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Was bleibt

Januar 13, 2015
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Trotz der 35000 Gegendemonstranten bleibt da ein fader Nachgeschmack. Die Nachricht aus Dresden, dass sich da (gestern sprach man von 30000 Pegida-Anhängern) Montag für Montag mehr finden, offensichtlich auch von weither angereist, wischte das bisschen positive Gefühl, dass wir uns zu erhalten suchten, restlos weg. Vielleicht hätten die, die, wie ich heute las, aus Hessen und sonst wo anreisten, um uns in Leipzig zu unterstützen, so dankbar ich denen bin, lieber nach Dresden weiterfahren sollen.
Und natürlich, wir müssen uns den Vorwurf machen, nicht zeitig genug reagiert zu haben. Dresden ist nicht so weit weg. Wo waren wir die letzten Montage? Warum waren wir nicht in Dresden? Wirklich aus Angst, als Demotouristen beschimpft zu werden? Ich glaube nicht. Wir haben gar nicht gedacht. Dresden ist dann doch ziemlich weit weg. Da musste erst Legida kommen, um uns aus unseren Sesseln zu treiben.
30000, 35000. Die Angaben schwanken. Einigen wir uns auf über 30000.
Doch über 30000 konnten nicht verhindern, dass knapp 5000 Legida-Anhänger liefen. Das hat schon mal besser geklappt. Als der Worch noch kam. Gut, der konnte weniger Mitmarschierer mobilisieren, dafür waren es auch weniger Gegendemonstranten. Aber die hatten das Ziel, die ewig gestrigen am Laufen zu hindern.
Vielleicht war das gestern nicht das Ziel jeder der über 30000. Vielleicht ging es vielen der Gegendemonstranten eher darum, sich zu etwas zu bekennen, statt etwas zu verhindern. Das ist in Ordnung.
Für mich nicht.
Legida lief, auf verkürzter Strecke zwar, aber sie lief. An der Wettiner Straße sah ich sie, zwischen uns ein Polizeiauto und die bei solchen Aufläufen übliche Polizeikette, rechts, das konnte ich sehen, war die Wettiner Straße so voll wie die, in der ich stand, mit Gegendemonstranten, nach links aber, von mir aus gesehen, liefen sie. Von der Waldstraße kommend.
Wir haben geschrien und gebuht und gesungen, um sie zu übertönen. Aber sie liefen. OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Schreien und Buhen und Singen hat ein bisschen über das Entsetzen hinweg geholfen. Und die Wut. Deutschlandfahnen, Reichskriegsflaggen, eine Russlandfahne und ich meine auch, eine Italienische und eine Französische gesehen zu haben. Aber ich kann mich auch getäuscht haben. Denn die Beleuchtung war schlecht. Denn die Bewohner des Waldstraßenviertels hatten alle Lichter ausgeschaltet. In den Häusern. Man glaubt nicht, wieviel so Licht aus den Fenstern ausmacht. Die Straßenlaternen waren leider an. Dazu das unwirkliche flackernde Licht der grünen Minnas, die ja jetzt blau sind.
Über 30000, das ist eine beeindruckende Zahl, ein klares Bekenntnis, könnte man meinen. In acht Demonstrationszügen bewegten sie sich auf das Zentralstadion zu, wo sich Legida sammeln und von wo sie loslaufen wollten.
Doch aufhalten konnten wir sie nicht. Immerhin, es gab Sitzblockaden und Leute, denen es gelang, durchzudringen. Die Route der Legida wurde verkürzt. Aber sie liefen.
Über einen Polizeiwagen hinweg sah ich sie und schrie ihnen meine Empörung entgegen.
Als wir nach Hause liefen, dröhnte das Viertel an manchen Ecken noch von der „Ode an die Freude“. Die Bewohner hatten nicht nur die Lichter gelöscht und Kerzen an den zahlreichen Stolpersteinen aufgestellt, sie hatten auch die Boxen aufgedreht und suchten die Hassparolen der Legida mit Beethovens Musik zu übertönen.
Was dieser Montag wert war und die über 30000 wird sich erst in der nächsten Woche zeigen. Alle aber, die nach Leipzig kommen wollen, um No-Legida zu unterstützen, möchte ich bitten, nach Dresden weiterzufahren. Wir haben es leider verpasst, als noch die Gelegenheit dazu da war. Dafür schäme ich mich.
Die Mitläufer, die Wutbürger, die zu kurz gekommenen , die, die sich nicht klar sind, wem sie da Montag für Montag auf den Leim gehen, von den Nazis zu trennen, die da jeden Montag aufmarschieren, das ist hauptsächliche Aufgabe der Politiker.
Aber eben nicht nur.
Hier ist jeder einzelne gefragt.
Auf eine Demo zu rennen, reicht nicht. Informieren, Reden, Aufklären, auch wenn man den Nachbarn für ein bisschen blöd hält, weil der auf der falschen Seite mitmarschiert, sich missbrauchen lässt, ohne es zu merken oder nicht merken zu wollen. Weil er glaubt, endlich einen Ort und eine Gelegenheit gefunden zu haben, seine Wut, Enttäuschung und Angst herauszuschreien.

Wir müssen reden. Argumentieren. Verstehen. Abwägen. Erinnern. Aufklären. Informieren. Besonders informieren. Uns selber und das Wissen weitergeben. Wir dürfen die Masse nicht den Brandstiftern überlassen. Durch Demos allein aber werden wir das nicht schaffen.

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21 Kommentare leave one →
  1. Januar 13, 2015 5:12 pm

    Vielen vielen Dank für deinen Bericht.
    Ich kann deine Enttäuschung und Empörung nachvollziehen.
    Und dennoch sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Wenn ihr gestern ein dermassen deutliches Signal gesetzt habt, dann kann das für die Fehlgeleiteten in Zukunft eine Mahnung gewesen sein. Und das wäre ein Vorteil.

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  2. Januar 13, 2015 5:27 pm

    Stimmt. Wir sollten vor allem in unserem täglichen Leben mit der zunehmenden und vielerorts latenten Strömung nach Rechts umgehen… Den gleichen faden Beigeschmack hatte ich trotz aller Freude am Demonstrieren und Krach machen (bin jetzt noch lahm und heiser), um ca. 1.800 Bagida-Anhänger am Marschieren und Proklamieren zu hindern, ebenfalls. Denn auch hier sind sie letztendlich doch marschiert, und es hat beinahe drei Stunden gedauert, ehe sie aufgaben bzw. von der Polizei ins Stachus-Untergeschoss und zu U- und S-Bahn eskortiert worden sind… Und noch ein fader Beigeschmack hat sich eingestellt, als mir durch den Kopf ging: Bei jedem Fußballspiel pilgern 80.000 Menschen in die A…-Arena. Und bei einem derart wichtigen Anlass sind’s 20.000? 20.000 von 1,3 Millionen?…

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    • Januar 13, 2015 5:29 pm

      Dresden – das ist schlicht und ergreifend erschütternd… Früher hatte ich eine liebe Bekannte dort, bei der ich notfalls sogar hätte unterkommen können. Doch die ist nach Bayern umgezogen. Wäre sie noch in Dresden, würde ich mich kommenden Montag stantepede in den Bus setzen, um mich den dort noch so spärlichen Gegendemonstranten anzuschließen…

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    • Januar 14, 2015 11:24 pm

      Ja. Unglaublich, nicht? Allerdings habe ich einen Freund getroffen, der sonst seinen A.. kaum hochkriegt, und mit anderen Freunden war eine Freundin unterwegs, die mit dem Taxi zur Kneipe fährt, wenn die nicht in ihrer Straße ist. Oder gar nicht erst kommt. Ausgerechnet die zwei zu sehen, da war ich verblüfft. Und es freute mich. Es gibt Themen, da treibt es Leute auf die Straße, die man da nicht erwartet

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  3. Januar 13, 2015 7:22 pm

    Die zu kurz gekommenen sind ja meistens im Oberstübchen zu kurz gekommen, sonst würden sie nicht dem braunen Pack hinterherlaufen. Bei derart geistigen Schwächen wird man mit Argumentieren, Verstehen, Erinnern, Aufklären und Informieren leider selten Glück haben. Die wollen nicht denken, das ist viel zu anstrengend.
    Leipzig und seine Bewohner jedenfalls werden mir immer sympathischer, das war ein klares Zeichen.

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    • Januar 14, 2015 11:26 pm

      Naja, ich glaube schon, dass da Leute mit rennen, denen muss man nur helfen, dass das Lichtlein aufgeht. Eine Frau zB war da, weil sie die Bildungspolitik Scheiße findet. So einer muss man nur auf die Sprünge helfen. Aber ich glaube, die hat selber gemerkt, wie falsch sie war.

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      • Januar 14, 2015 11:27 pm

        Übrigens, eines meiner Lieblingsplakate:
        PEGIDA – mit Bildung wäre das nicht passiert.

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        • Januar 16, 2015 9:33 pm

          Die Bildungspolitik ist ja auch scheiße, keine Frage. Aber nachdenken, warum die Bildungspolitik scheiße ist und wer das verbockt hat, muss man schon wollen. Dann würde man vielleicht auch von alleine drauf kommen, dass irgend eine obskure Islamisierungsgefahr wenig damit zu tun hat.

          Solche Leute kann man vielleicht überzeugen wenn man privat in Ruhe mit denen diskutiert, ich kenne solche Leute nur nicht (mehr) und hätte auch keine Geduld unter 25.000 Vollpfosten die 5 mit Restverstand rauszusuchen *fg*

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          • Januar 18, 2015 4:54 pm

            Nein. Das schrieb ich ja. Die muss man nicht raussuchen. Die trifft man im Alltag. Im Bus, aufm Amt, was weiß ich. und da muss man reden, statt sich angewiedert abzuwenden

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  4. Januar 14, 2015 9:27 am

    Ja, diesen Beigeschmack hatte ich auch. Wir standen an ihrem Sammelpunkt und ich bekam einiges an ihren Reden mit. Hier konnten sie nicht loslaufen, aber sie wurden schließlich hinter der Absperrung auf der anderen Seite hinaus ins Waldstraßenviertel gelassen.
    Forschs Bande war da am Montag. Ich habe die Fahnen seiner neu gegründeten Partei gesehen.
    Heute Abend ist in der Uni eine Auswertung und eine Beratung, was man weiter unternehmen kann. Ich werde mir die Zeit nehmen. Nichts ist schlimmer als zu resignieren. Und gemeinsam denkt es sich einfach besser.

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    • Januar 14, 2015 10:16 am

      Nachtrag zu deinem Kommentar bei mir:
      Ich war nicht bei Legida, stand ihnen aber mit “ refodgees welcome“ unmittelbar gegenüber.
      Ich erzählr dir das alles mal bei Gelegenheit.

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  5. Januar 14, 2015 5:38 pm

    Ich kann deine Gedanken absolut nachempfinden. Mir ging’s genauso. Ich fühlte mich auch so hilflos, da ich nicht in der Lage war, den Legida-Leuten, dank perfekter polizeilicher Abschirmung, direkt entgegenzutreten und deren Lauf zu verhindern. Nächsten Montag versuchen wir’s wieder und wenn wir es dann irgendwann geschafft haben, sollten wir auch Dresden unterstützen. Du hast vollkommen recht: auf den Gedanken hätten wir schon eher kommen können/sollen/müssen!!

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  6. Januar 16, 2015 10:33 pm

    Wir wollen am Montag Abend zwischen dem Sendlinger Tor und dem Karlsplatz/Stachus tanzen, um Bagida aufzuhalten. Einige Arbeitskollegen/innen werden wahrscheinlich auch mit von der Partie sein, was mich sehr freut.

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  7. Trude permalink
    Januar 18, 2015 2:58 pm

    Dresden hat für morgen abgesagt…..Ich hätte auch nicht gekonnt, habe Nachtschicht und die nächste Woche dann Spät…..Nicht dass ihr euch auf die Socken macht, aber der Gedanke uns zu helfen war schon super. Danke dafür.
    Winke in den Sonntag, die Trude.

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    • Januar 18, 2015 4:55 pm

      Ich habs im Auto auf der Rückfahrt aus Bozi Dar gehört. Vielleicht gibts ja noch mal Gelegenheit

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