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Das Geschenk der Demokratie und das Unvermögen, dieses anzunehmen

September 16, 2014

Mich bewegt aber noch eine zweite Frage nach Deinem Blogbeitrag. In Sachsen und Brandenburg gab es eine Wahlbeteiligung von unter 50%. Dabei wurde immer wieder im TV und anderen Medien kritisiert, dass dies 25 Jahre nach dem Mauerfall passiert und damit der Möglichkeit zu freien Wahlen. Mich würde mal interessieren, wie Du zu diesem Vorwurf stehst.
Fragte Stephie im Kommentar zu meinem gestrigen Blog, und weil ich das nicht kurz beantworten kann, ohne zu provozieren, zu brüskieren oder sonst wie falsch verstanden zu werden, mache ich einen ganzen Blogbeitrag draus, wohl wissend, dass auch dieser möglicherweise falsch verstanden wird.
Obwohl mich die Frage amüsiert hat, habe ich nämlich den ganzen Tag über eine Antwort nachgedacht. Nachgedacht habe ich, weil ich Stephie gut leiden mag und weiß, dass ihr Interesse ehrlich ist und sie wirklich an Antworten interessiert ist. Amüsiert war ich, weil diese Frage so fast nur von einem westsozialisierten gestellt werden konnte. Denn, so könnte ich kurz und knapp in einem Kommentar auf die Frage des gestrigen Tages antworten, ist nicht auch die Entscheidung, nicht zu wählen, eine freiheitlich-demokratische? Aber hätte ich so kurz geantwortet, hätte ich viel Gegenwind bekommen, was nicht schlecht ist, ich hätte mich erklären und erläutern müssen. Vor allem aber hätten sich sicher viele entrüstet, wahrscheinlich Leute, die sich hier sonst nie zu Wort melden, mir mit gegenteiligen Argumenten bewiesen, wie wichtig Wahlen sind.
Das amüsiert mich. Ich denke da an unsere Ratten, denen wir gerne Häuser in ihre Behausung stellten, damit sie sich darinnen zurückziehen können, Nester bauen usw. Doch nicht alle Ratten begriffen, was wir ihnen Gutes taten, sie schoben die Häuser durch die Gegend, nagten sie bis zu den Grundmauern ab oder, was eigentlich am verwerflichsten war, sie schmissen sie um und nutzten sie als Toilette. Als Toilette! Bitte sehr!
Dummes Getier und undankbar dazu auch noch.
Hätte die eine Reaktion unsererseits sein können. Eine sehr überhebliche, die den Ratten vorschreibt, was sie mit den Häusern anzustellen haben, denn schließlich seien Häuser zum darinnen wohnen da und nicht zum rein kacken.
Offensichtlich bevorzugen die Ratten eine andere Form der Behausung, die sie sich irgendwo aus anderem Material geschaffen haben. Sollen sie also die Häuser als Toiletten nutzen oder durch die Gegend schieben. Eine Bereicherung ihres Umfeldes ist es in jedem Fall.
Hätte die andere Reaktion unsererseits sein können. Eine, die die Tiere nicht vermenschlicht und ihnen die freie Wahl lässt, wie sie mit den von uns angebotenen und erfundenen Dingen umgeht.
Nun will ich Ostdeutsche nicht mit Ratten vergleichen. Vielmehr die Besitzer der Ratten mit denen, die 25 Jahre nach dem Mauerfall die Leute kritisieren, dass sie die Wahlen nicht so nutzen, wie das von ihnen erwartet wird. Und dabei übersehen, dass die Leute in Brandenburg und Thüringen und Sachsen doch die Wahlen nutzen, nur eben auf ihre Weise, eine Weise, die vielen in den Altbundesländern aufgewachsenen unverständlich ist, die ich, die ich 29 Jahre in der DDR gelebt habe, auch nicht teile, aber wiedererkenne.
Und ich bin natürlich kein Soziologe. Mir liegen auch keine verlässlichen Statistiken vor. Und schon gar nicht bin ich objektiv. Trotzdem will ich versuchen, die Frage nach den Nichtwählern zu beantworten. Mit dem Vorwurf übrigens kann ich gut leben, weiß ich doch, dass er aus Missverständnis entsteht, so wie bei dem Rattenbesitzer, der seine Tierchen für dumm und undankbar hält, wenn sie die Häuser nicht zum Wohnen nutzen.
Schauen wir uns mal die Wahlen an, die der in der DDR aufgewachsene zuerst kennenlernen durfte. Listenwahl. Das heißt, es gab einen Zettel, auf dem standen alle im Wahlkreis zu wählenden Kandidaten und die hatte er zu wählen. Alle! Strich er einen durch, weil er ihn nicht leiden konnte, war seine Stimme komplett ungültig.
Der DDR-Bürger, der das wirklich wollte, hatte eigentlich nur drei Wahlmöglichkeiten: Wählen, nicht wählen oder, das war das aufwendigste, abwählen. Zum Abwählen musste er JEDEN Kandidaten säuberlich und EINZELN durchstreichen, nur so war seine Stimme als Gegenstimme gültig. Ein Strich quer über die Liste: ungültig. Einzelner Name gestrichen: ungültig.
Es gab damals in gewissen Kreisen tatsächlich viele Diskussionen darüber, was besser sei: nicht wählen oder abwählen. Abwählen war sicher schwieriger, weil dazu musste man ja in die Kabine (was sonst niemand tat) und man konnte sicher sein, dass das registriert wurde (also ich hatte nach so einer Aktion jedenfalls an Terror grenzenden Ärger, und mein Mann, der gar nichts dafür konnte, mit). Aber auch nicht wählen war nicht ganz so einfach, denn die Wahlhelfer kamen so ab 16:00 Uhr gern zu den Leuten, die noch nicht zur Pflichtveranstaltung erschienen waren, um sie persönlich abzuholen. Da musste man also am besten nicht zu Hause und nicht auffindbar sein, oder aber ziemlich widerstandsfähig, denn die Wahlhelfer waren nicht immer nett und lästig sowieso. Und notiert war der Name des Nichtwählers natürlich auch.
Nichtwähler und Abwähler hatten aber im Prinzip dasselbe Ziel: In den Wahlstatistiken auftauchen. Nicht wählen war also ein aktiver Prozess. Das hatte nichts mit Faulheit oder Desinteresse zu tun. Obwohl es natürlich jede Menge Leute gab, vermutlich mehr als heute, die die Wahlen für absolut sinnlos hielten. Aber die meisten, und das ist anders als heute, gingen hin. Einfach um ihre Ruhe zu haben. Denn das Leben spielte sich eh woanders ab, in den selbstgeschaffenen Nischen.
Dann kam der Umbruch und die ersten freien Wahlen. Und ich vermute mal, dass da die Wahlbeteiligung ähnlich hoch war wie zu DDR-Zeiten. Denn FREIE WAHLEN! Was für ein großartiges Instrumentarium. Nicht eine Riege Parteikader entscheidet, sondern das Volk. Ich glaube, die CDU hat damals an allen Fronten gewonnen. Klar, die Bockwurst hatte nicht nur die D-Mark gebracht, sondern auch blühende Landschaften versprochen. Die SPD dürfte auch jede Menge Stimmen abbekommen haben, die PDS wählten wohl nur die, die nicht sofort, als es der Karriere nicht mehr dienlich war, ausgetreten sind und die Bürgerrechtsbewegung? Die brauchte niemand mehr. Die hatte sich in links und rechts gespalten und versank, wenn sie nicht schon längst von den etablierten Parteien aus den Altbundesländern abgegriffen worden war, entweder sofort oder in den Folgejahren in der Versenkung. Das einzige was blieb, war tatsächlich die PDS.
Freie Wahlen also, die CDU gewann. Der Ostdeutsche hatte sich zum ersten Mal frei entscheiden dürfen, nicht zwischen Nicht Wählen und Wählen, sondern für oder gegen die Politik, die er sich wünschte.
Ich weiß jetzt nicht, ob die Wahlbeteiligung schon bei der nächsten großen Wahl so rapide sank, oder ob das ein fortschreitender Prozess ist.
Denn, was der ehemalige DDR-Bürger oder viele ehemalige DDR-Bürger glaubten, festzustellen, ist: es ist völlig Wurst, was ich wähle. SPD? CDU? Eigentlich alles dasselbe. Die Politik ändert sich nicht und Volkes Wille zählt eh nicht. Kennen wir. War früher schon so. Freie Wahlen? Auch nur Humbug.
Und jetzt gibt es zwei Entscheidungen: Der eine sagt, da geh ich nicht hin. Nützt ja eh nichts. Diese Verweigerung unterscheidet sich allerdings, denke ich von der zu DDR-Zeiten. Aus dem aktiven Prozess ist ein resignierter geworden. Gleichgültigkeit gegenüber der Politik „da oben“ wird eine Rolle spielen. Der Bürger tut, was er am besten kann: er richtet sich ein, baut sich seine Nische, findet sich zurecht, versucht mit den Gegebenheiten, die ihm „von oben“ diktiert werden und die er nicht ändern kann, jedenfalls nicht durch Wahlen, klar zu kommen, sein Leben zu leben, unabhängig von Politik und dem ganzen Gedöhns. Genau wie bis vor 25 Jahren.
Die andere Entscheidung ist: Ich mische mit. Aber nicht, indem ich die Blasen der SPD oder CDU wähle (wieso sind die eigentlich nicht endlich so konsequent, sich zu einer Partei zusammenzuschließen? Ist doch eh dasselbe alles). Da wähle ich die Opposition. Jemanden, der wenigstens versucht, dafür zu sorgen, dass „die da oben“ nicht machen können, was sie wollen. Und am besten auch noch meine Befindlichkeiten versteht. Das war die PDS, das ist immer noch die Linke. Links ist nicht schlecht, das fühlen hier viele. In der Regierungsverantwortung wollen sie wohl die wenigsten Wähler haben. Aber das war ja eigentlich nicht die Frage (und um die AfD ging es ja gestern).
Es ging um die geringe Wahlbeteiligung. Und die habe ich versucht zu erklären. Allerdings nur aus einem Blickwinkel heraus. Es gibt da sicher mehr und viele Gründe. Wahlen ändern nichts, taten sie früher nicht und jetzt auch nicht, mag sich der eine oder andere denken. Die freien Wahlen sind auch nicht besser als die Listenwahlen. Und die Demokratie? Was hat sie mir gebracht? Meinungsfreiheit? Meinungsfreiheit nützt nur denen, die gern große Reden schwingen. Den meisten dürfte Meinungsfreiheit ziemlich schnurz sein. Pressefreiheit? Sieht man ja grad am Thema Russland. Und all die anderen Freiheiten? Frei ist nur, wer auch das Geld hat, diese Freiheiten auszuleben. Das haben viele aber gerade in Brandenburg und Thüringen nicht. So bleibt als letzte echte Freiheit nur die der Wahl. Und die nutzen manche eben so, wie sie es gelernt haben-.
Nicht wählen ist eine demokratische, eine freie Entscheidung! Jemanden vorzuschreiben, wie er mit Demokratie und Freiheit umzugehen hat, ist so, wie den Ratten vorzuschreiben, was sie mit den Häusern machen

Katzenjammer

September 15, 2014

Journalisten stottern Erklärungsversuche. Erst Sachsen, und nun Brandenburg und Thüringen.

Eine gerade mal 1,5 Jahre alte Partei zieht zweistellig in die Landestage.

Wie konnte das passieren?

Populistisch greift sie sich aus allen Parteien die Themen ab, die den Ostdeutschen interessieren. Die Russlandfreundlichen, denen die Linken zu links sind, den antirussischen Kurs der Regierung aber nicht akzeptieren können, von den Linken; der CDU die Ausländerfeindlichen, die meinen, Flüchtlinge würden ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, die kein Deutscher machen will, denen die CDU aber viel zu liberal ist, und das obwohl, die Kanzlerin wohl in Brandenburg schon versucht hat, auf die Ängste einzugehen, im Wahlkampf versteht sich, und die nicht als Nazis gelten wollen, weshalb sich ein Kreuzchen hinter der NPD verbietet; der NPD sowieso alle, die überzeugt sind, keine Rassisten zu sein, die Frau aber gern wieder am Herd sehen und natürlich soll kein Ausländer, Flüchtling, am besten nicht mal jemand aus dem Nachbardorf sich breit machen, Leistungen beziehen, die der Deutsche, und nur er, so schwer erarbeitet.

Katzenjammer.

Und dann der Lichtblick.

Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen. Warten wir die Landtagswahlen in den Altbundesländern ab. Da wird sich die AfD nicht etablieren können.

????

Der Ostdeutsche wieder zu blöd zu wählen? Keine Ahnung von Demokratie? 25 Jahre Freiheit und die wissen immer noch nicht, wie und wen sie zu wählen haben? Alles Protestwähler?

Nirgends höre ich einen, der darüber sinniert, und sei es nur ansatzweise, dass die „großen Parteien“ sich möglicherweise auch nach 25 Jahren noch nicht mit den besonderen Befindlichkeiten im kolonialisierten Anhängsel befasst haben. Außer die Linken natürlich. Aber die werden eh nur von Stalinisten gewählt. Unbelehrbaren. Nicht- Demokratie-fähigen.

Stimmt. Im Osten trauen die Bürger den Politikern nicht. Demokratie? „Die da oben“ machen doch, was sie wollen, unabhängig von Volkes Wille oder gar konträr. Gentechnik in der Landwirtschaft, Wirtschaftsabkommen mit den USA, die Russlandpolitik. Kennen die Bürger. War vor 25 Jahren auch nicht anders.

Das schlimmste aber: gleichgeschaltete Medien. Der politisch Interessierte glaubt, in eine Zeitschleife geraden zu sein, der Mittellose wartet immer noch auf die blühenden Landschaften. Und während er, ob des Nicht Vorhandenseins von Arbeitsplätzen auch noch gezwungenermaßen untätig, wartet, muss er sich verteidigen gegen den Vorwurf, faul zu sein. Und ständig nur zu jammern.

Und stimmt, wer älter als 50 ist, kennt noch das Gefühl von Sicherheit. Sicherheit ist zwar auch langweilig, der vorgezeichnete persönliche Weg, von dem eine Abweichung vor 25 Jahren kaum möglich schien, hat aber die meisten Bürger des untergegangenen Landes nicht gestört. Auch wenn sie jetzt vielleicht anders darüber reden.

Was heißt reden? Zu Wort kommen ja eigentlich nur die, die sich wehrten. Aber von denen auch nur die, die ins Geschichtsbild der BRD passen.

Und die Jammerer.

Und nun beweist er, der Bürger aus dem Osten, wieder einmal seine sich in Wahlergebnissen niederschlagende offensichtliche Dummheit.

Mich ärgert dieses Wahlergebnis übrigens auch. Nur kann ich nicht so recht wütend sein auf den Deppen aus dem Osten.

Stadt der (Glas)türme

September 14, 2014

Aufmerksame Leser meines Blogs wissen, mindestens einmal im Jahr muss ich mich auf den neuesten Kenntnisstand bringen. Mindestens einmal im Jahr tue ich das auf einem Kongress. Manchmal kommen noch Reisen anderer Art dazu, aber dieser eine Kongress ist Pflicht. Der findet manchmal in Deutschland statt, manchmal im Europäischen Ausland.

Dieses Jahr in Frankfurt. In Frankfurt am Main.

Frankfurt am Main? Da war doch was? Nachdem ich jahrelang nur durch die Stadt gefahren war auf dem Weg nach sonstwohin, verbrachte ich im letzten Sommer einen Abend dort und stellte verblüfft fest: Da gibt es ja nicht nur Hochhäuser. Also verlängerte ich die drei auf-den-neusten-Kenntnisstand-bring-Tage ums Wochenende. Römer gucken. Mindestens. Und außerdem, wer weiß, vielleicht steigt ja zufälligerweise der Herr Ärmel vom Schwarzen Berg hinunter in die Stadt.

Emails hin und her, und, was soll ich sagen, die Chancen standen gut, je näher der Termin rückte, desto besser wurden sie und schließlich war sicher, wenn der Herr Ärmel genug Unfug im Regenwald getrieben hätte, könnten wir uns so ab Samstag frühen Nachmittag treffen.

Doch zunächst logierte ich auf Kosten des Dienstherrn in der Kaiserstraße und lauschte auf der Messe so interessanten Vorträgen wie zum Beispiel zum Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses in den letzten 70 Jahren, Ursachen und Entstehung des Veganismus (Sie ahnen es, das hängt eng mit dem Thema des ersten Tage zusammen), lernte eine Menge über freilebende Nacktmulle, studierte Poster, diskutierte mit Kollegen, ließ mich von Industriepartnern auf den Maintower schleppen und in so eine Äpplerkneipe, wo mir der Äppler aber nicht schmeckte, tanzte im Depot und fand auch den Äppler dort leckerer, hielt mich aber trotzdem lieber an Weißwein, habe das I-Pad wieder nicht gewonnen, habe noch nie soviel Sauerkraut in drei Tagen gegessen wie dort, wunderte mich, dass es Weißwürste gab, riet mit einem Schweizer Kollegen, was Schäufelchen und Leitern sein könnten, verteilte Visitenkarten und sammelte welche ein und machte im Übrigen und glücklicherweise schon am Donnerstag ein paar Fotos. Denn am Freitag kurz vor Mittag nieselte es schon mal leicht. Am Nachmittag aber, als alle nach Hause fuhren und ich, nun auf eigene Kosten, ins Hostel umzog, regnete es.

Trotzdem wackelte ich los. Bankenviertel. Römer. Und zurück. Unbedarft und unwissend wie ich bin, hatte ich ein Hostel in der Moselstraße gewählt, Bahnhofsviertel, Rotlicht. Ach Herrje, das fand ich schon am Tage nicht erquicklich. Überhaupt, hier in Leipzig soll es ja genug Nachtquartiere für Obdachlose geben. Hier liegen keine auf den Straßen. In Frankfurt stolperte ich jeden Morgen auf dem Weg zur Messe über ein paar. Und äh, ja, als ich ein menschliches Wrack irgendwo auf dem Gehweg hocken und komisches Zeug in der Pfeife rauchen sah, wäre ich am liebsten hingerannt und hätte es angeschrien, was es da für einen Scheiß mache und dass es das sein lassen solle. Also ja, in Leipzig geht es doch sehr manierlich zu. Oder ist verbannt. Aus der Innenstadt, vom Bahnhof weg, irgendwohin nach, wahrscheinlich in den Osten der Stadt. Die Bordelle sowieso. Und nun ich, mittendrin.

Da sitze ich abends lieber im Hostel. Ich bin gern da, denn im Gegensatz zu Hotels und Einzelzimmern hat man da immer Gelegenheit, Leute zu treffen. Nur leider, heutzutage, starren die Leute lieber in ihre Smartphones oder Laptops. Da muss man schon etwas aufdringlich sein.

Am Samstag Vormittag regnet es zwar nicht, aber der Himmel bleibt grau, das Licht ist miserabel und ich habe eh die falsche Kamera mit. Aber eigentlich finde ich an Frankfurt den Gegensatz zwischen den Glastürmen und den Altbauten am interessantesten. So stört es nicht weiter, dass sämtliche Panoramaaufnahmen misslingen. Ich schlendere am Main entlang, lasse mich treiben. In einer Buchhandlung habe ich in einem Reiseführer von engen Gassen in Sachsenhausen gelesen, ich finde sie nicht. Der jüdische Friedhof ist geschlossen, auf Museen habe ich keine Lust, am besten, ich hau mich nochmal aufs Ohr und ruhe mich aus.

Und dann lädt mich der beste Frankfurtführer am Bahnhof ins Auto und zeigt mir alles, was ich noch nicht gesehen habe. Geschichte und Geschichten. Ich weiß so wenig über die Stadt. Der Westen stand ja irgendwie nicht auf dem Lehrplan der Schulen in der DDR, so dass ich eigentlich nichts über die Stadt am Main weiß. Nichts. Natürlich weiß Herr Ärmel auch, wo die Gässchen sind und nachdem ich mich bei ihm gründlich über die Grüne Soße informiert habe, traue ich mich nun auch, die zu essen. Außerdem, ja, der Apfelwein schmeckt hier auch.

Wir traben weiter durchs nächtliche Frankfurt, wieder auf die andere Mainseite, ich lausche, staune und gucke. Und lande in einem Einkaufszentrum auf der Zeil, dass ich ohne die ortskundige Führung eines Kenners nie betreten hätte. Römer hin, Alt-Sachsenhausen her, MyZeil , so heißt das 6-stöckige Konstruktion des römischen Architekten Massimiliano Fuksas ist mit Sicherheit das überraschendste und mich am meisten beeindruckende Gebäude der Stadt. Aber das schönste an diesem Nachmittag und Abend ist sowieso, Herrn Ärmel zu treffen und ihm zu lauschen.

Sie wissen ja, drauf klicken macht die Fotos groß

Vom Umgang mit Menschen

September 11, 2014

20.Juli, Chabarwosk, Sonntag

Beim Frühstück haben wir einen armen Asiaten beobachtet, der versucht hat, irgendwie mit dem einen Toastbrot Butter und Marmelade auf das andere Toastbrot zu kriegen. „Unsere“ Putzfrau hat keinen Dienst, also sitzen auch wir ohne Geschirr da, aber wir haben wenigstens Messer.

Unser Zug nach Wladiwostok geht erst am Abend, ich freue mich auf das letzte Stück, will mir so ein Teeglas samt Halter kaufen und bin gespannt darauf, wen wir kennenlernen werden.

Aber noch ist Zeit.

Gestern war es ja während der Wasserspiele wundersamerweise trocken geblieben, dafür hat es in der Nacht wieder geregnet. Und auch an diesem letzten Tag werden wir uns wohl immer wieder nach einen Dach umsehen müssen.

In der Leningradskaja soll es eine Holzkirche geben. Da waren wir gestern, gesehen haben wir nichts. Also machen wir uns gezielt auf die Suche und finden sie, ziemlich versteckt, hinter ein paar Wohnhäusern. Doch kaum sind wir durchs Tor getreten, rückt uns ein Alter auf die Pelle. Sagt nichts, kommt uns nur sehr nah. Ich denke, er will betteln, die Cousine denkt an schlimmeres, unanständiges. Wir weichen aus, der Alte folgt uns. Schließlich sagt er. Das ist hier nicht erwünscht. Was? Das ist hier nicht erwünscht. Wir verstehen nicht, was nicht erwünscht ist. Wir? Fotografieren? Die Gläubigen starren uns an. Wir gehen.

Der Alte folgt uns bis zum Tor und dort, wo in Russland immer Bettler sitzen, verjagt er auch die. Ich bin sprachlos. Was für ein Scheiß ist das denn? Was für eine Art Christen beten denn hier? Dabei sind die Bettler keinesfalls aufdringlich. Sitzen einfach nur da mit ihren Bechern und wenn jemand etwas hinein gibt, wünschen sie ihm Gottes Segen.

Auf dem Ussurskij Boulevard wollen wir in einem Chinarestaurant essen. Aber da liegt noch der Müll vom Vorabend und es scheint auch niemand interessiert, für uns irgendein Plätzchen zu reinigen. Wir landen in einem kleinen Restaurant mit überdachtem Freisitz. Also eigentlich ist der überdachte Freisitz das Restaurant.

Die Cousine will zum Amur, wie immer eigentlich, aber ich weigere mich. Welch ein Glück, so können wir vorm einsetzenden Regen ins Chao Kakao flüchten. Dann fahren wir mit dem Bus doch zum Amur. Irgendwie müssen wir die Zeit rumkriegen und es regnet jetzt unaufhörlich. Also Heimatkundemuseum. Das ist am Fluss, aber so unverschämt teuer, dass wir es sein lassen. Also stapfen wir durch den Regen zurück, steigen in den falschen Bus, was uns eine Stadtrundfahrt beschert, steigen am Bahnhof aus, holen unser Gepäck und laufen wieder zurück. Nachdem wir dort in einem kleinen Café recht lecker gegessen haben, kommt wie zum Hohn die Sonne raus. Die Cousine rennt noch mal in den Supermarkt, ich setze mich an einen Brunnen, packe das große Objektiv raus und will Leute fotografieren. Dabei beobachte ich, wie zwei Security vor dem Einkaufszentrum einen Mann verprügeln. Als sie ihn abgeführt haben, nehmen sie sich den zweiten vor. Ein Milizionär guckt zu. Todesmutig fotografiere ich. Ich habe wirklich Schiss, dass die mich sehen. Wer weiß schon, wie die darauf reagieren? Ausländer fotografiert repressive Bullen, oder so?

Der Zug ist gar kein Transsib-Zug, er kommt vielmehr aus Komsolmolsk na Amure und gehört zur BAM. Toll, ganz toll. Hier gibt es natürlich nicht die Teeglashalter der Transsib zu kaufen. Zwar komme ich jetzt doch dazu, ein Stück BAM zu fahren, aber ich wollte doch so einen Halter!

Auch sonst ist der Zug anders. Es gibt nämlich eine funktionierende Klimaanlage und Biotoiletten (?). Das jedenfalls verkündet die Schaffnerin und warnt jeden, Papier hinein zu werfen. Lecker. Das kommt nämlich jetzt in einen Abfalleimer. Dafür aber ist die Toilette auch bei größeren Aufenthalten geöffnet.

In unserem Abteil sitzen zwei unglaublich rücksichtslose fette junge Mädchen nebst einem Kleinkind. Letzteres muss sich selber bespaßen, die Frauen sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Eine fragt immerhin mal, woher wir kommen und wohin wir wollen, aber während die Cousine antwortet, guckt sie schon wieder, was sich bei Facebook so tut.

Dann kommt noch eine Dritte. Auch als wir unsere Betten machen, bleiben sie sitzen, während wir um sie herumturnen.

Jetzt sitzen sie da, trinken Bier, fressen Nüsse, reden ohne Punkt und Komma und das Kind schaut Trickfilme auf Mamas Handy. Mal sehen, was passiert, wenn wir essen wollen.

Wasserspiele

September 9, 2014

Chabarowsk, 19.Juni 2014, ein Samstag

Das Frühstück in dem Hotel, das ja eigentlich ein Hostel ist, ist ein Witz. Obwohl wir auf Geschirr bestehen. Nuja, wir wollen eh diesen Starbucksersatz, der hier Megafon heißt, suchen. Das Lenincafé in Irkutsk hatte es uns doch sehr angetan und wir hoffen auf ein ähnliches Erlebnis.

Wir suchen lange und vergeblich, denn als wir Adresse endlich finden, erfahren wir, dass das Café schon lange geschlossen ist. In der Gegend wundert uns das nicht. Wohngebiet. Plattenbauten. Wer hat nur geglaubt, die Menschen hier könnten sich den teuren Kaffee leisten? Und Besucher verirren sich nicht hierher. Nur wir.

Wir sind landen in der Uliza Lenina und merken schmerzhaft, dass die Boulevards hier gar nicht parallel zueinander verlaufen, sondern vom Amur aus eher so strahlenförmig weg gehen. Jedenfalls verläuft die Lenina noch mal parallel zum Ussurskij Boulevard und was am Wasser schön gemütlich rüberkommt, ist hier verdammt weit.

Aber so, beim Versuch, ins Stadtzentrum zu gelangen, sehen wir noch ein paar andere Ecken der Stadt, zum Beispiel eine Baptistenkicrhe, die sich nicht entscheiden kann, ob sie nun ersteres oder ein Gebetshaus ist, und eine Braut, die ihrem Bräutigam hinterher telefoniert. (Wir treffen sie ein paar Stunden später, sie hat ihn gefunden und machte nun einen glücklicheren Eindruck).

Vorm einsetzenden Regen flüchten wir erst in ein Restaurant und dann auf den Markt, den Rynok. So verläuft im Prinzip der ganze Tag. Wir versuchen, bei Regen immer irgendwie ein Dach überm Kopf zu haben. Und es regnet ziemlich oft. Trotzdem schaffen wir es einigermaßen, uns die Stadt zwischen Amur, dem Bahnhof und den beiden Boulevards anzusehen. Sogar in die Lenina biegen wir, vom Fluss kommend ein. Bis uns einfällt, dass das mit dem parallel ja nicht so wörtlich zu nehmen ist. Die in meinem Handbuch aufgeführten. „teilweise“ unter Denkmalsschutz stehenden Holzhäuser gibt es nicht mehr, da stehen jetzt Wohnhochhäuser.

Ziemlich lange sitzen wir in Chao Kakao in der Hauptstraße, natürlich ist der Grund der Regen, aber hier gibt es auch einen Freisitz, und Freisitz sind, außerhalb Moskaus noch nicht so richtig angekommen in Russland. Dieser Freisitz ist sogar überdacht. Pünktlich zum Kulturprogramm hört es auf. Zu regnen, meine ich. Und ja: Kulturprogramm. Heute ist Samstag, die Putzfrau aus dem Hostel hat uns einen heißen Tipp gegeben, aber vorher wackeln wir noch mal zum Amur, zum Musikpavillon. Da gibt es heute keine Blasmusik. Ich weiß nicht, was es sein soll. Punk? Hard Rock? Die Band weiß es selber nicht, die Fans können sich auch nicht entscheiden. Sicher ist eigentlich nur eins: ES ist gruselig.

Also schlendern wir den Ussurskij Boulevard entlang und dem nächsten Höhepunkt entgegen. Die Cousine begutachtet jede Blumenrabatte, lobt oder kritisiert die nicht vorhandenen Gärtner und legt auch gern mal selbst Hand an, zupft hier ein verwelktes Pflänzchen raus und da ein Unkraut. Das ist mir, ehrlich gesagt, etwas peinlich. Ich sage es ihr, kann mich aber nicht verständlich machen und laufe dann eben lieber 10 m vorneweg. Oder hinterher.

Die Fontänen erreichen wir weit vor 22:00 Uhr. Dann aber beginnen beleuchtete Wasserspiel, 1 Stunde lang, begleitet von klassischer Musik und Klassikern der Popmusik. Wow und Oh. Ich muss sagen, mit richtiger Klassik kommt es besser. Alle starren auf das große Wasserbecken mit den verschiedenfarbigen Fontänen, dabei gibt sich ein „kleiner“ Brunnen in unserem Rücken alle Mühe, auch beachtet zu werden. Das soll es hier jeden Samstag geben, im Sommer.

Dafür gibt es nur auf den Hauptstraßen Laternen. Und so lange hell wie am Baikal ist es hier lange nicht. Um Elf, zappenduster. Und unsere Taschenlampen im Hotel, das ja ein Hostel ist. Zum Glück habe ich eine Taschenlampen App und ich hoffe, alle die mich deshalb ausgelacht haben, lesen das jetzt. Ich sehe nämlich sowieso überhaupt nichts im Dunkeln und die Cousine ist auch froh über meine Taschenlampen App.

Die Putzfrau erwartet uns schon. Wir sitzen und quatschen mit ihr so lange, bis sich Gäste beschweren, dass sie nicht schlafen können. Die dachten wahrscheinlich auch, dass das ein Hotel ist.

Der Großvater der Putzfrau, ich habe echt ihren Namen vergessen, ist am 6. Mai 1945 in Rosenberg gefallen. Das soll nahe Berlin sein. Der Opa war da Kommandant. Die Mutter unserer Gesprächspartnerin würde da gern mal hinfahren, aber sie können den Ort einfach nicht finden. In Deutschland. Dass es da Teile Polens gibt, die früher deutsch waren, weiß sie nicht. Wir suchen und finden auf Anhieb je eins in Schlesien, Ost- und Westpreußen. Für russische Verhältnisse sind die alle nicht soweit von Berlin entfernt.

Wir kommen auch wieder auf die Ukraine zu sprechen. Der 1. Mann der Putzfrau war nämlich Ukrainer, und ihr Sohn aus erster Ehe hat gerade ein Haus geerbt. In der Ukraine. Doch er verzichtet und geht lieber nach St. Petersburg. Da hat er zwar kein Haus, aber die Chance, in Frieden zu leben, scheint ihm etwas größer zu sein.

1:30 Uhr, die anderen Gäste beschweren sich. Gehen wir eben schlafen.

Wie immer: aufs Bild klicken, groß gucken

Nur so zum Gucken

September 8, 2014

Weil es im letzten Blog über meine Russlandreise ja um die Breite der Boulevards ging, möchte ich einfach nur ein paar Fotos zeigen. Zur Veranschaulichung quasi. Das Wetter war ja in Chabarowsk nicht gerade das beste, was den Fotos anzusehen ist. Und auf den Boulevards waren wir fast nur bei Regen. Oder nachts.

Trotzdem versuche ich, noch bevor ich nach Frankfurt fahre, einen weiteren Tag asi dem Reisetagebuch abzuschreiben. Nicht auszuschließen, dass das heute noch passiert. Hier aber nu´n die Bilder vom Amurskij und Ussurskij Boulevard. Und dann vergleichen Sie selber. Beim auf die Bilder klicken, werden die Boulevards noch größer.

Amurskij Boulevard, Mittelestreifen, mit Blick zum Bahnhof. Links und rechts, auch auf dem Mittelstreifen, fährt noch die Straßenbahn und natürlich gibt es da Haltestellen.

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Im Hintergrund, das ist nicht etwa die Bebauung des Boulevards, also die Straßenseite, das sind kleine Läden dort, wo andere Straßen den Boulevard kreuzen.

Ussurskij Boulevard, Mittelstreifen. Das ist ALLES Mittelstreifen. Aber da es im Boulevard auch Hochhäuser gibt, sieht man hier wenigstens mal etwas vom “Straßenrand”.


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Rechts des Wassers erkennt man die seitliche Begrenzung des Boulevards (Straße), links wären da noch ein Rummel und ein paar Restaurants, ehe die Straße kommt. update: Wie ich gerade auf der Karte gesehen habe, ist links tatsächlich ein Park. Der Boulevard endet hier.

Go West, Teil V

September 6, 2014

oder kindgerechte Industriekultur

Reisebericht aus Russland hin, Reisebericht her, hier steht das Leben nicht still und an diesem Wochenende ist der Tag der Industriekultur in Leipzig, am Abend beginnt die Nacht der Kunst in der Georg- Schuhmann-Straße. Ich habe mir das extra im Kalender eingetragen. Damit ich es nicht verpasse oder gar woanders zusage.

Doch dann, als die Frage kam, wer denn das Wochenende mit der Prinzessin verbringen möchte, schrie ich sofort ja, bevor mir jemand anderes zuvorkommt. Dann merkte ich das mit dem Tag der Industriekultur.

Ich strich den Ausflug zum Tagebau, die Förderbrücke und die Führungen und natürlich auch die Nacht der Kunst. Und schaute, ob es da vielleicht auch etwas gäbe,wo man mit Enkel und so?

Gibt es.

Wir fuhren in den Westen, entlang am Karl-Heine-Kanal bis zum Lindenauer Hafen. Dort gibt es seit 1992 ein technisches Denkmal, die Kiesbahn Leipzig-Lindenau. Vor 150 Jahren zogen zunächst Pferde die Loren der sogenannten Baufeldbahn über die 800mm-spurigen Schmalspurgleise. Damals wurden Kanal und Hafen gebaut. Als dann der Kiesabbau auf der Lindenau-Schönaer Flur begann, ersetzten kleine Elektro-, Dampf- und Dieselloks die vierbeinigen Zugtiere.

1991 war damit Schluss, aber glücklicherweise wurde die Kiesbahn schon 1992 zum technischen Denkmal ernannt. Seitdem kümmert sich ein rühriger Verein um das Museum, die Loks und Loren, den Bahnhof und die Gleise. Inzwischen stehen im Lokschuppen nicht nur Exemplare aus Leipzig. Kann man sich alles ansehen. (Und wenn man dem Link folgt, können ganz Interessierte auch gucken, woher die Loks und Loren und Wagen kommen, wann sie gebaut wurden und wo eingesetzt und wie restauriert.)

Das sollte die Prinzessin doch interessieren? Zumal man zum Museumsbahnhof nur mit dem Museumszug kommt.

Zunächst aber zuckelte die Bahn Richtung Naturschutzgebiet Schönaer Lachen, dann gabs am Bahnhof sogar eine Lokparade.

Der Prinzessin hats Spaß gemacht, noch beim Abendbrot erzählte sie mir von der Fahrt. Und ich bin froh. Ohne die Begleitung eines zweijährigen Knirpses wäre ich nie auf die unbekannte Attraktion am Lindenauer Hafen gekommen.

Und nun kommen viele Loks und Loren (Fotos vom Hafen gab es hier). Wie immer gilt: Wer groß gucken will, muss aufs Bild klicken.

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