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Überlebenskampf

Oktober 22, 2014

Wenn man sich wie ich hauptsächlich radelnd durch eine Stadt begibt, setzt man sich einem täglichen Überlebenskampf aus. Das wurde mir heute wieder bewusst, als mich eine Straßenbahn so abdrängte und zum Sprung vom Rad zwang, dass nicht nur ich mir gefährdet vorkam, sondern auch ein Passant sein Entsetzen verbal äußerte. Kopfschüttelnd teilte er mir noch mit, dass er solche Szenen hier jeden Tag beobachte.
Da kam mir eine Umfrage des ADFC nach der Fahrradfreundlichkeit der Städte gerade Recht. Leipzig hätte schon in vergangenen Umfragen eher schlecht abgeschnitten und hintere Plätze belegt, las ich im Begleitschreiben. Nun, ich habe nicht geholfen, das Ranking zu verbessern. Sorry.
Ich hoffe ja, dass so ein Negativimage die Oberen dazu bewegt, etwas zur Verbesserung des Ansehens zu tun. Natürlich können aber in so einer Umfrage nur allgemein gültige Fragen gestellt und beantwortet werden und es ist fraglich, was Verantwortliche daraus ablesen und wie sie es umsetzen. Da ich in letzter Zeit häufig die Produkte öffentlichen Bauens begutachten durfte, zweifle ich stark daran, dass solche Entscheidungen über das Wie und Wo von kompetenten Entscheidern getroffen werden. In diesem Fall von Radfahrern zum Beispiel. Ich meine, von solchen, die täglich fahren und nicht nur am Wochenende, wenn die Sonne grüßt. Solche sollten sich in Leipzig eigentlich zur Genüge finden, denn auch wochentags sind manchmal so viele durch mehr oder weniger Muskelkraft betrieben Zweiräder unterwegs, dass es an Kreuzungen zu Staus kommt. Ja, zu Staus! Da hat man Mühe, noch über die kurze Grünphase zu kommen.
Aber natürlich gab es auch bei dieser Umfrage die Möglichkeit, ganz am Schluss noch ein paar Bemerkungen hinzuzufügen. Und da wies ich auf die teilweise Unsinnigkeit der Anordnung von Radwegen hin (ich beschrieb das schon einmal hier), und, weil ich da wirklich jedes Mal froh bin, das überlebt zu haben, auf die Kurt-Eisner-Straße im Berufsverkehr. Dort gibt es nämlich auf einem kurzen Stück keinen Radweg, auch keinen auf die Straße gemalten. Dort ist der Fußweg zu schmal, um auf ihn auszuweichen. Ich befahre ihn mindestens einmal wöchentlich in Richtung Schleußig, wenn ich direkt von der Uni zur Kleinfamilie radele. Ganz, ganz am Anfang, habe ich mal einen lebensgefährlichen Fehler gemacht. Ich überholte einen an der Haltestelle stehenden Bus! Der störte sich nicht daran, scherte aus, drängte mich auf die zweite Fahrbahn und fuhr los (ich nehme doch an, dass er ordnungsgemäß geblinkt hat…, als ich neben ihm war). So radelte ich bis zur nächsten Ampel zwischen Autos und Bus eingekeilt um mein Leben fürchtend, den Tränen nah, ziemlich verzweifelt, denn natürlich machte auch kein Autofahrer Anstalten, mal zu bremsen und mich hinter den Bus zu lassen.
Gut, so einen Fehler macht man nur einmal. Zum Glück habe ich tatsächlich Gelegenheit, ihn nicht zu wiederholen. Geduldig warte ich hinter jedem wartenden Bus, egal wie lange das dauern mag. Trotzdem habe ich Angst auf diesem Stück Straße.
Aber, ist ja nur durchschnittlich einmal pro Woche.
Wochentäglich dagegen fahre ich ins Büro. Und da teile ich mir auf einem kurzen Stück die Straße mit den rechts parkenden Autos und der links von mir fahrenden Bahn. Ich bin ja nicht lebensmüde, deshalb warte ich heimwärts oft an der Haltestelle, dass die Bahn zuerst in die Straße fährt. Sollte ich doch schon dort sein, rase ich zu einer der zahlreichen Einfahrten ins Klinikum, biege ein und lasse die Bahn vorbei. Manchmal aber bin ich schon zu weit. Manchmal kommt da keine Einfahrt mehr und auch keine Parklücke. Auf dem Weg zur Arbeit sowieso nicht. Da bin ich auf, ja, was ist das, Rücksichtnahme? Intelligenz? der Straßenbahnfahrer angewiesen, darauf, dass sie geduldig hinter mir her trotten, bis ich ausweichen kann. Ich möchte betonen, dass die meisten das machen. Und die anderen… eigentlich höre ich schon, ob ein Fahrer bremst oder nicht. In letzterem Fall gebe ich nach und bringe mich rechtzeitig in Sicherheit, d.h. ich steige ab und warte stehend. Manchmal aber verpasse ich das. Heute zum Beispiel. Heute also klemmte zwischen parkenden Autos und vorbei fahrender Bahn. Da reicht ein kurzer Schlenker. Oder ein zu großes Erschrecken. Ein leichtes Kippeln beim hektischen Absteigen.
Aber eigentlich fühle ich mich wohl auf dem Rad. Und sicher. Auch in Leipzig. Nur an manchen Stellen eben. Bedenklich scheint mir, dass an zwei der mir häufiger vorkommenden Situationen Menschen beteiligt, ja die Ursache meiner Gefährdung sind, die eine Personenbeförderungerlaubnis haben. Menschen also, die in ihrem täglichen Berufsleben für die Sicherheit anderer verantwortlich sind.

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7 Kommentare leave one →
  1. Oktober 22, 2014 12:33 pm

    In Bembelstadt, umgangssprachlich auch unter dem Namen Frankfurt bekannt, hat sich das Verkehrsplanungsamt hinsichtlich der radelnden Verkehrsteilnehmer nicht mit Ruhm bekleckert.
    Da mir meine eigene Sicherheit vor Motorrädern, Autos, Bussen oder gar Strassenbahnen geht, lasse ich der darwinistischen Ader freien Durchlauf.
    Konkret bedeutet das, dass ich bei fehlenden Radwegen die Fussgängerwege benutze.
    Wo ich zur Strassenbahnnähe gezwungen werde, fahre ich zwischen den Schienen. Zugegeben, anfangs hat mir die Rasselklingel einen Mordsschrecken eingejagt. Mittlerweile halte ich den Lärm länger aus als der Strassenbahnfahrer 😉

    Wenns ums Überleben geht, bin ich recht humorlos ^||^

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  2. Oktober 22, 2014 6:11 pm

    Ich habe mittlerweile hier in München das Radfahren ganz aufgegeben, weil es gehäuft höchst ungute Situationen gab, nach welchen ich mit schlotternden Knien allen Mächten des Universums Dank sagte, daß ich diese heil überleben durfte. Daran sind auch einige Male Bus- bzw. Trambahnfahrer/innen beteiligt gewesen…
    München, das sich seit langem schon über den grünen Klee als Radfahrer-Hauptstadt selbstlobt, hat übrigens vor etwa einer Woche eine gehörige – und wohlverdiente – Watschn verpasst bekommen: Münchens Radwege wurden einem ausführlichen Test unterzogen, und bekamen eine sehr mangelhafte Note ausgestellt. :mrgreen:

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  3. Oktober 22, 2014 10:22 pm

    Leipzig, Frankfurt, München, in Hamburg sieht es nicht anders aus, neulich hat eine Boulevardzeitung wieder einmal Radfahrer aufgefordert die übelsten Ecken zu dokumentieren und wahrscheinlich hätten sie eine ganze Serie daraus machen können. Großstadtstraßen sind in Jahrzehnten konzipiert worden um Autos und Bussen möglichst ungehindert freie Fahrt zu verschaffen, erst in den letzten Jahren fangen sie langsam an umzudenken, aber wenn Politiker umdenken dauerts halt alles etwas länger, vor allem wenn es Geld kostet.
    Sehr nett finde ich ja die Critical Mass Aktionen, keine Ahnung ob es das in Leipzig auch gibt. Da treffen sich viele Radfahrer auf einen netten Ausflug, wenn es mehr als x Radler sind (ich glaube 17, bin mir aber nicht sicher) dürfen sie im Pulk auf der Straße fahren *g*
    Wäre ich Radfahrer, so ein Ausflug würde mir Spaß machen 😀

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  4. Oktober 23, 2014 10:38 am

    Fahrrad fahren ist ganz gut für meine Rheumaknochen, auch wenn’s manchmal weh tut. Auf dem Dörfchen war das auch kein Problem, und der neue Elster-Saale-Radweg war wie für mich gemacht. Die täglichen Besorgungen wurden bei Wind und Wetter mit dem Radel erledigt. Hier in der Stadt bin ich ein Schönwetterradler geworden. Und wenn ich radele, dann dort, wo wirklich kein Auto hinkommt. Ich bin ein wenig wacklicher auf dem Rad als du, liebe Inch, und ich hatte auch schon Todesängste, wenn ein LKW haarscharf an mir vorbei gedonnert ist und der Windzug ganz ordentlich zu schubbsen anfängt. Aufgemalten Radwegen traue ich also nicht so ganzg. Richtig radlerfreundlich sind die großen Städte wahrscheinlich alle nicht.

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  5. Oktober 23, 2014 8:21 pm

    Gerade wegen den Gefahren macht Radfahrern süchtig. Süchtige sollten dankbar sein. In den Strassenschluchten rast die Droge für sie dahin. Ohne Rücksicht auf Verluste verteidigen Autolenker dabei ihre Asphaltkilometer gegen die Konkurrenz wie Radfahrer.

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  6. Oktober 24, 2014 12:02 am

    Schade, das den Radfahrern nur geringe Bedeutung beigemessen wird. Ich glaube ich würde da genauso handeln wie Du nach diesen Erlebnis. Geht es nicht auf dem schmalen Fußweg das Rad zu schieben? Habe aber oft (nahezu täglich) viele Radfahrer erleben müssen, die rücksichtslos durch die Fußgängerwege brettern. Gerade wo viele Schulkinder und Senioren unterwegs sind.

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  7. Oktober 24, 2014 9:18 am

    Mir kommt Fahrradfahren in Leipzig so viel angenehmer vor als in Dresden…
    Die Straßen hier sind keine Buckelpisten. Außerdem sind sie breiter, damit ist mehr Platz und eine bessere Übersicht über den Verkehr. Das ist gerade wichtig, wenn man an einer Kreuzung geradeaus will und neben einem jemand nach rechts abbiegt.

    Zudem kommen mir die Fahrer in Leipzig auch nicht so gestresst wie in Dresden vor.

    Aber vielleicht fahre ich in Leipzig auch einfach die richtigen Strecken

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