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Und zwischendurch zum Marathon

April 13, 2014

Diesmal hatte ich eigentlich gar keine Zeit, mich den ganzen Tag an den Straßenrand zu stellen und Läufern zuzugucken, sie anzufeuern, zu fotografieren und unter den Tausenden dann auch noch die Bekannten raus finden.

Das Gästezimmer ist renoviert und muss fertig eingerichtet werden und weil am Mittwoch auch noch die ganze Familie kommt, muss nebenbei noch ein bisschen geputzt werden. Also, ich meine, ein bißchen mehr als üblich.

Aber wenn man so im Zentrum einer Stadt wohnt, da dringen an so einem Marathontag die ganze Zeit Trommeln und Saxophone und Trillerpfeifen und so Kram zum Fenster herein und schönes Wetter ist ja auch und überhaupt.

Ich schwinge mich also aufs Rad und fahre den Marathoni entgegen. Hinterher bin ich ja mal schon früher und das roch mir doch zu sehr so gar nicht nach Frühling.

Doch die Inlineskater lenken mich ab. Sind da nicht letztes Jahr auch Bekannte mitgefahren? Hm. Ob die wieder dabei ist? Der sollte ich eine Mütze häkeln, die sie nie abgeholt hat. Hätte ich sie jetzt mit, die Mütze, könnte ich sie ihr glatt in die Hand drücken. Wäre ja wohl kein Problem, oder? Wasser nehmen die ja auch.

Aber ich habe die Mütze nicht mit und sehe eh nur noch den letzten Rest der Skater und will sowieso ganz woanders hin.

Hinter den Tierkliniken hat die Bundeswehr tatsächlich ein Infomobil aufgebaut.

Aber auch eine Wassertankstelle und den Läufern dürfte ziemlich schnurz sein, wer ihnen das Wasser gibt. Die Damen und Herren in Uniform, das muss man ihnen lassen, sind sehr engagiert, haben sichtlich Spaß bei dieser Art humanitären Einsatz und der Typ mit dem Mikro macht richtig Stimmung.

Ich guck noch mal beim MDR und dann wieder bei mir um die Ecke, dann ist Zeit, nach Hause zu fahren und zu essen.

Die 10-km-Läufer starten erst am frühen Nachmittag. Da laufen IMMER drei Freundinnen von mir mit, da muss ich hin.

Wegen der vielem letztens beschriebenen Baustellen laufen sie diesmal nicht am Haus vorbei. Am Haus herrscht eher so eine Art Verkehrschaos. Da habe ich sogar mit dem Fahrrad Probleme, zum Ziel zu kommen.

Leider sehe ich nur eine der drei Freundinnen. Das hilft nix, da muss ich noch mal Richtung Westen. Ich düse durch den Park und baue mich 1 km vorm Ziel auf. Doch auch hier sehe ich nur die eine Freundin.

Hier kommt jetzt alles zusammen. Marathoni, Halb-Marathoni und 10-km-Läufer. Das ist wie jedes Jahr ein ganz schönes Gewusel. Und mancher sieht nach 9 km fertiger aus als andere nach 40.

Ich stehe ja gern immer bis zum Schluss und feuere die an, die am härtesten kämpfen. Aber heute habe ich keine Zeit, ich hab ja da noch in der Wohnung zu tun.

Nuja. Morgen kann ich ja auch noch bissl putzen. Und Dienstag.

Hier ein paar Fotos (drauf klicken= groß gucken) Alle Fotos in meinem Picasa Album

 

Reserviert

April 10, 2014

Es ist angerichtet.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen, viel Recherche im Internet, Büchern über Sibirien, Reiseblogs, Überraschungen, Enttäuschungen, Plänen, verworfenen Plänen und dem Schock, als plötzlich die Seiten, auf denen ich evtl die Tickets für die Transsib buchen wollte, nicht mehr funktionierten, habe ich nun gestern, mitten in der Nacht, reserviert. Da funktionierte nämlich plötzlich wenigstens ein Portal wieder, ich rief die Cousine an zwecks Passnummer und dann noch mal dem Geburtsort, Geburtstage vergesse ich ja auch alle Nase lang, und hämmerte meine Wünsche in die Tastatur.

Wir werden nun doch nur in Großstädten Stopps einlegen. Die Verbindungen zu den kleineren Orten sind zu ungünstig und wir würden jedesmal mindestens einen Tag einbüßen. Den könnten wir, da wir außer am Baikal, überall nur zwei Nächte bleiben, letztendlich nur von der Woche am See abknapsen. Dazu aber ist uns diese Woche zu wichtig. Vielleicht, dachte ich, wäre es eine bessere Idee, einfach mit Bus oder marschrutka raus zu fahren aus der Großstadt in eins der Dörfer. Ich hatte mir sogar schon zwei bei Moskau ausgesucht. Aber auch daraus wird wohl nichts.

Denn als endlich eine der zwei Seiten wieder online war, fehlten eine ganze Menge der als mögliche Transportmittel anvisierten Züge und statt abends in Moskau zu starten, geht es nun schon mittags los, was quasi den Verlust eines ganzen Tages  bedeutet.

Also, wir werden zwei Tage in Moskau sein, dann mittags Richtung Omsk fahren, wo wir zwei Tage später schon am Morgen ankommen werden.

Wiederum zwei Tage später geht die Reise nachmittags weiter nach Irkutsk. Auch dort kommen wir relativ zeitig am Morgen an.  Wir werden uns die Stadt ansehen, weiter zur Insel Olchon fahren, ein paar Tage ausspannen und dann weiter nach Ulan-Ude fahren, genau eine Woche, nachdem wir in Irkutsk angekommen sind.

Nach Ulan-Ude nehmen wir den Zug am Morgen, um die “nur 12-stündige” Fahrt richtig genießen zu können. Es geht da nämlich direkt am Baikalsee entlang.

Ich war versucht, für diesen Teilabschnitt Platzkart (3. Klasse) zu buchen, habs aber dann doch sein lassen. Nicht, dass die Cousine mich haut.

In Ulan-Ude haben wir faktisch nur einen Tag, da wir abends ankommen und nach zwei Nächten sehr früh am Morgen weiter müssen. Das ist auch so eine Verbindung, die nicht auf meiner Wunschliste stand.

55 Stunden dauert die Fahrt bis Chaborowsk. Dort scheint der Bahnhof etwas außerhalb zu liegen, dass muss ich noch herausfinden. Zwei Tage später geht es nach Wladiwostok, Klein-Inchs Ende der Welt. 14 Stunden sitzen bzw liegen wir auf diesem letzten Abschnitt im Zug.

Ich habe durchweg 2. Klasse reserviert, mit der Bitte um die zwei oberen Liegen. 2. Klasse, das sind 4-Bett-Abteile, da sitzen wir zwar tagsüber in den Betten der Mitreisenden, sollten diese aber nachts von Übelkeit geplagt werden, sind wir in der oberen Etage sicher vor ihren …äh…  Auswürfen. Hoffe ich mal.

Bei der Wahl der Züge habe ich, dort, wo es eine Wahl gab, immer die mit der höchstmöglichen Nummer genommen. Je niedriger nämlich diese, so las ich, desto komfortabler. Je komfortabler, denke ich mir, desto mehr Touristen. Und ich bin zwar selbst einer, will aber natürlich keine anderen sehen. Ist ja klar. Den Rossija konnte ich komplett vermeiden, der andere fährt eh zu Zeiten, die für uns nicht in Frage kommen.

Da man bei der Russischen Bahn erst 45 Tage im Voraus Fahrkarten kaufen kann, sind sie erst mal reserviert.

Kosten: 370 Pfund pro Person. Dazu kommen noch mal 20 für die Zusendung der Tickets. Das ist nicht mal ein Drittel dessen, was wir bei einem Deutschen Anbieter bezahlt hätten, und nur wenig mehr als bei der Russischen Bahn selbst.

So, nun kann der Sommer fast kommen. Ich muss mich nur noch um ein paar nette Menschen kümmern, die in Leipzig Urlaub in meiner Wohnung machen wollen und sich nebenbei um die Katze kümmern.

Ach ja, ein Visa brauche ich natürlich auch. Das dauert ja auch gern etwas länger und kostet natürlich auch noch mal.

Und ein bisschen Russisch sollte ich üben. Am besten ich treffe mich zum Rauchen mit dieser Kollegin aus Weißrussland. Aber ich glaube, die will eigentlich Deutsch üben.

Hm, ein bisschen Angst habe ich ja, dass die Cousine mir dort immer das Wort “nimmt”. Die spricht nämlich perfekt. Und man kennt das ja: Hat man einen Experten mit, verfällt man gern in Faulheit und lässt den anderen machen. Dann aber weiß man am Ende nicht, wo man eigentlich war. Also:

Russisch üben!

 

Mit Kind und Kegel

April 8, 2014

Ich dachte ja, der Name der Alm, auf der wir das Wochenende verbringen würden, ist Sophienhof. Und da Freunde gebucht haben, habe ich mich auch nicht groß gekümmert und wenn mich jemand fragte, wohin wir eigentlich fahren, konnte ich nur antworten: In den Harz.

Dann aber, kurz vor der Angst, musste ich mal nach dem Weg gucken und siehe da: Sophienhof ist der Name des Ortes, wo sich die anvisierte Ziegenalm befindet. Pünktlich als ich mich kundig machte, erfuhr ich mehr so nebenbei, dass das Kleine Kind etwas mit dem Magen hätte und „heute oder morgen“ ins Krankenhaus müsste.

Toll! Das Kind in Dresden im Krankenhaus, der Rest der Familie auf einer Ziegenalm im Harz. Wieso muss so etwas auch immer passieren, wenn ich nicht da bin? Oder das Kind in Spanien?

Doch noch bevor ich die Kleinfamilie ins Inchpapamobil lud, kam die entwarnende SMS, dass man wieder entlassen sei und am kommenden Mittwoch zur Magenspiegelung anzutreten habe. Wer Kinder so zwischen 17 und 27 hat, weiß, wie  Aufträge, Eltern über den Gesundheitszustand auf dem laufenden zu halten, befolgt werden. Genau. Gar nicht! Jedenfalls nicht aus freien Stücken. Immerhin, wann immer ich in den folgenden zwei Tagen nachfragte, erhielt ich eine Antwort. Eine knappe zwar, aber genug, um zu wissen: Das Kind lebt!

Vom Wohnort ist der Urlaubsort gut zu erreichen. Hinterm Park beginnt die Schnellstraße, dann auf der A38 bis in den Harz, dann immer die B4 entlang, dann einmal links durch den Wald, noch mal scharf rechts wieder durch Wald und schon ist Sophienhof erreicht.

Ein verschlafenes Nest, immerhin aber Schwerpunkt der Dorferneuerung, wie ich einem Schild entnahm. Vielleicht 20 Höfe, davon macht ein Viertel die Ziegenalm und dazu gehörige Ferienhäuser aus.

Da Kinder kriegen ja bekanntlich eine Epidemie ist, fortpflanzten sich eine erkleckliche Anzahl meiner Freunde just zur selben Zeit wie ich. Wahrscheinlich auch im selben Monat, denn gut die Hälfte der Früchte dieser Aktivitäten wurde im Februar geboren. So erlebte das Große Kind einige Geburtstage im Freundeskinderkreis.

Und nun, ein paar Jahre später, und da ja Kinder kriegen bekanntlich epidemisch verläuft, fortpflanzten sich einige der Großen Kinder fast zeitgleich. Was nun wieder uns Alten auf die Idee brachte, doch mal alles wieder zusammen zu bringen.

Ursprünglich war ja ein generationsüberspringendes Wochenende geplant. Aber das wäre uns Alten wohl zu anstrengend gewesen. Also nahmen wir die Eltern der Kleinkinder mit. Leider waren zwei Väter krankheits- bzw. arbeitstechnisch verhindert, so dass der Vater der Prinzessin in seiner Generation der einzige Vertreter seines Geschlechts war. Aber irgendwie passte das auch wieder, waren doch nur ein Großvater und ein Enkelsohn mit.

Wir haben uns trotzdem alle prächtig verstanden.

Das Wiesenhaus auf der Ziegenalm ist groß genug für Kinder, Enkel und Großeltern, es gibt 120 Muttertiere und, dank der Jahreszeit, jede Menge Zicklein. Vormittags und ab dem Nachmittag darf man die in den Ställen besuchen, tagsüber sind die meisten draußen auf den Weiden. So wie die Rinder und die Schafe. Die Wollschweine dagegen sind immer im Stall. Die stinken ganz furchtbar und sind so riesengroß, dass sie nicht nur den Kleinsten einen Schrecken einjagten. Es gibt einen Hofladen und ein Restaurant, Eis und Spielplätze. Und in Sophienhof selbst eigentlich keinen Verkehr. Das fiel sofort auf: Diese Ruhe.

Es gibt auch einen Grillplatz und zur Schmalspurbahn läuft man 1 km durch den Wald.

Als ich da so saß und Brockenbahn hörte, krähte ich ja sofort: Oh, der Brocken! Da war ich noch nie! Aber 21€ pro Fahrt und Person waren mir der Gipfel dann doch nicht wert, so begnügten wir uns mit einer Fahrt zur nächsten Station, nach Benneckenstein. Für die Kleinen ausreichend genug, das nicht langweilig zu finden. Schließlich ist die Lok eigentlich auch viel spannender und die sieht man nur, wenn man nicht im Waggon sitzt.

Unterwegs begegnete uns dann jener Panzer. Mit dem scheint man Rundfahrten machen zu können. Sehr merkwürdig.

In Benneckenstein dann allerhand altes Gefährt. Trabbis und Wartburgs und Moppeds und… Militärfahrzeuge. Wir machten uns Sorgen um die Freizeitbeschäftigung der Einheimischen. Ich meine, arm sah die Gegend nicht aus, fast alle Fachwerkhäuschen waren hübsch restauriert, der Bahnhof auch, es gibt Geschäfte und Cafés und einen großen Discounter natürlich.

Des Rätsels Lösung ist das ortansässige ostdeutsche Verkehrsmuseum, auf dessen Hof gerade so eine Art Markt stattfand für alte Kühlerhauben und Zündkerzen und so Kram.

Wir fanden die Eisenbahn dann doch spannender. Und die Ziegen natürlich. Die Prinzessin hatte so einen Spaß, dass sie teilweise von den possierlichen Tierchen ablenkte. Und für den Kleinen Herrn in der Runde fand sich dann auch noch ein Trecker.

Heute noch ein paar mehr Fotos. Wie immer gilt. Drauf klicken = groß gucken

 

Ziegen, Kinder, Eisenbahn

April 6, 2014

Wir sind übrigens mal wieder Zug gefahren.

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Im Harz.

Also Eisenbahn. So richtig mit Dampflok.

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Da haben wir unterwegs manch merkwürdiges Gefährt gesehen.

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Aber eigentlich waren wir wegen der Ziegen da.

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Und was es sonst eben noch so zu sehen und zu tun gibt an einem Wochenende auf einem Bauernhof. Und wir waren auch nicht nur mit einem Kind da.

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Aber davon erzähle ich Ihnen später.

Jetzt muss ich mich ausruhen.

Vorab ein paar Impressionen (Drauf klicken= groß gucken)

 

Einhundert Blätter Bärlauch

April 1, 2014

Vor ca 30 Jahren schickte mir eine Freundin aus Wien das „Handbuch für Selbstversorger“, von der Oma in Mainz wünschte ich mir Eve Maria Helms „Feld-Wald-und Wiesen-Kochbuch“

Das sind bis heute meine wichtigsten Ratgeber, wenn es darum geht z.B.: wohlriechende Veilchen zu sammeln und daraus Sirup herzustellen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls das Große Kind klein war und ich die Behörden austrickste, um sie nicht mit 6 Monaten schon in die Kinderkrippe geben zu müssen, sammelte ich bei unseren täglichen Spaziergängen fast immer irgend etwas, das sich als Speise, Würze oder Medizin eignete. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ja, auch im Winter bietet die Natur, nicht so reichlich, aber immerhin, außer natürlich, alles verschwindet unter einer dicken Schneedecke.

Auch als das Große Kind 18 Monate war, in die Krippe ging und ich zur Arbeit, durchstreiften wir die Wälder und Wiesen weiter auf der Suche nach nützlichen Dingen. Gänseblümchen, Löwenzahn, wohlriechende Veilchen, Holunder, Bärlauch, Brenessel, Ebereschen, Heckenrosen, Hagebutten, Brunnenkresse, Geißfuß, Wilder Rettich, Ochsenzunge, Rotklee, Schafgarbe, Spitzwegerich, Taubnessel, Wiesenbocksbart… Die meisten würde ich heute kaum  noch bestimmen können. Damals aber kannte sich das Große Kind so gut aus, dass sie, als sie einmal, 5-jährig, der Oma, die ihr Ebereschen gezeigt hatte, den Unterschied zwischen Eberesche und süßer Eberesche erklärte. Und es trank so gern heißen Holundersaft, den ich als Hustenmittel einsetzte, dass es noch in der Grundschule nach Hause kam, hüstelte, sich an den Hals griff und röchelnd erklärte, dass es ganz doll Husten hätte.

Damals entstand wohl mein Ruf als „Öko“ oder „Bio“ und ich höre heute noch manchmal, „Aber Du als Öko“, wenn ich irgendetwas tue, was ein „Öko“ nicht tut.

Zu den zwei genannten Büchern kam später noch eins über Hausmittel für Kinder. Daraus lernte ich, wie man Zwiebelsaft herstellt und bei Ohrenschmerzen anwendet, vor allem aber, wie man wann wo Wickel beim fiebernden Kind anlegt. Dieses Buch war mir noch nützlicher Ratgeber beim Kleinen Kind. Aus der Zeit der intensiven Pflanzen-, Blüten- und Früchtesuche sind das Sammeln des Holunders übrig geblieben und der Bärlauch, sowie der Wunsch, mal wieder an die alten Stellen zu gehen und nach dem wohlriechenden Veilchen zu schauen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAJetzt ist Bärlauchzeit. Und ich sammle ihn so, wie ich es aus den Büchern gelernt habe, trotz Internet. Obwohl, nachdem mich Zaphod klugerweise darauf hingewiesen hat, dass man anderen Sammlern, die eher ernten,  ja auch mal sagen könnte, wie es richtig geht, habe ich mal recherchiert. Die Meinungen, wann die beste Sammelzeit ist, gehen, das wundert mich, auseinander. Sicher sind sich aber alle internetten Ratgeber, dass man beim Sammeln immer ein paar Blätter und vor allem die Knospen stehen lassen sollte. Und ich, ich habe mir das fest vorgenommen, werde mich trauen und das unwissenden Sammlern sagen, wenn ich sie treffe.

Jedes Jahr im Frühjahr sammle ich 100 Blätter Bärlauch*. Das reicht bei mir für ein ganzes Jahr, da ich ihn, in Öl und Salz eingelegt, nur als Würze für andere Gerichte verwende.

100 Blätter Bärlauch, das reicht für ein mittelgroßes und zwei kleine Gläser. Jetzt, da die Kinder ausgezogen sind, dienen dies zwei kleinen Gläser als Geschenke. Raten Sie mal, für wen.

*Achtung: Bärlauch nicht mit Herbstzeitlosen oder Maiglöckchen verwechseln

 

Walken. Sonntags

März 30, 2014

Dicker weißer Nebel verschluckt die Stadt. Nur da, wo ich das Reichsgericht vermute, zeigt sich am ebenfalls vermuteten Himmel eine leichter Schimmer. Die Sonne, die den Nebel zu durchdringen sucht.

Gut.

An einem nebligen Sonntagmorgen wird der Park noch leerer sein, als an einem sonnigen Sonntagmorgen.

Ich schnappe mir die Stöcke und schleiche mich durch den Hinterausgang aus dem Haus und gelange unbehelligt in den Park.

Gut.

Ich beginne meine Runde, die nicht festgelegt ist. Der Takt der Stöcke begleitet mich. Nur sehr, sehr wenige Menschen treffe ich. Ein einsamer Radfahrer, der entweder zu einer Sonntagsschicht fährt oder von einer durchzechten Nacht heimkehrt, eine Frau, die ihren Hund Gassi führt, zwei Jogger. Falls sie mich auslachen sollten, verschluckt der Nebel ihr spöttisches Grinsen.

Aber sie lachen mich nicht aus. Ich weiß sehr wohl, dass ich mir die verächtlichen Blicke der Menschen, die mir beim Walken begegnen, nur einbilde. Trotzdem ziehe ich es vor, den Park mit Stöcken nur zu betreten, wenn mit weniger Verkehr zu rechnen ist.

Ein Sonntagmorgen ist so ein Zeitpunkt. Und wenn es neblig ist, fühle ich mich fast unsichtbar.

Im Johannapark treffe ich nur den Radfahrer, als ich den Clarapark erreiche, begegnen mir Frauchen und Hund und die zwei Jogger.

Ein auf einer Bank zusammengesunkener Betrunkener entpuppt sich beim Näherkommen als Papierkorb und als ich die Warze, einen im Winter bei Kindern beliebten Rodelhügel hinauf stakse, muss ich an die amerikanischen Krimiserien denken, die ich abends gern laufen habe. Leider schaffe ich es selten, so lange interessiert oder wach zu bleiben, bis der Mörder entlarvt und überführt ist, doch während die Missetat selber gezeigt wird, bin ich immer dabei. Und mir fällt ein, dass im Central Parc abgelegte Leichen immer von Joggern gefunden werden, von Spaziergängern oder Leuten, die ihren Hund Gassie führen. Ich überlege angestrengt, ob schon mal ein Walker einen Niedergemetzelten gefunden hat und kann mich nicht erinnern.

Gut. Das ist gut. Ich werde also keine traumatische Überraschung erleben. Obwohl, vielleicht gibt es ja in New York keine Walker? Habe ich in New York Walker gesehen? Ich kann mich nicht erinnern.

Aber das ist nicht New York und nicht der Central Park und auf der Warze erwartet mich keine Leiche, sondern die Überreste der letzten, einer Samstagnacht. Kaputte Bierflaschen, ein erkaltetes Lagerfeuer und die Reste eines Grills.

An der Sachsenbrücke macht sich ein Trio älterer Damen warm. Ihre Stöcke lehnen an der Steinbrüstung. Als ich gestern Abend hier lang fuhr zur Kleinfamilie, waren hier so viele Menschen, dass man die steinernen Bänke nicht sehen konnte. Jemand hatte auf der Straßenmitte einen leeren Bierkasten platziert und eine Fahrradpumpe. Ein Trio junger Männer spielte Klezhmer, junge Menschen saßen auf den Bordsteinkanten und den Brüstungen. Ich fragte mich ums wiederholte Mal, wann und wieso diese Brücke, ausgerechnet diese, so beliebt wurde. Nur 200 m weiter steht eine viel schönere. Aber vielleicht ist diese andere nicht breit genug. Und sie verbindet auch nicht die zwei Flussseiten mit den meisten Liegewiesen, von denen gestern Abend Trommelklänge, Gesang, Gitarren und die Rufe Ball oder Frisby spielender junger Männer herüber drangen, und die Luft den verführerischen Duft nach Fleisch und vermutlich allerhand vegetarischem durch den Park trug.

Jetzt liegen die Wiesen leer und verlassen unter dem dichten Nebel. Dort, wo er sich lichtet, zeigen sich die Spuren der letzten Nacht.

Nach der Brücke biege ich links ab. Früher, als ich noch joggen durfte, war das meine Lieblingsstrecke. Entlang des Elsterflutbettes. Walkend meide ich ihn eigentlich, denn der Weg ist schmal und die Stöcke sind jedem Radfahrer und Jogger ein ärgerliches Hindernis. Ich weiß das. Doch an einem nebligen Sonntag morgen treffe ich niemanden, dem ich ein Hindernis sein könnte. Aus dem Wald rechts dringt der Lärm der Vögel, aus dem Park links das klagende Krächzen der Krähen.

Ich biege ab und stakse auf schmalen Pfaden durch den Wald mit seinem Bärlauchteppich. Es wird Zeit, mir meinen Jahresbedarf sammeln zu gehen, denke ich und hoffe, nicht wieder auf Leute zu treffen, die den wilden Knoblauch im großen Stil ernten. Da sehe ich die Spuren dieser Art Sammler. Sie schneiden die Pflanzen büschelweise ab. Das, was dabei an „schlechtem oder nicht zu gebrauchendem“ in die großen Kiepen oder Al.di-Tüten gelangt, finde ich wenig später auf einem breiteren Waldweg. Idioten, denke ich. Wer macht so etwas? Ich möchte gern an Leute glauben, die das Zeug eher ernten denn sammeln und dann auf folkloristischen Märkten zu Geld machen, aber wahrscheinlich sind auch jede Menge hipper Ökoterroristen dabei. Schließlich ist es trendy, Bärlauch zu sammeln. Von Leuten aber, die einem Trend hinterher jagen, kann man, auch wenn sie diese Jagd in die Natur führt, keinen Respekt für eben diese erwarten.

Es ist so leer und neblig im Park, dass ich mich nach kurzem Zögern entschließe, den Trimm-Dich-Park zu erkunden. Leider sind die Schilder zugeschmiert und zugesprayt, teilweise so stark, dass man die Anleitungen nicht lesen kann. Das ist Schade. Man kann ja Trimm-Dich-Pfade und-Parks für dämlich halten, andere an der Benuzung zu hindern, ist aber genauso dämlich. Ich probier mich an ein paar Balance-Einheiten, teste so ein seltsames Gerät und habe meinen Spaß, da kommt ein Jogger, der die Sache hier ziemlich ernst nimmt. Über sein Stöhnen muss ich so gickern, dass ich fast vom Drahtseil falle. Ich schnappe lieber meine Stöcke und stakse weiter durch den Park.

Die Sonne hat es jetzt geschafft, auf den Lichtungen ist die Sicht nur noch hie und da von in Bäumen und Gebüschen hängen gebliebenen Nebelfetzen unterbrochen. Auf der Brücke begegnen mir die ersten schnatternden jungen Mädchen, ein Radfahrer breitet seine Decke auf eine der Wiesen aus.

Im Johannapark treffen die ersten Eltern ein, ihren Nachwuchs in Fahrradanhängern hinter sich herziehend.

Nicht mehr lange, dann wird der Park summen wie ein Bienenschwarm, der große Spielplatz an der Rennbahn wird überfüllt sein, in den Sandkästen werden junge und ältere Eltern ihren Kindern das Spielen beibringen, die Bänke werden besetzt sein von Lesenden und Liebenden, die Angler werden ihre Siebensachen packen und ihre Beute nach Hause tragen, auf den Wiesen wird man kauam noch einen Platz für seine Decke finden, auf der hinter der Eisdiele aber werden sich ausschließlich Eltern mit Kleinkindern niederlassen, 100 m weiter werden Teenager auf den Bordsteinkanten und Brüstungen der Sachsenbrücke hocken und warten, was der Tag so bringt.

Der Park ist bereit, all die luft- und sonnenhungrigen Städter aufzunehmen.

Ich aber stakse nach Hause, dusche und warte, dass die Prinzessin kommt. Nach dem Mittagsschlaf, denke ich, gehen wir in den Park. Auf den kleinen Spielplatz. Ich werde ein Buch mitnehmen oder Strickzeug und hoffen, dass auf einer der Bänke am Sandkasten noch Platz ist.

 

Suchtpotential

März 28, 2014

Falls jemand glaubt, ich hätte nach dem letzten Jahr genug von Baustellen, der täuscht sich.

Irgendwie hatte auch ich deren Suchtpotential unterschätzt.

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