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Sieben Stunden und eine halbe Macht und Banalität

März 15, 2015

Macht und Banalität, so heißt die Dauerausstellung im Museum „Runde Ecke“, der ehemaligen Stasizentrale in Leipzig. Eigentlich heißt die Ausstellung „Stasi- Macht und Banalität“, im Haus befindet sich auch die Behörde für Stasiunterlagen und ich war nur zwei oder drei Mal dort. Mit Gästen. Aus Südamerika, aus den USA und (West)Deutschland. Einmal bin ich dann auch allein hingegangen. Weil ich mit der Reaktion der Gäste nichts anzufangen wusste. Nach nur 30 min war ich wieder draußen.

Das Gebäude ist natürlich groß genug, um noch mehr darunter unterzubringen. In den 90er Jahren zum Beispiel das Arbeitsamt.

Oder das Schulmuseum, dass aber, glaube ich, inzwischen wegen Geldmangel geschlossen wurde. Dort, wo das Schulmuseum war oder ist, befindet sich auch der ehemalige Kinosaal des MfS. Charmanter 50er-Jahre-Stil. Vielleicht auch 60er, hier kam ja immer alles etwas später.

Im Kinosaal jedenfalls, da wollte ich mir eine Lesung antun.

Die Reduktion wirkte ja am Samstag weiter, schließlich musste ich abends zu einer Party außerhalb, vorher das Auto im Süden holen. Fragen Sie nicht.

Aus der Not heraus tat ich etwas, was ich sonst immer vermeide: Ich ging zu Veranstaltungen, wo Wessies uns erklären, wie der Osten funktionierte und Zeitzeugen jammern, wie schrecklich alles war. Also nicht, dass es vermutlich nicht schrecklich war, aber mir geht das Opfergedöhns auf die Nerven. Ich halte es da mit Vaclav Havel: letztendlich waren wir alle Täter und im besonderen Fall DDR kamen noch ein paar Täter aus dem Westen dazu (ich sage nur Franz Josef Strauss, als Beispiel).

DSC_7833Nu gut. Beste Mittagszeit, also 12:00 Uhr, und ich folge einer wirklich interessanten Lesung. Damit hatten wir die Initiative verloren- Zur Rolle der bewaffneten Kräfte in der DDR 1989/90.

Herausgeber Rüdiger Wenzke und Co-Autor Daniel Niemetz, beide Historiker, einer zusätzlich Journalist, stellen ihr Werk vor. Moderator Tobias Hollitzer stellt kluge Fragen. Denn als die DDR in sich zusammen brach, da waren auch die bewaffneten Organe verunsichert, zumal die ja die selben Nöte und Sorgen hatten, wie das Volk. Interessant für mich war die teilweise Verweigerung der Kampfgruppen, sich gegen die Kollegen einsetzen zu lassen. Und auch die Bereitschaftspolizei und die Armee waren eigentlich nicht dafür ausgebildet, gegen ihre Mitmenschen vorzugehen. Es gab ja nicht mal Wasserwerfer, dazu mussten Löschfahrzeuge umgerüstete werden. Wasserwerfer kamen erst mit der Demokratie.

Nicht nur, weil Lesung und Diskussion etwas länger dauerten als erwartet, verließ ich die Veranstaltung vor der Zeit. Denn das Publikum. Was glauben Sie, wer an einem Samstag Mittag zu einer Lesung diesen Themas geht?

Ich habe mir Notizen gemacht, damit sich das Bild mit den nachfolgenden Lesungen und Stimmungen im Publikum nicht vermischt:

Hass. Geifernd sabbernder Hass. Und diese Unterwürfigkeit vor dem in der Hierarchie vermeintlich höher rangierendem.

Zwei alte Männer. Guten Tag, Herr Professor, begrüßt der eine den anderen devot und sich umblickend, um zu sehen, dass auch ja jeder mitbekommt, dass er einen Herrn Professor kennt.

Der winkt ab. Ich bin jetzt Bibliothekar.

Oh, natürlich (ich kenne den Professor gut!), das haben Sie ja abgelegt.

Nun wettert der Ex-Professor los, ganz Hass, Gift und Galle Sie sollten mal sehen, wie viele SED- und Partei-indoktrinierte Professoren in Leipzig noch tätig sind und (ich habe vergessen was) lesen.

Ja, die zwei passen ins Publikum. Das besteht aus Frauen um die 60, Typ Chefsekretärinnen, Männern um die 70, Typ Opfer, jedenfalls glauben sie das, nachdem sie ihre Privilegien in der DDR verloren haben oder einfach auch nur ihre Staatsideologie. Und was den Ex-Professor betrifft, war natürlich auch der SED- und Partei-indoktriniert, sonst wäre er nie Professor geworden.

Einer der Herren im Publikum könnte tatsächlich mal Offizier gewesen sein, einer tatsächlich ein wirkliches Opfer. Ein Drittel der Männer im Publikum sieht aus wie die typischen Wendeverlierer, das sind wohl die, die am wütendsten auf die DDR sind.

14: Uhr, gleicher OrtDSC_7834

Udo Scheer stellt sein Buch Wir kommen wieder. Plauen 1989 vor.

Wir waren die Ersten auf der Straße und die Letzten in den Medien, sagen die Plauener gern. Was nicht ganz stimmt und dann doch wieder. Udo Scheer beschränkt sich nicht auf die Geschehnisse des 7. Oktober 1989, als in Plauen, einer Stadt mit 80000 Einwohnern, 15000 demostrierten und tatsächlich noch vor den Dresdnern einen Gesprächstermin mit ihrem OBM vereinbaren konnten. Er schildert die besondere Situation Plauens durch seine Grenznähe und besonderes Verhältnis zu Hof. In Plauen gingen die Demos nicht von Fürbittgottesdiensten oder Friedensgebeten aus und in Plauen wurde auch schon vom 7. Oktober an nach der Wiedervereinigung als dem „natürlichen Willen aller Deutschen“ gerufen. Die Opposition der DDR strebte ja eher einen verbesserten Sozialismus und nach dem Zusammenbruch eine Konförderation, einen eigenen Weg an.

Ich würde gern fragen, wie die Plauener das heute sehen. Die Arbeitslosigkeit dort muss enorm sein. Wahrscheinlich finden die meisten Arbeit in Hof, falls man da nicht doch lieber die billigeren Tschechen einstellt. In Leipzig habe ich ja den Eindruck, dass die, die jetzt Legida hinterher rennen, zu denen gehörten, die vor 26 Jahren nach der D-Mark riefen.

Aber ich fliehe der Diskussion, als Herr Ex-Professor schwafelt, der Moderator entnervt dazwischen ruft Die Frage bitte, Herr Schwafler trotzdem im Nebensatz erwähnt, dass er natürlich einen Gorbi-Anstecker hatte und wie er den bekommen hat für 5 DDR-Mark. Mir kommt das Kotzen, all diese Helden. Ich flüchte in den Nieselregen zu einer Rauchpause. Ja, es nieselt. Und es ist unangenehm kalt. 5°C. Da beginne ich mir die Frage zu stellen, wie kalt es wohl heute Nacht sein wird und ob ich die wirklich bei einer Draußen-Party verbringen will. Es ist 16.00 Uhr und ich verschiebe die Entscheidung und gehe zur nächsten Lesung.

Gleicher Ort.

DSC_7836Die indiskrete Gesellschaft- Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern.

Christian Booß und Helmut Müller-Enberg sind Politologen, Soziologen, Historiker, Germanisten und Philosophen (was man aber auch alles auf einmal studieren kann).

Und Wessies. Aber so ein Blick von außen kann ja durchaus mal das eigene Bild gerade rücken. Es geht vor allem um die sogenannten Auskunftspersonen, keine IM, die die Stasi als Informationsquellen nutzte. Auskunftspersonen, mit denen hat sich bisher keiner richtig beschäftigt. Der Fokus lag auf den IM und den hauptamtlichen Mitarbeitern. Wobei die Auskunftspersonen oft nicht wussten, dass sie der Stasi Auskunft gaben, denn die traten verdeckt auf, mit Legende. Als Hausbuchführer, ABV, Mitarbeiter des Gesundheitsamts. Sehr interessant. Und mir stellt sich die Frage: Nachdem ich mich also zwei Wochen lang täglich dagegen gewehrt habe, mich als IM anwerben zu lassen, wohnte ich drei Jahre später in einer Wohngemeinschaft. Mit Wohngemeinschaften gab es immer Ärger. Und wenn es also solchen Ärger gab und ein Mitglied der WG zum ABV bestellt wurde, schickten die Jungs mich. Weil, ich hatte ja als einzige einen regelmäßigen Job. Und überhaupt, junge Frau, uns allen schien ich die seriöseste. Landete ich damit in der Kartei der Auskunftspersonen? (Obwohl ich natürlich nicht wirklich Auskunft gab, sondern mehr so Sachen wie: Ja, das mit der Lautstärke tut mir leid. Ich werde die Jungs dazu anhalten, die Musik leiser zu drehen)

Das würde ich gern fragen, in der Diskussion, aber irgendwie will ich mich nicht einreihen in die sich wichtig nehmenden Frager, die nie fragen, ohne erst Mal ihre eigene Opferrolle zu erläutern.

Kurz vor 6 regnet es immer noch. Ich sage die Party ab und setze mich wieder in den Kinosaal.

Ach verdammt, jetzt ist der gerammelt voll und ich bin froh, einen Stuhl ganz hinten zu finden und nicht auf der Treppe sitzen zu müssen.

DSC_7838

Sergej Lochthofen: Grau

Den ersten Band, Schwarzes Eis, kannte ich gar nicht und muss ich unbedingt noch lesen. Grau habe ich mir umgehend nach der Lesung gekauft.

Sergej Lochthofen wurde im Gulag geboren, die Familie siedelte nach Gotha um, als er 5 war, er ging auf eine russische Schule, behielt seinen sowjetischen Pass, studierte zunächst Kunst auf der Krim, bis er gemustert wurde und ihm klar wurde, dass er dem Militärdienst in der Sowjetarmee nur entkommen konnte, wenn er umgehend in die DDR zurückkehrte, studierte in Leipzig Journalistik, arbeitete 10 Jahre für die Presse auf Parteilinie, war nach 1990 Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen.

Dieser 2. Band umfasst die Zeitspanne letzte Jahre Gulag bis 1990. Sehr sehr spannend.

Der Moderator ist Peter Wensierski vom Spiegel. Der kennt die DDR, sagt er, arbeitete schon vor 1989 im Osten. Wie wenig er den Osten versteht und verstanden hat, zeigt sich in seinen Fragen. Lochthofen feuert zurück. Ein amüsantes Streitgespräch entwickelt sich. Schade nur, dass Herr Wensierski den Osten so gar nicht versteht. Aber vielleicht bietet gerade sein Unverständnis genug Möglichkeiten, detaillierter zu antworten. Und Spitzen zurück zu pfeffern. Wenn die beiden nicht manchmal zeitgleich reden würden, hätte man sogar alles verstehen können.

20:00 Uhr dann Roland Jahn: Wir Angepassten.

Das ist die Lesung, in die ich gestern nicht rein kam im Zeitgenössischen Forum, nachdem ich zuvor schon vor dem verschlossenen Ariowitsch-Haus gestanden hatte.

Na das passt doch.

DSC_7840Moderator ist Georg Praschl. Von der Super-Illu. Mir stockt der Atem. Doch Herr Praschl stellt sich erst mal sehr sympathisch vor. Dass er seit den 1990er Jahre im Osten lebe und ihn ein bisschen kenne. Ein bisschen, das ist gut. Das ist nicht überheblich.

Ein bisschen reicht leider nicht, um Herrn Jahns Anliegen zu verstehen. Der erzählt nämlich, dass es eine Entwicklung ist zum Oppositionellen. Und dass auch er sich oft angepasst hätte. Auch, dass es vermessen sei, Menschen vorzuwerfen, dass sie sich angepasst hätten. Dass er aus dem Opfer-Täter-Schema ausbrechen möchte. Wie Vaclav Havel, und übrigens auch meine Wenigkeit, sieht er eher jeden in der Pflicht. Jeder hätte dieses System am Leben gehalten. Jeder sei Täter. Manche konnten das überwinden. Wenige schon vor dem Oktober 1989, mehr dann in jenem Herbst.

Herr Praschl versteht es nicht. Und überhaupt möchte er lieber über Herrn Jahn als Widerstandskämpfer reden.

Das Buch ist vermutlich interessant, die Lesung eher nicht. Auch liest Roland Jahn viel zuviel. Fast habe ich den Eindruck, er würde gern ALLES erklären. Aber dazu ist doch das Buch da, oder? Die Lesung soll doch nur Appetit machen?

Ich verlasse den hoffnungsvoll überfüllten Kinosaal gegen Halb Zehn.

Ich könnte jetzt noch zur Balkan-Nacht ins UT Connewitz. Aber irgendwie ist die Luft raus.

 

Ps.: Alle Bilder werden durch Anklicken groß

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2 Kommentare leave one →
  1. März 15, 2015 5:50 pm

    Du hast das so gut beschrieben. Ich fürchte, es wird sich nicht viel ändern in den nächsten Jahrzehnten. Westen = gut / Osten = schlecht gewesen.
    Wenns eine Hölle gibt, wünsche ich die Leute, die dafür verantwortlich sind, dort hinein. Und wenn ich dann noch ans Thermostat dürfte. (Bei angemessener Hitze langsam braten)…

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  2. März 16, 2015 11:46 am

    Gewalt und Wut sind da keine Lösung – da landet man immer bei den falschen Leuten, siehe **gidas und Konsorten. Eigentlich hilft nur Aufklärung, Bildung und Diskurs, aber eben nicht von den „selbsternannten“ Experten, Helden und Gelehrten, sondern Aufklärung durch die Bürger, durch die Beteiligten. Alles andere ist doch Selbstbeweihräucherung, Scheinheiligkeit, Geschichtsverzerrung und außerdem Volksverarsche – im Osten, wie im Westen. Naja, Hut ab, dass du dir diese „Runde Ecke-Runden“ noch antust…

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