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Blindflug

Februar 6, 2015

Nachdem der Herr Ärmel im August vergangenen Jahres so wunderbar von Sarajevo erzählte und meine Neugier auf die Stadt geweckt, und da ich für Silvester noch kein Ziel hatte, stand schnell fest: Ich muss da hin. Zum Jahreswechsel (woraus schließt: Ich war immer noch nicht in Rom).
Flüge gebucht und eine Unterkunft möglichst im Zentrum, halbherzig nach Reiseführern geguckt, dann drei Seiten im Internet runter geladen, so machte ich mich auf den Weg.
Zugegeben, ich wusste nicht viel über mein Ziel. Stadt in Ex-Jugoslawien, Olympische Winterspiele 1984. Wie das dazugehörige Land dazu heute heißt, musste ich erst mal gucken.
In Ex-Jugoslawien kenne ich mich nicht aus. Vor 1989 durften wir nicht hin, weil es dann doch zu westlich war, nach 1989 interessierte es mich nicht, weil es dann doch zu östlich war.
Und dann dieser blöde Krieg. Ich habe das damals nicht verstanden, ich verstehe es heute noch nicht. Und, der Krieg hat mich wütend gemacht. Auf Ex-Jugoslawien, seine Bewohner. Wie kann man nur aufeinander losgehen? Warum? Wofür? Weil ich 1992 zum zweiten Mal Mutter wurde, weil es hier so viel Umbrüche gab und so viel zu tun, habe ich mich auch nicht sonderlich damit beschäftigt. Habe wohl die Nachrichten gesehen, gehört und gelesen. Säuberungen, Flüchtlinge, Massengräber. Die spinnen doch. Die da in Jugoslawien. Und jetzt sind da auch noch Deutsche Blauhelme dort. Vielen Dank auch an Die Grünen. Das nehme ich Euch heute noch übel. Deshalb wähle ich Euch seitdem nicht mehr. Das kann ich nicht verzeihen.
Und die auf dem ehemaligen Gebiet Jugoslawiens entstandenen Staaten? Ihr könnt mir noch tausendmal erzählen, wie schön Kroatien ist. Ich fahr da nicht hin. Fast ein bissl wie Italien? Na da fahr ich doch lieber gleich nach Italien.
Allerdings. Die Musik. Balkanmucke. Nuja, da gehört dann das, was da auf dem Gebiet Jugoslawiens entstanden ist, doch irgendwie dazu.
Und richtig gute Bücher kommen von da. Und der Herr Ärmel, was der so aus Montenegro berichtet, also das klingt ja auch sehr, SEHR verlockend. Und das Kind, das Kleine, war nun auch schon da. In Montenegro. Und Freunde auch. Sehr spannend, was die so alles erzählen. Südosteuropa eben. Südosteuropa mag ich total. Da gehört das ja nun auch dazu. Und nach Montenegro würde ich nun doch auch gern mal fahren. Ich wollte eh immer mal nach Albanien, was jetzt nichts mir Ex-Jugoslawien zu tun hat, aber gleich neben dem Schwarzen Berg liegt. Da könnte ich ja in beide Länder. Im Sommer.
Montenegro? Fragen enge Freunde. Du willst nach Montenegro? Das ist aber schon in Ex-Jugoslawien.
Ja ich weiß. Ich fahr jetzt erst mal nach Sarajevo und guck, ob es mir gefällt, da in Ex-Jugoslawien.
Mein Gegenüber verschluckt sich fast. Sarajevo? Jetzt willst Du auch noch dahin?
Na, eine Woche. Mal gucken.
An diesen Reaktionen bin ich selber Schuld. Aus meiner Abneigung gegen das, was in Jugoslawien geschah und daraus entstanden ist, habe ich die letzten 10 Jahre keinen Hehl gemacht.
Nun also sitze ich im Flieger. Es ist Samstag, der 27.12., ich habe fast das Essen verschlafen, weil ich schon 4:30 Uhr aus den Federn, nach Tegel fahren und 7:00 Uhr im Flugzeug sitzen musste.
Vom Flughafen gibt es keine Möglichkeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu gelangen, also lasse ich mich abholen.
Dzemal gibt mir auf dem Weg in die Stadt und zum Hostel schon mal erste Auskünfte. Vor zwei Tagen hat Herr Ärmel noch mit mir telefoniert und ich habe mir aufgeschrieben, was ich alles angucken muss.
Ist das hier Sniper Alley?
Da biegen wir schon ab.
Dzemal erklärt kurz, dass es zwei Wege in die Stadt gibt. Im Übrigen zeigt er mir lieber die erfreulicheren Dinge der Stadt. Zum Beispiel, die Bierbrauerei. Und, mir ist die Bedeutung (noch) nicht ganz klar, die Bibliothek.
Welche Sprache sprecht Ihr eigentlich? Er stutzt. Na bosnisch. Dann versteht er. Wir lernen alle drei Sprachen in der Schule. Bosnisch, kroatisch, serbisch. Ich nehme an, die Unterschiede zwischen den Sprachen werden  in etwa so sein, wie zwischen Russisch und Ukrainisch. Aber, sie lernen auch kyrillisch schreiben.
Dann sind wir da. Ich beziehe mein Einzelzimmer mit Bad und Toilette, sogar ein Fernseher hängt an der Wand, im kürzlich sanierten und ausgebauten Hostel. Sehr hübsch ist es hier. Etwas kalt. Ja, sagt Dzemal, wir haben -7°C. Ja gut, draußen. Aber hier? Die Heizung steht auf der höchsten Stufe. Hm. Vielleicht wurde das Zimmer die letzten Tage nicht geheizt, das wird schon noch.
Ich muss jetzt eh erstmal raus, da scheint die Sonne. Und ein Kaffee wäre jetzt auch nicht schlecht.
Ich bin völlig überrumpelt.
Und etwas irritiert.
Die Altstadt nämlich, die Altstadt, da wo ich untergekommen bin, und so, wie sie sich heute präsentiert, die entstand so vor 550 Jahren. Und da gehörte Bosnien zum Osmanischen Reich. In dieser Zeit entwickelte sich Sarajevo zur Stadt. Aus dieser Zeit stammen viele bedeutende alte Gebäude.
Ich verlasse das Hostel, biege einmal nach links, stehe am Sebilj, dem Brunnen am Marktplatz, also im Zentrum der Altstadt.
Vielleicht hätte ich mich doch genauer über Sarajevo erkundigen sollen, statt mit sieben Adressen von sieben Sehenswürdigkeiten herzukommen und zu gucken, was sich so ergibt.
Also, ich hatte ja ein bisschen gelesen, aber das Gelesene wohl nicht verinnerlicht. Jedenfalls erinnert mich das Treiben in den Gassen und Gässchen eher an Tunesien. Ich würde jetzt lieber schreiben, Türkischer Basar. Aber ich war noch nie in der Türkei. Dafür in Tunesien. Und dort sah es in den Altstädten ähnlich aus. Hier ist es nicht ganz so wie im Suq. Aber doch ziemlich ähnlich.
Wow. Cool. Zwei Stunden Flug und ich bin nicht nur in Südosteuropa, sondern auch in einer anderen Kultur. Was für eine Überraschung. Um das zu verdauen, brauche ich einen Kaffee. Und nebenbei kann ich mir gleich eins aussuchen, wo ich in den nächsten Tagen frühstücken werde. Ich schiele durch Fensterscheiben. Da sitzen nur Männer. Und. Die trinken doch Tee?
Eh ich mich versehe, bin ich raus aus der Altstadt und im österreichischen Viertel.
Och nö. Das will ich jetzt auch nicht.
Zurück und mal ein bisschen in die Nebenstra… gassen abbiegen.
Wenn ich durch irgendeine Fensterscheibe eine Frau in einem der winzigen Cafés erkennen kann, gehe ich da rein und frage nach Kaffee. Oder trinke eben Tee.
Da winken mich zwei Frauen in eine Cevabdzinica. Da gibt es, der Name sagt es ja schon, Cevapcici.
Nuja, es ist inzwischen wirklich Mittag und zum Kaffeedurst hat sich längst Hunger gesellt.
Hier sitzen nur Einheimische. Prima. Der Raum ist nicht größer als mein Wohnzimmer, an zwei Wänden sind Bänke angebracht, davor Tische, es gib drei davon. An der 3. Wand befindet sich der Tresen und neben der Tür ein Waschbecken. Kaffee gibt es natürlich nicht. Und auch keine Toilette. Ich zwänge mich auf die Bank und rücke artig weiter, als neue Gäste kommen. Die Ćevapčići stecken zur Hälfte in einem ziemlich fettigen Fladenbrot, dazu gibt es Quark und Zwiebeln. Und eine Gabel.
Herrje, wie soll ich das nur essen? Ich schiele nach links und rechts zu meinen Nachbarn. (Später wird sich Jasmin tot lachen, wenn ich ihm die Geschichte erzähle. Und ja, weil man mit der Hand isst, gibt es das Waschbecken. Und ich war natürlich der einzige Dödel, der sich weder vor, noch nach dem Essen die Hände gewaschen hat. Auch das wird Jasmin amüsieren, denn daran, lacht er, erkenne man die Gäste)
Gut gesättigt ziehe ich dann weiter durch die Altstadt, schaue in die Gässchen und Lädchen, kaufe mir einen kleinen Reiseführer, finde die Cafés, die der Herr Ärmel mir so ans Herz gelegt hat, esse abends noch etwas, das so ähnlich wie Kabbala heißt und falle ziemlich todmüde ins Bett.
Sarajevo ist eine schöne, spannende Stadt. Alle drei Weltreligionen treffen hier aufeinander und haben die meiste Zeit wohl auch friedlich nebeneinander gelebt. Es wird viel, noch viel mehr zu entdecken geben. Ich freue mich auf den kommenden Tag.

Für die Fotos gilt wie immer: Zum genaueren Hingucken draufklicken.

Und hier gehts noch mal zu dem, was ich schon mal direkt aus der Stadt berichtet habe: Europas Jerusalem

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8 Kommentare leave one →
  1. Februar 6, 2015 12:15 pm

    Eine Beschreibung, der ich gerne gefolgt bin. Dankesehr.:-)

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  2. Februar 6, 2015 8:08 pm

    Hach, Inch, wie schön. Ich habe ja ewig nichts von dir gelesen und jetzt gleich von Sarajevo. Toll. Und eine passende Beschreibung.
    Das österreichische Quartier kenne ich garnicht. Ich muss noch mal hin.

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    • Februar 7, 2015 1:08 pm

      Ich bin mir sicher, dass Du es kennst. Du hattest nur keinen Reiseführer und konntest nicht lesen, wo Du bist. Das beginnt da, wo man über diese große autofreie Straße die Altstadt verlässt. Also da an der ewigen Flamme

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      • Februar 7, 2015 6:16 pm

        Aaah, an der Marsala Tita – – da bin ich nachts mal im strömenden Regen durchgehechtet und habe natürlich auf nichts geachtet und nichts gesehen.
        Naja, beim nächsten Mal. (Im Moment liegen mir ja ostdeutsche Städte näher – wenns Projekt endlich fertig ist)

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  3. Februar 6, 2015 9:49 pm

    Da hast Du im Blindflug aber einen Volltreffer gelandet. Sieht auf den Fotos zwar immer noch schweinekalt aus, aber ohne die Narben des Krieges schon wieder lebenswert. Und so eine Cevapciciceria tät ich auch gerne besuchen, davon habe ich mich damals in Jugoslawien ernährt..

    Und was den Tee angeht, probier den doch mal. Seit wir den beim Türken bekommen haben trau ich mich an das Wasser mit den heißen Blättern langsam ran, auch wenn es Kaffee nie ersetzen kann, aber der war ziemlich lecker *g*

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    • Februar 7, 2015 1:09 pm

      Jaja, der Tee. Ich weiß. Der schmeckte auch bei den Tunesiern. Und den Kirgisen. Aber ich wollte doch KAFFEEEEEEEE

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  4. Februar 8, 2015 10:54 pm

    Das gefällt mir. Das gefällt mir sogar sehr. Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen, liebe Inch!

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