen, also stecke ich die große Kamera in den Rucksack und begnüge mich mit der Taschenknipse. Dabei gibt es soviel zu sehen. Moscheen zum Beispiel. Und sehr viele arbeitenden Männer. Die schippen entweder Schnee oder reparieren Wasserleitungen oder Autos. Es ist arschglatt und alle laufen auf den Fahrstraßen. Die Autofahrer wissen das und benehmen sich entsprechend. Da fällt auch mir die Wahl zwischen Bein auf dem Fußweg brechen oder von Auto auf der Straße überfahren werden leicht.

Der (richtige) Weg zur Festung auf der Ploca führt (bergan) vorbei an einem ziemlich, ziemlich großen Friedhof. Jasmin erzählte, dass man die in die die Stadt umgebenden Hügel baute. Inzwischen ist die Stadt längst über ihre Friedhöfe hinaus gewachsen. So findet man sie überall. Große und kleinere Gräberfelder, inmitten der Häuser.

Das Museum in der Festung hat geschlossen. An der alten Stadtmauer, die auch das Ende des Friedhofes markiert, schlittere ich entlang zum Sirokac –Tor, einem alten Stadttor. Dann muss ich wieder ganz runter fast bis zum Hostel und die nächste Straße wieder rauf. Zur gelben Bastion.

Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt.  Ich zeigte Ihnen schon im Dezember ein Foto. Es ist Mittag. Die Stadt liegt mir zu Füßen und aus den Moscheen klingen die Rufe herauf. Ploca, Sirokac und Zuta tabija sind Teil der Festungsbauten, die noch aus osmanischen Zeiten stammen. Auch das Visegrader Tor gehört dazu. Und weil ich da unbedingt hin Tor will, laufe ich einfach weiter. Immer bergan. Das Tor ist zwar nicht mehr auf meinem kleinen Faltplan, nur so ein Pfeil in die Richtung, aber so viele Straßen wird’s hier oben doch nicht geben?

Enge Straßen, dörflicher Charakter, kaum Menschen. Und die wenigen beäugen mich neugierig. Aber eigentlich treffe ich nur Hunde und Katzen. Der Schnee tut meinen Schuhen auf Dauer nicht gut. Ich glaube, ich habe nasse Füße. Oder ist es nur kalt?

Es geht immer bergan, jetzt kommt auch die Sonne raus, von den Bergen ringsum sehe ich allerdings nichts mehr, die Mauern zu den Gehöften, die engen sich windenden Straßen versperren jede Sicht.

Das macht überhaupt keinen Sinn. Und wenn die Sonne erst weg ist, erfriere ich hier oben.

Nein, da kehre ich lieber um und gehe in Dijanas kleinen Teeladen.

Ich bin der einzige Gast und nachdem wir ein halbes Stündchen gequatscht haben, drückt sie mir ein Buch in die Hand. Über Sarajevo. Die jüngste Geschichte. So etwa ab 1945.

Ich bin so vertieft, dass ich es fast als störend empfinde, als die Tür sich öffnet und Arun (oder Amun?) nicht nur einfach den Laden betritt, sondern sofort los plappert. Na gut, plappere ich eben nicht.

Arun ist Iraner. Aus Norwegen. Und sehr mitteilungsbedürftig. Außerdem hat er grad eingekauft. In einem Antiquariat. Gleich unten an der Ecke. Da müsst ihr unbedingt mal hin. So schöne Sachen.

Arun packt aus. Das macht den kleinen Laden noch etwas kleiner, denn auf den Tischen ist grad mal Platz für den Kaffee. Oder eben den Tee.

Ein alter jugoslawischer Pass. Was willst Du damit?, wundert sich Dijana. Das ist Geschichte. Verstehst Du? Alles Geschichte!

Ein Feuerzeug aus dem Krieg. Ja, so eins hatte mein Vater auch, erinnert sich Dijana.

Ich lege mein Buch endgültig beiseite.

Eine Kaffeedose. Das ist eine alte Tabakdose, oder? Ich glaube, das ist deutsch. Lies mal! Was steht da?

Nein, das ist Kaffee. Eine alte Kaffeedose.

Toll. Das ist alles historisch.

Jetzt packt er eine Hakenkreuzbinde aus. Uns Frauen bleibt das Lachen im Halse stecken. Das ist Geschichte, beharrt Arum oder Anum. Glaubst Du, dass ich die in Norwegen tragen kann?

Keine Ahnung, was in Norwegen los ist, aber HIER würde ich sie nicht tragen.

Der Iraner sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf. Arum grinst. Er ist weit weg von unseren Befindlichkeiten, packt alles wieder in seine Tüten. All den alten Kram, all sein historisches Zeug.

Was ist Roibusch, fragt er. Tee eben, aber keine Sorge, davon wirst Du nicht high.

Der Laden ist inzwischen proppenvoll, obwohl nur zwei weiter Gäste um die Tischchen sitzen. Ein Pärchen hat sich in die 1. Etage verzogen.

So vergeht die Zeit fast ein bisschen unbemerkt und ich trenne mich nur ungern von meinen neuen Kurzzeitbekanntschaften.

Vorbei an der alten orthodoxen Kirche laufe ich zum Svrzina Haus, einem alten bosnisch-muslimischen Wohnhaus, das heut als Museum dient. Ich streiche wild fotografierend, staunend und mich manches mal auch wundernd durch Gänge und Zimmer, steige Treppen hinauf und wieder hinunter. Das Haus vermittelt das Leben zu osmanischen Zeiten. Und um alles zu verstehen, muss man auch kein Buch kaufen. An jedem Zimmer hängt eine kurze Erklärung, auch auf Englisch.

Wenn ich nun schon mal hier bin, kann ich auf dem Weg zurück auch gleich noch in den alten, 1561 erbauten, jüdischen Tempel, doch der hat geschlossen. Daneben der neue aus dem Jahr 1921 dient heute als Kunstgallerie.

Dijana hat mir ein paar Restaurants empfohlen. In einem davon wird der Burek über offenem Feuer zubereitet. Dort sitze ich und versuche mich nicht vom Fastfood-Charakter stressen zu lassen.

Natürlich ist es dunkel, als ich zum Hostel wackle. Und der Weg ist viel zu weit. -12°C waren es heute am Tag. Ich will gar nicht wissen, wie kalt es jetzt ist.

30.12.2014

Einige Fotos zeigte ich Ihnen schon im Dezember. Ein noch längerer Spaziergang

Da wie hier galt und gilt: Drauf klicken, groß gucken

Der Umsturz

Februar 18, 2015

Wie aus einem friedlich begonnen Protest eine Gewaltorgie wird. Drei Filmemacher waren in Kiew dabei, filmten sowohl auf der Seite der Demonstranten als auch auf Seiten der Polizei. Die Bilder, unkommentiert, fassen sie zusammen in der Doku “Kiew brennt”.

Unbedingt sehenswert. Auch wenn es oft nicht zu ertragen ist.

http://www.arte.tv/guide/de/embed/057960-000/large

Blogger gegen rechts

Februar 16, 2015

Die Gudrun habe ich irgendwo verloren. Am Augustusplatz.

Dafür habe ich dann die Reisegruppe Reudnitz gesehen. Auch am Augustusplatz.

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Zwischen den Kulturen

Februar 12, 2015

29.12.2014

Am Montag finde ich endlich ein „richtiges“ Café. Im Österreichischen Viertel, ein richtiges Wiener Kaffeehaus. Mit großen Tischen, allerlei Sorten Kaffee in großen Tassen. Und Kuchen und Torten. Ich als oller Kaffesachse brauche nun mal ä Sticke Sießes zu meim Scheelchen Heeßen.

Rauchen kann man hier natürlich auch. Wie übrigens auch in den bosnischen Cafés. Aber da gibt es ja nix zu essen. Und in den Restaurants, da gibt es zwar lecker Essen, aber keinen Kaffee. Rauchen kann man da natürlich auch nicht, was ok ist. Was aber stört, ist der Fastfood-Charakter. Also nicht beim Essen. So eher beim Flair. Man isst – und geht.

Gestern, nachdem ich mich von Jasmin verabschiedet hatte, bin ich noch in eine Buregdzinica gegangen, Burek essen. Oberlecker. Aber eben essen – gehen.

Auch heute schneit es. Und es scheint jeden Tag kälter zu werden. Abends, wenn die Sonne weg ist oder das Tageslicht, glaube ich jedesmal, mir friert gleich die Nase ab. Trotzdem, auf Museen habe ich nicht wirklich Lust und weil ich immer noch ein bißchen überlege, ob ich mal nach Mostar fahre, beschließe ich, zum Bahnhof zu laufen und herauszufinden, ob und wie man da mit der Straßenbahn hinkommt. So habe ich das Café gefunden. Und bei Latte Macchiato und Erdbeer-Joghurt-Torte verliere ich fast ein bisschen den Elan. Der Laden hier ist eine echte Oase. Die am Fenster vorbei eilenden, tief eingemummelten Menschen und der Schneefall sind da keine wirkliche Option.

Trotzdem.

Hier im Viertel, rund um die orthodoxe Kathedrale, gibt es sogar noch einen Weihnachtsmarkt. Erst bin ich verblüfft, dann fällt mir ein, dass die ja erst am 6. Januar feiern.

Ich laufe weiter und am Einkaufszentrum Alta kommt sogar die Sonne raus. Hier ist auch das Holiday Inn, von dem mir der Herr Ärmel erzählt hat. Hier wohnte die kriegsberichterstattende Journalie in den 1990ern. Vorher war es allerdings das Hauptquartier der Serbischen Demokratischen Partei. Von hier aus schossen am 5. April 1992 auch Heckenschützen auf einen Demonstrationszug, wobei eine Bosnierin und eine Kroatin erschossen wurden. Sie hatten, so Jasmin, für die Einheit des Landes demonstriert.

Für die Bosnier ist damit der 5. April 1992 der Tag des Kriegsbeginns. Für die Serben gilt dagegen der 1. März desselben Jahres als Beginn der Kämpfe. An diesem Tag schoss in der Altstadt ein bosnischer Soldat auf eine Hochzeitsgesellschaft, tötete einen Serben und verletzte den Priester. Versuchen Sie sich selber zurecht zu finden in diesem  Irrsinn.

Ich finde den Bahnhof, hopse in die Straßenbahn Nr.1 und fahre zurück.

Was für eine Fahrt. Fünf Minuten braucht die Bimmel für zwei Haltestellen. Es geht am Fluss entlang. Mir dauert das alles zu lange, außerdem gibt es soviel zu sehen. Draußen. Moscheen Synagogen, Kirchen. Also steige ich vor meinem Ziel aus, laufe die halbe Strecke noch mal zurück, gucke, kriege Hunger und laufe wieder zurück in die Altstadt.

Das „To be (or not) to be“ hatte ich ja schon am Samstag gefunden. Jetzt ist es Zeit, reinzugehen und zu essen. Herr Ärmel hat erzählt, dass dieses Restaurant wohl das einzige der Stadt ist, dass auch während der Belagerung der Stadt durchgängig geöffnet hat.

Wieder so ein kleines Restaurant. Vielleicht vier Tische?

Ich bin der einzige Gast, gucke dem Wirt bei der Zubereitung des Pfeffersteaks zu und smalltalke ein bisschen. Natürlich leben hier in Bosnien-Herzegowina die glücklichsten Tiere der Welt und das Fleisch, in dem Fall Rind, ist auch nirgendwo besser als hier.

Dann gehe ich doch in ein Museum.

Gegenüber der Gazi-Husrev-beg-Moschee betrete ich die Kursumlija Medresa, ein Schulgebäude aus dem Jahr 1537. Wie die Moschee, wie überhaupt viele öffentliche Gebäude der Stadt, ließ Gazi Husrev-beg sie erbauen. Dieser Gazi Husrev-beg gilt als der bedeutendste Förderer und Mäzen der Stadt. Seine Stiftung und Schenkungen zum Wohl der Gemeinde (vakuf) prägen noch heute das gesamte Altstadtbild. Neben der schon erwähnten Moschee und der Schule wären da z.B. noch der Uhrturm (der nicht die Uhrzeit anzeigt, sondern die Zeit, wann zum Gebet gerufen wird), Armenküche, Gästehaus, Gasthaus, Hamam (öffentliches Bad), Bezistan (Markthalle), ein Gebetshaus mit Internat (Hanikah) und natürlich eine Bibliothek.

Die Medresa ist wohl eher als Hochschule zu verstehen. Hier wurde u.a. Theologie gelehrt, Philosophie und Jura.

Aber die Schule oder Universität ist nicht besonders spannend. Leere kahle Klassenzimmer gruppieren sich um ein Atrium mit Brunnen.

Im Hostel gilt es dann zu sehen, welche Probleme lösbar sind.

Die Heizung gehört nicht dazu. Die schafft es einfach nicht, mein Zimmer warm zu kriegen. Eigentlich kein Problem, will ich doch da nur schlafen. Aber das Bad ist gar nicht beheizbar bzw nur über das Zimmer. Das ist zu viel.

Die ganz furchtbar unbequeme Matratze dagegen tauscht Dzemal mir umgehend aus. Und schleppt auch noch eine Decke an.

Gegen die Gäste aus dem Zimmer gegenüber kann er auch nichts machen. Familie mit Baby und Kleinkind. Von ganz weit her. Baby schreit natürlich morgens ab 6. Das ist nicht das Problem, auch nicht, dass die Mutter dann mit Baby das Zimmer verlässt, damit Kleinkind und Vater weiter schlafen können (obwohl ich es natürlich fragwürdig finde, mich mit meinem Baby in einen Raucherbereich zu setzen). Das Problem ist eher, dass der Vater bald folgt. Und dann das Kleinkind. Nun sind alle draußen. Also vor meiner Tür. Baby ist inzwischen wieder still. Kleinkind sowieso. Aber Mutter und Vater scheinen in einer Einsiedelei zu wohnen, ohne Nachbarn. Oder früher Heavy Metal gehört zu haben.

Ich schnappe mir ein Buch und versuche die leicht laut geführten Gespräche zu überhören.

Eigentlich hört man hier nix. Aber solche Gäste.

Abends dann scyped Mutter mit Mama. Vor meiner Tür. Klar, sie will die Familie nicht stören. Aber wissen Sie, wie so ein blechernes Jingjang klingt? Volle Lautstärke? Ohne Punkt und Komma?

Ich weiß jetzt, wie man aus Verzweiflung zum Totschläger wird. Zum Glück für mich und meine auch weiterhin straffreie Karriere ist das die letzte Nacht, die ich ertragen muss.

Ich setze mich raus, mit Buch und Tee und rauche. Wahrscheinlich ist das alles auch nur ein kulturelles Mißverständnis, denke ich mir, und das es Länder gibt, wo ich nicht hin will.

Da kommen neue Gäste. Acht Leute, so zwischen 40 und 50. Die Frauen sehr kommunikativ, die Herren eher schüchtern (vielleicht sind denen allein reisende Frauen ja suspekt).

Vielleicht sind die neuen Gäste ja auch der Grund für eine vorzeitige Abreise der Familie? Denn wo die letzten Tage nur ich ab und an saß und ein Mädchen aus dem Nachbarzimmer, sitzen jetzt acht. Die halbe Nacht. Rauchend. Sehr viel rauchend. Dann verdanke ich denen meine weiterhin straffrei verlaufende Karriere.

Danke.

Fotos von der Medresa und dem Hof der Gazi-Husrev-beg-Moschee habe ich Ihnen schon mal gezeigt, als ich direkt aus Sarajevo gebloggt habe: Ein langer Spaziergang

Für den Rest gilt: Drauf klicken= groß gucken

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