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Grundsätzliches

September 12, 2013
DSCN1868

Mein Lieblingsbild des Urlaubs

So, da ist in einigen Kommentaren zum letzten Blog ja schon einiges zu den Amischen gesagt worden.

Deshalb möchte ich, bevor ich mit der Reiseberichterstattung fortfahre, mal alles zusammenfassen, was ich so rausgekriegt und gelernt habe.

Gleichzeitig muss ich aber noch mal betonen, dass ist das, was ICH rausgefunden und gelernt habe. Sollte ich mich irren, freue ich mich auf Richtigstellung. Kommentare wie „Erst recherchieren, dann bloggen“ können zufällig vorbeihuschende Leser aber unterlassen. Ich bin kein Journalist, dass hier ist ein Blog und keine Zeitung und ich erhebe keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Also.

Ihre Geschichte beginnt zur Zeit der Reformation in Europa im 16. Jahrhundert.  Als sich also große und bekannte Teile von der Römischen Kirche abwandten, entstand Mitte des Jahrhunderts in Zürich eine dritte  Bewegung, nämlich die der Anabaptisten. Den meisten dürfte der Begriff (Wieder)täufer eher geläufig sein. Das  waren  radikale Christen,  die in ihrem Glauben eine Annäherung an die Ursprünge des Christentum suchten und die Bibel sehr wortgenau auslegten. Vor allem aber trennten sie vom Beginn ihrer Ursprünge an streng kirchliches vom weltlichen und! Vom Staat! Und getauft, das ist wichtig, wurden nur Erwachsene. Vor allem wegen dieser strickten Trennung, aber auch der Erwachsenentaufe wurden die Anhänger der Bewegung massiv verfolgt.

Trotzdem breitete sich die Bewegung rasch in ganz Europa aus.

Um den niederländischen katholischen Priester Menno Simons, der sich 1536 der Bewegung anschloss, entstand, vor allem im niederländischen und norddeutschen Raum,  die nach ihm benannte, betont gewaltfreie Gruppe der Mennoniten.

Um den wiederum Schweizer Mennoniten Jacob Amman bildete sich 1663 eine Gruppe Täufer, denen die Bewegung nicht mehr puristisch genug erschien. Die Amischen.

(Nur zur Vervollständigung: Die dritte noch heute existierende aus der Täuferbewegung entstandene Religionsgemeinde sind die Hutterer)

Ich fand es ziemlich schwierig, Mennoniten von Amischen zu unterscheiden. Um ehrlich zu sein, hätte ich erstere bis zu meiner Reise in die USA, ausschließlich in Russland angesiedelt. Ich wusste zwar, dass die irgendwie ähnlich sind, dachte aber immer, die einen sind vor der Verfolgung in den Osten, die anderen über den großen Teich geflohen.

Da beide Religionsgemeinschaften pluralistisch sind, gibt es auch große Unterschiede zwischen den Gemeinden.

Aber fangen wir mit den Unterschieden zwischen Mennoniten und Amischen an. Der wohl gravierendste ist der, dass die Mennoniten missionieren, während die Amischen eher weltabgewandt sind und  darauf bauen, Religion und Gemeinde durch eigene Nachkommenschaft zu erhalten.

Das wars schon.

Es scheint, dass die Amischen vorsichtiger mit neuen Technologien umgehen und sich distanzierter zu ihrer Umgebung verhalten als die Mennoniten.  Gemeinden der sogenannten Alten Ordnung kleiden sich einfacher, nutzen  Elektrizität äußerst zurückhaltend oder gar nicht und halten sich lieber auf ihren Farmen oder zu Hause auf. Auch legen sie keinen besonderen Wert auf eine hohe Schulbildung ihrer Kinder, viele werden sogar zu Hause unterrichtet.

Andererseits gibt es auch Mennoniten, die im Buggy durch die Gegend fahren, bestenfalls ein Fahrrad nutzen, jede Modernisierung kritisch beäugen und ziemlich einfach gekleidet sind.

Es ist daher wichtig zu verstehen, dass es sich bei den Amischen um eine pluralistische Glaubensgemeinschaft handelt, die aus vielen Gemeinden besteht. Und da es keine großen zentralistischen Führer gibt, legt im Prinzip jede Gemeinde fest, ob es nun gegen das Neue Testament spricht, wenn man ein Auto benutzt oder sogar mal fliegt. Man wird sicher keinen Amischen in einem Jaguar oder Rolls Royce oder unter den Jetsettern finden. Andererseits gibt es eben auch Mennonitische Gemeinden, die, in unseren Augen, etwas unmodern leben.

Die Differenzen bestehen tatsächlich eher zwischen denen, die äußerst zögerlich mit Modernisierungen umgehen (im englischen Old Order genannt) und denen, die ihren Glauben mitten unter uns versuchen zu leben.

Es gibt sogar sehr konservative Gemeinden, in denen junge Amische für eine gewisse Zeit die Gemeinschaft verlassen dürfen, um sich in der Welt umzusehen.

Andererseits werden exkommunizierte Personen mit Ächtung belegt. Das soll aber jede Gemeinde unterschiedlich handhaben.

So, das war mal zusammenfassend das, was ich in den paar Tagen erfragt und erlesen habe. Mein persönlicher Eindruck ist übrigens, dass die Amischen doch viel weniger Wert auf Schulbildung legen als die Mennoniten. Aber das ist sehr subjektiv.

Weder die einen noch die anderen ließen sich gern fotografieren. Sich für ein Bild in Pose zu stellen, kam gar nicht in Frage. Frauen und besonders Mädchen waren uns gegenüber sehr schüchtern, gelang es uns aber hie und da, mit einer ins Gespräch zu kommen, waren sie extrem neugierig. Manchmal aber hatten wir den Eindruck, als sähen sie sich immer wieder um, ob sie beobachtet werden. Männer waren da viel selbstbewusster, als gesprächig würde ich sie aber nun nicht gleich bezeichnen. Es kam auch immer darauf an, wo wir ihnen begegneten.

Wir sahen oft den Buggy direkt neben dem Auto parken. So als sei das Auto wichtig für längere Strecken, am Sonntag aber spannten alle die Pferde ein. Mopeds oder gar Motorräder sahen wir überhaupt nicht.

Und was die Sprache betrifft, so hat Janne Recht. Dutch scheint nur eine falsche Übersetzung der englisch sprechenden Amerikaner zu sein, denn alle, die wir trafen, sprachen, wie sie es nannten, Pennsylvania Deitsch. Und zumindest die, die wir in Ohio trafen und sprachen benannten den Schwarzwald als die Heimat ihrer Vorfahren.

Aber ich greife vor. Ein bisschen neugierig sollen  Sie ja auf unsere Erlebnisse und Touren am Sonntag und  Montag bleiben. Ein paar Bilder gibt es heute trotzdem schon. Und wenn Sie drauf klicken, können Sie groß gucken.

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12 Kommentare leave one →
  1. Hiltrud permalink
    September 12, 2013 7:55 pm

    Wie immer sehr interessant. Die Unterschiede waren mir auch nicht so geläufig, obwohl ich von allen drei schon gehört habe. MIr sind Gemeinden, die unter sich bleiben, immer sehr suspekt. Und wenn sie ihre Bibel gewissenhaft lesen, müssten sie eigentlich wissen, dass das nicht im Sinne Jesus ist. Widerspricht sich doch irgendwie.

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    • September 14, 2013 8:25 am

      Naja, ich versuche, da tolerant zu sein. So lange Gemeindemitglieder die Möglichkeit haben, ihren eigenen Weg zu wählen, scheint mir das vertretbar zu sein. Die Erwachsenentaufe und das Volentariat sprechen ja dafür, dass es eine freie Entscheidungsmöglichkeit gibt. Mit der geringen Schulbildung dürften junge Amische allerdings kaum die Möglichkeit haben, die Farm zu verlassen und die Ächtung Ausgetretener ist natürlich der größtmögliche Zwang, lieber in der Gemeinde zu bleiben

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  2. September 12, 2013 8:52 pm

    Interessant!
    Pennsylvania Deitsch kommt aus dem Pfälzer Dialekt. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Pennsylvania_Dutch_%28Sprache%29.

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    • September 14, 2013 8:37 am

      Danke für den Link. Es soll auch Mennoniten geben, die eine Art norddeutsch sprechen. Und die Beachy Amish haben die deutsche Sprache ganz aufgegeben

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  3. September 12, 2013 11:17 pm

    Vielen Dank für diese ausführlichen Erläuterungen. Ich war mal zu Gast in einer Mennoniten-Gemeinde in einen kleinen Ort in Nebraska. Das Gespräch kam irgendwann auch auf die Amish. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass beide Gruppen sich nicht mögen, die Mennoniten – zumindest die meiner Gastfamilie – waren ziemlich modern orientiert, strikte Regeln besonders für Mädchen und Frauen und die Rolle des Mannes gab es reichlich. Einige der Mennoniten-Bemerkungen über die „Rückständigkeit“ und „Weltfremdheit“ der Amishen liefen in eine peinlich Richtung, so liess ich meine Fragen lieber sein.
    Danke Dir für die vielen Impressionen Deiner Reise, die Du hier mit uns teilst. GLG

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    • September 14, 2013 8:41 am

      Naja, das ist mir fast klar, dass die sich nicht mögen. Ob ich missioniere oder „die Welt da draußen ihrer Verderbtheit überlasse“ ist ja schon ein gewaltiger Unterschied im Denken. Die Täufer wurden ja gern auch als linker Flügel der Christen bezeichnet und wenn ich es so sehe, ähneln die Amischen doch stark irgendwelchen linksautonomen Antideutschen 😉 Die sind auch nicht daran interessiert, dass irgendjemand sie versteht, weil sie eh alle anderen für Spießer halten. Allerdings werfen die Amischen keine Steine

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  4. September 12, 2013 11:33 pm

    Ach Inch, ich beneide Dich 🙂
    Hatte letztens erst was über die Amischen gesehen und dadurch im Netz schon mal geschaut. Das Du jetzt vor Ort bist, Bilder präsentierst, schreibst, das ist toll!!
    Lass Dich von solchen Kommmentaren nicht abschrecken 😉
    Tolle Fotos, wie immer!

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    • September 14, 2013 8:42 am

      Abschrecken lasse ich mich nicht. Ich wollte nur vorbeugen, weil es doch immer wieder rotzige Kommentare gibt. Du kennst das sicher auch. Und wie gesagt, gegen konstruktive Kritik und Richtigstellungen habe ich nix.

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  5. September 13, 2013 8:48 pm

    super, danke! ich war und bin auch ganz gespannt auf die berichte über die amish und mennoniten. es ist irgendwie widerprüchlich, so verschiedene kulturen im fortschrittlichen amerika anzutreffen, ich kann mir das nicht richtig vorstellen und glaube, daß dort einiges an konfliktpotential zu finden ist.

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    • September 14, 2013 8:44 am

      Also, ich finde ja, diese Old Order Amish und Mennonits erkennt man wenigstens. Viel suspekter sind mir da andere radikale Gläubige, die aussehen wie Du und ich.Vor allem, wenn sie dann noch militant sind.

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  6. September 14, 2013 12:24 am

    Hihi, die Buggies sehen aus wie die Leichenwagen bei Lucky Luke *g* und der Sinnspruch kommt auch hin, der erste Satz reicht schon: Wir haben sie nicht alle beisammen *fg*

    Sorry wenn ich gerade wieder sehr lästerlich unterwegs bin, aber bei so Jesusplakaten wird mir immer komisch zumute. Ich finde Religionen generell ziemlich dämlich, wenns dann noch ins Extrem kippt fehlt mir einfach jegliches Verständnis. Trotzdem ist das natürlich höllisch interessant was Du zu berichten weißt und Dein Lieblingsfoto des Urlaubs ist ganz großes Kino, durch den misstrauischen Blick des Mädchens.

    Als wollte sie sagen: „Ich habe nichts gegen Fremde, aber diese Fremden da sind nicht von hier.“ *g* War mir beinahe klar, dass es da Probleme mit Fotos geben könnte.

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    • September 14, 2013 8:33 am

      Naja, mich interessieren die Amischen vor allem wegen ihres bäuerlichen Lebens. Ich bin selbst auf einem ziemlich rückständigen Dorf aufgewachsen, wo noch viel körperlich gearbeitet wurde und das Pferd das wichtigste Arbeits“gerät“ war, später habe ich meine Arbeit über biodynamische Landwirtschaft geschrieben, wo ja auch viel Knochenarbeit vorgesehen ist, hält man sich an die strengen Regeln. Deswegen war es für mich extrem interessant zu sehen, wie die Leute das dort handhaben. Deswegen bin ich auch nicht nach Lancaster County gefahren. Ich wollte die möglichst ohne Tourismus erleben, was uns ja auf der Fahrt nach Walnut Creek schon halbwegs gelungen ist. Aber es kam ja noch der Montag…

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