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Der menschliche Wahnsinn

Februar 8, 2015

Am Sonntag schneit es. Und ich habe schlecht geschlafen. So sitze ich mit Kopf- und Rückenschmerzen im Gemeinschaftsraum, bei Tee und gestern im Konzum erworbenen Brot und Käse, und lese in meinem Reiseführer. Ich habe kein Café gefunden, wo ich frühstücken könnte und bei dem Wetter habe ich keine Lust, noch mal zu suchen. Gestern Abend habe ich mich im Internet ein bisschen belesen. Der Zerfall Jugoslawiens, die Unabhängigkeitserklärung Bosnien- Herzegowinas, die sehr schnelle Anerkennung der Eigenstaatlichkeit durch die Vereinten Nationen und der unmittelbar danach einsetzende Krieg. Die dreijährige Belagerung Sarajevos durch die Jugoslawische Armee und serbische Nationalisten. Jetzt lese ich das alles noch mal in meinem kleinen Reiseführer nach.

Was für ein Irrsinn.

Was für eine Scheiße.

Draußen ruft der Muezzin zum Gebet. Hier, von der Kaisermoschee, ruft er live. Kein Tonband. Das klingt wie Musik. Nicht so blechern wie das, was aus den anderen Moscheen kommt.

Heftiger Schneefall. Ein Tag fürs Museum. Oder den Tunnel.

Ich suche die Touristeninformation, um heraus zu finden, wo die Tour startet.

Der Tunnel wurde in jenem Krieg gebaut und verband die von den Bosniern kontrollierten Stadtteile Dobrinja und Butmir. Ansonsten war die Stadt eingekesselt. Blockiert. 1435 Tage lang. Die Blockade begann unmittelbar nach der Anerkennung der Eigenstaatlichkeit BIHs durch die UN. Von den umliegenden Bergen hielten serbische und montenegrinische Truppen, die damals die Armee Jugoslawiens bildeten, Slowenien und Kroatien gehörten ja schon nicht mehr dazu, (auf manchen Karten fand ich aber auch serbische, montenegrinische Truppen und als 3. Partei die Jugoslawische Armee eingezeichnet) die Stadt ununterbrochen unter Beschuss. 11000 Tote. Darunter 1606 Kinder.

Um aus der Stadt zu gelangen, blieb nur der Weg über das Rollfeld des Flughafens. Dort aber wurden die Menschen zu leichten Zielen für Heckenschützen. Obwohl der später von Blauhelmen gehalten wurde.

Das Büro der Touristeninformation ist in der Altstadt. Eine Angestellte führt mich auf meine Frage hin in eine Nebenstraße, eigentlich eine Art Hof, in eins dieser winzigen Cafés, in denen nur Männer sitzen und Tee trinken.

Hier sitzen zwei. Dem alten gehört der Laden. Der jüngere ist der Stadtführer. Jasmin. Ob ich gleich los will oder erst mal Kaffee trinken? Ich sehe noch keinen weiteren Teilnehmer der Führung und denke, dass schon noch Zeit für einen Kaffee ist.

Aha, das ist gar kein Tee. Das ist Kaffee. Bosnischer Kaffee. Jasmin erklärt mir, wie ich den trinken muss. Dafür braucht man Zeit und Ruhe. Nix für hektische Mitteleuropäer.

Oh, kann ich hier rauchen?

Es ist noch lange nicht 11:00 Uhr, jedenfalls noch genug Zeit für eine Zigarette.

Wir schwätzen. Jasmin hat die Belagerung der Stadt als Kind erlebt. Als es losging, der Krieg, sagt er, seien die Orthodoxen durch die Straßen gegangen, hätten den Männern eine Pistole an den Kopf gehalten und gefragt: Orthodoxer oder Moslem? Letztere hätten sie sofort erschossen, ersteren hätten sie ein Gewehr in die Hand gedrückt und gesagt, sie sollten jeden Moslem, den sie treffen, erschießen. Weigerten sie sich, wurden sie auch erschossen.

Und die Juden?, frage ich. Den Juden hätte keiner was getan. Die durften sogar die Stadt verlassen. Später erfahre ich, dass, als der Rabbiner seine Gemeinde aus Sarajevo geführt hat, diese plötzlich sehr stark gewachsen sei. Da hätten sich plötzlich Leute als Juden geoutet… Und einmal in der Geschichte seines Volkes, lese ich später in einem Interview mit einem der Ältesten der in der Stadt gebliebenen, sei es von Vorteil gewesen, Jude zu sein.

Jasmin will mir nun auch den jüdischen Friedhof zeigen.

Und was, Sport interessiert Dich? Da zeige ich Dir die Bobbahn.

Ach nein, nein, ich will doch nur zum Tunnel.

Die Zeit verstreicht und langsam dämmert mir, das ist eine Ein-Mann-Show. Und Jasmin mein ganz persönlicher Führer.

Ich frage arglos nach dem Denkmal für Gawril Prinzip. Die Nichte hätte gern ein Foto davon. Das scheint mir keine gute Frage zu sein. Ich werde später noch mal Dzemal fragen und merke, nach irgendwas im serbischen Teil fragt man hier nicht. Bzw. erhält keine Antwort. Oh je, der Frieden scheint mir doch erzwungen. Aussöhnung sieht anders aus.

Inzwischen stehen wir auf dem jüdischen Friedhof, dem zweitgrößten Europas. Von hier aus schossen die Serben und Montenegriner auf die Stadt. Jasmin spricht von Tschetniks. Ich muss erst mal etwas nachdenken, ehe der Groschen fällt. Ich stehe zwischen den Grabsteinen und starre auf die Stadt unter uns. Wie das Leben hier war, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Und die Schule? Seid Ihr in die Schule gegangen?

Das haben unsere Eltern jeden Morgen entschieden. Je nach Lage.

Wie lebt man mit einer falschen Einschätzung der Lage? Als Mutter. Als Vater. 1606 tote Kinder.

Der Weg zum Tunnel führt durch die Srpska Republik. Hier wird viel gebaut. Ja, die Serben wollen lieber in ihrem Teil leben.

Fehlt nur noch ne Mauer, denke ich, und einmal mehr erscheint mir der Frieden ein sehr fragiler zu sein. In den nächsten Tagen werde ich noch viel lesen. Über den Krieg. Über die Serben. Über die Bosnier. Über die Unmöglichkeit, das Land zu regieren. Das Land kommt mir vor wie ein Pulverfass. Und es stellt sich immer mehr die Frage nach der Mitschuld der Vereinten Nationen an der heutigen Situation. Obwohl das Theater natürlich schon eher los ging. Wahrscheinlich, als die Osmanische Herrschaft beendet wurde. Eine aus Ignoranz geborene verfehlte Politik der Habsburger Monarchie. Tito, der die idiotische Idee hatte, die Religionszugehörigkeit Nationalitäten zuzuschreiben. Serbe= Orthodoxer. Bosnier= Moslem. Kroate= Katholik.

Auch als wir zur Bobbahn fahren, liegt der Konflikt sozusagen auf der Straße. Die führt nämlich genau an der „Grenze“ entlang, die Ausflugslokale links und rechts verfallen vor sich hin. Hier will niemand investieren, sagt Jasmin. Mir scheint, die Bewohner trauen ihrem eigenen Frieden auch nicht recht.

Der Ausflug endet, wohl als Ersatz für das verschmähte Denkmal, dort, wo Franz Ferdinand und Gattin einem Attentat zum Opfer fielen. Der Attentäter war ein Serbe.

Für manche ist er ein Held, für andere ein Terrorist, sagt Jasmin. Und er klingt dabei irgendwie versöhnlich. So, als wüsste er nun auch nicht genau, was er von Gawril Prinzip halten soll.

Mir aber scheinen es plötzlich viel mehr Einschusslöcher an den Häusern zu geben als gestern. Und manchmal, wenn ich vor so einem Haus stehe, dass mir bis gestern gar nicht aufgefallen ist, schaue ich mich nach den Bergen um, aus denen die Schüsse wohl kamen.

Noch mehr zum Tag gab es hier zu lesen und zu gucken: Der Tunnel

Ansonsten gilt wie immer: Drauf klicken, groß gucken

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18 Kommentare leave one →
  1. Februar 8, 2015 11:48 pm

    Gerne würde ich auf „gefällt mir“ klicken, denn deine Fotos sind wie immer toll und dein Bericht liest sich, als wäre man dabei gewesen. Aber angesichts des Themas, dem unbegreiflichen Krieg und dem nach wie vor fragilem Frieden passt ein „gefällt mir“ für mich an dieser Stelle nicht. Aber danke, dass du uns mitgenommen hast. Das du mir immer wieder Städte und Länder näher bringst und mich neugierig auf sie machst. Städte und Länder, die ich sonst nur mit Vorurteilen und einer groben Ahnung füllen kann.

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    • Februar 9, 2015 8:07 am

      Ja, das verstehe ich. Manchmal wünschte ich mir mehr Auswahlbuttons. Andererseits, wenn die geringe Auswahl Leser zu Kommentaren „zwingt“ ;). Mir geht das manchmal auch so.

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  2. Februar 9, 2015 7:53 am

    Mein gefällt mir, steht für den Bericht, dass es für Krieg und menschliches Leiden keinen Stern gibt, steht ausser Frage.
    Die mit Farbe aufgefüllten Granatlöcher berühten mich schon auf den Fotos von Herrn Ärmel.
    Freundliche Grüße aus Sachsen.

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    • Februar 9, 2015 8:05 am

      Keine Sorge, liebe Arabella, genau so habe ich Dein „Gefällt mir“ verstanden. Aber ich kann auch Barbara verstehen, dass sie den Button nicht drücken wollte. Geht mir manchmal auch so. Da schreibe ich dann lieber. Aber, wie gesagt, ich habe Dein „gefällt mir“ keinesfalls in die Richtung gedeutet, dass Du Krieg und menschliches Leiden mit einem Stern versehen möchtest. Ich glaube, Leute, die das tun, kommentieren oder liken hier nicht. Oder landen im Spam.
      Schöne Grüße, und viel Kraft für heute Abend. Wir können es alle gebrauchen

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  3. Februar 9, 2015 8:21 am

    Ja, wenn man sich vor Ort informiert und umsieht, scheint es der schiere Wahnsinn zu sein. Die „Rosen“ schein neu angemalt zu sein. Und dem Frieden trauen viele nicht. Wer heute in die Ukraine schaut kann hier in Bosnien und drüben im Kosovo sehen, was das Eingreifen der Westmächte gebracht hat. Das Land ist paralysiert. Oder sediert, je nachedem wie man das sehen will. Und ein klein wenig kann man dann die Vorsicht von Putin verstehen.
    Vielen Dank für deinen Bericht und die eindrücklichen Fotos.

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    • Februar 11, 2015 8:12 am

      Auch wenn es blöd klingt, aber durch den Krieg in der Ukraine habe ich erst angefangen zu verstehen, was in Jugoslawien passiert ist. Weil ich eben jetzt mehr Zeit habe, mich zu informieren und mir die Ukraine und Russland sowieso irgendwie am Herzen liegen

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      • Februar 11, 2015 8:42 am

        Ja, das kann ich gut nachvollziehen.
        Bei all den Nachteilen der Berichterstattung in den Medien, der einseitigen Propaganda, den offensichtlichen Lügen usw.; das Anwachsen der Berichte verschafft dem kritischen Beobachter besser als je zuvor die Möglichkeit, tiefere Einblicke in alltägliche Abläufe und Prozesse zu gewinnen. (und bis ich erst die fünf sehr unterschiedlichen Kriege aus denen „der Jugoslawienkrieg“ bestand kapiert hatte, das hat auch eine Weile gedauert.)

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  4. Februar 9, 2015 8:45 am

    Beklemmend – und das grau-weiße Wetter der Silvesterzeit scheint das noch viel mehr zu verdeutlichen.

    Da meint man, hier in Mitteleuropa sind Krieg und Leid und all das so weit weg – und dabei sind wir oft von so fragilen Konstrukten umgeben, wo es nicht viel mehr als einen Funken braucht, um eine Katastrophe auszulösen.

    Vielen Dank für die berichte und die Bilder
    Vinni

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    • Februar 11, 2015 8:16 am

      Die fragilen Konstrukte sind die eine Seite. Wie unsere Politiker damit umgehen, Konflikte manchmal noch anheizen oder zugucken, wie das nicht europäische Politiker tun, ist die andere.
      Am Sonntag habe ich einen sehr wütenden Martin Schulz im Fernsehen gesehen, der den Amerikanern gesagt hat, sie seien weit weg von Ukraine und Russland, müssten sich nicht in alles einmischen und es sei das gute Recht der EU, sich um einen Frieden in Europa zu bemühen. Auche ohne die USA, aber mit Russland

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  5. Februar 9, 2015 3:21 pm

    uff…..ist das bedrückend! ich glaube, ich muß dringend mehr lesen. keine romane…

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    • Februar 11, 2015 8:16 am

      Ja, es gibt so viel, was man nicht weiß. Wäre ich nicht da gewesen, hätte ich immer noch keine Ahnung

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  6. Februar 10, 2015 1:14 am

    Uff. Nachdem im letzten Teil scheinbar die Normalität wieder eingekehrt ist schlagen diese Fotos so richtig auf den Magen. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass der menschliche Wahnsinn ohne Unterlass weitertobt, nur dass es heute andere Städte sind, für die man sich irgendwann neue Mahnmale ausdenkt wenn der Wahnsinn weitergezogen ist.

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    • Februar 11, 2015 8:19 am

      Lieber Zaph, ich wollte Dich natürlich nicht schocken, „freue“ mich aber über Deine Reaktion. Deine Kommentare von gestern und heute fassen genau das zusammen, was ich in Sarajevo empfunden habe. Eine schöne spannende Stadt. Mit ein bissl Mühe könnte man sogar ganz ohne an die 90er zu denken dort eine Woche verbringen. Und dann trifft man jemanden wie Jasmin

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  7. Februar 11, 2015 4:42 pm

    Vielleicht muss man sich auf genau so eine Spurensuche machen, damit man die Kraft hat alles abzuwählen, was Krieg und das Geschäft mit ihm zu fördert. Trotzdem: Es macht so eine Art Hilflosigkeit breit, wenn ich Berichte von da sehe. Oder auch jetzt, da ich hier lese.
    Ich wünsche mir so sehr Freiden. Überall, nicht nur hier. Ich kann nicht verstehen, wie aus ehemaligen Nachbarn erbitterte Feinde werden, die sich die Köpfe einschlagen. Wir haben alle Zeit der Welt, aber wir haben keine Geduld, die Füße still zu halten und zu reden und nochmals zu reden.
    Ich hatte im ehemaligen Jugoslawien eine Freundin. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

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    • Februar 13, 2015 2:47 pm

      Ich denke in letzter Zeit viel über Religionen nach. Angeblich werden ja viele Krieg der Religion wegen geführt. Wir wissen, das es immer um Macht geht. Nur, warum lassen sich Religionen missbrauchen? Schon als Karl I. die Sachsen bezwang, z.B., zogen hinterher Missionare durchs eroberte Land. Klar, wenn alle an den einen Gott glauben, lässt sichs besser regieren, könnte damals die Idee gewesen sein. Vielleicht aber glaubte Karl wirklich, sein Gott sei der einzig wahre. Nur deshalb zog er nicht los und unterwarf andere Stämme.
      Und ich frage mich, sind die Junden eigentlich je in eroberte Länder gezogen, um zu missionieren? Die Buddhisten? Was nur stimmt nicht mit dem Christentum und dem Islam?

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  8. Christiane permalink
    Februar 19, 2015 8:05 pm

    Hallo, irgendwie bin ich auf deinen interessanten Blog gestossen und schaue jetzt öfter mal rein. Woher nimmst du, dass Tito die Nationalität der Religion zugeordnet hat? Tito, selber Kroate, war Atheist bzw Freimaurer. Meiner Meinung nach muss man da viel weiter zurückgehen und die Völkerwanderungen verfolgen. Nebenbei, ich selber wurde hier in Kroatien nach meiner Nationalität gefragt, was ich zuerst nicht verstand, weil es einfach undenkbar in D wäre (oder vielleicht sogar verboten? ).
    Tja, und dann dieser unsinnige Krieg. Meiner Meinung nach von Politikern aufgeheizt. Und das könnte auch heute in D oder anderen Ländern passieren, wenn Politiker die Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen anstacheln anheizen.

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    • Februar 19, 2015 8:30 pm

      Hallo Christiane,
      ich habe, wie schon erwähnte, in Sarajevo viel gelesen zur Geschichte BIHs. U.a. hat mir Dijana, die Betreiberin eines Teeladens, über den noch zu berichten sein wird, immer, wenn ich den Laden betrat, ein Buch in die Hand gedrückt. Mag sein, dass ich es dort gelesen habe, mag sein, dass es irgendwo in einem Reiseführer stand. Oder im Internet. Das kann ich jetzt nicht merh nachvollziehen. ich bin mir aber sicher, dass es mir niemand dort erzählt hat, sondern ich es gelesen habe. Das Tito Atheist war, weiß ich. Und er wollte den Nationalismus besiegen. gerade deshalb fand ich das mit der Zuordnung der Religionen ja widersinnig. Schließlich gab es Muslime, die sich eher als Serben oder Kroaten fühlten.
      Dass die Probleme im Land schon viel frühe begannen, denke ich übrigens auch. Ich habe mich nun nur etwas mit der neueren Geschichte befasst, aber bis zur Völkerwanderung würde ich nicht zurück gehen

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