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Tiertransport

September 2, 2014

Mittwoch, 16. Juli 2014 , im Zug

 

Das Taxi holt uns pünktlich 5:30 Uhr am Hotel ab. Ich bete, dass wir nicht wieder so einen Zug wie nach Ulan-Ude, der war etwas moderner, aber irgendwie unpraktischer, und nette Nachbarn erwischen.

Das Abteil ist ok, aber im Kupé reist eine 4 Wochen alte Katze mit. Es gibt eben für alles eine Steigerung. Das Kätzchen gehört zu einem kleinen Mädchen und Mutter. Seit Moskau sind sie unterwegs und wollen (Licht am Ende des Tunnels) bis nach Tchita. Die Kackschale steht unter der Leiter zu meinem Bett, also da, wo eigentlich meine Schuhe hingehören.

Nun habe ich nichts gegen Katzen, schon gar nichts gegen kleine Mädchen, die Katzen besitzen. Aber natürlich möchte die Mutter nicht, dass das Fenster geöffnet wird, auch tagsüber nicht, weil es zieht. Und die Tür soll auch geschlossen bleiben, weil ja sonst das Kätzchen stiften geht. Nun ist es in so einem Abteil mit geschlossenen Fenstern und Türen, ohne Klimaanlage, im Sommer schon ohne Katze geruchstechnisch etwas schwierig. Mit ist es eine Zumutung. Da ist es ein Glück, dass sie nur bis Tchita fahren. Bis dahin werden wir zwar den ganzen Tag fahren, aber wir müssen nicht mit Katze und Klo übernachten und wenn der Geruch gar nicht auszuhalten ist, kann man auf den Gang gehen. Dort liegt ein Hund. Das ist der reinste Tiertransporter heute. Im Gang sind aber die Fenster geöffnet.

Der erste große Halt ist Schilok am Fuß des Jablonovij Gebirge. Die Cousine und ich zicken uns wieder etwas an, als sie erzählt, dass ein paar Passagiere gemeckert hätten. Weil das Bier im Bahnhofskiosk zu warm wäre und ich finde, dass das ja auch ein berechtigter Grund sei, um zu meckern. Bei uns gibt’s auch warmes Bier, antwortet sie mir spitz. Und ich: Ja. Aber deshalb muss es mir doch nicht gefallen. Auch in Frankreich, Italien oder sonstwo ist das Scheiße. Du musst nicht ständig alles verteidigen, nur weil es die Russen machen. Das ist auch keine allgemeine Kritik an den Russen und Russland überhaupt.

Großartig, denke ich, wenn das so weiter geht, wird der Urlaub noch richtig schön. Ich muss unbedingt aufhören, Bedenken, Zweifel und Kritik laut zu äußern. Ich bin schon in riesige Fettwannen gehüpft, als ich mich über die Effizienz, mit der hier gearbeitet wird, gewundert habe.

Wir fahren über den höchsten Punkt der Transsib zwischen Moskau und Wladiwostok. Nur wenige Kilometer weiter fuhr der Zug früher durch einen Tunnel, der auf der einen Seite mit „Zum Stillen Ozean“ auf der anderen mit „Zum Atlantischen Ozean“ beschriftet war. Der wurde jedoch gesprengt, als die damals noch eingleisige Strecke um eine Spur erweitert wurde. Ich versuche trotzdem, das Felsmassiv zu fotografieren. Auf der Suche nach sauberen Fensterscheiben stehe ich am hinteren Eingang des Wagons, dort, wo niemand aus- oder einsteigt, dort wo der Müll auf den Bahnhöfen entsorgt wird. Will der Heißwasserboiler am anderen Ende des Wagens ist und weil der Wagen selbst noch einmal durch eine Tür von dieser Art Vorraum getrennt ist, hat man hier relative Ruhe. Ich versuche so viel wie möglich vom vorbeifliegenden Leben der Einheimischen zu erhaschen. Holzhäuser, unbefestigte Straßen, Birkenwälder.

Und Gleisarbeiter. Die sind wohl Schuld an der ersten Verspätung, die wir hier erleben. 6000 km und die erste Verspätung. Auf einer Strecke, die meistens durch unbewohntes Gebiet führt, und das grö0tenteils nur zweigleisig. Ich finde, da können sich andere Bahnen mal angucken, wie das geht.

40 km vor Tchita durchfahren wir Ingoda. Der Ort ist nach dem Fluss benannt, an dessen Ufern die Strecke auf den nächsten knapp 400 km meistenteils entlang führen wird. Laut meinem kleinen Handbuch soll das nach der Strecke am Baikal der schönste Abschnitt auf der Fahrt von Moskau nach Wladiwostok sein.

Trotz der Verspätung hält der Zug in Tschita 20 min. Die Katze verlässt uns, ein älteres Ehepaar zieht ein. Walja und Wladimir aus Komsomolsk na Amure, 66 und 70 Jahre alt, Rentner. In Russland gehen Frauen mit 55 in Rente, Männer mit 60. Im Osten des Landes, wo die Bedingungen etwas härter sind, jeweils 5 Jahre früher. Und wenn man einen schweren Beruf hat, so wie Wladimir, der früher Schmied war, kriegt man noch mal 5 Jahre geschenkt. Das heißt, er ist seit 20 Jahren in Rente, seit er 50 ist. Das klingt sehr verlockend, aber ich mache mir so meine Gedanken. Jemand muss die Rente ja bezahlen. Ich denke an die kleinen Lebensmittelgeschäfte in Moskau und Sibirien, wo teilweise vier Verkäufer die Arbeit erledigten, die auch einer geschafft hätte. Zum Beispiel Butowo-Park. Da gab es ja wirklich genügend dieser kleinen Produkti. Geschnitten waren sie wie Wohnungen mit sehr kleinen Zimmern. Im ersten stand die Kasse mit Kassiererin, im zweiten gab es Milchprodukte aus dem Regal und eine Käsetheke, betreut von einer Verkäuferin, im dritten das gleiche nur mit Wurst-und Fleischwaren. Dann gab es natürlich noch ein Zimmerchen, in dem es Drogerieartikel und Süßigkeiten, Fertigbackwaren und Brot gab, und nein, da gabs keine extra Verkäuferin. Dort hat der Security, der in keinem russischen Lädchen fehlen darf, aufgepasst. Vier Leute in Geschäften, die so klein waren, dass es schon, wenn außer uns zweien noch ein dritter Kunde kam, zu eng wurde. Aber meistens waren wir die einzigen Kunden. Es gibt einfach zu viele dieser kleinen Läden, als dass sich die Kundschaft nicht gut verteilt.

Ich denke über all das nach und wundere mich nicht mehr über die niedrigen Einkommen und die geringen Mieten. Ich wundere mich nur, wie man damit leben kann, vor allem als Pensionär.

Offensichtlich versucht jeder, auch nach der Pensionierung weiter zu arbeiten. Und dann sind da ja noch die Datschen. Gärten sind nicht, wie hier üblich, zum Blumen züchten gedacht, sondern hauptsächlich, um Gemüse und Obst anzupflanzen, ganz davon abgesehen, dass ein Russe sich über die Größe unserer Schrebergärten entweder totlachen oder verwundert fragen würde, wie wir davon leben können.

Draußen regnet es. Dabei ist die Landschaft wirklich schön. Der Fluss, die Wälder, diesmal wieder eher Nadelhölzer, wechseln sich mit baumloser Tundra ab.

In Karymskaja besteht die letzte Umsteigemöglichkeit für Reisende nach China. Der Ort selber wurde 1878 direkt am Flussufer gegründet, nach einer verehrenden Überschwemmung 1897 aber orientierte sich mehr Richtung der im Bau befindlichen Transsibirischen Eisenbahn.

Drei Frauen sitzen im Regen außerhalb des Bahnhofsgeländes. Als wir die Wagons verlassen, schlittern sie auf uns zu. Eine alte Frau verliert ein paar der Piroggen, die sie hier eigentlich verkaufen will. Wir nehmen eine mit Kraut. Mit richtig viel Kraut.

Der Zug übrigens hat die Verspätung wieder herausgeholt. Pünktlich 20:47 Uhr verlässt er den Bahnhof und wir machen uns bereit für die Nacht.

Viel der Fotos sind aus dem nicht ganz sauberen Zugfenster heraus gemacht, einige auch noch bei Regen. Für alle gilt: Drauf klicken = groß gucken

Ganz im Osten

August 31, 2014

Achtung! Hier und heute geht es nicht um Russland!

(Dafür gibt es Musik. Omega, Kisstadion ’79. Das höre ich grad. während ich schreibe. Wegen der Erinnerungen)

Es geht heute nicht um Russland, aber um den Osten. Kann sein, dass das nicht im Osten geborenene nicht verstehen werden und mich im Osten geborene für total bekloppt halten. Urteilen Sie selbst. Vielleicht hilft es Ihnen, erst diesen Blog zu Ende zu lesen, ehe Sie den Links folgen und guggeln und sich über Inchs Geschmack wundern. Das hat alles nichts mit Geschmack zu tun! Inch war beim Konzert. Was heißt hier Konzert. Inch war beim Sommerfestival!

Aber der Reihe nach.

Mittwoch oder so rief mich eine Freundin an. Meine Gute, hättest Du Lust, ES KOSTET NICHTS, mit zu Omega, zu kommen?

Mein spontane und unverzügliche Zusage hat die Freundin wohl überrascht. Wirklich ?, hakte sie nach. Klar!

Erst letztens fuhr ich mit Freunden mit dem Rad zu Freunden und da, auf der Terrasse sitzend, Bier, Limoncello und Whisky trinkend, kamen wir auch auf die alte Musik. Die von früher. Die aus dem Osten. Wir zählten auf, was wir noch für Platten hätten, machten uns alle lustig über die Roten Gitarren, konnten aber alle deren Texte auswendig, oder wenigstens die Texte der zwei Hits, die hier jedes Kind kannte und kamen zu dem Schluss, dass Omego so dermaßen gut war, dass wir da auch heute noch hingehen täten. Wir rätselten noch ein bisschen, was aus den Bands geworden sei, trugen Wissen zusammen, Gehörtes, Vermutungen.

Und jetzt ruft mich also eine andere Freundin an, eine, die gar nicht mit zu den anderen Freunden mitgeradelt ist, und fragt, ob ich mit, ES KOSTET NICHTS, zu Omega komme.

Sie hat nämlich Karten gewonnen. Zwei Stück. Das Konzert ist in Kamenz, nennt sich RSA-Sommerfestival und da spielen nur Ostbands. Keimzeit. Gut. Karat, Wolfgang Ziegler? Ach Du meine Fresse. Aber Scheiß drauf, für Omega halte ich das aus.

Am frühen Samstag Nachmittag holt sie mich ab und wir fahren nach ganz in den Osten, nach kvP sozusagen, nach kurz vor Polen. Unterwegs verschwatzt sie sich und es stellt sich heraus, dass da auch die Roten Gitarren spielen. Die. Roten. Gitarren!!! Ich flippe aus. Das ist ja der Wahnsinn, die zu sehen ist ja fast noch besser als Omega. Die Freundin freut sich, dass die Polen da spielen, hätte sie sich nicht getraut zu fragen. Bist Du irre, Freundin. Die.Roten.Gitarren!!! Das ist Kult!

Mit diesem Ausblick überstehe ich sogar Tino Eisenbrenner und Jiri Korn.

Um an die Tickets zu gelangen, musste die Freundin einen Kuchen backen. Das hat den Vorteil, dass wir am Parkplatz vorbei und hoch zum Bühneneingang auf den Hutberg dürfen. Kuchen abgeben. Zwar sollen wir dann wieder runter zum Parkplatz, aber wir finden eine andere Möglichkeit.

Kaffee trinken in der Hutberggaststätte, noch den restlichen, im Auto nicht geschafften Tratsch austauschen und ab, anstellen.

Ich war noch nie bei sowas. Also bei so einem Ostrockdingens. Ich war eigentlich fast auch nie bei irgendeinem Konzert einer der sogenannten Ostrockbands. Wo ich früher nicht hin bin, da muss ich auch heute nicht sein. Und die, wo ich früher war, gibt es ja teilweise nicht mehr. Renft zum Beispiel oder Magdeburg oder Elektra. Ich wäre vor 89 nie zu Karat gegangen, also gabs danach auch keinen Grund hinzugehen. Mit Ostrockbands, um das mal klar zu stellen, meine ich die, die es schon vor dem Herbst 1989 in der DDR gab.

So also, ein Ostrockfestival. Ich erschrecke mich erst ein Mal vor dem Publikum. Obwohl ja zu erwarten war, dass ich genau dieses hier treffe. Muddies und Vadies eben.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Scheiße, Freundin, hier sind lauter alte Leute.

Na Du, die sind in unserem Alter.

??? Aber wir sehen doch besser aus, oder???

Die Hutbergbühne ist eine überraschend schön Location. Nur, weswegen die da direkt vor die Bühne auch Stufen gebaut haben, bleibt mir ein Rätsel. Das ist doch totalunfallgefährlich.

Dass das der TÜV so abgenommen hat.

Ich glaube, der TÜV weiß gar nicht, wo Kamenz liegt.

Aber Tontechniker und Leute, die so OpenAir Dingens bauen, wissen es definitiv. Die Akustik ist in jedem Winkel des Geländes gleich gut.

Eigentlich geht’s erst 18.00 Uhr los, aber da unten spielt schon eine Band namens „Die Ossis“. Nie davon gehört. Aber die Freundin kennt sich aus, die covern lauter alle DDR-Hits. Machen sie recht gut und so komme ich mal wieder da zu

Wer die Liebe, wer die Liebe ehrt,

der ehrt heutzutage auch den Hass.

Der zur Liebe noch dazugehört,

noch so lang. So lang man sie bedroht.

(Renft. Link führt zum Hören)

mitzusingen.

Das eigentlich gute an den DDR-Bands waren ja die Hammertexte. Das war nicht irgendwas zusammen gereimtes, das war echte Lyrik. Außer vielleicht bei den Roten Gitarren.

Punkt 18.00 Uhr eröffnen die zwei Starmoderatoren des RSA den Abend, gleichzeitig geht der Radiosender auf Liveschaltung.

Was nun, vor den vier oder fünf Hauptbands, aufgefahren wird, darf jeweils drei ausgewählte Stücke vortragen.

Muck fordert gleich mal alle anwesenden Rentner auf, die Hände zu heben. Ist es ein gutes Zeichen, dass es doch nicht jeder Zweite auf dem Gelände ist? Ich sehe sogar junge Leute. Wenige, aber was zur Hölle machen die hier? Die mitgeschleppten Kinder können ja nichts dafür. Sind die jungen Leute frühere mitgeschleppte Kinder?

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGegen Dirk Zöllner (Käfer aufm Blatt. Hat er aber nicht gesungen) ist nichts einzuwenden. Vor Tino Eisenbrenner und Wolfgang Ziegler versuche ich mich durch Bier holen und aufs Klo rennen zu retten. Aber die Akustik ist gnadenlos. Gucke ich eben den Leuten zu, wie sie ausflippen. Ach guck, der Ziegler hatte tatsächlich einen Hit. Ich kenn zwar den Text nicht, aber an die Melodie kann ich mich erinnern.

Dann das Jiri Korn 4TET. Oh nein, bitte, ich flüchte noch mal aufs Klo. Aber dann: Was für eine Überraschung. Vier Herren im Zylinder und dunklen Outfit stehen auf der Bühne und singen A capella. Und wie! Die sind saugut. Länger als 30 min möchte ich das zwar nicht hören, aber länger als 30 min kann ich so etwas eh nicht hören. Und der Tscheche beweist Humor, als er ankündigt, dass ja alle wissen, dass er auf der Suche nach Ivetta ist. Und er hat sie immer noch nicht gefunden. Und dann kommt eine sehr humorvolle Version des Uralthits, der mich früher nur genervt hat.

Nu will ich aber endlich Die Roten Gitarren!

Umbaupause. Und dann flippt alles aus. Ich mit. Wie vorher ausgemacht, verlassen wir unsere Sitze und begeben uns in den Raum vor der Bühne.

Die Roten Gitarren. Ich habe sie noch genau vor mir: Weiße Anzüge, rote Gitarren. 1965 in Gdanks gegründet, wollten sie die Beatles Polens werden. Ihr Deutsch war grammatikalisch nicht immer perfekt, aber vielleicht war genau das ein Teil ihrer Kultwerdung. Und natürlich ihre Texte: Voll romantisch! Was fürs Herz quasi.

Nichts kann mir dich nehmen,   OLYMPUS DIGITAL CAMERA
nicht der dichste Strauch,
nicht der schmalste Steg,
nicht der längste Weg.
Hört nur,
geht mal sehen,
was auch immer war,
trotz des tiefen Leid
halt einmal die Zeit.

(Rote Gitarren, Link führt zum Hören und Gucken. Leider ist aber gerade der Beginn ein bisschen abgeschnitten)

Inzwischen ein bisschen aufgejüngt, nicht mehr in weiß und auch die Gitarren nicht mehr nur in rot, zeigen sie sich als Vollprofis und bieten dem Publikum genau das, was es will. Ein paar neuere Songs und dann DIE zwei Hits zum Mitsingen. Es brennt der Wald und Weißes Boot (bemerkenswert finde ich, als ich die Songtexte im Internet fand, wie grammatikalisch korrekt die sind, Zum Glück singen die Herren wie gewohnt).

Keimzeit, die ich zum letzten Mal vor vielleicht 15 Jahren live gesehen habe, sind erschreckend langweilig geworden. Norbert Leisegang schwebt wie in Trance über die Bühne, geht ganz in seinen Klangwelten auf. Das ist möglicherweise gut in der Konserve, aber für ein Konzert ist mir das zu abgehoben. Zum Glück performt auch die Band noch ihren Hit Kling Klang.

Die meisten Menschen auf dem Hutberg warten wohl auf Karat. Die anderen meisten auf Omega. Ich gehöre zu den anderen meisten.

Aber, die Musik lief halt im Radio, als ich jung war. Text und Musik sind einfach gut. Die Band war mir damals, vor 89, zu angepasst. Da verbot sich jeder Konzertbesuch. Vielleicht bin ich inzwischen älter, weiser und toleranter geworden, vielleicht aber auch ist kein Kraut gewachsen gegen die Musik der eigenen Jugend. Und die Band präsentiert einen Hit nach dem anderen. Manche waren mir zwischenzeitlich entfallen, dann aber kann ich sie sofort mitsingen. Über Sieben Brücken müssen wir eh erst mal den Musikern vorsingen, aber so Sachen wie der Blaue Planet oder Schwanenkönig hatte ich tatsächlich verdrängt. Aber Himmel, ist dieser Text nicht so aktuell wie dazumal?

Soll unser Kind, das die Welt noch nicht kennt,
alle Zeit ungeboren sein?
Uns hilft kein Gott unsere Welt zu erhalten

Fliegt morgen Früh um halb drei nur ein Fluch und ein Schrei
durch die Finsternis?

(Karat, link führt zum Hören und Gucken)

Ach verdammt noch mal, das geht ans Herz. Eigentlich der ganze Abend. Und schaute ich die anderen Besucher vor 6 Stunden noch misstrauisch an, meinte die Freundin noch vor 5 Stunden, dass sie sich hier immer noch deplatziert fühle, sind wir inzwischen mittendrin. Wir feiern unsere Jugend. Kein System! Das lass ich mir nicht einreden. Es ist wie ein großes gigantisches Klassentreffen. (Jetzt hört man ja auch niemanden mehr reden) Alle feiern, und auch wir singen mit in den Umbaupausen, wenn einer der beiden Moderatoren alte Kinderlieder anstimmt. Kleiner weicher Teddybär zum Beispiel oder Wenn Mutti früh zur Arbeit geht und natürlich Immer lebe die Sonne, erst auf Deutsch, dann auf Russisch. Heute frage ich nicht danach, was die Leute hier morgen wählen mögen. Heute frage ich nicht, ob sie aus ostalgischen Gründen hier sind oder warum auch immer. Nein, das ist keine Ostalgie. Das ist eine Feier der eigenen Jugend.  Mit der Musik, die uns umgab und die, so sehr wir auch nach der aus dem Westen lechzten, in ihren Texten doch viel treffender unsere Sehnsüchte ausdrückte. Zwischen den Zeilen natürlich. Aber wir hatten ja alle gelernt zwischen, den Zeilen zu lesen und zu hören.

Ich war noch nie bei so einem Festival. Ich werds auch nicht gleich im nächsten Jahr wieder tun. Wohl auch nicht in den nächsten 10. Aber für einen Abend nach 25 Jahren war es gut, da gewesen zu sein.

Und dann Omega . Die Freundin meint, die hätten auch deutsch gesungen, früher, korrigiert sich aber gleich, dass sie sich auch täuschen könne. Ich kenne die nur ungarisch. Und den einzigen deutschen Text, den ich von ihnen kenne, hat Frank Schöbel gecovert, und später habens die Scorpions noch mal in Englisch gesungen. Aber das Original, das ist Omega. Ungarn

Ach übrigens, als ich dann unten vor der bühne stand, stellten sich natürlich, genau als Omega kam, große Menschen vor mich. War ja klar.

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Religionsunterricht

August 30, 2014

Ulan-Ude, 15. Juli 2014, ein Dienstag

Wieder erwartet uns so ein heißer Tag. Im Hotel wird uns das Frühstück im Zimmer serviert. „Butterbrot“, so heißen belegte Brote auf Russisch, Muffins, Ei, Kaffee. Letzterer natürlich Instant.

Wir laufen zum Busbahnhof. Übrigens fallen mir hier in Ulan-Ude zum ersten Mal, wie soll ich sagen, sozial benachteiligte Menschen auf. Nicht unbedingt Obdachlose, eher so Alkoholiker. Nicht dass sie betrunken wären, aber sie sehen ziemlich heruntergekommen aus. Arm. Hoffnungslos. Nun haben wir in anderen Städten auch arme Menschen gesehen, und Bettler. Aber hier sind es auffällig viele. Und sie betteln nicht einmal mehr. Und noch etwas fällt auf: Es sind hauptsächlich Burjaten.

Später, in Wladiwostok, wird sich herausstellen, dass der Cousine das nicht aufgefallen ist, auch nicht, dass es hauptsächlich Burjaten sind. Eine andere Transsibreisende, die wir dort treffen werden, wird sagen, dass diese Leute sie sehr an die Indianer in Nordamerika erinnert haben. An Menschen, deren Kultur zerstört wurde. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr muss ich mir zustimmen. Wobei die Burjaten, die wir auf den Dörfern trafen, einen zufriedenen Eindruck machten.

In Ulan-Ude sehen wir auch viel mehr streunende Hunde als anderswo. Allerdings bin ich mir nicht wirklich sicher, ob die herrenlos sind. Dazu sehen sie einfach zu gepflegt aus. Vielleicht lassen ihre Besitzer sie ja tagsüber einfach raus, statt sie in Höfe oder gar Wohnungen einzusperren. Mit den Kühen machen die das ja auch so, also das raus lassen, nicht das in der Wohnung einsperren.

Als wir in Iwolga aus der Marschrutka 130 hüpfen, begegnen uns gleich ein paar. Kühe.

Die Cousine, die sich ja wie gewohnt erst während der Reise zu interessieren beginnt, zweifelt in der Marschrutka an meinen organisatorischen Fähigkeiten und will jetzt und unbedingt den Reiseführer haben. Kann ja nicht stimmen, was da drinnen steht. Ich atme einfach tief durch und schaue mir die Landschaft an. Wie auf Olchon ist es um die Orte herum sehr kahl, als hätte man alle Bäume abgeholzt und das Land würde versteppen. Natürlich sind alle Häuser in den Dörfern aus Holz.

Immerhin, die Cousine hat eine Tante dazu gebracht, uns die richtige Marschrutka, die die Besucher die letzten Kilometer zum Dazan bringt, zu zeigen. Da müssen wir nicht unnötig suchen. Allerdings verpassen wir dadurch leider auch die Möglichkeit, evtl. etwas von dem Dorf zu sehen. Andererseits ist es bei der Hitze gut, schnell voran zu kommen.

Obwohl es ein Kassenhäuschen gibt, ist der Eintritt frei.

Ansonsten, ein buddhistisches Kloster eben. Mit Tempeln und Reliquienschreinen, mit Gebetsmühlen, auch ausrangierten, mit Mönchen und einem Lama, mit Besuchern und Gläubigen. Schauen Sie sich einfach die Bilder an.

In einem der Tempel erzählt uns eine alte Frau alles zum Kloster, und zu den Lamas. Der 12. wurde nämlich 1852 geboren, er starb im Lotussitz. Doch bevor er das tat, verkündete er, dass er in 75 Jahren wiederkäme. Also buddelten die Mönche ihn nach 75 Jahren wieder aus und siehe da, der Typ war kein bisschen verwest. Nur die Sachen waren etwas ramponiert. Also zogen sie ihm neue an und setzten ihn in einen eigenen Tempel. Einmal im Jahr wird er durchs Kloster getragen. Sonst ist er nicht zu besichtigen. Aber die alte Frau zeigt uns die Jurte des derzeitigen Lamas und meint, wenn wir fragten, dürften wir bestimmt mal gucken. Machen wir aber nicht. Mein Bedarf an Toten ist mit Lenin gedeckt.

Stattdessen essen wir lieber was. Und nun endlich kann ich Ihnen ein Foto der geliebten Buusy zeigen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich die vermisse. Mehr als die Piroggen. Von letzteren habe ich wenigstens ein Rezept gefunden. Aber Buusy? Nada. Also, sollten Sie einen Burjaten in der Verwandtschaft haben, nähme ich Ihnen gern das Rezept ab. Danke.

Es ist unglaublich, wirklich unglaublich heiß. Und nirgends Schatten. Ich erstehe zwei Gebetsfähnchen, eins für mich und die Familie, notiere mir genau, wie und wo ich die aufhängen muss, dann fahren wir zurück in die Stadt. Noch Mal Lenin gucken und am Springbrunnen gibt es klassische Musik mit Wasserspielen. Einfach so. Ich nehme das sogar auf, mit der Taschenknipse, aber bei meinem technischen Talent könnte ich Ihnen jetzt Wasserspiele präsentieren. Die klassische Musik müssten Sie sich selber denken.

Heute finden wir den Markt und als wir den gerade betreten wollen, ist die Cousine plötzlich verschwunden. Ich bleibe erst stehen, in der Hoffnung, sie bemerkt meine Abwesenheit und kommt zurück. Dann fange ich an, das Gelände weiträumig abzusuchen. Ich überlege, ob ich einfach einkaufe und ins Hotel laufe. Da wird sie schon irgendwann auftauchen. Aber das gibt sicher Ärger und wir müssen noch ein paar Tage zusammen aushalten, also begebe ich mich wieder dahin, wo ich sie zuletzt gesehen habe, rauche und warte. Dann sehe ich sie. Schnatternd steht sie in einem Landen, in dem Schuhe aus Rentierfellen verkauft werden.

Ich bin ziemlich angefressen.

So wackeln wir über den Markt.

weltmeisterlich

August 28, 2014

Deutschland ist Weltmeister.

Im Hotel, dass wir für die eine Nacht gebucht haben, gleich in der Nähe des Bahnhofes, besteht das Frühstück zwar nur aus Keksen, aber es gibt einen Fernseher im Zimmer. Also stellen wir den Wecker auf 5 und gucken.

Im Zug holen wir den Schlaf nach. Aber nur auf den ersten 200 km, dann schlängeln sich die Gleise am Baikal lang. Das wollen wir nicht verpassen. Schließlich habe ich extra für diesen Zug Fahrkarten gekauft, da wäre es blöd, den See zu verpassen, nur weil wir mitten in der Nacht Fußball gucken mussten. Übrigens, es macht sehr viel Spaß, so ein Spiel mit russischem Kommentar zu gucken. Manche Spieler scheinen ja gar nicht auf dem Platz gewesen zu sein, oder sollten wir ihre Namen so gar nicht verstanden haben? Herr Schweinsteiger dagegen war überall.

Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, wer unsere Abteilnachbarn auf diesem Stück Transsib waren. Hatten wir überhaupt welche? Denn wie gesagt, erst schlafen wir, dann schnappen wir Geld, Tickets, Pässe und Kameras und lassen uns im Speisewagen nieder. Dort wird übrigens auch frisch gekocht. Frisch! Und weil wir zunächst die einzigen Gäste sind, stellt man auf unsere Bitte den Ton des Fernsehgerätes auf stumm, und auch später, als sich das fahrende Restaurant mit (russischen) Gästen füllt, bleibt es zumindest bei einem leisen, auszuhaltenden Ton.

Links fliegt der Baikal an uns vorbei. Ein wirklich riesiger See. Manchmal scheinen die Gleise direkt am Strand lang gelegt zu sein, manchmal entfernt sich die Strecke. Um einem Dorf auszuweichen zum Beispiel, oder einem Sumpf. Es geht durch Tunnel und über Brücken. Der Koch kommt und fragt, wie ich die Eier am liebsten hätte und bereitet sie dann genau nach meinen Anweisungen zu.

Der Zug hält auf der gesamten Strecke bis Ulan-Ude, unserem heutigen Ziel, jeweils nur 1-2 min. Keine Zeit für die Verkäuferinnen auf den Bahnsteigen.

Denken wir.

Da sehe ich sie am Zug entlang flitzen. Erdbeervolle Becher in den Körben.

Cousine, schau doch mal!

An der nächsten Station wetzen wir zur Tür, doch die Schaffnerin winkt ab. Am nächsten Halt sollen wir zu ihr kommen. Da gibt es Fisch. Da winkt sie eine der Bäuerinnen heran.

Der nächste Halt ist Mysowaja. Geräucherten Omul und 3 getrocknete. Der Zug rollt schon, als uns die Frau das Wechselgeld zurück gibt.

Nach 9 Stunden Fahrzeit erreichen wir am späten Nachmittag Ulan-Ude, die Hauptstadt der Burjatischen Republik. 25% der Einwohner sollen hier tatsächlich Burjaten sein, doch davon sehen wir zunächst nichts. Wir suchen unser Hotel. Und finden es, trotz fehlendem Schild und nach einigem Hin und Her mit Hilfe einer sehr netten Einwohnerin schließlich.

Es folgt das Übliche: Sachen abwerfen und ab in die Stadt, einen ersten Eindruck verschaffen.

Das Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges ist hier riesig. Und wird von einem Panzer gekrönt. Zu dieser Art Denkmale, die uns sehr fremd anmuten, muss ich aber sagen, dass die in Russland nicht einfach so rumstehen. Der Krieg gegen Nazideutschland ist im Bewusstsein auch der jungen Leute noch sehr präsent. Jeder hat einen Opa, der damals gekämpft oder gar gefallen ist. So sind die Kränze und Blumen nicht nur Makulatur. Sie sind ehrlich gemeint. Und ich denke, solange es noch Menschen gibt, die einen Opa hatten, der in diesem Krieg kämpfte, wird er im Bewusstsein der Menschen bleiben. Als nationales Trauma. Und die Russen sind wahrlich ein Volk, das viel Traumata zu verarbeiten hat.

Es gibt eine hübsche Fußgängerzone. Dass die Gründerzeithäuser alle saniert sind, wundert uns längst nicht mehr. Auch die Quirligkeit der Stadt. Was der Verfasser meines Transsib-Handbuches allerdings meint mit „hier hat der Reisende erstmalig… den Eindruck, in Asien angekommen zu sein“, erschließt sich uns nicht. Da sah es auf Olchon asiatischer aus. 1666 wurde die Stadt, damals ein Winterbefestigungslager der Kosaken an der Mündung der Uda in die Selenga, erstmals unter dem Namen Udinsk erwähnt. Später entstand die Festung Werschneudinsk (Ober-Udinsk). Ulan-Ude, ein burjatischer Name, der soviel wie Rotes Tor bedeutet, heißt die Stadt erst seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Wir gelangen zum Sowjetplatz. Mit Regierungsgebäude, Parlament (Churwal) und dem Sitz des Geheimdienstes.

Und mitten auf dem Platz ein riesengroßer Leninkopf aus Granit. 5m soll das Teil hoch sein. Ein Werk der Bildhauer Georgij und Jurij Neroda aus dem Jahre 1971 für die Weltausstellung in Kanada. Andrea hat mir im Zug nach Irkutsk davon erzählt und auch, dass er hoffte, 40 min Aufenthalt würden reichen, vom Bahnhof hierher zu flitzen, zu staunen und pünktlich wieder am Zug zu sein. Mir kommt das sportlich vor. Ich denke an Andrea und feixe über einen Witz in Ulan-Ude. Da heißt es, die Burjaten hätten schon immer die abgeschlagenen Köpfe ihrer besiegten Feinde zur Schau gestellt.

Gleich neben dem Platz locken ein großer Springbrunnen, Nationaloper und Philharmonie. Der unvermeidliche wiedererrichtete Triumphbogen, der zu Ehren irgendeines Zaren gebaut wurde. Wir schlendern zurück. Wir suchen den Markt. An der Hodigitreja- Kathedrale Plakate gegen Abtreibung, wir laufen ein Stück am Ufer der Uda lang, finden den Markt nicht, dafür ein paar Holzhäuser, in denen auch hier eher ärmere Menschen zu wohnen scheinen und schließlich einen ordentlichen Kaffee im Starbucks-Pendant Travellers Coffee.

Morgen fahren wir in ein buddhistisches Kloster. Schließlich sind wir im Zentrum des Buddhismus in Russland. Sogar die Staatsfahne Burjatiens bestätigt das. Die blau.weiß-gelbe Fahne, sagt mein Handbuch, symbolisiert Himmel, Reinheit und Sonne bzw. den hier verbreiteten gelben Lamaismus.

Na, schaun wir mal. Oder: pasmodrim.

Der zweite Blick

August 27, 2014

13. Juli 2014

Das Frühstück kommt nicht pünktlich. Das Gepäck haben wir nach einigem Hin und Her doch auf dem Zimmer gelassen, statt es gleich mit zu nehmen. Die Speisen nimmt man etwas außerhalb des Hotels ein, in einem kleinen Restaurant mit Terrasse und Blick.

Als wir zurück zum Hotel kommen, drängt uns Irina zur Eile. Die Marschrutka, die uns 9:30 Uhr abholen soll, steht schon da. Hastige Verabschiedung, ein brummiger Fahrer, der das Geld sofort will (normalerweise zahlt man erst beim Aussteigen), wir schmeißen uns satt gefressen und ein bisschen gestresst in die Sitze. Die zwei Jungs, die hier schon sitzen, sind Deutsche. Aus Bonn und Essen. Sie fahren die Transsib andersherum. Sind von Moskau nach Ulan Ude geflogen, dann nach Irkutsk und hierher gefahren und werden nun über Krasnojarsk, Nowosibirsk und Tomsk bis Omsk fahren.

Ah Omsk, da waren wir, da müsst Ihr das und das gucken! Und Ulan Ude? Wie kommt man denn zum Buddhistischen Kloster?

Während die Marschrutka an diversen Hotels Fahrgäste einsammelt, tauschen wir fröhlich schnatternd Erfahrungen und Tipps aus. Ach Ihr habt auch bei Nikita gewohnt? Wie ist es denn da? Unorganisiert? Tatsächlich?

Da halten wir an besagter Unterkunft. Die Jungs staunen. Mussten sie doch zu irgendeiner Haltestelle laufen, weil eine Abholung nicht möglich sei. Jetzt steigen die zwei Französinnen aus Galinas Hostel zu. Die zwei Deutschen sind etwas sauer, die Hinfahrt sei auch schon etwas chaotisch gewesen.

Ein paar Russen sitzen übrigens auch im Bus. Und der Fahrer ist gar nicht so brummelig, wie er sich am Anfang gegeben hat.

Allerdings wählt er auf dem Festland einen merkwürdigen Ort für die Pause aus. Für ein Restaurant reicht die Zeit nicht, die Toilette ist ein ganzes Stück entfernt und am Ende bin ich froh, in einem Produkti noch schnell ein paar Waffeln erstanden zu haben. Doch die Eile rächt sich, keine 5km weiter fahren wir an den Straßenrand. Und nun zeigt sich, was ein echter russischer Chauffeur ist. Der repariert etwas, das Bremsflüssigkeit verliert. Ich will gar nicht wissen, was es ist, aber da auch die Jungs ihm vertrauen, tue ich das mal auch. Dafür sind die Cousine und ich tapferer bei den Walderdbeeren, die zwei Mädchen hier verkaufen. Der eine der beiden Jungs hat nämlich Angst vorm Fuchsbandwurm.

Am Stadtrand von Irkutsk dann erwartet uns ein Ersatzbüsslein. Wir steigen um, staunen über unsere zwei Landsleute, die am Bahnhof die Einladung zweier junger russischer Backpackerinnen, die wir irgendwo in einem Camp auf dem Festland eingeladen haben, zum Kaffee ausschlagen und lassen uns zum Hotel bringen.

Ich will dringend ins 130. Quartal , oder so. Als wir vor ein paar Tagen hier waren, haben wir überall die Hinweisschilder gesehen.

Als wir uns auf den Weg machen, treffen wir ein russisches Ehepaar, dass auf Olchon immer dieselben Bootstouren wie wir gebucht hatte. In Irkutsk scheint man wirklich alle, die am See Urlaub machen, zu treffen.

Der 130. Distrikt, auch historisches Viertel genannt, besteht im Grunde aus zwei Straßen, an und zwischen denen eine Menge Holzhäuser stehen. Das sind einerseits restaurierte, andererseits anhand von Originalunterlagen neu gebaute Gebäude. Es gibt eine Menge Treppen zwischen den sich an einen Hügel schmiegenden Häusern und es ist ganz offensichtlich das In-Viertel der Stadt. Hier treffen sich Touristen mit der Jugend der Stadt, noble Restaurants mit Pubs, Straßenmusik mit Boutiquen, Lounges mit Freisitzen. Klein, fein, quirlig, wieso waren wir denn nicht gleich hier?

Und wenn wir schon mal hier sind, Cousine, lass uns doch zur Angara laufen, dieses Zarendenkmal ist gar nicht soweit weg.

Und plötzlich ist es da, das Paris Sibiriens. Am Ufer stehen Angler im Wasser, gut, das ist sehr russisch, doch dann beginnt eine Uferpromenade, die uns die Sprache verschlägt. Wir bestaunen grüne Elefanten und Lippen aus Holz, Palmen aus Birkenreisig, Riesenkürbisse aus Ästen, gestrickte Vogelhäuschen und dann, dann steht da auch noch ein Gagarin-Denkmal. Klar wir sind ja in der Gagarinstraße. Oder war es ein Boulevard? Egal, Cousine, mach mal ein Foto.

Und da ist das Denkmal Alexander III. Familien schlendern die Promenade entlang und was sind denn das für Lautsprecher in den Bäumen? Da kommen ein paar „Alte“, stöpseln den CD-Player an und beginnen zu tanzen. Ein Polizist fordert ein paar junge Männer auf, ihre Bierflaschen samt Papiertüte im Müll zu entsorgen, denn anders als in den USA heißt hier Alkoholverbot in der Öffentlichkeit Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Nix mit aus der Papiertüte und so und das Verbot heucheln.

Über der Angara geht die Sonne unter, junge Pärchen sitzen an den Stufen am Ufer, Fahrradfahrer halten an und bestaunen das Farbenspiel der Sonne im Wasser, an kleinen Ständen gibt es Zuckerwatte und Eis und Waffeln. Die Autos, in denen Kleinkinder um das Zarendenkmal flitzen, sind ferngesteuert. Irgendwo steht immer ein Vater oder eine Mutter mit dem verräterischen Kasten in der Hand.

Wir können uns kaum trennen vom Abendrot und der heiteren Gelassenheit.

Und ehrlich, wenn ich mir heute das Bild ansehe mit den jungen Menschen auf den Stufen, dann frage ich mich: Ist DAS DER Russe, vor dem die Medien uns gerade wieder Bange machen wollen? Sieht er so aus?

Wenn Sie ihm ins sonnenbebrillte Gesicht gucken wollen: Drauf klicken aufs Foto

Ist Euch das Wasser des Baikal denn nicht genug?

August 25, 2014

Es haben sich genug Leute gefunden, die Robben gucken wollen, also führt uns die heutige Exkursion zur Insel Samagoi. Zwar holt uns keine Marschrutka vom Hotel ab, dafür beginnt die Bootstour erst 15:00 Uhr, das lässt viel Gemütlichkeit zu.

Es ist wieder viel zu heiß und wir starten den Tag nach einem ausgedehnten Frühstück im Joschiki Maroschiki mit echtem Kaffee und Eis.

Mittagessen wollen wir bei der „Oma“. Aber statt der Oma verkaufen da heute Mutter und Sohn. Also die Mutter ist die Tochter der Oma. Es gibt Tische und Stühle, auf der Straße dampft der Samowar und der Mann der Mutter will mich zum Reden animieren. Aber ich rede nicht mehr russisch in Gegenwart der Cousine. Sie hat mich gleich am ersten Tag ein bisschen runtergemacht, weil ich brauche nun mal einen Tag, um zu verstehen und noch mal einen, um in ganzen Sätzen zu sprechen. Zwar habe ich mich davon nicht gleich beeindrucken lassen, aber spätestens seit sie eine Auskunft, die ich eingeholt hatte, noch mal erfragt hat, seit sie dann auf meine Frage Glaubst Du mir nicht? grinsend geantwortet hat, Doch, ich wollte mich nur noch mal vergewissern, beteilige ich mich nur noch als Zuhörer an Gesprächen, in die sie involviert ist und die auf Russisch geführt werden. Ich bin ja nicht hier, um einen ungleichen Wettstreit zu führen, dessen Ausgang ich soundso nie in Frage gestellt hätte. Und zum Russisch sprechen bleibt genug Gelegenheit, wenn die Cousine nicht dabei ist. Zum Beispiel als wir am Hafen sind und die Leiterin der Exkursion mich nach den Tickets fragt und sich beschert, dass die im Hotel ” Baikal” nie Tickets ausgeben. Die Cousine ist da grad am anderen Ende des Stegs und kann dann ja noch mal antworten.

Aber noch sind wir bei der „Oma“, futtern geräucherten Omul und die Cousine fragt eine andere Kundin, was die da isst. Sieht aus wie Heringshäckerle, ist aber Sagutai. Das wird aus einem Fettfisch namens Golomjanka zubereitet, wie der Omul auch endemisch, dazu fast durchsichtig und der am tiefsten lebende Süßwasserfisch der Welt. Aber irgendwann morgens kommt er mal aus den Tiefen nach oben geschwommen. Und wird gefangen. Er wird nur gesalzen und dann mit Zwiebeln angerichtet. Äußerst lecker! Gibt’s aber wie den Omul nur so lange der Vorrat reicht, und der könnte an einem Samstag schnell aufgezehrt sein. Da bestellen wir uns mal was für den Abend.

Drüben vom Festland her donnert es, aber der Mann der Mutter meint, hier würde es heut nicht regnen und auf Samagoi auch nicht. Und dass ich noch erschossen werde, wenn ich immer Jaja sage. Ich zwinkere ihm zu und verabschiede mich höflich, auf Russisch.

Auf dem Steg wird es schon empfindlich kühl und als wir auf dem Boot sind und der Guide erklärt, dass jeder eine Schwimmweste anzuziehen hat, fragt der Käpt’n Jeder? Na wenigstens für die Kinder an Bord, eine halbe Schulklasse reichen sie.

Während der Fahrt, die vielleicht eine Stunde dauert, fängt es an zu regnen. Alles zwängt sich in den engen überdachten Bereich. Interessiert schaue ich den Jugendlichen zu. Ist wie zu Hause. Es gibt die Tussen, die offensichtlich das Sagen haben und im übrigen sehr gelangweilt sind. Es gibt kleinere Mädchen, die noch nicht dazu gehören (dürfen) und große Schwestern, die sich kümmern. (Die Tussen wollen die eh nicht bei sich haben). Es gibt Jungs, die alles tun, um den Tussen zu gefallen und doch nur die Looser sind. Es gibt Jungs, die die Dämchen hoheitsvoll in ihrer Nähe dulden und es gibt sogar einen Favoriten.

Amüsiert betreibe ich meine Sozialstudien, als wir anlegen. Es regnet und ich würde am liebsten auf dem Boot bleiben. Gestern hatte ich noch die Regensachen mit. Umsonst natürlich. Heute liegen sie im Hotel. Doch ein mürrischer Käpt‘n hilft mir vom Boot.

Durch Regen und regennasses Gras stapfen wir dem Guide hinterher. Wir sollen leise sein, um die Robben nicht zu erschrecken (???, inzwischen kann man im Sturm sein eigens Wort nicht verstehen) und natürlich unseren Müll wieder mit von der Insel nehmen. Das mit dem Müll muss man Russen wirklich sagen, denn die lassen den auch gern fallen, wenn sie neben einem Abfalleimer stehen. Doch dann, als wir von Bucht zu Bucht geklettert sind und nicht eine Robbe gesehen haben, bin ich die einzige, die einen Reiseaschenbecher rausholt und die Kippe ordentlich entsorgt.

Als wir zurückkommen hat sich der grummelige Käpt’n in einen sich schämenden verwandelt. Nur als der Guide auftaucht, brummt er wieder rum, dass er ja gar nicht rausgefahren wäre, weil klar ist, dass bei solchem Wetter die Robben nicht hier sind und dass das ja wohl ziemlich unverschämt sei, Touristen so das Geld aus der Tasche zu ziehen*. Ich finde, da hat er Recht, flüchte vor dem Regen unters Dach und betreibe weiter Sozialstudien.

Als wir fast wieder auf Olchon sind, bauen sich zwei der Kinder (Looser und große Schwester) nebst Lehrerin vor uns auf. Guten Tag ich spreche Deutsch. Sie gehen in eine polnische Schule, erklären sie, immer mal zur Lehrerin schielend und von der unterstützt, und lernen neben polnisch und englisch eben auch deutsch. Sie holen noch einen von den manchmal von ihren Hoheiten geduldeten Jungs heran und versuchen ihn zu ermuntern, deutsch zu sprechen und ich bete die ganze Zeit, dass die Cousine ihr Ego unterdrücken kann und die Klappe hält, jedenfalls auf Russisch. Kann sie natürlich nicht, muss zeigen und sich loben lassen. Die Kinder sind verwirrt, mal geduldet raunzt die große Schwester an, wieso er deutsch reden soll, wenn die doch russisch spricht, und ich die Cousine. Ich werde sogar ein bisschen böse, schließlich wollen die Kids deutsch sprechen und haben sicher 30 min geübt, eh sie sich trauten, uns anzusprechen. Die Cousine sieht das nicht ganz so wie ich, aber nun dürfen auch alle deutsch reden, sie fordert die Kids sogar dazu auf. Ich schäme mich ein bisschen, kriege mich aber wieder ein. Die Freude der Kinder ist einfach zu ansteckend.

Am Abend, wie haben unseren vorbestellten Sagutai und Omul gegessen, gehe ich noch ein letztes Mal an den Strand. Eine Schamanin bereitet sich auf ein Ritual vor, aber Zuschauer sind nicht erwünscht. Also gehe ich meiner Wege und sehe aus gebührender Entfernung zu. Kurz überlege ich, dass große Objektiv heraus zu kramen, entscheide mich aber dann, die Schamanin und die sie umringenden Gläubigen zu respektieren.

Es ist Samstag und der Strand fast voll. Autos stehen zwischen den wenigen noch verbliebenen Bäumen, daneben Zelte, Lagerfeuer und Grille überall.

Auf Wiedersehen Baikal, Auf Wiedersehen Olchon. Ich würde gern wiederkommen. Ich habe nur so ein ganz kleines Stück von Dir sehen dürfen. Ich würde gern noch Deine Berge besteigen wollen und durch Deine Wälder streifen. Ich würde gern im Winter mit einem Auto übers gefrorene Wasser fahren, ich würde gern im Sommer doch noch einmal Rad fahren. Aber wer weiß schon, ob ich je wiederkomme? Die Welt ist so groß und es gibt soviel zu sehen.

Ich schicke den sich aus den mobilen Banjas in den See stürmenden  einen stillen Gruß und laufe zurück zum Hotel. Alexander fotografiert burjatische Kinder im Sonnenuntergang. In ihren Trachten wippen und schaukeln sie auf dem hoteleigenen Spielplatz. Ich wünsche ihnen, dass sie ihre Authentizität behalten können. Trotz zunehmendem Tourismus und der zwangsläufig daraus folgenden Vermarktung ihrer Bräuche. Ich wünsche ihnen, dass noch die Enkel ihrer Enkel ihrer Enkel den Baikal so vorfinden werden wie ich ihn verlasse. Mit genügend Fischen, die Bewohner seiner Ufer zu ernähren und so sauber, dass sie aus ihm trinken können. Wie sagte die Verkäuferin in Irkutsk, als wir Wasser kauften? Was kauft Ihr Wasser, wenn Ihr nach Olchon fahr? Ist Euch das Wasser des Baikal denn nicht genug?

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* Als wir das abends der Reiseleiterin in unserem Hotel erzählen, bekommen wir prompt einen Teil unseres Geldes zurück

Frühstück

August 23, 2014

oder. und täglich grüßt das Murmel… äh… Ziesel

Frühstücksterrasse des Minihotels “Baikal” . Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Und wenn Sie auf die Bilder klicken, sehen Sie, wie nah uns die Tierchen wirklich kamen

 

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