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Stolper(wander)tag 1 – da wos schön ist

November 8, 2014

Inzwischen ist es lange nach 17:00 Uhr und ich bin seit über 7 Stunden unterwegs. Zu Fuß. Dabei komme ich jetzt in einen der schönsten Ecken Leipzigs. Gehört zu Zentrum Nord, liegt zwischen Zoo und Gohlis. Hier scheint jedes Haus, dass den Krieg überlebt hat, denkmalwürdig. Verspielte Dächer, Blendfassaden, liebevolle kleine Details überall, mächtige Türen Portalen gleich und die von mir so geliebten runden Balkone, Erker, Ecken. Schauen Sie sich einfach die Bilder an und genießen Sie mit mir. Wir bewegen uns nur 800m über die Gohliser Straße zum Nordplatz und ich könnte noch viel mehr zeigen.

An der Michaeliskirche am Nordplatz hänge ich Erinnerungen nach. Ich erwähnte es im letzten Kapitel, hier erlebte ich einen wunderbaren Jugendpfarrer. Ich verließ den geschützten Raum, als der Jugendpfarrer seinen Vorgesetzten zu heiß und auf irgendein Dorf versetzt wurde. Und um die Ecke, ja, da traf ich mich 1989 mit den anderen Mitgliedern der Gruppe Frieden und Menschenrecht. Aber das war viele Jahre nach dem Jugendpfarrer.

In der Gohliser Straße 18 wohnten der Kaufmann und Betreiber eines Textilgroßhandels Max Sichel und seine Frau Hildegard mit ihrem Sohn Bernd zur Untermiete. Ihre Wohnung in der ehemaligen Danziger Straße musste die Familie nach der Pogromnacht vom November 1938 verlassen. Sie wurden zunächst von couragierten Leipzigern, der Familie Thomas im Leipziger Süden beherbergt., bevor sie im Dezember hier im Norden der Stadt zur Untermiete wohnen konnten. Im gleichen Monat musste Max Sichel seine Firma abmelden und die geplante Auswanderung der Familie nach Bolivien wurde durch die Sicherungsanordnung über Sichels Vermögen erschwert. Im Juli 1939 reisten die Sichels dann doch aus. Doch ihr Zielland Frankreich konnte sie nur kurzfristig vor Verfolgung und Vernichtung schützen. Am 26. August 1942 wurde Max Sichel nach Auschwitz deportiert, wo er am 24. November desselben Jahres im Alter von 45 Jahren ermordet wurde.

Hildegard Sichel trat ihre letzte „Reise“ am 2. September 1942 an, ebenfalls mit Ziel Auschwitz. Das Todesdatum der damals 31jährigen ist nicht bekannt. Ihr kleiner Sohn Bernd überlebte den Holocaust.

Dr. Felix Cohn, der mit seiner Familie (Frau und zwei Kinder) am Nordplatz 3 wohnte, starb in unmittelbarer Folge der Pogromnacht 1938. Der Hals- Nasen- und Ohrenarzt durfte damals noch zwei Stunden täglich seine Praxis für die noch in Leipzig wohnenden Juden öffnen. Als am Morgen des 10. November 1938 die Gestapo um sich schießend seine Praxis stürmte, wurde er schwer verletzt. Der Arzt wurde ins Polizeigefängnis in der Wächterstraße gebracht, wo er im Alter von 46 Jahren verstarb.

 

Bisherige Abschnitte:

Der Norden, ein weißer Fleck     tief im Norden     Stadt Dorf Widerstand

form follows function         Drei Geschichten vom Mut       Das Leid der Mütter

Eu, die Rietzschke     Unerwünschte Nachbarn- Gerstern und heute     Altbekannt und überraschend

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4 Kommentare leave one →
  1. November 8, 2014 6:29 pm

    Was für ein schönes Viertel, deine Bilder sind wahre Hingucker…
    Und dein Text gemahnt daran, dass wir trotz aller Mauer-Jubiläums-Feiern niemals vergessen dürfen, was am 9. und 10.11.1938 geschehen ist.

    Gefällt 1 Person

  2. November 8, 2014 7:27 pm

    Leipzig, die alte prächtige Handelsstadt. Wohlhabende Bürger bauten gediegene Häuser.
    Deine beiden Beispiele zeigen, wie schnell sich das Elend über diese Stadt legte.
    Deine gelungenen Fotos zeugen von der Schönheit und dem Glück, dass diese Gebäude erhalten geblieben sind.

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  3. November 11, 2014 12:33 am

    Also beim ersten Haus würde mich ja interessieren wie das von drinnen aussieht. Bestimmt völlig verwinkelt mit seltsamen Treppen und Leitern, wie sonst sollte man in dieses seltsame Türmchen gelangen? Bestimmt irre gemütlich. Beim vierten Bild sieht die Fassade seltsam aufgesetzt aus, so wie die von hinten gesichert ist kommt mir das vor wie eine Hamburger Spezialität: Fassade stehen lassen und dahinter alles entkernen und erneuern. Immer noch besser, als alles wegzuhauen.

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    • November 11, 2014 7:49 am

      In so einem Haus habe ich mir mal ne Wohnung angeguckt. Die lag in der 2. Etage oder so. Zur Wohnung gehörte dann so ein Zimmerchen in so einem Türmchen. Ich fand das zwar ganz witzig, und wäre das Große Kind schon mindestens 16 gewesen auch ganz praktisch, aber mit so kleineren Kinderen eher schlecht. Immer übers Treppenhaus ins Kinderzimmer zu einem Kind, dass sich zudem so einsam da oben fürchtet. Nee.
      Bild 4, die Häuser wurden tatsächlich original so gebaut. Das weiß ich, weil die Häuser bzw Fassaden und was da hinter lag schon vor 89 so aussahen. Man legte vor 100 Jahren Wert auf schöne Fassaden. Also wurde geschnörkelt, was das Zeug hält. Ich nenne so etwas Blendfassaden.

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