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Der Herbst ist … laut

Oktober 30, 2014

21:00 Uhr, mir ist es viel zu warm in der Bude. Ich öffne das Fenster und hau mich wieder auf die Couch.
Doch was ist das für ein Krach da draußen? Kein Schnattern, eher so ein Jubeln wie bei einem Konzert. Konzert? Heute? Draußen? Nein, das singen Leute. Ganz viele Leute. Dann erinnere ich mich. Das sind Fangesänge. Fussball.fan.gesänge. Ach Du liebe Güte.
Als wir in den 70er Jahren zurück in die Stadt kamen, wohnten wir vielleicht 2 km Luftlinie vom Lokstadion entfernt. Da hätte man eigentlich nicht zum Spiel gehen brauchen, man hörte auch im Garten, wie es lief.
Später wohnte ich in einer WG gleich neben dem Zentralstadion. Da gabs zum Glück nur Länderspiele, aber dafür Sportfeste und anderes Gedöhns. Gegenüber Sportfesten und anderem Gedöhns waren mir Fußballspiele richtig lieb. Dauerte ja nur 2 Stunden der Krach.
Später, viel später, nämlich so um die WM herum, wohnte das Große Kind auch neben dem Zentralstadion. Also fast. Vier fünf Straßen weiter weg als damals, als sie noch das jüngste Mitglied der WG war. 2006, sagt sie, kam sie nicht nach Hause, wenn so ein Spiel vorbei war, weil sie keine Chance hatte gegen die ihr entgegen flutenden Menschenmassen.
So voll wird’s gestern nicht gewesen sein. Aber immerhin, dass ich Fußballspiele in meiner Wohnung höre, das hat es 2006 zum letzten Mal gegeben. Und alles wegen dieser merkwürdigen Brausemannschaft. Das ist ja doppelt ärgerlich. Ich schaue gleich mal im Netz. Da steht was von 0:1. Na bitte, durchhalten Aue. Doch der Jubel ist verdächtig. So viele Fans aus dem Erzgebirge können gar nicht angereist sein und nach Leipzig Zugezogene kommen grundsätzlich aus dem Westen.
Ich habe, während ich schreibe, schon wieder vergessen, wie der Endspielstand war, nur dass die Geldtruppe am Ende gewonnen hat, in der Verlängerung. Da hoffe ich mal auf die nächste Runde. Ich glaube, da kommen die Wolfsburger. Wenn ich mich recht erinnere. Sonst gucke ich ja nie den Sportteil im Frühstücksfernsehen.
Ich meine, nicht dass ich gegen die Brausetruppe bin oder gar Fußball. Aber nach einem Sommer quasi im Freibad habe ich mir Ruhe im Herbst und Winter verdient. Finde ich. Jedenfalls spätestens ab dann, wenn die da unten mit Laub wegpusten und einsaugen fertig sind. Das machen die nämlich auch immer abends.

Andere Zeiten, andere Tiere

Oktober 28, 2014

Ich habe ja schon viel in meinem Leben probiert und gemacht. U.a. habe ich Hunde ausgebildet. Damals nannte man das so, heute würde man wohl Hundetrainer sagen. Natürlich war das damals noch kein Beruf und man wurde auch nicht bezahlt. Gelohnt hat sich der Aufwand, neben dem Spaß, trotzdem. Als ich nämlich mal, als die Autobahn voll war wegen eines Manövers des Warschauer Pakts ( das war im Osten das, was heute die Nato ist), zwei vor mir eiernde PKW zusammen schob, kriegten wir rucki zucki einen Termin in der Werkstatt. Ich muss spät oder im Westen geborenen vielleicht erklären, dass damals die Versicherung schneller zahlte, viel schneller, als ein Termin in einer Werkstatt zu haben war. Aber weil ich irgendwann dem Boxer des Werkstattbesitzers Manieren beigebracht hatte, war das für mich damals kein Thema.
Damals, das war auch die Zeit, als man Menschen noch als den Chef des Rudels betrachtete und zur Erziehung der Hunde durchaus auch mal durchgegriffen, sprich: Zwang ausgeübt, werden durfte. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Wir haben die Hunde nicht verprügelt, es wurde auch sehr viel mit Futter gearbeitet, aber es war zum Beispiel ein sehr probates Mittel, ein Stachelhalsband zu verwenden. Uuaah, ich höre die Tierliebhaber schon aufschreien. STACHELHALSBAND! Das Grauen. Das Grauen überkam mich auch jedes Mal, wenn ich Otto Meier mit Fiffi spazieren gehen sah, mit umgelegtem Stachelhalsband. Aber zur Erziehung, und nur dazu, war es erlaubt. Da, wo es Sinn machte. Meinen einen Boxer zum Beispiel habe ich fast nur über Futter erziehen und trainieren können. (Übrigens gabs damals noch keine abgepackten Leckerli in jedem Discounter, die mussten erst mal selber hergestellt werden). Zwang hätte da gar nicht geholfen. Den Charakter des Hundes zu erkennen und die jeweils passende Methode anzuwenden, war das Zaubermittel. Damals wie heute.
Denn, obwohl ich keinen Hund habe, weil ich ein Gegner von Vollzeitjob + Hund + Stadtwohnung bin, und auch die Katze mir nur zugeschoben wurde und ich ernsthaft darüber nachdenke, mir noch eine zweite zu holen, was mich zwar noch abhängiger macht, aber deutlich Millis Langeweile während meiner täglichen Abwesenheit entgegen wirken und damit ihre Lebensqualität erheblich erhöhen würde, sehe ich nach wie vor gern Dokus und Sendungen über Hunde, deren Erziehung, Gnadenhöfe usw. Ich betrachte die meisten dieser Beiträge als ständiges Fortbildungsprogramm, auch wenn ich gar keinen Hund habe. Ich guck sogar den Martin Rütters, Sie wissen schon, den Hundeprofi. Also nicht immer. Aber ab und zu. Und lerne jedes Mal dazu. Es gibt natürlich auch andere Serien, da überkommt mich das pure Grausen, wenn ich das sehe, und bei denen aus den USA importierten bleibt mir nur ein fassungsloses Erstarren. Ich verstehe ja, dass sich unser Verhältnis zum Hund geändert hat, aus dem Gebrauchstier und Partner ist ein Lieblingstier und Kindersatz geworden. Trotzdem, Hunde sind eben doch keine Menschen.
Das ist wie mit Milli the Cat. Ich könnte der natürlich sehr lang und breit und immer wieder und sehr geduldig und liebevoll erklären, dass meine nackten Füße weder Spielzeug noch Jagdbeute sind, und sie jeden Morgen und jeden Abend BITTEN, nicht hineinzubeißen. Aber mal ehrlich, glauben Sie, dass das helfen würde? Ich habe mich bezüglich des Problems belesen (Katzenprofis und Katzenflüsterer hat das Fernsehen ja noch nicht entdeckt).
Hm.
Also.
Laut NEIN sagen, die Katze nehmen, vor die Tür setzen und diese schließen. Das klingt gut und plausibel. Laut NEIN sagen klappt auch gut. Sich nehmen und vor die Tür setzen lassen hat Milli allerdings nur einmal. Beim nächsten Mal hat sie nach meiner Hand gebissen. Ah, laut NEIN sagen. Habe ich auch, nur dabei leider auch los gelassen. Tat eben weh. Da bleibt nur eins, immer Schutzhandschuhe aufsetzen, wenn die Füße nackt sind, damit ich schnell und ohne loszulassen nach der Katze greifen könnte, was, Sie werden mir sicher zustimmen, eher schwer durchzuführen ist. Auch möchte ich nicht den ganzen Tag mit einer Wasserpistole rumrennen (wobei die Wasserpistole unter Katzenfreunden auch sehr umstritten ist). Ich muss also meine Katze anders behandeln als ein Kind. Ich tue ihr weh. Jawoll. Ich tue ihr weh. Beißt sie mir in die nackten Füße, trete ich nach ihr. Natürlich sage ich gleichzeitig laut NEIN, in der Hoffnung, dass irgendwann das NEIN allein ausreicht. Und ich trete natürlich so, dass sie wenigstens eine halben Meter von meinen Füßen weggeschubst wird.
Sie dürfen mich jetzt verklagen. Aber soll ich Ihnen was sagen?
Es hilft schon ein bisschen. Gestern, nach nur zwei Tagen „Training“, hielt sie beim ersten lauten NEIN inne. Ich machte vorsichtig einen Schritt. Auch das zweite laute NEIN half. Beim nächsten Schritt hatte sie mich allerdings. Aber, ich bin frohen Mutes, ich gebe uns noch eine Woche, dann können wir uns auf das nächste Ausbildungsziel, ihr mich unvermitteltes Anspringen und in den nackten Arm beißen, konzentrieren.
Übrigens, um wieder auf Hunde zurück zu kommen, sah ich neulich eine Doku über so ein Training für Hunde, die, aus welchen Gründen auch immer, völlig am Sender drehten. Alle Besitzer hatten es schon in Hundeschulen versucht. Nun waren sie also hier. Der Trainer bildete noch so aus, wie ich es von vor 30 Jahren kenne. Die Besitzer zeigten sich zwar erst etwas skeptisch, waren dann aber begeistert vom Erfolg. Es scheint, als wöllten manche Hunde nicht unser Kindersatz sein.
Nun, das sind aber eben unterschiedliche Auffassungen. Unser Verhältnis zum Tier hat sich geändert, und es wird sich weiter ändern, je weiter wir uns von der Natur entfernen. Und wenn wir Tiere heute anders sehen, warum sollen sich dann nicht Erziehungsmethoden (ich weiß gar nicht, ob dieser Ausdruck noch politisch korrekt ist, oder ich lieber Trainingsmethoden sagen sollte) ändern?
Nur, wenn dieses Training Hunde gefährdet, fehlt mir jedes Verständnis.
Wie ich schon anfangs erwähnte, bildete ich Hunde früher selber aus, und wundere mich als ehemaliger, man würde heute Hundetrainer dazu sagen, doch über manches. Nicht nur im Fernsehen. Ich begegne Hunden und ihren Besitzern ja häufig genug im Park, auf der Straße, im Haus.
Und so sah ich schon das ganze Jahr Hunde, die links von ihrem radelnden Herrchen oder Frauchen liefen. Auf der Straße. Links! Also da, wo die Autos fahren. In denen Autofahrer sitzen, die eigentlich keine Chance haben, den Hund zu sehen.
Nachdem ich das zwei drei Mal mit Entsetzen beobachtet habe, konnte ich nicht mehr, schob mich neben so eine Radfahrerin und entschuldigte mich sehr höflich, dass ich mich einmische, aber ich hätte früher selber Hunde ausgebildet und wüsste daher, der gehört beim Radfahren auf die rechte Seite. Weg vom Verkehr. Ja, antwortete die junge Frau, ebenso höflich, aber in der Hundeschule habe sie gelernt, links. Auch beim Radfahren, jaja, links.
Kann mir das mal jemand erklären?

Werbung oder Zynismus?

Oktober 27, 2014

Letztens, als ich das Kleine Kind in Dresden besuchte, stolperten wir beim Spaziergang über diese Werbung.

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Weil ich wegen Geburtstag mit der gesamten Familie angereist war und wegen Einweihung der neuen Wohnung auch noch die des Freundes des Kleinen Kindes, waren wir eine ziemlich große Gruppe. Spaziergang in Familie, da bleibt nicht viel Zeit, ordentlich zu fotografieren. Der vollständige Spruch lautet

Dies ist eine unserer Insolvenz-Immobilien

und er ging über die gesamte Breite des Gebäudes.

Ich bin immer noch ein bißchen sprachlos ob des Zynismus. Oder bin ich zu empfindlich?

Die letzte Radtour

Oktober 26, 2014

Bevor also die Jahreszeit beginnt, da man nur noch zur Arbeit mit dem Fahrrad fährt, entschlossen wir uns zu einer letzten Radtour. Und da wir das am Freitag  auf einer Party beschlossen, die nach Auskunft der Gastgeber bis ca 5.00 Uhr morgens gedauert haben soll und auch mindestens drei der Teilnehmer der Radtour mindestens bis 4.00 Uhr anwesend waren, wählten wir weise eine kleine Tour. Und starteten auch erst am Nachmittag. Eigentlich wollten wir auch nur ein paar näher liegende Lieblingsfreisitze im Süden abradeln. Schon der erste in Gaschwitz hatte wegen Urlaub geschlossen. Also weiter zur Bistumshöhe. Um den Aussichtsturm auf dem Hügelchen gruppieren sich Wigwams, Lagerfeuerstelle und Grill, und bei Bisonbratwurst oder Crêpe Maroque kann man, auch ohne auf den Aussichtsturm zu steigen, rüber zum Vergnügungspark Belantis gucken. Trotz Herbst wird das bunte Treiben glücklicherweise meist von Bäumen verdeckt. Aber das Gekreische dringt herüber, und in gleichmäßigen Abständen sieht man so ein rundes Ding mit Körben voller sich fürchtender Passagiere sich kreiselnd über die Bäume erheben. Ein seltsamer Gegensatz zum Wildwestfeeling der Bistumshöhe.

Der Wilde Hecht am verlandeten Elsterstausee heißt ja heute Zum Flotten Radler. Ein ziemlich unkreativer Name, aber dazu schrieb ich hier schon. Trotzdem, wir waren froh, drinnen sitzen zu können, denn so gegen 17:00 Uhr ist es doch schon alt und Name hin, Name her, auch er verdiente einen jahresabschließenden Besuch.

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Wir haben das Problem aber gelöst und sind nach einer letzten Einkehr gut zu Hause angekommen. Nervig ist es allemal.

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Überlebenskampf

Oktober 22, 2014

Wenn man sich wie ich hauptsächlich radelnd durch eine Stadt begibt, setzt man sich einem täglichen Überlebenskampf aus. Das wurde mir heute wieder bewusst, als mich eine Straßenbahn so abdrängte und zum Sprung vom Rad zwang, dass nicht nur ich mir gefährdet vorkam, sondern auch ein Passant sein Entsetzen verbal äußerte. Kopfschüttelnd teilte er mir noch mit, dass er solche Szenen hier jeden Tag beobachte.
Da kam mir eine Umfrage des ADFC nach der Fahrradfreundlichkeit der Städte gerade Recht. Leipzig hätte schon in vergangenen Umfragen eher schlecht abgeschnitten und hintere Plätze belegt, las ich im Begleitschreiben. Nun, ich habe nicht geholfen, das Ranking zu verbessern. Sorry.
Ich hoffe ja, dass so ein Negativimage die Oberen dazu bewegt, etwas zur Verbesserung des Ansehens zu tun. Natürlich können aber in so einer Umfrage nur allgemein gültige Fragen gestellt und beantwortet werden und es ist fraglich, was Verantwortliche daraus ablesen und wie sie es umsetzen. Da ich in letzter Zeit häufig die Produkte öffentlichen Bauens begutachten durfte, zweifle ich stark daran, dass solche Entscheidungen über das Wie und Wo von kompetenten Entscheidern getroffen werden. In diesem Fall von Radfahrern zum Beispiel. Ich meine, von solchen, die täglich fahren und nicht nur am Wochenende, wenn die Sonne grüßt. Solche sollten sich in Leipzig eigentlich zur Genüge finden, denn auch wochentags sind manchmal so viele durch mehr oder weniger Muskelkraft betrieben Zweiräder unterwegs, dass es an Kreuzungen zu Staus kommt. Ja, zu Staus! Da hat man Mühe, noch über die kurze Grünphase zu kommen.
Aber natürlich gab es auch bei dieser Umfrage die Möglichkeit, ganz am Schluss noch ein paar Bemerkungen hinzuzufügen. Und da wies ich auf die teilweise Unsinnigkeit der Anordnung von Radwegen hin (ich beschrieb das schon einmal hier), und, weil ich da wirklich jedes Mal froh bin, das überlebt zu haben, auf die Kurt-Eisner-Straße im Berufsverkehr. Dort gibt es nämlich auf einem kurzen Stück keinen Radweg, auch keinen auf die Straße gemalten. Dort ist der Fußweg zu schmal, um auf ihn auszuweichen. Ich befahre ihn mindestens einmal wöchentlich in Richtung Schleußig, wenn ich direkt von der Uni zur Kleinfamilie radele. Ganz, ganz am Anfang, habe ich mal einen lebensgefährlichen Fehler gemacht. Ich überholte einen an der Haltestelle stehenden Bus! Der störte sich nicht daran, scherte aus, drängte mich auf die zweite Fahrbahn und fuhr los (ich nehme doch an, dass er ordnungsgemäß geblinkt hat…, als ich neben ihm war). So radelte ich bis zur nächsten Ampel zwischen Autos und Bus eingekeilt um mein Leben fürchtend, den Tränen nah, ziemlich verzweifelt, denn natürlich machte auch kein Autofahrer Anstalten, mal zu bremsen und mich hinter den Bus zu lassen.
Gut, so einen Fehler macht man nur einmal. Zum Glück habe ich tatsächlich Gelegenheit, ihn nicht zu wiederholen. Geduldig warte ich hinter jedem wartenden Bus, egal wie lange das dauern mag. Trotzdem habe ich Angst auf diesem Stück Straße.
Aber, ist ja nur durchschnittlich einmal pro Woche.
Wochentäglich dagegen fahre ich ins Büro. Und da teile ich mir auf einem kurzen Stück die Straße mit den rechts parkenden Autos und der links von mir fahrenden Bahn. Ich bin ja nicht lebensmüde, deshalb warte ich heimwärts oft an der Haltestelle, dass die Bahn zuerst in die Straße fährt. Sollte ich doch schon dort sein, rase ich zu einer der zahlreichen Einfahrten ins Klinikum, biege ein und lasse die Bahn vorbei. Manchmal aber bin ich schon zu weit. Manchmal kommt da keine Einfahrt mehr und auch keine Parklücke. Auf dem Weg zur Arbeit sowieso nicht. Da bin ich auf, ja, was ist das, Rücksichtnahme? Intelligenz? der Straßenbahnfahrer angewiesen, darauf, dass sie geduldig hinter mir her trotten, bis ich ausweichen kann. Ich möchte betonen, dass die meisten das machen. Und die anderen… eigentlich höre ich schon, ob ein Fahrer bremst oder nicht. In letzterem Fall gebe ich nach und bringe mich rechtzeitig in Sicherheit, d.h. ich steige ab und warte stehend. Manchmal aber verpasse ich das. Heute zum Beispiel. Heute also klemmte zwischen parkenden Autos und vorbei fahrender Bahn. Da reicht ein kurzer Schlenker. Oder ein zu großes Erschrecken. Ein leichtes Kippeln beim hektischen Absteigen.
Aber eigentlich fühle ich mich wohl auf dem Rad. Und sicher. Auch in Leipzig. Nur an manchen Stellen eben. Bedenklich scheint mir, dass an zwei der mir häufiger vorkommenden Situationen Menschen beteiligt, ja die Ursache meiner Gefährdung sind, die eine Personenbeförderungerlaubnis haben. Menschen also, die in ihrem täglichen Berufsleben für die Sicherheit anderer verantwortlich sind.

Auch Schlübbitage bilden

Oktober 19, 2014

Man sollte nicht meinen, wenn man den ganzen Tag vorm Fernseher abhänge, verblöde man (nur).

Aber nicht über die Mattscheibe huschende Dokumentationen über das Sexualleben von Elefanten oder das Ich-Bewusstsein von Rabenvögeln bestätigten oder erweiterten mein Wissen an heutigem Schlübbitag, sondern, eine Kasachische Nomadin, die so ganz nebenbei, während sie über die Kamelzucht sprach, Manti formte. Manti, Sie erinnern sich, das sind die Brüder und Schwestern der Buusy, nur mit ohne Loch. Die Kasachische Nomadin formte die Manti übrigens genauso wie Buusy. Mit Loch. Weswegen ich mir nicht sicher bin, ob es tatsächlich Manti waren, was sie da zubereitete, oder sich die Filmcrew einfach nicht die Mühe gemacht hatte, nach dem richtigen Namen der Buusy zu fragen bzw. sich diesen zu merken, sind die in Deutschland doch eh unbekannt.

Vorher nämlich sah ich eine Dokumentation über Olchon, die Insel auf dem Baikal, auf der ich unlängst ein paar Tage verbrachte. Die Reportage war von 2014 und erzählte von vier jungen Deutschen, die im Winter ein Café betrieben hatten, das Café Baikal, und zwar in Chuschir, also genau da, wo ich unlängst ein paar Tage verbringen durfte. Vier Wochen waren sie da und die Idee stammte von Nikita. Ja, jenem Nikita. Ein höchst interessanter Film. Nur zwei Dinge wunderten mich: Erstens sprach der Sprecher immer nur vom Christentum und dem Schamanismus, so als gäbe es den Buddhismus nicht. Aber vielleicht dachte man sich auch: weiß in Deutschland eh keiner und Schamanismus klingt allemal besser als Buddhismus und wieso noch eine dritte Religion ins Spiel bringen? Zweitens wurde mehrmals betont, wie wichtig das Café für Chuschir sei und das es weitergeführt werde, auch nachdem die Deutschen um Ostern herum die Insel wieder verließen, schließlich bräuchte der Ort ein Café. Das wunderte mich, denn ich war nur ein paar Tage dort und fand sicher viele Dinge, die das Dorf noch brauchen könne. Einen Mangel an Cafés dagegen hatte ich nicht bemerkt. Insgesamt aber, das möchte ich betonen, war das ein sehr schöner Film. Und positiv. Und vielleicht ist es ja auch wirklich egal, wie viele Cafés Chuschir hat, weiß in Deutschland eh keiner und klingt vielleicht auch besser, wenn da ein paar junge Deutsche, na Sie wissen schon.

So lernte ich also nicht nur, wie eine kasachsiche Nomadin die Manti-Buusy formt, sondern auch, was in Reportagen wichtig ist. Und da sage mal einer, Schlübbitage seien Verschwendung.

Ach. Sie wissen gar nicht, was das für ein Tag ist?

Na einer, an dem man nicht die Wohnung verlässt. Unter.gar.keinen.Umständen!

Und hofft, dass kein Besuch kommt. Einer, an dem man sich maximal zur Couch schleppt. Am besten aber, man bleibt im Bett. Mümmelt rum, liest, zappt sich durchs Fernsehprogramm, spielt sinnfreie Computerspiele. Und das alles ohne Not. Also nicht zum Beispiel, weil man ein Gebrechen hat, oder nichts zum Anziehen. An solchen Tagen werden auch keine Fenster geputzt oder sonstige Hausarbeiten erledigt. Und sie sind natürlich völlig unabhängig vom Wetter, so schön das auch sein mag.

Ihnen allen einen schönen Start in die neue Woche. Ich starte sehr ausgeruht.

Altbekannt und überraschend

Oktober 18, 2014

Jetzt komme ich in den Teil des Stadtteils, den man als Leipziger mit dem Namen Gohlis verbindet. Villen, herrschaftlich bürgerliche Häuser, Gründerzeit, das Gohliser Schlösschen, Schiller… nicht die Krochsiedlung oder gar die Georg-Schuhmann-Straße (obwohl letztere natürlich auch durch diesen Teil führt).

Gohlis-Süd mit dem alten Ortskern. 1890 kam die bis dahin selbstständige Gemeinde, die vermutlich als Dorf von sorbischen Siedlern schon im 7. Jahrhundert gegründet wurde, zur Stadt Leipzig. Um die Wohnungsnachfrage der schnell wachsenden Leipziger Bevölkerung zu decken, wurden in den 1920er und 1930er Jahren neue Bebauungsflächen erschlossen. U.a. entstand die schon erwähnte und beschriebene Krochsiedlung.

1992 wurde der riesige Stadtteil in drei Ortsteile aufgegliedert: Nord, Mitte und Süd.

Hier im Süden, wo ich mich jetzt befinde, arbeite Friedrich Schiller am 2. Akt des „Don Carlos“ und an einer ersten Fassung der „Ode an die Freude“. Aber ich werde Ihnen nicht das Schillerhaus zeigen und auch nicht das Gohliser Schlösschen, das finden Sie in jedem Reiseführer über Leipzig.

Ich will Sie ja teilhaben lassen an meiner Entdeckungsreise. Und die birgt einige Überraschungen. Zum Beispiel sind gar nicht alle Häuser saniert. Einige sind sogar in einem mehr als bedauernswerten Zustand. Hoffentlich fangen die nicht irgendwann ausversehen an zu brennen. Vor 8 Jahren passierte das ja schon einmal einigen alten, stark sanierungsbedürftigen, denkmalgeschützten Gebäuden.

Völlig überrumpelt werde ich von der Begegnung mit der Freien Oberschule Gohlis. Die entstand 1997 und mir ist nicht ganz klar, ob sie in Konkurrenz zur Freien Schule Leipzig oder als Alternative zu ihr gegründet wurde. Jedenfalls ging das Große Kind ja im 1. Schuljahr an die Freie Schule, die war da noch in der Südvorstadt. Irgendwo in diesem Blog schrieb ich darüber.

Am Kirchplatz bin ich etwas verwirrt, Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde? Ist die Michaeliskirche nicht am Nordplatz? Ich war da eine Zeitlang als junger Mensch. Sollte ich nicht gewusst haben, im Keller welcher Kirche ich mir furchtbar subversiv vorkam? Zu Haus gucke ich bei Tante G. und finde heraus: Friedenskirche, 1871 begann man mit dem Bau im neugotischen Stil für die gerade entstandene eigenständige Kirchgemeinde, die 1999 (da war ich längst nicht mehr jung genug, um in irgendwelchen Kirchenkellern charismatischen Rauschebärten jeden Mist zu glauben) mit der Michaelisgemeinde fusionierte.

Und natürlich, obwohl Sie DIE Kneipe auch in jedem Reiseführer finden werden, erlaube ich mir doch ein Fotöchen hier zu zeigen. Die Gosekneipe „Ohne Bedenken“. Ich persönlich mag Gose ja überhaupt nicht, ein obergäriges Bier, das laut Wiki vor allem in der Gegend Dessau, Leipzig, Halle getrunken wird. Nun ist das alles eine Ecke, trotzdem kenne ich Gose nur hier in der Stadt, allerdings, das gebe ich zu, suche ich auch nicht in den anderen zwei genannten nach der Brühe. Wie ich schon sagte, ich mag es nicht. Aber die Kneipe hat einen hübschen Freisitz, wo man durchaus auch andere Biere trinken kann.

Auf einer Distanz von 700 Metern erinnern Stolpersteine an das Schicksal drei jüdischer Familien.

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In der Menckestraße lebte der Kaufmann Louis Henry Cohn mit seiner Ehefrau Paula und den Söhnen Ernst und Günther. Alle vier waren waschechte Leipziger, alle vier waren in der Stadt geboren. Die Eltern waren nach Gründung der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ dort angestellt. Ein Fluchtversuch im Mai 1940 misslang. Louis Cohn wurde am 11.11.1942 verhaftet und einen Monat später nach Auschwitz deportiert, wo er am 6. Februar 1942 im Alter von 47 Jahren ermordet wurde. Seine Frau musste zunächst Zwangsarbeit in der Roscherstraße 19 verrichten. Am 17.2 1943 wurden sie und ihre Söhne zunächst nach Berlin, dann nach Auschwitz deportiert, wo sich sowohl ihre Spur als auch die ihres älteren Sohnes verliert. Günther Cohn wurde am 24.5.1943 im Alter von 19 Jahren ermordet.

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Nur 400m sind es zum Poetenweg 15, dem letzten Wohnsitz der Familie Philippsohn. Der Kaufmann und Bankangestellte Walter Philippsohn wurde in der Folge der Pogromnacht im Rahmen einer „Sonderaktion“ am 12.11.1938 verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert. Offensichtlich kann er wieder frei, denn am 27.2. 1943 wurde die gesamte Familie zunächst nach Dresden-Hellerberg und am 1.3.1943 weiter nach Auschwitz deportiert, wo sich ihre Spur verlor. Walter Philippsohn wurde 46, seine Frau Erna Philippsohn 43 und ihr gemeinsamer Sohn Werner Philippsohn 16 Jahre alt.

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Weitere 300m stehe ich in der Ehrensteinstraße 32 vor den Stolpersteinen, die an die Familie Gattermeyer erinnern. Der Bankdirektor Hermann Gottfried Gattermeyer uns seine jüdisch-stämmige Frau Lilli Meyer wurden 1926 in München getraut. Zwei Jahre später wurde ihre Tochter Gertraud geboren. Seit 1937 lebte die Familie in der Ehrensteinstr.32 in Leipzig. Die Aufforderung, sich in der Sammelstelle zum Transport nach Theresienstadt einzufinden, erhielten alle drei am 12.2.1945(!). Drei Tage später entzog sich die Familie diesem Schicksal durch den Freitod.

 

Bisherige Abschnitte:

Der Norden, ein weißer Fleck     tief im Norden     Stadt Dorf Widerstand

form follows function     Drei Geschichten vom Mut

Das Leid der Mütter     Eu, die Rietzschke     Unerwünschte Nachbarn- Gerstern und heute

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