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Inch liest


Manche Bücher, die ich für erwähnenswert halte, schaffen es in die Rubrik „Inch liest“. Eine Zeit lang stehen Titel und Autor dann in der Seitenleiste. Für ein paar nehme ich mir die Zeit, hier darüber zu schreiben.

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SAŠA STANIŠIĆ

Wie der Soldat das Grammophon repariert

Ich erinnere mich an den Morgen des Soldatenreigens. Die Stadtarchitektur hat aus Regenwolken, Tarnfarben und Glaspittern bestanden. Edin und ich wollten etwas völlig Normales machen…

Du kommst nicht vor. Nicht verängstigt im Treppenhaus, nicht Steine in den Fluss werfend, ich sehe dein schönes Haar zwischen den gemächlich plündernden Soldaten nicht. Du bist nicht mitgekommen, wir haben nie Abschied genommen, Asija. …

Asija, hat es dich jemals gegeben?

Aleksandar wächst in Visegrad auf, als Enkel des besten Redenschreibers der Kommunistischen Partei, mit Tito im Herzen. Damals ist noch Jugoslawien und die Welt der Erwachsenen erscheint Aleksandar teilweise skurill. Er erzählt von Fahrten zu den Urgroßeltern, dem Auto des Vaters, das immer an der selben Stelle kaputt geht, von Tanten, Onkeln, Betrunkenen, Betrogenen, so wie sie eben ein Kind betrachtet. Und vom Angeln in der Drina. Leicht wie ein Sommertag plätschert das Leben dahin.

Als Slavko, der Großvater, stirbt, schenkt er ihm Zauberstab und Zauberhut und den wichtigen Rat, sich die Welt schön zu denken.

Dann kommt der Krieg nach Bosnien. Es ist gut, dass das Buch so geschrieben ist, dass man es beiseite legen und sich anderen Dingen widmen kann, denn sonst wäre es unerträglich. Der Familie gelingt die Flucht nach Deutschland. Die Großmutter bleibt zurück. Freunde. Die Stadt und. Die Drina.

Wäre ich Fähigkeitenzauberer…, doch Aleksandars Zauberkräfte reichen nicht, die Welt zu ändern oder das Stück Welt, das ihn umgibt. Sie reichen nicht, um der Mutter ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, sie können den Großvater nicht lebendig machen und die Drina heilen. Doch die Fantasie, die Fähigkeit, sich wegzudenken, helfen Aleksandar in diesem fremden Land zu leben. Und doch sind da immer wieder diese Erinnerungen, Asija, und diese Sehnsucht nach einem Land, das es nicht mehr gibt.

Sasa Stanisic hat es geschafft, mich mit seinem Buch für den Krieg in Ex-Jugoslavien zu interessieren. Nicht als abstraktes, verabscheungswürdiges Ereignis, über das ich gern mal in Büchern lese oder das ein paar ganz gute Lyriker hervorgebracht hat. Jugoslawien, der Krieg, war mir so unverständlich, dass er mich unversöhnlich machte mit den Bewohnern des zerfallenen Landes.

Ausgerechnet diese Buch, dass manchmal nicht auszuhalten ist, hat es geschafft, den Vorhang aufzureißen, mich die Menschen hinter dem Krieg sehen zu lassen. Und neugierig zu machen auf Länder, in die ich noch vor zwei Jahren geschworen hätte, keinen Fuß zu setzen.

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Siegfried Lenz

So zärtlich war Suleyken

Man muss sich ein bisschen an die Sprache gewöhnen, die der Autor in diesem Büchlein voller Gescshichten anschlägt. Ein bißchen umständlich klingt sie, naiv und schräg. Ob Lenz damit an seine Heimat erinnern will oder den Bewohneren derselben seine Remeniszent erweist, ist unwichtig.

Suleyken, das ist ein erdachtes Dorf in Masuren. Seine Bewohner verstehen die Welt auf ihre eigene Weise. Staunend wir Kinder und gewitzt, wie nur Bauern sein können, leben sie ihren Alltag und begegnen Fremdem auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Und die Sprache, die Lenz anschlägt, diese Geschichten voller Zärtlichkeit zu erzählen, passt genau zu den Bewohnern, hilft dem Leser noch besser, sich Suleyken vorzustellen, dieses zärtliche Dorf im irgendwo und nirgendwo der Masuren.

Die 20 Gesichten in dem gerade mal 118 Seiten starkem Büchlein lesen sich kurzweilig und machen scmunzeln. Genau das Richtige für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder einer Parkbank.

 

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Gerard Donavan

Winter in Maine

Julius Winsomes Leben ist unspektakulär.

Er liebt seine Bücher, die Blumen vor dem Fenster, seinen Hund Hobbes, die Luft und das Licht in den Wäldern von Maine. Dort lebt es in seiner Hütte, weitab der nächsten Ortschaft. Nur die Schüsse der Jäger erinnern an die Zivilisation außerhalb seines Unviversums.

Manchmal arbeitet Winsome als Gärtner, aber die meiste Zeit seines Lebens verbringt er lesend. So wie es wohl schon sein Vater tat. Winsomes Mutter starb bei seiner Geburt, alles was er weiß, lernte er von seinem Großvater und seinem Vater, zwei Weltkriegsveteranen, die jeweils keinen Schuss mehr abgaben seit dem jeweiligen Kriegende. Und aus den Büchern.

Winsome stört sich nicht an der Einsamkeit, die Bücher geben seinem Leben Struktur.

Nur einmal taucht eine Frau in seinem Leben auf, besucht ihn einige Monate lang. Hobbes ist was von dieser Beziehung übrig blieb. Claire ist nicht geschaffen für dieses Leben, aber sie findet, Julius braucht einen Hund, gegen die Einsamkeit. Hobbes.

Aber um Claire geht es in dieser Geschichte nur am Rande, als Erinnerung und zufällige Begegnung.

Worum es geht, ist Hobbes. Hobbes Tod. Hobbes gewaltsamer Tod. Warum schießen Jäger auf Hunde?

Ein Mann, der 51 Jahre in einer Hütte lebte, wie er es nennt, zerbricht an seiner Einsamkeit, am Verlust seines Gefährten.

Aus der Ich- Perspektive erzählt Gerard Donovan eine unglaubliche Geschichte aus Maine, vom nördlichsten Punkt der USA außerhalb Alaskas, wo man Kanada schon riechen kann und den ganzen Tag französisch sprechen kann, wenn man will.

Er erzählt in einer nüchteren Sprache. Vom Tod und von Shakespeare, von Blumen und Schnee, Erinnerungen, Freundschaften und Liebe. Von einem Kind, dass in einer Hütte zwischen Büchern aufwuchs. Und von Hobbes. Und seiner, Winsomes Rache

 

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Nicolai Lilin*

Sibirische Erziehung

* da Lilin in Italien lebt, wir die italienische Schreibweise seines Namens auch international verwendet

Transnistrien, das ist der Teil Bessarabiens, der nach dem 1. Weltkrieg der UdSSR zugeschlagen und Teil der neu gegründeten Ukrainischen Sowjetrepublik wurde. Oder doch Rumäniens? Es ist schwer, sich in der Geschichte dieses Landstriches zurecht zufinden. Polen, die Habsburger, Russland, Rumänien. Moldawien..

Bender zB., wo dieses Buch spielt, kam, laut Wikipedia, nach dem 1. Weltkrieg als Teil Bessarabiens zu Rumänien, nachdem es 100 Jahre russisch war. Und jüdisch.

Na wie auch immer, nach dem 2. Weltkrieg gehörte es zweifelsfrei zur Moldawische Sowjetrepublik und damit zur UdSSR.

Und seit der Mitte der 90er Jahre gehört es zur nicht anerkannten Transnistrischen Moldawischen Volksrepublik, die zwar von Moldawien beansprucht wird, sich aber weitestgehend selbst regiert. Als sich Moldawien 1991 nämlich für unabhängig von der Sowjetunion erklärte, diskutierte man dort, also in Moldawien, über eine Vereinigung mit Rumänien. Transnistrien dagegen wollte lieber weiter russisch bleiben. Es kam zu einem offenen Konflikt, der im Grunde bis heute nicht gelöst ist.

So, dort also spielt Lilins Roman.

Er erzählt von seiner Kindheit in Bender, von der Gemeinschaft, in der er aufwuchs, von der Erziehung, die er genoss. Von Regeln, der tiefen Religiosität, dem Respekt gegenüber den Alten, den Müttern. Und weil seine Vorfahren aus Sibirien kamen, ist es eben eine Sibirische Erziehung, die er genoss.

Das klingt jetzt erst mal harmlos, nach einem hübschen Roman über eine Jugend in einem Gebiet mit wechselvoller Geschichte. Doch, die Sibirer, die ab 1938 nach Transnistrien verbannt worden, war u. a. Urki, eine Verbrecherorganisation mit mafiösen Strukturen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Erziehung eine ganz neue Bedeutung. Das Buch hat mir eine Freundin geschenkt, die es nicht geschafft hat, es zu Ende zu lesen. Ich bin da wohl härter im Nehmen.

Denn so wie es selbstverständlich ist, dass man nicht vergewaltigt, dass man auf die Alten hört, dass man keine Waffen mit ins Haus nimmt, so selbstverständlich werden Leute zuerst erschlagen bzw erstochen und später, wenn die Jungs älter sind, erschossen. Für die Urki ist jeglicher Kontakt zu den staatlichen Behörden untersagt, und die Kinder werden zu „ehrbaren Kriminellen“ erzogen, zu Dieben im Gesetz. Ihre Erfahrungen sammeln sie in Schlägereien mit der Polizei oder anderen Jugendbanden. Ein angesehener Alter, der „Großvater“, fungiert als Pate und Erzieher. Ein großer Tag ist der, wenn die Jungs ihr eigenes Messer erhalten, wenn sie sich damit ehrbar geschlagen haben, schenkt ihnen ein angesehener Verbrecher ihre erste Pistole. Geschichten aus dem Knast sind ihre Abendlektüre, sie selber sprechen vom Gefängnis, in dem sie unweigerlich landen werden, darüber sind sie sich im Klaren, wie von einem Ferienlager. Mord ist nichts verwerfliches, Besitz dagegen stellt ein Urki nicht zur Schau. Er gibt sich bescheiden, loyal (gegenüber anderen Mitgliedern seiner oder befreundeter Clans), freigiebig und sieht es als seine Pflicht an, schwache, also Kinder, Alte und Behinderte zu schützen. Sogar die Gewaltanwendung ist reguliert, lässt einen beim Lesen aber den Atem stocken.

Ein unbedingt lesenswertes Buch, dass Einblicke gewährt in eine fremde, absurd-grausame Welt.

Zwei Zitate, die den Widerspruch vielleicht verdeutlichen.

„Heute wird mir klar, dass ich dank der sibirischen Kultur eine tief verwurzelte Akzeptanz für jene Menschen entwickelt habe, die außerhalb der Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde (gemeint sind die Urki), als abnormal, anormal, nicht normal oder wie auch immer bezeichnet wurden. Für mich war das nie abnorm“ (Lilin spricht hier von seinem Verhältnis zu Geisteskranken)

„.. hatten sie an die Bäume im Park vor dem Polizeiposten von Tiraspol gebunden und ihnen Nägel in die Köpfe geschlagen“

oder

„Es galt als unwürdig, mit Reichen oder Vertretern der Regierung zu kommunizieren; man durfte sie ausrauben oder töten, aber nie bedrohen oder zu Abmachungen zwingen“

Gibt es auch als Film

 

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Ilan Goren

Wo bist Du Motek?

Ilan Goren erzählt auf nur knapp 250 Seiten zwei Geschichten.

Einerseits schreibt er leichtfüßig von seinem Jahr in Berlin, wo er als Reporter des israelischen TV-Senders Chanel 10 Karriere zu machen hofft.Motek, das ist das hebräische Wort für Süßer, Schatz. So nennt ihn die Redakteurin, wenn sie ihm telefonisch die Wünsche des Produzenten mitteilt.

Goren beschreibt das junge, das hippe Berlin, wie es Ausländer und Schwaben erleben. Gemeinsam mit seinem Freund Omer erkundet er den morbiden Charme der Stadt seiner Vorfahren und trifft dabei auf allerhand skurille Personen und Geschehnisse. Manche dieser Geschehnisse erscheinen scheinbar nur in den Augen des Beobachters skuril, regen aber den Leser zum Nachdenken an, lassen ihn zumindest schmunzeln, wie immer, wenn Besucher uns einen Spiegel vor die Nase halten.

Und dann ist da noch die Geschichte seiner Vorfahren, von denen ihm seine Mutter ein Leben lang erzählte. Seine Mutter, die Berlin als eine Art Paradies beschrieb und alles Deutsche fast heilig sprach.

Deutsche Gewissenhaftigkeit verhilft ihm zu einerKiste voller Erinnerungsstücke, mit deren Hilfe sich Ilan auf die Suche nach den Spuren seiner jüdischen und protestantischen Vorfahren macht. Und die Geschichte, die diese Spuren erzählen, ähneln so gar nicht denen seiner Mutter.

Anrührend, leichtfüßig, skuril, staunend bewegt sich Ilan auf seiner doppelten Suche zwischen den Zeiten. So flüssig sich das Buch liest, so „normal“die Geschichte seiner Vorfahren den Zeiten entsprechend zu sein scheint (sie entkamen dem Holocaust dank eines Lotteriespiels der Urgroßmutter. Sie hätten auch das Los USA ziehen können. Oder Berlin… dann gäbe es diesen Roman vielleicht nicht), so hinterlässt er doch einen bitteren Nachgeschmack. Vielleicht weil Ilan Goran die Geschichte seiner Vorfahren ohne Pathos erzählt.

Und das heutige Berlin? Wird fast wieder zum Sehnsuchtsort.

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Jens Mühling

Mein russisches Abenteuer – Auf der Suche nach der wahren russischen Seele

 

Von Kiew nach Moskau über Petersburg nach Sibirien, in die Steppe und zurück in die Taiga reist Jens Mühling auf der Suche nach dem wahren Russland.

Er begegnet Kommunisten, Klerikern, Kosaken, Wissenschaftlern, Altgäubigen, jungen Menschen, Ikonenmalern, Jägern, Einsiedlern, Handlungsreisenden. Sie erzählen ihm von ihrer Suche nach dem alten Russland, der Sehnsucht nach Ordnung, dem Traum vom Auswandern, vom Fortschritt und Vergangenheitsbewältigung.

Mühling schreibt über so bizarre Schicksale, wie sie wohl nur in einem riesigen Land wie Russland entstehen können. In jeder Biografie spiegelt sich die wechselvolle und gegenteilige Geschichte des Riesenreiches auf die eine oder andere Art wieder.

Und doch ahnt man beim Lesen, die Geschichten, die Mühling erzählt, die Menschen, denen er begegnet, so verschieden sie auch sind, können nur Teile eines Puzzles sein und geben nur punkuell Einblick in ein Land oder ein Volk, dass uns immer noch so fremd scheint.

Dabei kann der in Siegen geborene Autor bei all seiner Sympatie zu den Russen seine ideologischen Vorurteile nicht überwinden. So wird selbst der Kosak, der in der Wehrmacht diente und keinen Hehl daraus machte, von der „Sache mit den Juden“ gewusst zu haben, zum Opfer. Manche Dinge, das gibt er unumwunden zu, versteht er nicht. Vermutlich kann er die auch nicht verstehen. Da steht ihm seine Erziehung im Weg.

Trotzdem ein lesenswertes Buch. Ich habe oft geschmunzelt, gestaunt, mich manchmal über die einseitige Betrachtungsweise geärgert, im großen und ganzen aber auch beim Lesen wieder festgestellt: Ein Leben reicht nicht aus, um Russland in seiner Gänze und Vielfältigkeit zu begreifen, weder als Lesender noch als Reisender. Aber es lohnt derVersuch, ein bisschen an der Schale zu kratzen und einzudringen.

Mühlings Suche nach der wahren russischen Seele lohnt sich als Lektüre sowohl für Russlandanfänger, als auch für -kenner.

Und die Frage, ob es DIE russische Seele gibt und der Autor sie gefunden hat, darf sich danach jeder leser für sch selbst beantworten.

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Irina Korschunow

Der Eulenruf

Unaufgeregt erzählt Irina Korschunow die Geschichte von Lene.

Von ihrem Leben in einem Dorf im Lüneburgschen. Plackerei bedeutet diese Leben, die ständige Wiederkehr der immer selben Arbeit auf kargem Boden und in windschiefen Katen. Armut bedeutet dieses Leben und Eintönigkeit.

Lene, am Anfang des letzten Jahrhunderts in diese bäuerliche Welt geboren, träumt von den guten Dingen dieser Welt, die irgendwo da draußen sein müssen. Und als sie schließlich begreift, dass kein Gott und kein Doktor aus Hamburg ihr helfen können, nimmt sie ihr Kind und bricht aus. Überschreitet Grenzen, verlässt das Dorf und sucht ihr Glück in der Ferne.

Was klingt wie ein Frauenroman ist keiner. Irina Koschunow  beschreibt schlicht das Leben. Unaufgeregt und doch so spannend, dass einen die Geschichte nicht los lässt.

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Tyler Hamilton und Daniel Coyle

Die Radsportmafia und ihre schmutzigen Geschäfte

Ich gebe zu, ich habe mich lange dagegen gewehrt, die Biografien reuiger rennradfahrender Dopingsünder zu lesen. Ich hatte keinen Bock auf Bücher im Stile der vor einigen Jahren inflationäre auftauchenden freiwillige Pressekonferenzen Deutscher Radprofis, die tränenreich gestanden, irgendwann vor vielen Jahren (genau so vielen wie die Verjährungsfrist ist) gedopt zu haben aber das jetzt natürlich nicht  mehr täten.

Halten die mich für blöd?

Möglicherweise wollte ich auch in der Vor-Epo-Zeit verharren, um mir den Spaß an Radrennen nicht zu verderben.

Dann schenkte mir die Kleinfamilie dieses Buch zum Geburtstag. Und sie haben wohl das beste zur Thematik herausgesucht. Tyler Hamilton erzählt schonungslos, wahr, ohne um Verständnis zu heischen. Er erzählt einfach, wie es war. Er ist auch nicht in die Dopingfalle „gerutscht“, sondern hat sich dafür entschieden, geradezu danach gegiert. Er erklärt den Unterschieder der Vor-Epo-Zeit, als zwar auch massive gedopt wurde, da aber eine gewisse Gerechtigkeit herrschte, weil dass irgendwie „ausgeglichen“ wurde durch die leistungssenkenden Nebenwirkungen der damaligen Mittel, so dass man auch mal zum falschen Mittel gegriffen haben konnte.

Doch Epo veränderte alles. Plötzlich waren Leistungssteigerungen in ungeahntem Ausmaß möglich. Und als ich das Buch las, verstand ich plötzlich den Schweizer Pascal Richard, der seinen Rücktritt mit den Worten „Radsport ist eine 2- Klassen-Gesellschaft geworden“ begründet hat.

Bei allen Versuchen, sich den Radsport schön zu reden, war in den letzten Jahren ja nicht zu übersehen, wie ganze Gruppen von Fahrern geschlossen Berge hoch rasten, wo unsereinem schon beim Laufen der Schweiß aus allen Poren tritt.

Doch nun, da ich das Buch gelesen habe, fällt es mir schwer, mir das anzusehen. Auch bin ich misstrauisch geworden, wenn Fahrer sich plötzlich zu Spitzenfahrern entwickelt haben. Natürlich entwickeln sich Fahrer. Nur wenn es so schnell geht und die Herren so jung sind…, da war ich schon immer misstrauisch, jetzt aber wird mir fast ein bisschen schlecht.

Und wenn dieser Tage das Fernsehen die Deutsche Tour de France feiert, weil es schon 5 Etappensiege gab, drei davon gehen allein auf eines Sprinter Konto, wenn das Fernsehen dann sagt, dass Deutsche Fahrer das letzte Mal vor 16 Jahren so erfolgreich waren ( das war zu Telekomzeiten, als die alles gewannen, wirklich alles bis aufs Bergtrikot), dann fühle ich mich schon wieder verarscht. Vor allem aber kann ich mich nicht freuen. Und wenn dann einer der Fahrer beklagt, dass Erfolge immer misstrauisch beäugt werden, dass sie aber doch die neue Generation von Fahrern seien, dann dreht sich mir der Magen um.

Wobei, ich mache dem Fahrer keine Vorwürfe. Der wird gezwungen durch das System. Oder er wechselt den Beruf. Das habe ich in Hamiltons Buch gelernt. Mein Vorwurf geht an die ganze Meute von Funktionären. Auch ans Fernsehen, die Presse. Und ganz besonders auch an TV-Sender, die sich doch so offen gegen Doping aussprechen und dann doch diese Art Erfolge feiern.

Ein großartiges Buch! Und auch, wenn es mir die Freude am Radsport gucken etwas verdorben hat, bin ich froh, es gelesen zu haben. Und kann es nur weiter empfehlen. Aber nur, wenn sie nicht weiter unbeschwert Bergankünfte mit Sekundenabständen sehen wollen.

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Thórarinn Eldjárn

Die glücklichste Nation unter der Sonne

Geschichten aus Island

Leichtfüßig erzählt Eldjárn Geschichten aus seiner Heimat. Da mischt sich oft Realität mit der Sagenwelt der Nordländer. Sein feinsinniger Humor brachte mich oft zum Schmunzeln.

In den 13 Geschichten dieses Erzählbandes geht es um Bankenkrisen, Vulkanausbrüche, darum, wie „eine Nation, deren Einwohnerzahl so gering ist, dass sie in einer Welt umgeben von Riesen, ständig in der Defensive ist, um sich Prestige zu verschaffen, ihre eigene Zauberformel erfindet“. Eldjárn nimmt die Eigenheiten der Menschen aufs Korn, macht sich lustig über den Heldenmut der Isländer, erfindet Geschichten, die uns dann doch wieder so vertraut erscheinen.

Ich habe diese kleine Büchlein mit Genuss gelesen.

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Thomas Willmann

Das finstere Tal

Eine grausame Sitte hält ein Gebirgsgtal in den Alpen in eisernem Griff. Drohend, wie die umgebenden Felsen, liegt sie über den Bewohnern des kleinen Dorfes. Misstrauisch nehmen sie einen Fremden, einen Maler als Wintergast auf. Doch dann geschieht ein tödlicher Unfall. Und während sich die Tochter der Wirtin verliebt und zwei Familien die Hochzeit vorbereiten, kommt es zu einem zweiten tödlichen Unfall. 

Oder ist es doch Mord?

Willmann spricht in seinem Roman eine bildgewaltige, fesselnde Sprache. Was zunächst wie ein Heimatroman klingt, ist manchmal Western, dann Krimi. Idyllisch, brutal. Und obwohl er schon im letzten Drittel den Leser das Geheimnis des Fremden erfahren lässt, ihn aufklärt über den grausamen Brauch, der die Gemeinde zusammen hält, bleibt es spannend bis zum letzten Satz.

Und wenn man ihn gelesen hat, diesen letzten Satz, möchte man mehr und mehr und mehr.

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Andrzej Stasiuk

Hinter der Blechwand

Wladek und Pawel klappern in einem alten Lieferwagen die Märkte in den Dörfern und Kleinstädten Südosteuropas ab, verkaufen den ausrangierten Ramsch des Westens. Mode aus Paris-London-New York.

Doch neuerdings taucht starke Konkurrenz zwischen den Blechhütten und Betonburgen auf: Chinesen preisen Textilien zu Dumpingpreisen an.

Als die beiden Protagonisten auch noch in das Treiben von Menschschmugglern hineingezogen werden, wird aus der road novel ein packender Krimi.

Stasiuk erzählt auch in diesem Roman vom Verschwinden Osteuropas im Zuge der Globalisierung.

Eine Leseprobe, die hoffentlich nicht gegen irgendein Gesetz verstößt:

„… und die Stadt war voller Bauern. Genau wie vor…100 Jahren. Ihr Blick irrte über die vielen verschiedenen Dinge… Sie suchten…diese alten, konkreten Dinge, die aber gab es kaum mehr. Sie waren unter unter Stapeln von buntem Müll verschunden…“

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