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Ride your Bike like an Amish (27.07.2013)

September 11, 2013

Samstag.

Nach dem Frühstück fragen wir die ausgewechselte Rezeptionistin noch mal nach einem Fahrradverleih. Die glaubt auch nicht an so was, schickt uns aber zu Ernie’s Bicycleshop. Und um den Gestank in unserem Zimmer will sie sich auch kümmern. Das blöde ist, dass man in vielen Motels die Fenster nicht öffnen kann, wegen der Sicherheit. Da ist so eine Air Condition schon sehr existenziell, will man nicht im Bett vor sich hinschmelzen, ganz abgesehen von den Gerüchen, die sich in einem unbelüfteten Zimmer im Hochsommer bilden. Wir durften die letzte Nacht immer zwischen Uringestank und unerträglicher Hitze wählen.

Dabei ist es draußen gar nicht so warm. Es regnet sogar. Also, man kann schon in kurzen Hosen Richtung Fahrradladen wackeln, aber im Vergleich zu den vergangenen Tagen, ist es doch erfrischend angenehm.

Wir kommen am Aldi vorbei. Da steht er wahrhaftig. In Rolla hatte Norm uns von dem Deutschen Lebensmitteldiscounter vorgeschwärmt, was uns leicht irritiert nur höflich lächeln ließ. Jetzt steht hier, in New Philadelphia/Ohio, dass niemand, außer ein paar Busfahrer, und denen gegenüber mussten wir auch immer betonen, dass wir NEW Philadelphia meinten, kannte, tatsächlich und wahrhaftig ein Aldi. Ungläubig betreten wir den ziemlich großen Supermarkt. Fast vergessen wir Ernie.

Aber dann besinnen wir uns, rennen raus und weiter die Hauptstraße lang. MEILENWEIT! Ehrlich.

Wir laufen uns die Füße wund. 4th Street, High Avenue, ganz am Ende.

Und wirklich: Ernie vermietet Räder! 20 Dollar pro Tag. Seit Juni! Am liebsten würden wir ihm um den Hals fallen. Mach ich natürlich nicht, aber das Grinsen krieg ich den ganzen Tag nicht mehr aus dem Gesicht.

Jetzt fahren wir doch noch mal zum Aldi. Ich muss wissen, wie lange es die Kette hier schon gibt. Seit 1976 oder so! Unglaublich. Wir kommen aus Aldiland, sagt die Cousine, als der Kassierer uns nach dem Woher fragt und er freut sich.

Dann aber ist es Zeit, raus zu fahren, ins 11 Meilen  entfernte Sugarcreek. Trotz Dauerniesel.

Wir fürchten uns über die riesige Kreuzung am Truckstop und weil wir keine anständige Karte haben, weiter auf der OH-39-E. einem High- bzw. Freeway.  Zwar hat Ernie uns Helme aufgezwungen und ich bin für meinen auch extrem dankbar, trotzdem ist das Radeln hier furchterregend, zumal die Autofahrer von uns so verwirrt sind, dass ich ständig Angst habe, mich fährt gleich einer um, weil er zu perplex ist, zu reagieren. Besonders Richtung Dover ist die Hölle los. Dann finden wir eine kleine Abkürzung. Dann landen wir wieder auf diesem blöden Highway. 1,5 Meilen fürchten wir uns bis zur Old Route 39. Die führt durch Wald und an einzelnen Häusern vorbei, ist kurvig und, verdammt, ziemlich hügelig.

Amischen sehen wir keine.

Allerdings irgendwo ein Hinweis-Schild zu einem Amischen Weingut, doch das Tor ist geschlossen und das Weingut liegt ganz offensichtlich hinter dem Hügel.

Fahren wir eben zu den Breitenbach- Weinkellern.

Es ist entsetzlich! Lila Häuschen und Schnitzwerk, wir kommen uns vor wie in Disneyland. Und der Parkplatz vor der Gaststätte ist mehr als gut gefüllt.

Trotzdem, ich habe Hunger. Doch im Restaurant ist kein Platz und im Café müssten wir 20 min auf ein Sandwich warten.

Nein, wir fahren weiter und stolpern nur ein paar Meter weiter über die nächste Peinlichkeit. Irgendwas mit Swiss Heritage und Edelweiß und einem prämierten Käse. Wir lassen das Schweizer Dingsda links, nein rechts liegen.

Zwei Amische fahren in ihrer Kutsche, dem Buggy, vorbei und grüßen uns. Na endlich!

Auf nach Sugarcreek!

Dort im Dutch Valley Inn herrscht zwar auch Tourismus pur, aber auf uns wirkt es doch irgendwie authentischer. Einer der zwei  Amische, die wir unterwegs getroffen haben, fährt vor und fragt  uns, ob wir die Biker seien und wir schwätzen ein bisschen.

Er fährt Touristen durch die Gegend. Die gibt es hier zuhauf. Manche lassen sich direkt bis vor die Tür fahren,  quälen sich aus dem Auto, mühen sich die drei Stufen zur Veranda hoch, watscheln ins Restaurant und besuchen nach dem Essen noch den Giftshop.

Im Restaurant bedienen ausschließlich Frauen, manche, vor allem die jungen Mädchen, sind Amische.  Und es gibt regionale Küche. Alle Zutaten, so wirbt das Restaurant, stammen von Amischen Farmen.

Also Bio, schlussfolgert die Cousine. Ich nehme an, sie hat Recht. Obwohl ich natürlich weiß, dass es auch in den Städten Amische und Mennoniten gibt, denke ich doch, dass die auf dem Land, die, die in den Buggies rumfahren, auf Elektrizität verzichten. Und natürlich auf Autos. Und jetzt fahren hier schon wieder welche in ebensolchen vor! Was soll das? Wieso sind die so modern und wiederlegen mein gut gehütetes Klischee? Sind die alle aus der Stadt? In Städten, das weiß ich, passen sich die Gemeinden ihrer Umgebung an. Jedenfalls soweit es notwendig ist.

In der Bakery habe ich Käse gekauft, ja in der Bakery, und im Giftshop eine ordentliche Karte mit Nebenstraßen und Trails. Ich sitze auf der Veranda und frage mich all diese Fragen und vor allem, wer sie mir beantworten kann. Die Cousine ist wohl noch im Laden.

So sitze ich da, grüble und studiere die Karte.

Zurück fahren wir über den Schilling Hill, was anfangs wie ein ziemlich blöde Idee klingt, denn das Ding ist verdammt steil und unsere Räder, die ja eher so Spaßdinger sind, haben nur drei Gänge. Aber dann geht es sicher 5 Meilen nur bergab! Da ist es manchmal richtig Schade, wegen eines Fotos anzuhalten.

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12 Kommentare leave one →
  1. September 11, 2013 11:58 am

    Die passende Musik zu deinem Post: The Electric Amish! Bis zu Weird Al Yankovic´s – Amish Paradise dauert es wohl noch ein bisschen 🙂
    Ich bin gespannt

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  2. Anja permalink
    September 11, 2013 3:56 pm

    ALDI ist cool und sehr günstige Preise. Hier in den Staaten gibt es nur ALDI-Sued. ALDI-Nord (mit dem blauen Emblem wie ja auch in Leipzig) ist hier Trader Joe’s und soetwas wie ein gehobener Lebensmittel-Laden zu erschwinglichen Preisen mit viel Bio-Produkten. An Weihnachten ist ALDI von den deutschen Expats hoch frequentiert – da deckt man sich mit Lebkuchen etc. ein. Jetzt zur Oktoberfestzeit gibt es „Deutsche Küche“ im Angebot, zum Beispiel Nuernberger Bratwuerste. Ansonsten wie in Deutschland auch jede Woche (z.B. Garten- oder Küchenkram) Angebote mit deutscher Anschrift fuer den Service. Gibt es sogar Radiowerbung für. Habe ich erst gar nicht erkannt, weil ALDI hier natuerlich wie OLDIE ausgesprochen wird (mit halb verschlucktem L). Leider liegt ALDI oft in Gegenden, wo die nicht so Betuchten wohnen. Das Umfeld ist daher oft – naja. Im Staat New York (u.a.) gibt es eine Ruecknahmepflicht fuer Glas- und Plastikflaschen sowie Alu-Dosen. Da stehet dann im ALDI genau der gleiche Pfandautomat wie man es aus Deutschland kennt. Allerdings gibt es nur 5 cent pro Flasche.

    Die Amishen und Mennoniten sind u.a. auch in Pennsylvania (Lancaster County) und im State New York zahlreich vertreten. Wir waren dieses Jahr in der Finger-Lake Region im Urlaub. Da gibt es auch Verkehrsschilder, die vor dem Auftauchen von Kutschen „warnen“. Amishe Jugendliche koennen in Ermangelung eines Autos nur Fahrrad fahren oder laufen. Im Urlaub haben wir daher viele Fahrradfahrer gesehen, die in der bruetenden Mittagshitze meilenweit auf dem Highway-Seitenstreifen unterwegs waren. Vielleicht sind die Gemeinden in Ohio da toleranter, was das Autofahren angeht. Wir profitieren hier in New Jersey übrigens sehr von den Amishen (die hier unter Pennsylvanian Dutch – also Ex-Holländern – firmieren) in Form der vielen Farmer’s Maerkte. Das Fleisch und die Wurst sind sehr lecker. Man fühlt sich dort um 100 Jahre in der Zeit zurück versetzt. Allerdings müssen sie dort Elektrizität verwenden, um die Fleisch- und Wursttheken zu kühlen.

    Tolle Tour, die ihr da gemacht habt!

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    • Janne permalink
      September 11, 2013 5:38 pm

      Das „Dutch“ in „Pennsylvania Dutch“ verweist nicht auf Niederländer. „Dutch“ meint hier tatsächlich noch „Deutsch“. Tatsächlich ist das Pennsylvania Dutch quasi ein Pfälzer Dialekt mit Einflüssen aus dem Schweizerdeutschen. Die Sprechergemeinschaft bzw. diie Gruppe der Pennsylvania Dutch haben meist auch südwestdeutsche/elssäsische/schweizerische Wurzeln.

      Es gibt allerdings auch eine Gruppe mit niederländischen/friesisch-flämischen/norddeutschen Wurzeln, die einen niederdetuschen Dialekt sprechen: Plautdietsch.

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    • September 12, 2013 7:49 pm

      Statt eines Kommentars verweise ich auf meinen nächsten Blog. Da habe ich mal alles zusammen gefasst, was ich dort in Ohio gelernt habe. Ich hatte diese Ecke übrigens bewusst ausgewählt, da es mir in Lancaster County etwas zu touristisch zuzugehen schien. Von New York aus kann man da hin sogar Tagesbustouren mieten. Dem hoffte ich in Ohio zu entgehen

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  3. September 11, 2013 6:26 pm

    Und, hat der Käse geschmeckt? Meine Tochter meint, darauf werde ich wohl verzichten müssen, wenn ich sie besuchen komme.
    Eine tolle Tour, liebe Inch, und ein toller Bericht.

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  4. September 12, 2013 2:47 pm

    Die weiß gestrichene Farm hat’s mir angetan. Und der Bahnübergang von New Philadelphia sieht aus wie jener in den Anfangsszenen von „Grüne Tomaten“…
    Eure Leihräder hatten wenigstens drei Gänge! Ich hatte mir seinerzeit auf Key West einen sogenannten „Conch-Cruiser“ aufschwatzen lassen – und der hatte überhaupt keine Gangschaltung, und einen Sattel, auf dem ich nach den ersten Meilen bereits saß wie der Affe auf dem Schleifstein. 😉
    Einen „Aldi“ hatten mein guter Freund und ich vor vier Jahren auch in Orlando entdeckt, am Orange Blossom Trail. Weil die Gegend aber auch nicht unbedingt gediegen ausgesehen hatte, verzichteten wir auf einen Besuch. 😉
    Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung!

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    • September 12, 2013 7:52 pm

      „Unser“ Aldi lag in keiner armen Gegend. Als, da wars ganz normal und die Kunden schienen auch normal zu sein. Ganze Amischen Familien haben wir da übrigens auch getroffen. Und die Räder… die Sattel waren die Hölle, ich habe meinen Hintern noch tagelang gespürt. Und dann wars da sehr hügelig und wegen der merkwürdigen Sitzposition auf diesen Cruisern waren die Anstiege eine echte Plackerei

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  5. September 14, 2013 12:06 am

    Die Fahrräder waren doch auch Townies, steht doch drauf. Für Eure Tour hättet ihr Countries leihen sollen *g*

    Nee ma ehrlich, Amische in Autos? Das enttäuscht mich doch sehr. Da gibt es wohl Unterschiede wie zwischen Veganern und Vegetariern, die einen voll Hardcore und die anderen so Möpmöp mein Maserati fährt 210.

    Gibbet auch ne Bikergang da? Hells Amishes oder sowas? *g*

    Die Kirche ist hingegen voll skandinavisch und der Aldi voll deutsch, sieht ja aus wie hier, Cookis hamwa auch.

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    • September 14, 2013 12:08 am

      Achja, das Treckerschild! Das hätt ich ja mitgenommen. Mindestens so gut wie die Känguruschilder in Australien.

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    • September 14, 2013 8:17 am

      Ich habe etwas anderes mitgenommen. Aber das verrate ich erst noch.
      (Und dazu musste ich auch nicht halb kriminell werden;) )

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