Skip to content

Streiks, Gewerkschaften und dieses seltsame Ding namens Solidarität

November 6, 2014

Der derzeitige Streik der Lokführer erinnert mich an irgendetwas. Bildersturm. Nein, industrielle Revolution. Als die Handarbeiter in den Manufakturen durch Maschinen ersetzt wurden und aus selbigen Manufakturen Fabriken wurden, stürmten die nun Arbeitslosen an ihre ehemaligen Arbeitsstätten und zerstörten die Maschinen, weil die waren ja schließlich Schuld an ihrer plötzlichen Arbeitslosigkeit.
Scheint so, als hätten die Arbeiter, die Arbeiterklasse in den letzten 150 Jahren nicht viel dazu gelernt. Bildersturm. Damals wie heute. Liegt es daran, dass es gar keine Arbeiterklasse mehr gibt oder daran, dass alle Bildung nichts nützt solange sich die nicht vorhandene Arbeiterklasse verblöden lässt?
Aber wahrscheinlich sehe ich alles völlig falsch und daran hindert mich natürlich meine ideologische Erziehung. Zwar habe ich in den 25 Jahren nach dem „größten Tag der Deutschen“ dazu gelernt, aber entweder nicht genug, oder die Ideologie, mit der Muttermilch aufgesogen, wird mir ein Leben lang den klaren Blick auf die Marktwirtschaft vernebeln.
Marktwirtschaft. Habe ich auch erst im Westen gelernt, das Wort. Wir nannten es damals Kapitalismus. Aber Kapitalismus klingt nun wirklich Scheiße. Aber das nur nebenbei.
Es soll ja um Streiks gehen. Und Gewerkschaften. Und Solidarität.
Streik, so habe ich früher gelernt, ist ein probates Mittel der Arbeiter, das sind die Besitzlosen, die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen können, ihre Interessen gegenüber denen, die die Produktionsmittel besitzen, also ihre Ausbeuter (Fabrikanten zum Beispiel) durchzusetzen.
Also es gibt natürlich keine Ausbeuter mehr, schon gar keine Kapitalisten. Und eine Arbeiterklasse eigentlich auch nicht, schon gar nicht Ausgebeutete, die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen können. Das ist wirklich sehr sehr antiquiert.
Heute gibt es Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Das klingt sehr kuschelig. Und natürlich leben wir in einer Solidargemeinschaft. Das heißt, die Arbeitnehmer, die das Glück haben, so viel zu verdienen, dass sie davon noch was abgeben können statt zum Amt zu rennen und aufstocken zu lassen, geben ab an die, die eben aufstocken lassen und die, die gar keine Arbeit nehmen können, weil die Arbeitgeber ja nun auch nicht so viel zu vergeben haben. Natürlich zahlen auch die, also die Arbeitgeber, in die Solidargemeinschaft ein und kümmern sich damit auch solidarisch um die, denen sie also keine Arbeit zu geben haben oder nun wirklich nicht so viel Lohn auszahlen können.
Dass wir nur 40 Stunden (also im Osten) in der Woche Arbeit nehmen, so wir welche haben und dafür angemessen bezahlt werden, haben wir sicher den Arbeitern zu verdanken, denen, die früher noch Arbeitskämpfe ausfochten und die sich in Gewerkschaften organisierten.
Im Osten gabs ja auch Gewerkschaften. Aber naja, Sie können sich denken, wie effektiv die waren. Trotzdem war ich natürlich drinne. Genauso wie in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft.
Und dann also purzelte ich mit 17 Millionen Landsleuten quasi über Nacht vom real existierenden Sozialismus in den real existierenden Kapitalismus, äh, ich meine natürlich in die Marktwirtschaft. Das habe ich ganz schnell gelernt. Marktwirtschaft.
Und, dass die Streiks der großen Gewerkschaften zum Kalender gehören wie, nun nicht gerade Weihnachten, das ist ja immer am selben Datum, sondern eher wie Ostern. Oder Pfingsten. So einem geheimen Plan folgend, den ich so wenige verstehe wie wann Ostern ist. Also irgendwie jahreszeitengebunden. Und hintereinander weg. Verdi, dann die IG Metall (vielleicht auch umgedreht). Verwundert rieb ich mir die Augen und lauschte professionellen, meist wohlgenährten Gewerkschaftsführern, die eine Einmal- Zahlung von 100 DM aushandelten und natürlich 0,5% mehr Lohn oder so. Dabei wusste ich damals noch nicht mal, das Gewerkschafter auch in Vorständen sitzen und dass das, wie mir auf diesem Blog jemand im Kommentar erklärte, auch Sinn macht, weil er da die Interessen der Arbeiter äh Arbeitnehmer am besten vertreten könnte. Ich bin eben ideologisch total verkorkst.
Ja. Also, diese Streiks mit ihren Ergebnissen erfolgten regelmäßig. Fast hätte man vermuten können, dass ein geheimer Plan dahinter stecke. Eine Art Planwirtschaft quasi. Gott behüte. Planwirtschaft, das kann ich nun wirklich aus erster Quelle und eigener Erfahrung bestätigen, funktioniert nicht. Also eher so eine Art Masterplan.
Ich fand das doof. Das hatte nichts mit meinen romantischen Vorstellungen vom Klassenkampf zu tun. Ich trat aus. Aus der Gewerkschaft. Streiks, so glaubte ich nämlich immer, als probates Mittel des Klassen- oder meinetwegen auch Arbeitskampfes, würden nämlich immer dann losbrechen, wenn die Zustände nicht mehr zu ertragen sind. Also zum Beispiel, wenn alle Niedriglohnverdiener sich ab morgen weigern würden, Brötchen zu verkaufen, Bandscheiben einzurenken oder Dauerwellen zu legen, weil sie es Kacke finden, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht und sie in ihren Gemeinden vor irgendwelchen Beamten zu Kreuze kriechen müssen, um um Armenpässe in welcher Form auch immer zu betteln. Aber für die gibts keine Gewerkschaft und natürlich scheinen sie auch die zu sein, die aus der Masse derer, die gerade keine Arbeit nehmen am schnellsten zu ersetzen sind. Glauben sie jedenfalls. Ein interessantes Phänomen, dass die, die am wenigsten besitzen, am meisten um das wenige fürchten. Das hatten wir in Staatsbürgerkunde nicht, oder in Marxismus/Leninismus oder Politischer Ökonomie. Oder habe ich da grad nicht aufgepasst?
Aber zurück zu den jahreszeitabhängigen, immer wieder kehrenden Streiks und den zu erwartenden Ergebnissen.
Ich finde wirklich, die Zeit und Energie könnte man sich sparen und einfach von vornherein festlegen, um wieviel Prozent der Lohn jährlich oder aller zwei Jahre oder was steigt. Man müsste natürlich den Gewerkschaftsbossen eine angemessene Position in den Unternehmen zusichern, nicht das wir noch mehr Arbeitslose haben, wenn die sich nicht merh jedes Jahr zur gleichen Zeit um Streiks kümmern können.
Aber! Da gibt’s ja noch die sogenannten kleinen Gewerkschaften. Ich habe keine Ahnung, wieviel es davon wirklich gibt, aber die schlagkräftigsten scheinen mir doch Cockpit, der Marburger Bund und die GDL zu sein. Vermutlich, weil die, wenn sie streiken, so ins öffentliche Leben eingreifen, dass wir es alle spüren.
Und das was sie wollen sind, soweit ich mich jetzt aus dem Stegreif erinnern kann, durchaus vernünftige Dinge und hat irgendwie mit unserer Sicherheit zu tun, oder möchten Sie von einem Arzt operiert werden, der schon 30 Stunden im Dienst ist? Also ich nicht. Nicht mal, wenn er „erst“ 23 Stunden im Dienst ist.
Und nun ist es interessant, was in unserer marktwirtschaftlichen Solidargemeinschaft passiert.
Man ist sauer!
Aktuell auf die Lokführer.
Es gibt Grenzen, schreit alles. Eine kleine Gewerkschaft nimmt uns in Geiselhaft. (Ab welcher Größe darf eine Gewerkschaft das, frage ich mich).
Und das gehört verboten.
Einschränkungen. Für die Gewerkschaften.
Gesetze müssen her, die so etwas verbieten.
Ich bin kein Regelmäßig-Bahnfahrer und deshalb in diesem Fall nicht betroffen. Und natürlich weiß ich nicht, wie „das bahnfahrende Volk“ wirklich reagiert, kenne nur die Statements aus TV und Presse. Medien können ja sehr meinungsbildend sein. Wissen wir. Immerhin, so sehe ich, sind die Bahnsteige leerer. Irgendwie scheint sich „das Volk“ arrangiert zu haben. Trotzdem reibe ich mir wieder mal verwundert die Augen. Obwohl ich es ja in den letzten 25 Jahren gelernt haben müsste.
Solidargemeinschaft eben.

Und allen, die nun nicht zum großen Fest nach Berlin kommen, möchte ich sagen, Ärgern Sie sich nicht. So was wie der 9. November 1989 lässt sich eh nicht mit einer großen Party und sich im Licht der Scheinwerfer badenden Politiker feiern. Ich kenne das vom Lichtfest in Leipzig. Am Ende bleibt nur ein Spektakel. Suchen sie stattdessen das Gespräch. Mit Leuten. Fragen sie nach deren Erinnerungen, dem, was sie damals empfanden, egal, ob sie vor Ort waren oder in Leipzig das Westfernsehen nun aber für total übergeschnappt hielten oder in New York fassungslos auf einen Bildschirm starrten. Zum 9. November 1989 hat jeder etwas zu erzählen und die kleinen Geschichten sind eh viel mehr wert als große Spektakel.

Advertisements
16 Kommentare leave one →
  1. November 6, 2014 6:16 pm

    Sehr gut!

    Gefällt mir

  2. November 6, 2014 6:41 pm

    Soziale Marktwirtschaft! Du hast das „sozial“ vergessen, das ist ganz wichtig, denn nur das „soziale“ unterscheidet die Marktwirtschaft vom Raubtierkapitalismus *fg* Wahlweise auch „freie“ Marktwirtschaft (frei ist auch immer ganz toll, das lieben die Menschen) und für Streiks hatte der deutsche Michel noch nie viel übrig (den Italienern gehts halt schlechter als uns weil sie dauernd streiken, issja kein Wunder ). Ähnlich wie Demonstrationen, kostet alles nur Geld und hindert beim shoppen. Ich schätze mal der überwiegende Teil der Bevölkerung findet Streiks und/oder Demos völlig überflüssig, je nach Betroffenheit mehr oder weniger und momentan sind halt viele betroffen. Solidargemeinschaft? Ohje, das klingt schon so sozialistisch, nene, da wollemir nix mit zu tun haben *fg*.

    Gefällt mir

    • November 6, 2014 7:33 pm

      Ah, verdammt. 25 Jahre und ich habs immer noch nicht kapiert. 😀 Wie konnte ich das nur ignorieren/überhören. Natürlich: SOZIALE Marktwirtchaft. Ich werde das jetzt den ganzen Abend üben. Und morgen dann FREIE

      Gefällt mir

  3. November 6, 2014 7:32 pm

    Ich sitze hier und sende einen Applaus durch die internetten Welten für diesen Beitrag, den ich sofort unterschreiben würde. Weil ich so präzise nicht schreiben und ausdrücken kann. Aber es geht mir im Kopfe rum. Ich hadere wahrlich mit dem ideologischen System, in dem wir groß wurden, aber ich kann gewisse Werte (zum Glück) auch nicht ablegen. Und schon gar nicht kann ich nun in der neuen Welt alles prima, golden, blühend und gerecht finden. Aber ich bin ein Fettauge der deutschen Einheit. Und mir dessen immer wieder sehr bewusst…

    Gefällt mir

    • November 6, 2014 7:42 pm

      Danke. Ich bin mir jetzt nicht sicher, was ein Fettauge der Deutschen Einheit ist. Aber wenn das heißen soll, Du bist gut im neuen System angekommen, dann bin ich auch ein Fettauge der Deutschen Einheit. 😀

      Gefällt mir

      • November 6, 2014 7:53 pm

        Ich bin vielleicht nicht in allen Belangen gut angekommen, aber ich schwimme (momentan) oben. Ich muss mir keine großen Sorgen um mein täglich Brot machen und ich kann all die Dinge genießen, die mir so wichtig waren: Bücher lesen, die ich (und nicht der Lizenzgeber) möchte und an Orte reisen, die mir spannend erscheinen, wahrlich grenzenlos Gäste empfangen und, und , und…

        Gefällt 1 Person

  4. stadtkatze permalink
    November 6, 2014 8:12 pm

    Ich fürchte, dass Solidarität außerhalb kleiner, linker Szenen, so ziemlich komplett aus der Mode gekommen ist. Alles, was die Komfortzone von Brigitte und Hans Mustermensch einschränkt, gehört verboten, denken sie sich offenbar. Und gerade die bei der Bahn – im zu berichtenden Fall Zugbegleiter_innen – sind nicht zu beneiden, mussten sie sich doch selbst in Zeiten von naturgegebenen Beeinträchtigungen (Elbehochwasser vergangenes Jahr) persönliche Beleidigungen anhören, weil es durch die wegen Dammbruchgefahr notwendigen Umleitungen zwischen Berlin und Braunschweig Verspätungen gab…
    Natürlich ist es im Einzelfall bestimmt hart, wenn jemand keine Alternative zum Bahnfahren hat. Andererseits würde ein nur 6-stündiger Streik so wenig Resonanz erzeugen, dass das nichts bewirkt. Und im Stillen streiken ist in der Branche schlicht nicht möglich, anders als vielleicht in einer Fabrik.
    Es wird viel über „Verhältnismäßigkeit“ bei den GdL-Streiks geredet, der Schaden dürfe nicht größer werden als der Nutzen… Weiß jemand, was damit gemeint ist bzw. wie sie zu quantifizieren wäre? Mir ist das jedenfalls schleierhaft. Und außerdem bin ich es ebenso leid wie Du, dass die Streik-Aufregungs-Sau alle 2 Jahre durch’s Mediendorf getrieben wird, als sei das dieses Mal aber besonders impertinent, was da gefordert wird oder wie. In zwei Monaten ist werden sie sich geeinigt haben und wir alle wieder vergessen, dass da was war. Wie immer. *seufz*

    Gefällt mir

    • November 7, 2014 8:02 am

      Ja, zu Punkt 1, und als die Berliner S-Bahn, die ja auch bestreikt wird, vor paar Jahren ständig ausfiel, weil die nicht gewarteten Züge kaputt rumstanden, mussten sich die Angestellten vermutlich auch beschimpfen lassen.
      Zur Verhältnismäßigkeit. Ich verstehe das auch überhaupt nicht. Wenn Streiks keinen wirtschaftlichen Schaden anrichten, sind sie doch völlig schnurz. Und wer legt denn fest, was verhältnismäßig ist? Aber inzwischen hat man in FFM ja in erster Instanz entschieden, dass alles rechtssn und verhältnismäßig ist. Streik eben, oder auch Arbeitskampf genannt.

      Gefällt mir

  5. November 6, 2014 10:20 pm

    Soziale Marktwirtschaft in einer marktkonformen Demokratie, die von einer FDJ-vorgebildeten AgitateurinKanzlerin und einem bürgerschreckbewegten Bundesgaucklerpräsidenten, auch Grüß-August genannt, angeführt (oder genasführt) wird …

    Hach, ich könnte laut fluchen!

    Gefällt mir

    • November 7, 2014 8:04 am

      Ich schlag mir manchmal verwundert vor den Kopf und denke: Der olle Marx hatte ja doch Recht. Wir habens den Dozenten nur nicht geglaubt. 😉

      Gefällt mir

  6. November 6, 2014 10:44 pm

    Vielen Dank für diesen Artikel! Auch wenn ich dir Recht gebe, denke ich doch, dass die Leute nur deshalb so frustriert sind, weil die Bahn auch nicht kommt, wenn niemand streikt. Da scheint die Toleranz schon ausgeschöpft zu sein.

    Gefällt mir

    • November 7, 2014 7:56 am

      Ein interessanter Denkansatz. Ich glaube, dass könnte tatsäcclich einen Teil der Wut erklären. Der größereTeil kommt aber sicher von den Medien und Politikern. Das ist eine wahre Hetzkampagne, bes gegen den GDL-Chef persönlich. Heute sah ich sogar so einen Coach im TV, der dessen Körpersprache deutete. Von hohem Aggressionspotential war da die Rede und einem Menschen, der egoistisch nur seine MAcht ausbaut, seine persönliche wohlgemerkt, und keinen Kontakt zu Mitmenschen aufbaut.
      Ei verdibbsch noch mal, ein Gewerkschaftsboss, gelernter Lokführer, der nicht auf Kuschelkurs ist.

      Gefällt mir

  7. November 7, 2014 7:57 am

    Ja, da im goldenen Westen sollte ja alles so toll sein 😉
    Ich kenne leider auch jemanden, der bei der Bahn arbeitet. Und dafür sorgt, dass die Protokolle bei den Kontrollen der Kaffeeverkäufer so sind, dass diese im Kündigungsfall wirklich vor dem Arbeitsgericht Bestand haben. Der Kommentar dazu war: „Die verdienen doch genug… “ Zynischer kanns kaum sein.

    Gefällt mir

  8. November 7, 2014 11:16 am

    Danke!!!

    Gefällt mir

  9. November 7, 2014 3:40 pm

    Danke für den Beitrag, liebe Inch. Und ja, die kleinen Geschichten sind mehr wert als das große Spektakel.

    Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: