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Berg auf Berg ab

Februar 19, 2015

Als Dijana mich fragt, ob ich schon mal bosnischen Kaffee getrunken habe, antworte ich aus einer Eingebung heraus: Nein. Und schon lehrt sie mich eine ganz andere Art als die vor zwei Tagen von Jasmin gelernte. Erinnert mich ein bisschen an die russische Art Tee zu trinken. Wie es in den Büchern steht. In Russland habe ich nie einen Menschen so Tee trinken sehen.

Ich bin endlich in dem Teeladen in der Kovaci, den mir Herr Ärmel empfohlen hat. Klein ist er und sehr gemütlich. Und liegt nur 2 min Fußweg vom Hostel entfernt.

Durchgefroren hocke ich mich auf eine der Bänke gleich am Fenster zur Straße, schichte die Kissen um mich, lehne die Decken ab und lasse mir von Dijana das Kaffee trinken erklären.

Statt mich von Jasmin zur Festung fahren zu lassen, bin ich lieber selbst los gestapft. Sarajevo liegt eingebettet zwischen Bergen, die laden geradezu zum Selber Bewegen ein. Und auf meinem kleinen Faltplan sieht das alles auch sehr einfach aus.

Ist es natürlich nicht. Und wie das eben so ist, in den Bergen, kann ich nicht einfach quer rüber laufen, ich muss den Weg zurück, runter in die Stadt und den nächsten wieder rauf.

Sehr viele Moscheen liegen auf meinen Wegen. Nach dem Ende des Krieges sollen 70 neue Moscheen gebaut worden sein. In Sarajevo. Oder war es in ganz BiH? Wie dem auch sei, mir scheint das etwas inflationär. Andererseits, wenn ich an den Kirchenbauboom in Russland denke…

Laut meinem Reiseführer soll man die Außenbezirke nur mit Guide besuchen, also stecke ich die große Kamera in den Rucksack und begnüge mich mit der Taschenknipse. Dabei gibt es soviel zu sehen. Moscheen zum Beispiel. Und sehr viele arbeitenden Männer. Die schippen entweder Schnee oder reparieren Wasserleitungen oder Autos. Es ist arschglatt und alle laufen auf den Fahrstraßen. Die Autofahrer wissen das und benehmen sich entsprechend. Da fällt auch mir die Wahl zwischen Bein auf dem Fußweg brechen oder von Auto auf der Straße überfahren werden leicht.

Der (richtige) Weg zur Festung auf der Ploca führt (bergan) vorbei an einem ziemlich, ziemlich großen Friedhof. Jasmin erzählte, dass man die in die die Stadt umgebenden Hügel baute. Inzwischen ist die Stadt längst über ihre Friedhöfe hinaus gewachsen. So findet man sie überall. Große und kleinere Gräberfelder, inmitten der Häuser.

Das Museum in der Festung hat geschlossen. An der alten Stadtmauer, die auch das Ende des Friedhofes markiert, schlittere ich entlang zum Sirokac –Tor, einem alten Stadttor. Dann muss ich wieder ganz runter fast bis zum Hostel und die nächste Straße wieder rauf. Zur gelben Bastion.

Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt.  Ich zeigte Ihnen schon im Dezember ein Foto. Es ist Mittag. Die Stadt liegt mir zu Füßen und aus den Moscheen klingen die Rufe herauf. Ploca, Sirokac und Zuta tabija sind Teil der Festungsbauten, die noch aus osmanischen Zeiten stammen. Auch das Visegrader Tor gehört dazu. Und weil ich da unbedingt hin Tor will, laufe ich einfach weiter. Immer bergan. Das Tor ist zwar nicht mehr auf meinem kleinen Faltplan, nur so ein Pfeil in die Richtung, aber so viele Straßen wird’s hier oben doch nicht geben?

Enge Straßen, dörflicher Charakter, kaum Menschen. Und die wenigen beäugen mich neugierig. Aber eigentlich treffe ich nur Hunde und Katzen. Der Schnee tut meinen Schuhen auf Dauer nicht gut. Ich glaube, ich habe nasse Füße. Oder ist es nur kalt?

Es geht immer bergan, jetzt kommt auch die Sonne raus, von den Bergen ringsum sehe ich allerdings nichts mehr, die Mauern zu den Gehöften, die engen sich windenden Straßen versperren jede Sicht.

Das macht überhaupt keinen Sinn. Und wenn die Sonne erst weg ist, erfriere ich hier oben.

Nein, da kehre ich lieber um und gehe in Dijanas kleinen Teeladen.

Ich bin der einzige Gast und nachdem wir ein halbes Stündchen gequatscht haben, drückt sie mir ein Buch in die Hand. Über Sarajevo. Die jüngste Geschichte. So etwa ab 1945.

Ich bin so vertieft, dass ich es fast als störend empfinde, als die Tür sich öffnet und Arun (oder Amun?) nicht nur einfach den Laden betritt, sondern sofort los plappert. Na gut, plappere ich eben nicht.

Arun ist Iraner. Aus Norwegen. Und sehr mitteilungsbedürftig. Außerdem hat er grad eingekauft. In einem Antiquariat. Gleich unten an der Ecke. Da müsst ihr unbedingt mal hin. So schöne Sachen.

Arun packt aus. Das macht den kleinen Laden noch etwas kleiner, denn auf den Tischen ist grad mal Platz für den Kaffee. Oder eben den Tee.

Ein alter jugoslawischer Pass. Was willst Du damit?, wundert sich Dijana. Das ist Geschichte. Verstehst Du? Alles Geschichte!

Ein Feuerzeug aus dem Krieg. Ja, so eins hatte mein Vater auch, erinnert sich Dijana.

Ich lege mein Buch endgültig beiseite.

Eine Kaffeedose. Das ist eine alte Tabakdose, oder? Ich glaube, das ist deutsch. Lies mal! Was steht da?

Nein, das ist Kaffee. Eine alte Kaffeedose.

Toll. Das ist alles historisch.

Jetzt packt er eine Hakenkreuzbinde aus. Uns Frauen bleibt das Lachen im Halse stecken. Das ist Geschichte, beharrt Arum oder Anum. Glaubst Du, dass ich die in Norwegen tragen kann?

Keine Ahnung, was in Norwegen los ist, aber HIER würde ich sie nicht tragen.

Der Iraner sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf. Arum grinst. Er ist weit weg von unseren Befindlichkeiten, packt alles wieder in seine Tüten. All den alten Kram, all sein historisches Zeug.

Was ist Roibusch, fragt er. Tee eben, aber keine Sorge, davon wirst Du nicht high.

Der Laden ist inzwischen proppenvoll, obwohl nur zwei weiter Gäste um die Tischchen sitzen. Ein Pärchen hat sich in die 1. Etage verzogen.

So vergeht die Zeit fast ein bisschen unbemerkt und ich trenne mich nur ungern von meinen neuen Kurzzeitbekanntschaften.

Vorbei an der alten orthodoxen Kirche laufe ich zum Svrzina Haus, einem alten bosnisch-muslimischen Wohnhaus, das heut als Museum dient. Ich streiche wild fotografierend, staunend und mich manches mal auch wundernd durch Gänge und Zimmer, steige Treppen hinauf und wieder hinunter. Das Haus vermittelt das Leben zu osmanischen Zeiten. Und um alles zu verstehen, muss man auch kein Buch kaufen. An jedem Zimmer hängt eine kurze Erklärung, auch auf Englisch.

Wenn ich nun schon mal hier bin, kann ich auf dem Weg zurück auch gleich noch in den alten, 1561 erbauten, jüdischen Tempel, doch der hat geschlossen. Daneben der neue aus dem Jahr 1921 dient heute als Kunstgallerie.

Dijana hat mir ein paar Restaurants empfohlen. In einem davon wird der Burek über offenem Feuer zubereitet. Dort sitze ich und versuche mich nicht vom Fastfood-Charakter stressen zu lassen.

Natürlich ist es dunkel, als ich zum Hostel wackle. Und der Weg ist viel zu weit. -12°C waren es heute am Tag. Ich will gar nicht wissen, wie kalt es jetzt ist.

30.12.2014

Einige Fotos zeigte ich Ihnen schon im Dezember. Ein noch längerer Spaziergang

Da wie hier galt und gilt: Drauf klicken, groß gucken

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7 Kommentare leave one →
  1. Februar 19, 2015 11:25 pm

    Ich wiederhole mich sehr gerne: Ich liebe deine Reiseberichte.

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  2. Heidi permalink
    Februar 20, 2015 7:32 pm

    Welch eine Wonne, deine Reiseberichte zu lesen! Aber auch die Aufnahmen schätze ich sehr. Ganz herzlichen Dank für dieses grosszügige Teilen.

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  3. Februar 22, 2015 6:07 pm

    Deine Reiseberichte sind eine Wucht! Vielen Dank auch für diesen. Und die Fotos natürlich.

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  4. Februar 24, 2015 2:29 am

    Sa-gen-haft! Der Blick über die Moschee auf die andere Seite mit den schneebedeckten Häusern (Bild 10) rockt und das Teehaus sieht schon von außen irre gemütlich aus. Und der Hund ist auch sowas von niedlich, den hätte ich glatt mitgenommen. Aber wenn ich die Steigungen da sehe wird mir echt anders. Dass Städte in Bergen zum selber bewegen einladen kann auch nur Dir einfallen *g*

    Aber wie trinkt man denn jetzt bosnischen Kaffee?

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    • Februar 28, 2015 7:01 pm

      NA grundsätzlich türkisch und sehr stark. Bei Jasmin musste ich ihn ne Weile stehen lassen, dann den Satz „runter“ rühren, dann Zucker IN den Kaffee, umrühren, noch mal warten, trinken.
      Bei Dijana musste ich ein Stück Zucker für eine Sekunde zu einem Viertel in den Kaffee tunken, da war das halbe Stück dann feucht, dann abbeißen, auf die Zunge legen, Kaffee schlürfen.
      Alles klar?
      Es gab auch so ein Geleesüßdingens, aber ich esse kein Gelee, deshalb habe ich das liegen lassen

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  5. Februar 25, 2015 8:19 pm

    Bei einigen Deiner tollen Bilder fühle ich mich sehr an Bulgarien erinnert.

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  6. Februar 28, 2015 6:57 pm

    Danke Euch allen. Ich war eine Woche ohne Internet und fast auch ohne Mobilfunknetz, deshalb meine späte Antwort.

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