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Reduktion

März 14, 2015

Reduktion: Zurückführung auf ein geringes Mass

————-

Für den Freitag hatte ich kein Alternativprogramm.

Gregor Gysi, Avi Primor und Friedrich Schorlemmer 20:00 Uhr im Zentrum für jüdische Kultur, eine Lesung zum Theme Die DDR und Israel. Das ist alternativlos.

Natürlich muss man zeitig im Ariowitsch Haus sein. Das ist immer voll. Und wenn Gysi da ist.

Ich arbeitete den ganzen Tag daran. Schließlich musste ich die Prinzessin aus der Kita abholen, weil deren Eltern bis 19:00 Uhr arbeiteten. 19:30 Uhr, wenn sie sie bei mir abholen würden, wäre natürlich viel zu spät, um noch eine Chance zu haben. Bei diesem Thema in diesem Haus und bei diesem Gast. Aber! Das Kleine Kind, das erst 20:30 ins Kino musste, erklärte sich bereit, die Prinzessin zu hüten. 17:00 Uhr musste ich noch einem Teil meiner Gäste helfen. Das würde höchstens 30 min dauern, dann würde ich mich auf den Weg machen und bei allen Lesungen ab 18:00 Uhr zugegen sein, um die um 20:00 Uhr nicht zu verpassen.

Auf Arbeit tat ich alles dafür. Fing schon 7:00Uhr an mit Sichtkontrollen, verzichtete auf jegliche Pause und unterbrach bei einem Meeting jedes ausschweifende, nicht zum Ziel führende Geschwafel, um 14:00 Uhr das Büro abschließen und nach Hause radeln zu können.

Fahrrad abstellen, zur Straßenbahn und zur Kita. Klappte alles wunderbar.

Dann saßen wir zu Hause, ich bereitete fürs Abendbrot ein Spinatgratin vor (da können das Große Kind und der Freund auch noch von essen, wenn sie die Prinzessin abholen), doch …

Doch das Pärchen aus dem Gästezimmer kam irgendwie nicht. Hatten sich irgendwie und irgendwo verfahren, riefen gegen 17:30 Uhr an, um sich von mir den Weg erklären zu lassen, mit den Öffentlichen, irgendwo ganz am Rand von Leipzig, irgendwo, wo ich mich gar nicht auskenne.

Und dann rief die Buchhändlerin an, die jetzt Bibliothekarin ist, dass es doch ziemlich voll wäre bei mir und sie könne zu Freunden ziehen, die hätten eine Ferienwohnung und da noch ein Zimmer frei und das würde sie jetzt tun.

Pfff.

Das Kleine Kind erklärte sich bereit, sich um alles zu kümmern, wenn alles bis 20:00 Uhr erledigt sei.

Pff.

Dafür gab es keine Garantie.

Nee, das Kleine Kind soll nicht unter meinen verpeilten Gästen leiden. Zumal, wenigstens eine der drei redet gern lange und über die Zeit hinaus und neigt dazu, Termine kurzzeitig aus dem Gedächtnis zu streichen, so dass man irgendwann rennen muss und jedenfalls keinen bis keinen guten Platz mehr kriegt oder in der Bühnendeko sitzt.

Sie kam dann noch vor dem Pärchen. Der Abschied war, ich gebe es zu, etwas hastig. Mit Hinweis auf die Lesung, zu der sie ja auch gern kommen wollte. Da war es schon nach 19:00 Uhr.

Das Pärchen kam eine halbe Stunde später. Wir klärten, was zu klären war, ich raste mit dem Rad gen Waldstraßenviertel und fand mich 19:54 Uhr am Ende einer Schlange wieder, die, das sah ich sofort, selbst, wenn das Haus leer gewesen wäre, nicht reingepasst hätte. Wars aber nicht wegen der vorangegangenen Lesungen und da saßen garantiert seit Sechse Leute drin, die sich überhaupt nicht für Israel und Juden interessieren, sondern nur den Gysi sehen wollen.

Ich blieb trotzdem stehen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Bis man verkündete, das Haus sei geschlossen wegen Überfüllung und so ein Alt-Genosse, der offenbar nicht zu den Wendegewinnern zählte, fügte noch hinzu: Der Gysi spricht schon. So, als sei jetzt eh alles zu spät.

Ich aber dachte angestrengt nach.

Zeitgeschichtliches Forum, Roland Jahn, Wir Angepassten.

Ich raste los.

Wegen Überfüllung geschlossen. Ja da soll doch!

Ich guckelte ein bisschen im Smartphone, aber die Mobilversion des Leseprogramms gab nur 10 Veranstaltungen her.

????

Ich war in den letzten 50 Minuten an gefühlt 100 Kneipen, Friseursalons, Fleischereien und Bäckereien vorbei gefahren, in denen sich Zuhörer um Vorlesende scharten.

Gibts doch nicht.

ABER NEIN, AUFGEBEN GILT NICHT!

Ich dachte angestrengt nach, konnte mich aber nur an Dinge erinnern, die 20:00 Uhr begonnen hatten. Haus der Demokratie. Zu weit weg. Polnisches Institut. Wo ist das denn jetzt? Am Brühl steht ja jetzt ein Einkaufstempel. (Ich stand quasi fast daneben. Habe ich aber erst heute gesehen).

Sächsisches Institut für Psychodingens. Wo ist denn die Gohliser Straße? Plaque, Baumwollspinnerei, alles zu weit weg.

Ich hätte heulen können.

Aber vielleicht sitzen im Ariowitsch-Haus ja doch hauptsächlich Gysi-Fans und gehen, wenn der geht? Dann könnte ich wenigstens…

Ich radelte zurück, stand mit ein paar anderen fröstelnd vor dem geschlossenen Haus.

Und wirklich, als Gysi ging, gingen auch die Zuhörer. Mancher fragte beim Herausgehen verdutzt: Ach, kommt jetzt noch was? Was kommt denn jetzt noch? Oder stellte fest Drei Stunden sind wirklich genug. Und ich wette, die Hälfte derer könnte nicht mal sagen, was in den zwei Stunden vor Gysi geschah, also so inhaltlich. Mich hätte ja die Lesung 17:00 Uhr auch sehr interessiert. Aber da war ich ja mit einem Teil meiner Gäste verabredet. Wenn ich gewusst hätte…

Nu aber rein.

Das Beste kommt zum Schluss, kündigte der Moderator die Lesung und Diskussion an.

Steven Uhly, Königreich der Dämmerung. Der erklärte die Idee zu seinem Buch so,dass er Geschichte in Blöcken gelernt habe. Weimarer Republik, 3. Reich, Nachkriegsjahre, usw.

Wo aber ist die Verbindung? Wie war der Übergang? Nach dem 2. Weltkrieg herrschte in Deutschland Chaos. Hunderttausende waren unterwegs. In alle Richtungen. Kriegsgefangene auf dem Weg in ihre Heimatländer, Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, Böhmen usw. auf der Suche nach einer Bleibe. Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone. Die KZ-Häftlinge. Die Juden. Und alle zu Fuß. Die Juden kehrten erst mal nach Deutschland zurück. Und nach Polen. Doch ihre Wohnungen, ihr Besitz waren aufgeteilt oder gehörten inzwischen anderen, die nun auch nicht auf der Straße landen wollten.

Viele KZ-Häftlinge lies man sogar erst mal in den Lagern, weil man nicht wusste, wohin mit ihnen. Und viele 10000de starben dort noch nach der Befreiung. Sicher an den Folgen ihrer Haft, und weil eine schnelle Hilfe nicht möglich war.

Und dann Israel. Und die Briten. Die Zionisten, die einen Staat Israel gründen wollten. Die Briten, die Unruhen fürchteten. Die displaced persons. Neue Flucht aus Deutschland, jetzt Besatzungszonen, Flucht nach Israel. Zweiter Versuch.

Steven Uhlys Roman schein sehr vielschichtig zu sein. Erzählt auf dem Hintergrund der Ereignisse in drei Erzählsträngen die Geschichte seiner Helden. Eine jüdische Flüchtlingsgruppe, eine Bauernfamilie aus der Bukowina, Anna, die Jüdin und ein SS-Sturmbandführer, dessen Namen ich vergessen habe, von den Lebensumständen in den Displaced People Camps. Steven Uhly begleitet seine Protagonisten vom 3. Reich bis 1980, immer sind die persönlichen Geschichten verwoben mit der Weltpolitik.

Ein Buch, das sofort auf meiner Lesewunschliste gelandet ist.

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3 Kommentare leave one →
  1. März 14, 2015 11:30 am

    So eine Odyssee! Aber immerhin was los bei euch 😉

    Uhly war am Donnerstag bei SWR1 zum Gespräch. Sehr interessanter Mensch und offenbar auch sehr interessantes Buch. Wenn ich mal wieder Zeit habe…

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  2. März 14, 2015 6:50 pm

    ich hab mich schon auf deine artikel von der buchmesse gefreut! wie schnell doch 1 jahr vergeht… feine geschichte von der reduktion 🙂

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  3. März 14, 2015 9:40 pm

    Eine Menge Stress – aber zu guter Letzt scheint sich’s „gelohnt“ zu haben…

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