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Ein Krimi

April 6, 2015
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Als Frau Tonari ihr Bücherregal aufräumte, fragte sie mich, ob ich dieses erst lesen will, bevor es in die Freiheit entlassen wird.

Ich stimmte sofort zu. Ein Russe, den ich nicht kenne. Her damit! Ist zwar ein Krimi. Trotzdem.

Alexander Nemow

Geschäfte in Baku

Geschäfte in Baku ist ein Krimi. Ein Krimi, der in der untergegangene Sowjetunion spielt. 1979. Damals, als Aserbeidschan noch eine Sowjetrepublik war.

Das schöne an dem Roman ist, dass er bereits 1981 veröffentlicht wurde. Das heißt, hier klärt uns niemand auf über die Machenschaften in dem Riesenreich, über Korruption und die Macht der Partei. Aus heutiger Sicht. Mit erhobenem Zeigefinger und dem Anspruch, uns zu verdeutlichen, wie schrecklich damals alles war. Denn natürlich erfahren wir genau davon. Zwar, Alexander Nemow konnte 1977 in die USA ausreisen, trotzdem ist ihm ein Krimi gelungen, der den Leser mitnimmt auf eine Reise, den Fall von innen her zu betrachten.

Und so gelingt ein Roman, der den Leser am Rande der Geschichte erschauern lässt. Ich gebe zu, hätte ich das Buch vor 1989 gelesen, wäre ich wohl entsetzter gewesen. Heute aber weiß man etwas mehr über das Land. Oder glaubt es zu wissen. Was mich, ein Vierteljahrhundert nach Perestroika trotzdem noch erschreckt hat, ist der Rassismus. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Russen herabblicken auf die Aserbaidschaner, dieses windige Bauernvolk.

Denn die Spur des vermissten Journalisten Belkin beginnt in Baku, der alten und neuen Hauptstadt des Vorderasiatischen Staates am kaspischen Meer.

Und natürlich, diese Ausmaß der Drogenproblematik, die hätte ich nicht für möglich gehalten. Und eine Mafia? Die gehört doch nach Sizilien, Chicago oder New York.

Nemow weiß, wovon er spricht, war er doch 25 Jahre tatsächlich als Untersuchungsrichter tätig. Er nimmt uns mit auf eine Reise in den kaukasischen Untergrund. Es geht um Drogenhandel, Morde, und eine Mafia, die agiert, wie sie überall agiert. Mächtig. Gut vernetzt bis in höchste Regierungskreise. Nicht nur in der Sowjetrepublik an der Grenze zum Iran, das Geflecht zieht sich bis nach Moskau. Die Trägheit des Parteiapparates und seiner Verwaltung wird uns genauso nahe gebracht wie deren Macht. Ein wirklich spannender Krimi. So packend und realistisch geschrieben, dass man sofort jedes Wort glaubt. Nur das Ende, das Ende scheint mir etwas unwirklich, ja geradezu an den Haaren herbei gezogen. Vielleicht, weil die wahren Fälle, die Nemow als Untersuchungsrichter in seiner Praxis verfolgte, nie ein glückliches Ende fanden. Weil solche Fälle nie glücklich enden. Selbst für den Lieblingsjournalisten Breschnews nicht. Vielleicht muss ein in den USA geschriebener Krimi ja glücklich enden. Das ist das Manko an dem Roman. Ein russisches Ende hätte ihm besser gestanden.

Trotzdem, das Buch ist unbedingt lesenswert. Weil es eben mehr erzählt als einen Kriminalfall.

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6 Kommentare leave one →
  1. April 6, 2015 7:40 pm

    Ich erinnere mich, das Buch in der Wendezeit gelesen zu haben. Doch, ja, es erfasste mich so einiges Schaudern…
    Es freut mich sehr, dass Dir das Buch trotz unrussischen Endes gefallen hat. Übrigens hätte mein Bücherschrank noch so einiges zu bieten 😉

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  2. Susanne permalink
    April 6, 2015 9:22 pm

    Hehe, ich lese auch nur DDR-Krimis, die schon zu DDR-Zeiten geschrieben wurden.:) Das Buch klingt echt interessant — wie es aussieht, hat er nur das eine geschrieben, oder?

    Könnten Sie das Buch eventuell gen Berlin entlassen? Ich würde auch Versand etc. bezahlen.

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    • April 6, 2015 9:51 pm

      Ja natürlich gern. Ich schicke Ihnen eine Email, dann haben Sie meine Addy, dann können Sie mir Ihre Adresse schicken.

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