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Für Touristen und die, die es nicht an die Kremlmauer geschafft haben

September 28, 2014

Der letzte Tag, 25. Juli 2014, ein Freitag, in Moskau

Bevor es wieder nach Hause geht, bleibt uns noch ein Tag in Moskau.

Hier verlasse ich mich völlig auf die Cousine. Die hat hier gelebt, die weiß am besten, was man sich ansehen muss. Und seit ein paar Tagen bereitet sie mich schon auf den Ismailowo Kreml vor. Und natürlich müssen wir Konfekt kaufen.

Freundin Nr.1 hat sich Urlaub genommen. Wir haben kurz darüber beraten, den Abend auf ihrer Datscha zu verbringen. Das war ihre Idee, aber irgendwie haben wir das Gefühl, dass es ihr nicht mehr Recht ist, weil ihr Mann erst spät von Arbeit käme und die Banja doch Stunden vor Gebrauch eingeheizt werden müsse. Datcha ohne Banja, das scheint für Gäste unzumutbar zu sein. Aber uns ist es auch Recht, denn zum Kreml müssen wir dringend, wir brauchen noch Geschenke, dann müssten wir zurück nach Butowo, das Gepäck holen, dann mit Metro und Elektritschka, die ab Freitag Mittag ziemlich voll sein dürfte, raus aufs Land, dann morgen dann zurück nach Moskau und zum Flughafen. Ich hätte zwar gern einen Abend auf der Datscha verbracht, aber das ist dann doch etwas zu stressig und offensichtlich macht sich Freundin Nr1 zu viele Gedanken darüber, eine perfekte Gastgeberin zu sein.

Der Ismailowo Kreml befindet sich am Rand des gleichnamigen, größten hauptstädtischen Parks, eines beliebten Ausflugsziels der Moskauer, in dem m an im Winter auch Ski laufen kann.

Der Kreml als Teil des Freizeit- und Kulturgeländes wurde zwischen 1998 und 2007 im Stil der russischen Architektur des 17. Jahrhunderts gebaut. Also sehr viel Holz, sehr viel Schnitzereien und absolutes Rauchverbot. Aber das sehe ich erst, als wir dort sind, denn unser eigentliches Ziel ist der Markt vor den Toren des Kreml. Es ist Freitag und nur vielleicht ein Viertel der Buden besetzt. Trotzdem bin ich überfordert. Ich habe im Leben noch nie so viele Matrjoschkas gesehen. Einfache und sehr kunstvolle. Da bin ich froh, dass es noch andere Dinge gibt. Bilder aus Birkenrinde zum Beispiel, Gebrauchsgüter aus dem selben Material, Gesticktes und Gestricktes, Filzstiefel und Antiquarisches. In den Werkstätten, zwischen denen die Verkaufsstände aufgebaut sind, kann man den Handwerkern zusehen. Einer, der in Holz macht, arbeitet gerade an einem Auftragswerk für französische Kunden. Eine 1m hohe Matrjoschka, bestehend aus 250 Figuren. Oder waren es 150? Egal, der Handwerker fragt uns: Was wollen die mit so viel Teilen? Das hat er auch die Franzosen gefragt, und ob sie Platz hätten für so viele Figuren. Nein, hätten die Kunden geantwortet, aber sie wollten die Puppen ja auch nie einzeln aufstellen. Der Mann grübelt immer noch, wieso sie dann so viele Figuren im Bauch der Mutter bräuchten. Er arbeitet auch mit Birkenrinde, und da sich das Kleine Kind so eine Haarbürste aus Naturholz wünscht, lasse ich mich über die Herstellung aufklären.

Dann laufen wir durch die an Wochentagen leeren Buden zum Kreml. Ich bin hier, zwischen den Verkaufszeilen, erst mal begeistert von der Gestaltung. Plakate aus den 30-50ern. Das ist wie eine Ausstellung. Ich stehe ja auf so was.

Der Kreml, meint die Cousine spöttisch, sei nur für Touristen gebaut. Allerdings sind wir die einzigen. Ansonsten treffen wir auf Hochzeitsgesellschaften. Es gibt hier ein Standesamt, und das scheint sehr angesagt zu sein. Touristen ist das 2001 eröffnete Gelände vielleicht noch zu unbekannt, ich fand es jedenfalls in keinem Reiseführer erwähnt (nur den Park und den Markt). Dabei würde sich hier ein ganzer Tag lohnen, es gibt nämlich jede Menge Museen. Wir waren nur im Wodka-Museum, und auch von den Werkstätten unten am Markt haben wir uns nur zwei wirklich intensiv angesehen. Und natürlich kann man eigentlich mit jedem Verkäufer ins Gespräch kommen. Der Mann, der die Bilder aus Birkenholz herstellt, war zum Beispiel in Torgau stationiert, 1968, und natürlich kennt er Leipzig.

Freundin Nr.1 will nun auf die Datscha fahren, bevor der Wochenendverkehr einsetzt.

Wir fahren wieder ins Stadtzentrum, in die Mjasnitzkaja Uliza, einer der ältesten Straßen Moskaus. Dort befindet sich das Geschäft Tschaj-Kofe, eigentlich ein Tee- und Kaffeegeschäft. Aber! Hier gibt es auch das, was die Russen am liebsten zu Tee und Kaffee essen: Konfekt. Eine riesige Auswahl an Konfekt. Ich kann die süßen Leckereien auch ohne Kaffee oder gar Tee essen und kaufe ein Kilo ein. Die Auswahl fällt schwer, denn ich muss unter Dutzenden Sorten 10 auswählen, von denen ich mir je 100g eintüten lasse. Meistens entscheide ich mich für Produkte der Süßwarenfabrik Rotfront, der ältesten dieser Art in Russland, die 1826 von Sergej Lenow als Manufaktur gegründet wurde. Mit läuft beim Schreiben noch das Wasser um Mund zusammen, denn natürlich ist inzwischen alles aufgegessen, zumal ich mit dem Großen Kind geteilt habe.

Das war ein echt guter Tipp, liebe Cousine!

Wir essen in einem tatarischen Restaurant, stehen noch vor der Ljubjanka und steigen an der Mutarotation Lenin wieder in den Untergrund hinab. Das ist sicher die schönste Station der Moskauer Untergrundbahn. Die Cousine erzählt, dass Studenten vor Prüfungen extra hier aussteigen, um zum Beispiel die Schnauze des Hundes des Grenzsoldaten zu streicheln, weil das Glück bringt. Stimmt, an vielen der Figuren sieht man von den Berührungen blank gewetzte Stellen. Und jede Menge Leute, die entweder im Vorbeigehen oder ganz bewusst bestimmte Figuren anfassen.

Wir wollen zum Friedhof des Neujungfrauenklosters. Dem Nowodewitschij Friedhof. Der Cousine ist nichts mehr eingefallen, was man in Moskau gucken könnte, also habe ich das vorgeschlagen. Dort nämlich soll Bulgakow begraben sein. Unter anderem. Dort liegen alle, die es nicht an die Kremlmauer geschafft haben, also auch jede Menge Politiker, Generale und Revoluzzer.

Aber mich interessiert der Autor von „Der Meister und Margarita“.

Wir sind kurz nach 16.00Uhr da, da müssen wir uns sputen, denn ab 17:00 Uhr dürfen nur noch Angehörige rein. Also studieren wir die Tafel, ich lehne das Angebot der Cousine, nach Chrustschows Grab zu suchen ab, wir teilen uns auf und suchen die letzte Ruhestätte des Schriftstellers.

Oh Mann, hier liegen jede Menge Berühmtheiten und ich werde immer wieder abgelenkt. Makarenko, der berühmteste Pädagoge der Sowjetunion, keine Ahnung, wie sein Werk heute beurteilt wird, ich verschlang seine Bücher über die Gorki-Kolonie, einem Heim in dem er während des Bürgerkriegs verwaiste und verwahrloste kriminelle Kinder und Jugendliche, auf den Grundlagen der Theorien von Rousseau und Pestalozzi, resozialisierte.

Prokofjew, Gogol, Tschechow. Nur Bulgakow finde ich nicht. Der liegt bestimmt ausgerechnet in der Reihe, wo das junge Mädchen trauert. Da will ich nicht stören.

Oh Gott! Alexej Tolstoj! Mein Lieblingsautor! Eigentlich stolpere ich über sein Grab nur, weil es monumental ist. Und die Figuren. Ich erkenne sofort die Protagonisten aus „Der Leidensweg“ und „Peter der Große“. Das mag jetzt dämlich klingen, aber hier zu stehen, macht mich richtig, naja, das klingt jetzt doof, aber schon ein bisschen froh.

Ordner fangen an, die Besucher auf die Schließung des Friedhofs hinzuweisen. Mensch, wo ist den nur Bulgakow? Und die Cousine? Da sitzt sie ja. Sie hat das Grab gefunden. Ganz schlicht ist es, es ist das, wo das trauernde Mädchen saß. Jetzt wird mir auch klar, dass es gar nicht immer dasselbe Mädchen war. Der Cousine, die ja schon zugegeben hat, nicht viel zu lesen, erkläre ich erst mal, wer Bulgakow war.

Bevor wir den Friedhof verlassen, schnipsen wir noch mal zu Raissa Gorbatschowa, und jetzt muss ich mal noch gucken, was diese große steingewordene Russlandfahne soll. Also ehrlich mal (siehe Fotos)

Das Kloster schließt natürlich auch 17:00 Uhr, aber der Friedhof war mir eh wichtiger.

So findet der Urlaub einen schönen Abschluss.

Morgen geht es zurück nach Deutschland. Für mich erst mal nach Berlin, wo sich Frau Tonari dankenswerterweise meine armen Seele annimmt und mich für die Nacht zum Sonntag beherbergt. Wir haben einen schönen Abend, ein gemütliches Frühstück und Frau Tonari und ihr Mann sind die Ersten, die sich meine Urlaubsgeschichten anhören müssen.

Ich danke Ihnen allen fürs Lesen. Über die Metro werde ich später noch mal extra bloggen. Für heute gilt, wie immer: aufs Bild klicken= groß gucken

9 Stunden

September 26, 2014

9 Stunden dauert der Flug von Wladiwostok nach Moskau. Und weil wir Richtung Westen fliegen, sind wir mittags schon da. Obwohl der Flieger in Fernost erst 9:30 Uhr abhebt.

Ich nehme an, der überwiegende Teil von Ihnen kennt sich mit Inlandflügen in Russland nicht aus, ein paar von Ihnen sind aber sicher schon mal in den Staaten von A nach B geflogen. Keine 9 Stunden, nein. Wie lange dauert dort der längste Flug? Ich nämlich kenne mich nun wiederum nicht mit inneramerikanischen, wobei ich innerhalb der USA meine, Flügen aus. Aber 9 Stunden bin ich schon mal geflogen, von London nach Los Angeles. Und einmal sechs Stunden von Hannover nach Kasachstan.

Das waren alles große Flugzeuge, mit Beinfreiheit und so.

Nun ist das, in dem wir nach Moskau zurück fliegen, auch groß. 10 Leute sitzen nebeneinander. Drei links, drei rechts, vier in der Mitte. Wie viele Reihen es sind, weiß ich nicht. Man kann nicht alles sehen, weil es gibt da sozusagen Raumteiler. Außerdem sind die Gänge ziemlich schmal, da kann man kaum hin und her laufen, ohne ständig jemandem im Weg zu stehen, oder sich auf den Schoß eines Sitzenden zu drücken, wenn jemand zum Beispiel zur Toilette will. Für zwei Leute ist definitiv kein Platz auf dem Gang. Eigentlich ist auch kein Platz für vier Leute auf den mittleren Sitzen. Also mal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wohin mit meinen Füßen, für die ist nämlich GAR.KEIN Platz, habe ich auch ständig Angst, dass mein Essen auf dem Tisch meines Nachbarn landet oder ich dessen Kaffee umschmeiße. Die Cousine und ich sitzen nämlich auch noch in der Mitte der vier Sitze in der Mitte. Also wirklich. Schlafen ist nicht, weil ich weiß nicht wie, ohne dem Nachbarn auf den Schoß zu fallen. Außerdem: DIE. FÜSSE!

Also lesen. Zum Glück gibt es ja oft und viel zu essen. Das lenkt ab. Und natürlich… Filme gucken.

Russland. Inlandflug. Auch wenn der 9 Stunden dauert. Was meinen Sie wohl, was es da in der Videothek gibt? Wäre sicher witzig, den Herrn Schwarzenegger Russisch sprechen zu hören, aber ich ertrage Bruce Willis schon nicht deutsch. Ich versuche es trotzdem mit einem Block Buster. Ich muss 9 Stunden rum kriegen. Und IMMER kann man schließlich nicht essen, nicht mal auf einem russischen Inlandflug. Und lesen. 9 Stunden?

OLYMPUS DIGITAL CAMERANein, Blockbuster auf Russisch geht gar nicht. Aber wenn ich hier schon sitze, kann ich ja einen russischen Film gucken.

Ich habe vergessen, wie die Komödie hieß. Sie war kurzweilig und sehr russisch.

Dann Stalingrad. Nein, nicht den deutschen Film. Den von Fjodor Bondartschuk. Eigentlich wähle ich ihn nur deshalb, weil ich nämlich Sergej Bondartschuks Filme mochte. Die Cousine, als sie merkt, dass ich nicht mehr ansprechbar bin, zieht sich den Film auch sofort rein. Wir können dann erst Mal gar nicht drüber reden. Manche Filme muss man erst verdauen. Dieser fängt an wie ein Hollywoodabklatsch. Pathetisch. Heroisch. Und man denkt, was für eine Scheiße. Und dann kommt man nicht mehr los. Fjodor Bondartschuk scheut sich nicht vor ziemlich realistisch wirkenden Szenen, weiß aber auch die stillen Momente einzufangen. Ich würde Ihnen gern sagen, schauen Sie sich den Film an (falls Sie auf Kriegsfilme stehen), aber natürlich, in Deutschland nicht erhältlich. Die Kritik verheerend. Klar, hier sind die Deutschen nicht die Opfer, obwohl der eine, einer der Haupthelden, ziemlich differenziert dargestellt wird und irgendwie auch als Opfer. Natürlich, erst einmal vergewaltigt er und dann lässt er das Haus in Schutt und Asche legen, nachdem seine Geliebte erschossen wurde. Aber eigentlich geht es um eine andere junge Frau, die auch in den Ruinen lebt und zu überleben versucht und um eine kleine Gruppe Rotarmisten, die das Haus halten sollen. Sie merken, die Geschichte ist etwas komplex. Also, da werden mehrere Geschichten erzählt. Und auch, wie die einzelnen Protagonisten nach Stalingrad gekommen sind. Der Film ist sehr russisch, vielleicht hatte die Kritikerin auch damit Probleme. Wenn man so an Hollywood gewöhnt ist…

Na wie dem auch sein. In Moskau landen wir kurz nach Mittag, Freundin Nr. 1 holt uns ab und wir hasten ihr hinterher zum Aeroexpress und durch die Moskauer Metro. Wir kaufen ein und kochen und warten auf Freundin Nr.2. Dann fangen wir doch schon ohne sie an zu essen. Und natürlich Wodka zu trinken. Wir warten bis 22:00 Uhr, in Wladiwostok ist es jetzt 4:00 Uhr und wir sind stehend k.o. Wir haben Freundin Nr.1 alles erzählt. Wir haben sie, glaube ich, sogar ein bisschen verblüfft. Für so modern hätte sie Russland auch nicht gehalten. Also Sibirien. Und der Ferne Osten. Ich bitte Euch! Mit großen Augen hört sie uns zu, schaut Fotos und wundert sich und wundert sich.

Aber jetzt können wir nicht mehr.

Zurück in Europa

Zurück in Europa

Weil Krieg noch nie eine Lösung war

September 25, 2014

Erstmals seit fast 70 Jahren wurden heute wieder deutsche Waffen direkt in ein Kriegsgebiet geliefert.

Nicht, dass es der Waffenlobby in den letzten sieben Jahrzehnten schlecht gegangen wäre, aber immerhin zwang die Deutsche Politik sie bisher zu einigen Winkelzügen.

Weil der Flieger schon gestern abheben sollte, wegen technischer Probleme startete er erst heute, gab es gestern ein spontane Mahnwache in Leipzig.

Und auf diesem Blog postet Julian Finn aus Hamburg das Tagebuch seines Urgroßvaters Ernst Pauleit, der 1913 seinen Wehrdienst antrat und im Sommer 1914 in den Krieg zog, den wir heute den 1. Weltkrieg nennen. J. Finn postet so, wie sein Vorfahr Tagebuch schrieb, immer exakt 100 Jahre später.  Ein beklemmendes Dokument.

Manöver und so

September 23, 2014

Mittwoch, 23. Juli 2014, der letzte Tag in Wladiwostok

Der letzte Tag in Wladiwostok. Plötzlich fällt mir auf, dass ich die vielen kleinen Büdchen und Kioske, die ich in Russland so mag, gar nicht fotografiert habe. Dabei wollte ich Ihnen die doch zeigen. Also hole ich das jetzt fast ein bisschen hastig nach. Aber das ist nachmittags.

Außerhalb der Stadt soll es wunderbare Sandstrände geben, zum Beispiel in der Lasurnaja Bucht oder bei Wladimir, drei Mal am Tag kann man auch mit der Elektritschka nach Nachodka fahren. Aber die Cousine hat gefragt und beschlossen, dass wir auf die Insel Russkij fahren, an die Universitäts-Uferpromenade. Sie sagt, dort soll es sehr schön sein, aber der wahre Grund ist wohl, dass wir dahin über beide Brücken, die Solotoj und die Russkij fahren müssen. Nun ja, ich kenne Wladiwostok nicht, da ist es egal, zu welchem Strand wir fahren und auf Nachodka, eine andere große Hafenstadt, habe ich auch nicht wirklich Lust.

Der Bus füllt sich nach und nach mit immer mehr Leuten, die ganz offensichtlich das selbe Ziel wie wir haben. Sie tragen zusammen gerollte Decken unter den Armen und Sonnenhüte auf den Köpfen, schieben Picknickkörbe vor sich her in den Bus und die Kleinen schleppen Schwimmringe und Wasserpistolen mit. Es riecht nach Sonnencreme und Sommer.

Fein, wir müssen nur mit der Meute aussteigen, dann sollten wir richtig sein. Doch noch auf der Russkij-Brücke fragt die Cousine einen jungen Mann vor uns. Der ist verwirrt. Schließlich sagt er ja, hier.

Alle fahren weiter. Nur wir stehen kurz hinter der Brücke, vor einem Umspannwerk oder so, einem riesigen Umspannwerk, auf einer baumlosen Straße.

Cousine?

Ja wir können da ja mal fragen.

Auf der anderen Straßenseite bewachen Sicherheitskräfte eine Schranke zu einem eingezäunten Areal aus Neubauten.

Wieso musst Du immer fragen? Warum sind wir nicht einfach mit allen mitgefahren?

Wir laufen zur Schranke. Da ist auch ein großer Lageplan. Guck, die Cousine gibt sich Mühe, die Situation zu retten, hier ist auch Wasser. Wir können ja auch mit dem nächsten Bus weiterfahren, schielt sie zu mir rüber. Ach Quatsch, wir werden schon was finden.

Das Areal entpuppt sich als riesengroßer Hotelkomplex, sehr großzügig und weiträumig angelegt. Mit viel Grün, künstlichen Teichen und Wasserfällen und im Zentrum der Anlage stehen sogar noch ein paar der namensgebenden Universitätsgebäude.

Eine hüfthohe Mauer trennt den vielleicht zwei Meter breiten Strand von der Uferpromenade. Im Wasser, also eigentlich so 2 cm unter der Oberfläche, bemerke ich einen verräterischen Teppich aus abgestorbenen Algen. Ich suche nach den Rohren. Und tatsächlich, alle 50 m lugen sie unter der Ufermauer hervor, einen halben Meter Durchmesser. Natürlich, am Tag werden über sie nicht die Fäkalien der Hotels ins Meer geleitet. Ich bremse die Cousine, die unbedingt baden will, mit Blick auf die Rohre und dem Hinweis, dass ich hier ganz sicher nicht ins Wasser gehe.

Wir ekeln uns ein bisschen und laufen dann zu einem Restaurant. Aber das schließt 13:00 Uhr!!!! Nicht nur wir sind fassungslos, aber das Personal ist gnadenlos. Jetzt müssen sie sauber machen, basta. Das Restaurant ist ein riesiges Zelt, Selbstbedienung, wir sind ungefähr 5 Gäste. Oder doch sieben?

Doch ein paar Meter weiter steht noch eins, so richtig aus Stein und mit Freisitz. Woher wir kommen, fragt der Kellner auf Englisch und was wir vom Ukraine-Konflikt halten. Während ein anderer hinter dem Tresen unsere Latte Macchiato macht, disputiere ich mit ihm. Weil ich tatsächlich Latte Macchiato bestellt habe, ist der jüngere und schlechter englisch sprechende verwirrt, weil in Russland sagt man nur Latte. Der Ältere rügt ihn, ich sage, dass alles ok ist, da quatscht die Cousine russisch. Ich schwöre, eine Sekunde lang steht mir das Herz still und die beiden Russen halten zumindest den Atem an. Mensch, Cousien, kannste nicht mal einen Kurs in Feinfühligkeit machen? Vor allem der eine müht sich hier mit seinem Englisch.

Wieso, ich habe ihm doch nur gesagt, wie gut er das macht. Mit dem Kaffee und dem Englisch.

Eben.

Die beiden sehen uns an, wie man eben jemanden ansieht, der einen vorführt. Niemand will mehr wissen, was wir vom Ukrainekonflikt halten. Und wieso die den Steinmeier gut finden und warum die Merkel jederzeit in Russland willkommen ist, muss ich mir nun selber zusammenreimen.

Zurück in der Stadt, in der Admirala Fokina, die Cousine hat sich grad so ein Koreanisches Dingens zum Essen gekauft, rumst es. Das kommt vom Hafen. Da ist irgendein Fest! Lass uns dahin gehen, wenn Du aufgegessen hast.

Da fährt ein Kriegsschiff an uns vorbei. Also, es sieht so aus, als führe es unmittelbar am Strand lang. Jedenfalls, wenn man die Fokina runter guckt zur Bucht sieht man kein Meer mehr, und Anfang und Ende des Kreuzers auch nicht. Der nächste Rums erlöst uns aus unserer Schockstarre. Ach Du Scheiße. Was machen die denn da? Das muss ich sehen. Komm Cousine.

Wir rennen die Fußgängerzone runter zum Strand. Als wir die Promenade erreichen, kommt uns ein Mann lachend entgegen und meint, alles sei vorbei. Es fragt sich natürlich, wieso er das gerade uns sagt. Sind wir zwar bewegungsfähig aber immer noch ein bisschen geschockt? Sieht man uns das an?

Aber er hat recht. Die Kreuzer drehen ab, auch die kleinen Schiffe, die sie wie Fische umschwärmen.

Menno.

Wir sitzen noch eine Weile auf einer Mauer, die Cousine kaut ihre Koreanische Teigtasche, und sehen den langsam am Horizont, nein um die nächste Landzunge herum verschwindenden Schiffen nach.

Wir setzen uns ins „Rosmarin“. Vom Freisitz hat man einen wunderbaren Blick sowohl in die Stadt als auch auf den Strand. Es ist Halb Fünf. Die Karte bekommen wir flott, die Bestellung geben wir Viertel Sechs auf, das erste Essen kommt kurz nach Sechs. Dabei stehen genug Kellnerinnen rum, die Getränke sind auch schnell da, aber das Essen. Als ich mich bei der Suche nach der Toilette verirre, sehe ich: In der Küche werkelt nur ein Koch. EINER. Kein Beikoch, keine Mamsell. EINER. Da hätte der Chef auch mindestens 3 der 5 Kellnerinnen einsparen können.

Uns wird aber nicht langweilig, denn kaum sitzen wir, kommt die Flotte wieder um die Landspitze und manövriert. Ach Du Scheiße, die schießen sogar. Das ist mehr als bizarr. Rettungsboote achten darauf, dass keiner der Badegäste mit so einem gemieteten Schlauchboot zu weit hinaus fährt. Krass. Fehlt nur noch so ein Schwan als Tretboot. Und ein U-Boot natürlich. Also ich finde, ein U-Boot hätte zur Bespaßung ruhig auch mal auftauchen können. Und untergehen.

Und die Russen finden das völlig normal. Erschrecken sich nicht mal, wenn das Wasser hinter dem kleinen Jachthafen aufspritzt. Grillen gemütlich weiter oder stecken höchstens mal neugierig die Köpfe aus ihren privaten Booten.

Trotz der langen Warterei ist noch Zeit bis zum Sonnenuntergang. Zeit, doch noch mal ins Millionka zu gehen, das ehemalige Chinesenviertel, das ehemalige Rotlichviertel, dass zwar zu Stalinzeiten abgerissen wurde, aber eben nicht ganz. Heute ist das ein quirliges Szeneviertel, allerdings nicht ganz billig. Aber billig ist in der Stadt am Pazifik eh nichts, die Preise orientieren sich eher an denen in Moskau. Doch hinter dem Dynamo-Stadion sieht es richtig alternativ aus. Wir finden ein modernes Kriegerdenkmal, das nicht nur an die Helden im 2. Weltkrieg erinnert, sondern auch an die Gefallenen des Afghanistankrieges und an die in Tschetschenien. Sehr vorausschauend ist da auch noch Platz gelassen für zukünftige Kriege. So viel Pragmatismus erschreckt mich.

Nun ist es doch Zeit, zurück zum Strand zu gehen. Wir laufen bis ans Ende der Promenade, genießen das Treiben und das Licht. Auf der Trasse des letzten Restaurants genießen wir den letzten Abend in der Stadt, gut bewacht von der russischen Pazifikflotte, und es gelingt mir sogar, einen Sonnenuntergang fast ohne Kriegsschiff zu fotografieren.

Wenn Sie nachschauen wollen, aufs Bild klicken und groß gucken

Pazifik

September 21, 2014

Natürlich ist Wladiwostok nicht das Ende der Welt. Die Stadt liegt am Pazifik, der hier Stiller Ozean heißt, und wenn man da drüber fährt, kommt man nicht nur nach Japan und China oder Korea, man könnte sogar bis in die USA fahren, wenn es Schiffsverbindungen gäbe. Letztes Jahr stand ich da sogar, auf der anderen Seite, hielt die Füße in den Pazifik und wurde, bis auf meine gut verstauten Badesachen, Opfer einer großen Welle Das war am Santa Monica Beach in Los Angeles. Vor ziemlich genau einem Jahr. Wären wir nur eine Woche früher in den diesjährigen Urlaub gestartet, wie ich es eigentlich geplant hatte, könnten wir das ziemlich sogar fast streichen (heute ist der 22.Juli).

Doch bevor wir unsere Füße ins Wasser stecken, streiten wir uns erst ein Mal. Das war ja abzusehen. Das musste ja kommen. Ich schlafe heute etwas länger. Das war in den letzten Tagen eigentlich immer das Privileg der Cousine. Doch im Gegensatz zu mir möchte sie nicht warten, ich will aber auch nicht später als sie zum Frühstück, so entsteht etwas Hektik, als sie verkündet, dass sie jetzt schon runter geht und das Zimmer sieht, nun, nicht gerade vorzeigbar aus. Und weil sie dann eine rhetorische Frage ernst nimmt und zu den im Gang wuselnden Zimmermädchen rennt, um zu fragen, kommt es zum Streit. Denn ich verstehe ihre Übersetzung nicht, die ergibt überhaupt keinen Sinn, also frage ich nach, bin ungeduldig, die Cousine wird wütend, sie sei kein Dolmetscher und überhaupt sei ich immer so ungeduldig. Der blanke Vorwurf. Eigentlich wäre jetzt der Moment, ihr zu sagen, dass ich eigentlich gar keinen Dolmetscher möchte und ich es ziemlich nervend finde, dass sie ständig jemanden fragen rennt statt Dinge selbst zu erkunden. Aber ehrlich, ich habe keine Lust. Irgendwie ahne ich, dass das nichts bringt. Wir sind nicht verheiratet, nach dem Urlaub lebt jeder wieder in seiner eigenen Welt, da brauchts keine Grundsatzdiskussion. So wichtig ist mir das nicht. Und da ich wirklich ungeduldig bin, weil ich im Urlaub relativ schnell Entscheidungen treffe, entschuldige ich mich. Nicht ganz ehrlich, gebe ich zu. Ich will nur meine Ruhe haben. Das Geld, das ich offen im Zimmer hatte liegen lassen, räume ich trotzdem vorsichtshalber weg (wegen der Zimmermädchen)

Aber vielleicht hätte ich doch eine Grundsatzdiskussion führen sollen, denn statt sich vom Frühstücksbuffet einfach zu nehmen, fragt die Cousine wieder, klärt mich dann über die Regeln auf, was mich so verwirrt, dass ich nicht sicher bin, was ich mir nun nehmen darf und was nicht. Also frage ich, die Frau hinterm Tresen antwortet mir wie einem Vollidioten und ich fühle mich auch so.

Sonnenschein. Wir fahren zum Leuchtturm am Kap Tokarew oder Egerscheld. Ich habe das bis heute nicht begriffen, wie es nun wirklich heißt. Er liegt zwischen Amur und Ussurij Bay, ganz am südlichsten Ende des Festlandes und ist über 100 Jahre alt. Mit dem Bus fahren wir, soweit es geht, dann laufen wir. Das wiederum wäre ohne die Cousine schwer herauszufinden gewesen, oder hätte zumindest länger gedauert, denn das ist einer der Tipps, die sie gestern am Passagierhafen erhielt.

Hier ist es wirklich wunderschön. Die Aussicht ist atemberaubend. Links die Ussurij Bucht mit dem Hafen von Wladiwostok und der Insel Russkij, rechts die Amur Bucht und vor uns das offene Meer. Von hier aus kann man auch die mächtige Russkij-Brücke sehen, und zwar in ihrer ganzen Größe und Pracht. Eine Schrägseilbrücke, die mit 1104m die weltweit größte Stützweite aufweist. Genau wie die Solotoi-Brücke, die das Goldene Horn überspannt und von der ich Ihnen im letzten Blog schon ein Nebelfoto zeigte, ist sie erst seit 2012 im Betrieb. Sie ist über 3km lang, die Solotoi nur etwas über 2.

Es ist interessant zu sehen, wie die Russen einen Tag am Strand verbringen. Natürlich versuchen sie, mit dem Auto so nah wie möglich zu kommen. Es gibt die Sonnenanbeter, die wie früher am liebsten stehend Pigmente erhaschen, und natürlich wird überall und eifrig gegrillt. Und da wir ganz ohne Grill da sind, werden wir von unseren Nachbarn kurzerhand zum Schaschlik eingeladen.

Wir bleiben vier Stunden, nicht immer am Leuchtturm, wir sehen uns auch andere Strände an, essen irgendwo traditionell zubereiteten Plow, trotzdem, ich habe mir den Bauch verbrannt. Und den Rücken. Und zwar porentief. So richtig merke ich das erst, als wir zurück in der Stadt sind. Wir wollen eigentlich zum Adlernest, von wo man laut meinem kleinen Transsib Handbuch einen wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang über China haben soll, lassen uns aber zunächst von der Solotoi-Brücke ablenken. Obwohl eigentlich keine Fußgängerbrücke, darf man sie auf der einen Seite überqueren, wobei an bestimmten Stellen das Stehenbleiben verboten ist. Gewaltig. Die Cousine läuft bis zur Mitte. Mir wird schon nach einem Viertel komisch, nämlich als ich mir vorstelle, was passiert, wenn es jetzt einen Autounfall gibt. Ich komme mir ziemlich zerbrechlich vor, so zwischen dem Verkehr und der tief unter mir liegenden Bucht.

In der Puschkinskaja treffen wir dann eine der Schaffnerinnen, die auf der Strecke Irkutsk- Ulan-Ude für unseren Waggon verantwortlich waren. Natürlich ist sie es, die uns erkennt. Sie ist eigentlich Studentin für Erlebnispädagogik und war im „Studentensommer“ auf der Transsib. Diese Art Einsatz in der Wirtschaft scheint immer noch Pflicht zu sein in Russland, denn die Cousine erinnert sich sofort an ihre Einsätze. Fliesen legen in irgendeinem Kaff in Sibirien. Uns beiden tun die Leute leid, die das entsprechende Haus damals bezogen, denn natürlich hatte die Cousine vor jenem Sommer noch nie im Leben eine Fliese verlegt, ihre Kommilitonen auch nicht und es scheint auch niemand dagewesen zu sein, der sie in dieser Fertigkeit anlernt.

Giggernd ziehen wir weiter Richtung Funikular, da treffen wir die zwei Französinnen aus Galinas Hostel. Die sind nur einen Tag hier, also eigentlich einen halben, und weil der Standseibahn kaputt ist, sparen sie sich das Adlernest. Die Tochter, die, die in Russland gelebt hat, ist gehbehindert und für sie ist Wladik mir seinen Treppen und Steigungen schon so anstrengend genug. Wir setzen uns für eine halbe Stunde zu einem Plausch in den Schatten. Die Frauen wollten von Ulan-Ude aus zu Altgläubigen fahren. Ach, das wusste ich gar nicht, dass da welche leben. Das muss ich mir merken für einen nächsten Urlaub.

Nach der Verabschiedungen, besten Wünschen für die Heimreise bzw. die restlichen Urlaubstage steigen wir die Treppen zum Adlernest hinauf. Der Funikular ist wegen Wartungsarbeiten vom 7.7. bis 31.8., also praktisch den ganzen Sommer, geschlossen. Oben steht ein Monument für Kyrill und Method, Misionare der slawischen Völker  und Erfinder der kyrillischen Schrift. Man hat einen phantastischen Ausblick auf die Bucht des Goldenen Horns und Teile der Stadt. Nur den Sonnenuntergang, den kann man hier oben nicht sehen. Da stehen Neubauten im Weg. (Später, zu Hause, sehe ich, wir waren gar nicht im Adlernest, wir hätten da noch viel weiter laufen müssen).

Aber unser Irrtum erweist sich als gar nicht so schlecht, denn immerhin sehen wir in Richtung Sonnenuntergang Meer. Komm Cousine, lass uns da hin laufen.

Und das tun wir dann auch. Mit dem Bus fahren wir ins Zentrum und dann die Admirala Fokina direkt auf den Strand zu. Es ist der, an dem wir gelandet wären, wären wir gestern meinem Instinkt gefolgt. Hier steppt der Bär. Restaurants, Imbissbuden, ganz Wladiwostok scheint auf den Beinen zu sein und über die breite Uferpromenade zu flanieren. Biker stellen ihre Harleys zu Schau, Eltern schieben ihre Kinder durchs Getümmel, junge Pärchen sitzen auf den Kaimauern, Angler mischen sich mit denen, die auf den Sonnenuntergang warten. Viele asiatische Reisegruppen lassen hier ihren Tag ausklingen. Seltsamerweise halten mich einige für ein Fotomotiv. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich für eine typische Russin halten oder den einzigen echten Europäer in der Stadt.

Alle halten inne, als das Schauspiel beginnt. Sonnenuntergang über China, wenn auch die Berge, die wir da auf der anderen Seite der Bucht sehen, noch zu Russland gehören. Oder nicht? Korea müsste etwas weiter links liegen, der Norden des Landes.

Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht liegen Kriegsschiffe in der Bucht. Sie verleihen der Dramatik des Sonnenuntergangs eine besondere Note. Der Abend ist perfekt.

Das Ende der Welt

September 18, 2014

Montag, 21. Juli 2014, Fernost, Russland

Früher, wenn ich den Schulatlas aufschlug, und mit meinem Finger Reisen unternahm, war Wladiwostok für mich das Ende der Welt. Gleich danach fing Japan an. Das gehört schon nicht mehr zur Welt. Auf der Karte rechts unten, da endete sie. Rechts oben geht es zwar noch etwas weiter in den Osten hinaus, aber das war so diffus, ein Land, meistens kalt, nur von Rentieren und den Hirten bewohnt, die Städte vollkommen unbekannt. Keine Ahnung, warum und wie sich manche Orte in unsere kindlichen Gehirne schleichen, dort festsetzen und als Traum weiterleben. Einer meiner Freunde fuhr vor ein paar Jahren mit dem Motorrad nach Kamtschatka, von Leipzig aus, aus dem gleichen Grund, weswegen für mich als Transsibstrecke nur die nach Wladiwostok in Frage kam. Der Freund ist wohl auch abenteuerlustiger als ich.

Und nun also fährt der Zug, der gar nicht die Transsib ist, sondern zur BAM gehört in den Bahnhof ein. Verbotene Stadt. Pazifikflotte. Aufgeregt drücken wir die Nasen an die Fenster und versuchen, den Nebel zu durchdringen.

Unsere Abteilnachbarn sind in Ussurijsk ausgestiegen. Die Nacht war ganz schrecklich. Zwei der jungen Frauen zogen, nachdem wir um Platz zum Abendessen gebeten hatten, los. Die Dritte hoffte wohl, ihnen zu folgen, wenn das Kind schliefe.

Es schlief nicht, schrie die halbe Nacht. Ich lag wach in meinem Bett und dachte, wann nimmt sie es mal in den Arm, warum tut sie es nicht? Stattdessen wurde es von seiner völlig überforderten Mutter angeschrien, ausgeschimpft und gehauen.

Was für ein unwürdiger Abschluss dieser unserer schönen Reise.

Doch seit sie ausgestiegen sind, konzentrieren wir uns nun voller Vorfreude auf unser Ziel. Und dann, als wir aussteigen, es gibt ein Foto von mir, sehe ich etwas verloren aus, so als sei ich überrascht vom Ende und wüsste nicht genau, wie es weitergehen soll und wohin. Es ist neblig, es ist warm, es ist bewölkt. Doch der Bahnhof ist sich seiner Rolle bewusst, es gibt eine Menge Schilder und Zeugs zu bestaunen und zu fotografieren. Natürlich steht hier auch eine Lok, die schenkten die Amis den Russen im 2. Weltkrieg. Erinnern Sie sich? Die waren damals Alliierte. Und natürlich, schließlich sind wir am Ende der Strecke angelangt, ist auch das Bahnhofsgebäude selbst besonders schön. Glänzt mit Gold und Glitzer, mit Marmor und Fliesen. Und wie es sich gehört, begrüßt Lenin den Reisenden, wenn er aus dem Jugendstilgebäude tritt. Ich würde sagen, er zeigt nach Osten, also so ein bisschen in die Richtung, in die die Fähren fahren. Japan und so. China natürlich. Und Korea ist auch nicht soweit weg. Wir sind ein ganzes Stück an ordentlich befestigter Grenze entlang gefahren, da war uns ganz und gar mulmig zumute.

Und natürlich, wie es sich gehört, liegen Kriegsschiffe im Hafen. Aber Hallo! Und es gibt jede Menge revolutionärer Denkmale. So Budjonnyreiter, proletarische Fäuste, Sowjetmacht.

Wir aber erfreuen uns erst mal am Bahnhof, lesen jedes Schild gründlich, fotografieren und laufen durch den Nebel zu unserem Hotel. Perle heißt das, also, auf Deutsch. Und das ist dann nun mal eine positive Überraschung, große Zimmer, sauber, sehr schön. Da man erst 14:00 Uhr einchecken kann, geben wir die Rucksäcke ab und laufen los. Ich brauche dringend Kaffee. Mein Bauch sagt ja, rechts rum, aber die Cousine fragt den Türbewacher und der sagt, links. Dort, an der Uferpromenade, soll es sehr viele Cafés geben. Gibt es natürlich nicht. Stattdessen Kriegsschiffe und U-Boot, das Denkmal für die Kämpfer für die Sowjetmacht im Fernen Osten, das eigentlich ein ganzer Denkmalskomplex ist, noch ein revolutionäres Denkmal vor einer riesigen, im Nebel verschwindenden Brücke, das Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges, daneben ein Triumphbogen. Ich kann mich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so richtig konzentrieren. Ich brauche jetzt nicht nur Kaffee, ich habe auch Hunger. Und weder Café noch Restaurant in Sicht. Nicht mal ein kleiner Produkti. Auch in der parallel zum Ufer verlaufenden größeren Straße sieht es schlecht aus.

Wir müssen tatsächlich warten, bis Punkt 12:00 Uhr ein Restaurant am Hafen öffnet. Business Lunch. Wir sind die ersten Gäste.

Danach schauen wir uns so ein U-Boot von innen an. Ich war ja noch nie in so was. Aber wenn es hier nun mal rumsteht, kann man auch rein. Wir schauen uns dann auch alles genau an, auch den Stalin, der da noch an der Wand hängt, ich erschrecke mich vor einer Puppe, die den Funker darstellt und wir versuchen gemeinschaftlich herauszufinden, wie die die Raketen hinter den Kojen vorgekriegt haben. Oder hätten. Im Ernstfall. Vier lagen ja immer schussbereit schon da in diesen Rohren.

Dann sehen wir uns das Kaufhaus in der ehemaligen Unternehmenszentrale von Kunst& Albers an, das gut restauriert ist, die hölzernen Wohnhäuser dagegen, die die Hamburger Kaufleute bauen ließen, sind in dem üblichen desolatem Zustand. Spuren des 1860 zunächst von Gustav Albers gegründeten und ein Jahr später erweiterte Handelsunternehmens findet man noch in vielen Städten im Nahen Osten, zum Beispiel fanden wir die auch in Chabarowsk. 1913 hatte es das Unternehmen auf fast 40 Standorte gebracht, nicht zu vergessen die Überseevertretungen in Hamburg, Moskau, Odessa, Warschau und Nagasaki.

Die Holzhäuser jedenfalls wurden ursprünglich als Wohnhäuser für die Mitarbeiter des Unternehmens gebaut, sie hießen Sibir, Fernsicht und Karlsruhe. In meinem kleinen Handbuch steht, dass das Interesse an der Geschichte des Deutschen Handelshauses, dessen Erfolgsgeschichte mit dem Bürgerkrieg sein Ende nahm, inzwischen wieder gewachsen ist. Da kann man nur hoffen, dass dieses Interesse über die Geschichte und Kaufhaus hinaus auch die alten Wohnhäuser übergreifen wird.

Inzwischen fängt es auch noch an zu regnen, aber bevor wir ins Hotel flüchten, wollen wir am Morskoj Woksal noch herausfinden, wann hier die Schiffe gehen. Ich hatte da zu Hause ein bisschen recherchiert.

Ziemlich schnell finden wir heraus, dass alle Schiffe zu allen Inseln ungünstig fahren und überhaupt keine Rücksicht auf durchgeknallte Touristen nehmen. Die fahren nämlich nicht früh zur Insel und abends zurück, sondern umgedreht. So dass die jeweilige Inselbevölkerung den Tag in der großen Stadt verbringen kann.

Schnief.

Trotzdem rennt die Cousine noch jemanden fragen und verschwindet in einem Zimmer. Als ich denke, die ist aber lange weg, schaue ich auf die Uhr. Von da an warte ich noch geschlagene 25 min. Ich bin ziemlich angefressen. Zwar weiß sie danach, mit welchem Bus wir wohin fahren können und das ist gut, aber so lange für diese Information? Und wieso ist sie nicht mal rausgekommen, als sie gemerkt hat, dass es länger dauert, hat mir Bescheid gesagt bzw. mich geholt? Ich finde das doch etwas rücksichtslos, fühle mich wie einen Deppen behandelt und bin sauer.

Das wird eigentlich auch nicht am Abend besser, als wir nach dem Einchecken, Sachen abwerfen und Duschen noch mal ins Chinesische Viertel tappen, dass es eigentlich gar nicht mehr gibt, weil es schon zu Stalins Zeiten abgerissen wurde. Dazu kommt noch der Regen. Wenigstens finden wir ein nettes, alternatives Restaurant. Aber ehrlich, wenn das Wetter morgen nicht besser wird….

Für die Nebelbilder wieder drauf klicken, dann wird der Nebel sichtbarer

Das Geschenk der Demokratie und das Unvermögen, dieses anzunehmen

September 16, 2014

Mich bewegt aber noch eine zweite Frage nach Deinem Blogbeitrag. In Sachsen und Brandenburg gab es eine Wahlbeteiligung von unter 50%. Dabei wurde immer wieder im TV und anderen Medien kritisiert, dass dies 25 Jahre nach dem Mauerfall passiert und damit der Möglichkeit zu freien Wahlen. Mich würde mal interessieren, wie Du zu diesem Vorwurf stehst.
Fragte Stephie im Kommentar zu meinem gestrigen Blog, und weil ich das nicht kurz beantworten kann, ohne zu provozieren, zu brüskieren oder sonst wie falsch verstanden zu werden, mache ich einen ganzen Blogbeitrag draus, wohl wissend, dass auch dieser möglicherweise falsch verstanden wird.
Obwohl mich die Frage amüsiert hat, habe ich nämlich den ganzen Tag über eine Antwort nachgedacht. Nachgedacht habe ich, weil ich Stephie gut leiden mag und weiß, dass ihr Interesse ehrlich ist und sie wirklich an Antworten interessiert ist. Amüsiert war ich, weil diese Frage so fast nur von einem westsozialisierten gestellt werden konnte. Denn, so könnte ich kurz und knapp in einem Kommentar auf die Frage des gestrigen Tages antworten, ist nicht auch die Entscheidung, nicht zu wählen, eine freiheitlich-demokratische? Aber hätte ich so kurz geantwortet, hätte ich viel Gegenwind bekommen, was nicht schlecht ist, ich hätte mich erklären und erläutern müssen. Vor allem aber hätten sich sicher viele entrüstet, wahrscheinlich Leute, die sich hier sonst nie zu Wort melden, mir mit gegenteiligen Argumenten bewiesen, wie wichtig Wahlen sind.
Das amüsiert mich. Ich denke da an unsere Ratten, denen wir gerne Häuser in ihre Behausung stellten, damit sie sich darinnen zurückziehen können, Nester bauen usw. Doch nicht alle Ratten begriffen, was wir ihnen Gutes taten, sie schoben die Häuser durch die Gegend, nagten sie bis zu den Grundmauern ab oder, was eigentlich am verwerflichsten war, sie schmissen sie um und nutzten sie als Toilette. Als Toilette! Bitte sehr!
Dummes Getier und undankbar dazu auch noch.
Hätte die eine Reaktion unsererseits sein können. Eine sehr überhebliche, die den Ratten vorschreibt, was sie mit den Häusern anzustellen haben, denn schließlich seien Häuser zum darinnen wohnen da und nicht zum rein kacken.
Offensichtlich bevorzugen die Ratten eine andere Form der Behausung, die sie sich irgendwo aus anderem Material geschaffen haben. Sollen sie also die Häuser als Toiletten nutzen oder durch die Gegend schieben. Eine Bereicherung ihres Umfeldes ist es in jedem Fall.
Hätte die andere Reaktion unsererseits sein können. Eine, die die Tiere nicht vermenschlicht und ihnen die freie Wahl lässt, wie sie mit den von uns angebotenen und erfundenen Dingen umgeht.
Nun will ich Ostdeutsche nicht mit Ratten vergleichen. Vielmehr die Besitzer der Ratten mit denen, die 25 Jahre nach dem Mauerfall die Leute kritisieren, dass sie die Wahlen nicht so nutzen, wie das von ihnen erwartet wird. Und dabei übersehen, dass die Leute in Brandenburg und Thüringen und Sachsen doch die Wahlen nutzen, nur eben auf ihre Weise, eine Weise, die vielen in den Altbundesländern aufgewachsenen unverständlich ist, die ich, die ich 29 Jahre in der DDR gelebt habe, auch nicht teile, aber wiedererkenne.
Und ich bin natürlich kein Soziologe. Mir liegen auch keine verlässlichen Statistiken vor. Und schon gar nicht bin ich objektiv. Trotzdem will ich versuchen, die Frage nach den Nichtwählern zu beantworten. Mit dem Vorwurf übrigens kann ich gut leben, weiß ich doch, dass er aus Missverständnis entsteht, so wie bei dem Rattenbesitzer, der seine Tierchen für dumm und undankbar hält, wenn sie die Häuser nicht zum Wohnen nutzen.
Schauen wir uns mal die Wahlen an, die der in der DDR aufgewachsene zuerst kennenlernen durfte. Listenwahl. Das heißt, es gab einen Zettel, auf dem standen alle im Wahlkreis zu wählenden Kandidaten und die hatte er zu wählen. Alle! Strich er einen durch, weil er ihn nicht leiden konnte, war seine Stimme komplett ungültig.
Der DDR-Bürger, der das wirklich wollte, hatte eigentlich nur drei Wahlmöglichkeiten: Wählen, nicht wählen oder, das war das aufwendigste, abwählen. Zum Abwählen musste er JEDEN Kandidaten säuberlich und EINZELN durchstreichen, nur so war seine Stimme als Gegenstimme gültig. Ein Strich quer über die Liste: ungültig. Einzelner Name gestrichen: ungültig.
Es gab damals in gewissen Kreisen tatsächlich viele Diskussionen darüber, was besser sei: nicht wählen oder abwählen. Abwählen war sicher schwieriger, weil dazu musste man ja in die Kabine (was sonst niemand tat) und man konnte sicher sein, dass das registriert wurde (also ich hatte nach so einer Aktion jedenfalls an Terror grenzenden Ärger, und mein Mann, der gar nichts dafür konnte, mit). Aber auch nicht wählen war nicht ganz so einfach, denn die Wahlhelfer kamen so ab 16:00 Uhr gern zu den Leuten, die noch nicht zur Pflichtveranstaltung erschienen waren, um sie persönlich abzuholen. Da musste man also am besten nicht zu Hause und nicht auffindbar sein, oder aber ziemlich widerstandsfähig, denn die Wahlhelfer waren nicht immer nett und lästig sowieso. Und notiert war der Name des Nichtwählers natürlich auch.
Nichtwähler und Abwähler hatten aber im Prinzip dasselbe Ziel: In den Wahlstatistiken auftauchen. Nicht wählen war also ein aktiver Prozess. Das hatte nichts mit Faulheit oder Desinteresse zu tun. Obwohl es natürlich jede Menge Leute gab, vermutlich mehr als heute, die die Wahlen für absolut sinnlos hielten. Aber die meisten, und das ist anders als heute, gingen hin. Einfach um ihre Ruhe zu haben. Denn das Leben spielte sich eh woanders ab, in den selbstgeschaffenen Nischen.
Dann kam der Umbruch und die ersten freien Wahlen. Und ich vermute mal, dass da die Wahlbeteiligung ähnlich hoch war wie zu DDR-Zeiten. Denn FREIE WAHLEN! Was für ein großartiges Instrumentarium. Nicht eine Riege Parteikader entscheidet, sondern das Volk. Ich glaube, die CDU hat damals an allen Fronten gewonnen. Klar, die Bockwurst hatte nicht nur die D-Mark gebracht, sondern auch blühende Landschaften versprochen. Die SPD dürfte auch jede Menge Stimmen abbekommen haben, die PDS wählten wohl nur die, die nicht sofort, als es der Karriere nicht mehr dienlich war, ausgetreten sind und die Bürgerrechtsbewegung? Die brauchte niemand mehr. Die hatte sich in links und rechts gespalten und versank, wenn sie nicht schon längst von den etablierten Parteien aus den Altbundesländern abgegriffen worden war, entweder sofort oder in den Folgejahren in der Versenkung. Das einzige was blieb, war tatsächlich die PDS.
Freie Wahlen also, die CDU gewann. Der Ostdeutsche hatte sich zum ersten Mal frei entscheiden dürfen, nicht zwischen Nicht Wählen und Wählen, sondern für oder gegen die Politik, die er sich wünschte.
Ich weiß jetzt nicht, ob die Wahlbeteiligung schon bei der nächsten großen Wahl so rapide sank, oder ob das ein fortschreitender Prozess ist.
Denn, was der ehemalige DDR-Bürger oder viele ehemalige DDR-Bürger glaubten, festzustellen, ist: es ist völlig Wurst, was ich wähle. SPD? CDU? Eigentlich alles dasselbe. Die Politik ändert sich nicht und Volkes Wille zählt eh nicht. Kennen wir. War früher schon so. Freie Wahlen? Auch nur Humbug.
Und jetzt gibt es zwei Entscheidungen: Der eine sagt, da geh ich nicht hin. Nützt ja eh nichts. Diese Verweigerung unterscheidet sich allerdings, denke ich von der zu DDR-Zeiten. Aus dem aktiven Prozess ist ein resignierter geworden. Gleichgültigkeit gegenüber der Politik „da oben“ wird eine Rolle spielen. Der Bürger tut, was er am besten kann: er richtet sich ein, baut sich seine Nische, findet sich zurecht, versucht mit den Gegebenheiten, die ihm „von oben“ diktiert werden und die er nicht ändern kann, jedenfalls nicht durch Wahlen, klar zu kommen, sein Leben zu leben, unabhängig von Politik und dem ganzen Gedöhns. Genau wie bis vor 25 Jahren.
Die andere Entscheidung ist: Ich mische mit. Aber nicht, indem ich die Blasen der SPD oder CDU wähle (wieso sind die eigentlich nicht endlich so konsequent, sich zu einer Partei zusammenzuschließen? Ist doch eh dasselbe alles). Da wähle ich die Opposition. Jemanden, der wenigstens versucht, dafür zu sorgen, dass „die da oben“ nicht machen können, was sie wollen. Und am besten auch noch meine Befindlichkeiten versteht. Das war die PDS, das ist immer noch die Linke. Links ist nicht schlecht, das fühlen hier viele. In der Regierungsverantwortung wollen sie wohl die wenigsten Wähler haben. Aber das war ja eigentlich nicht die Frage (und um die AfD ging es ja gestern).
Es ging um die geringe Wahlbeteiligung. Und die habe ich versucht zu erklären. Allerdings nur aus einem Blickwinkel heraus. Es gibt da sicher mehr und viele Gründe. Wahlen ändern nichts, taten sie früher nicht und jetzt auch nicht, mag sich der eine oder andere denken. Die freien Wahlen sind auch nicht besser als die Listenwahlen. Und die Demokratie? Was hat sie mir gebracht? Meinungsfreiheit? Meinungsfreiheit nützt nur denen, die gern große Reden schwingen. Den meisten dürfte Meinungsfreiheit ziemlich schnurz sein. Pressefreiheit? Sieht man ja grad am Thema Russland. Und all die anderen Freiheiten? Frei ist nur, wer auch das Geld hat, diese Freiheiten auszuleben. Das haben viele aber gerade in Brandenburg und Thüringen nicht. So bleibt als letzte echte Freiheit nur die der Wahl. Und die nutzen manche eben so, wie sie es gelernt haben-.
Nicht wählen ist eine demokratische, eine freie Entscheidung! Jemanden vorzuschreiben, wie er mit Demokratie und Freiheit umzugehen hat, ist so, wie den Ratten vorzuschreiben, was sie mit den Häusern machen

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