Skip to content

Stopler(wander)tag 1 – Unerwünschte Nachbarn- gestern und heute

Oktober 16, 2014

Letztes Jahr im Oktober erschloss ich mir den Leipziger Norden, den ich eigentlich fast bis gar nicht kenne, dadurch, dass ich von Stolperstein zu Stolperstein wanderte. Interessante Entdeckungen habe ich da gemacht, mich mit Lebensläufen beschäftigt, der Geschichte der Stadtteile, der Fabriken, einzelner Häuser. Manchem Leser mag es etwas befremdlich vorgekommen sein, wenn ich in einem Absatz vom Schicksal der Deportierten erzählte und im nächsten vom Angebot einer lokalen Bäckerei oder einem Nachbarschaftsladen. Aber mir schien und scheint genau diese zeitgleiche Betrachtung des Alltags und der ungeheuerlichen Schicksale ein probates Mittel zu sein, denn spielten sich letztere nicht in einem vergangenen Alltag ab? Das Leben ging weiter, während Nachbarn sich in Sammelstellen einfanden oder aus ihren Wohnungen und für immer verschwanden.
Wer wehrte sich dagegen? Wie würden wir heute reagieren?
Vielleicht glauben wir, dass wir heute zu aufgeklärt sind, dass so etwas in einer Demokratie nicht möglich sei? Aber wo ist denn der Garant für die Demokratie? Und wer?
Letztes Jahr schaffte ich es nicht, den ganzen Weg zu beschreiben. Nun, nicht ganz einen Monat vor dem 9. November, will ich damit fortfahren.
Meine Bericht endete in der Theresienstraße, in Eutritzsch, und von dort aus lief ich in die Wilhelm- Sammet- Straße 11. Das Haus gehört laut Google noch zu Eutritzsch, Gohlis beginnt genau an der Ecke.
Gohlis gilt als besonders vornehm. Als nobel. Wobei die meisten Menschen wohl eher an den Kickerlingsberg denken, Poetenweg, das Gohliser Schlösschen, die Menckestraße und natürlich: das Schillerhaus. Man denkt an Villen und herrschaftliche Häuser, die Gohseschenke und das Rosental. Die Mietskasernen stehen im Osten und in Connewitz, in Lindenau.
Gohlis hat natürlich viel mehr zu bieten. Auf meiner Wanderung habe ich den Ortsteil schon mehrfach gekreuzt und mich über eben Mietskasernen gewundert. In letzter Zeit aber machte Gohlis noch ganz anders von sich Reden.
Da gibt es eine Bürgerinitiative, die sich nicht nur gegen den Bau einer Moschee wehrte, natürlich betonte sie in einer Petition, dass sie nicht gegen Religionsfreiheit sei, aber der Meinung, dass es in Leipzig genügend islamische Gebetshäuser gäbe und vor allem Gohlis keins brauche, sondern auch gegen die Errichtung eines Asylbewerberheims Sturm läuft. Schließlich sei der Stadtteil in den letzten Jahren sehr schön geworden, mit den restaurierten Gründerzeithäusern usw. (ich verzichte auf Verlinkungen).
Es ist sicher falsch, alle, die gegen Moscheen protestieren und Angst vor Asylbewerberheimen haben, als Nazis zu bezeichnen. Häufig ist Unwissenheit die Ursache dieser Angst. Und unsere Medien tun ja auch alles, um diese Angst zu schüren, gegen „Islamisten“, gegen Flüchtlinge, gegen alles Fremde. Schließlich und endlich versagen auch die „demokratischen“ Politiker immer wieder und auf ganzer Linie. Denn statt der Angst mit Aufklärung zu begegnen, überlassen sie das Feld gern den Herren und Damen einschlägig bekannter rechter Parteien und Gruppierungen.
Sieht man sich das Theater an, wundert sich über Reaktionen, die auf Reaktionen folgen, fällt es schwer, zu glauben, dass die ungeheuerlichen Dinge, die sich vor 70 Jahren in unserer Nachbarschaft abspielten, sich so nicht wieder ereignen könnten. Aufgeklärt? Demokratie? Glaubten die in der Weimarer Republik nicht auch und genau daran?
Gut, heute wehren sich Bürger dagegen, auch gegen die genannten Beispiele. Aber noch leben wir ja in einer Demokratie. Wo werden diese aufgeklärten Bürger sein, wenn das System ein anderes sein wird? Wo werde ich sein?
So gesehen, stehen die Steine, über die ich in Gohlis stolperte, in einem ganz besonderen Bezug zur Gegenwart. Vielleicht sollte man alle, die jene unselige Petition unterschrieben, zu diesen Orten der Erinnerung führen. Genug gibt es in ihrem Stadtteil ja.
DSC_0284
In der Wilhelm- Sammet- Straße 11, das Haus gehört eigentlich noch zu Eutritzsch, Gohlis beginnt genau an der Hausecke, aber hier sieht es schon sehr so aus, wie man sich den benachbarten Stadtteil vorstellt, sehr idyllisch, sehr grün, Kleinbürgerlichkeit mischt sich mit diesem gewissen Touch von Kreativität, lebten Adolf Abraham und Gisela Fechenbach.
Das Kaufmannsehepaar hatte drei Kinder. Ihrem Sohn Götz und der jüngeren Tochter Gertraude gelang die Emigration nach Kolumbien. Ilse, ihre ältere Tochter, ging mit ihrem Ehemann Oscar Kaufmann und dem 1938 geborenen Enkel nach Prag, von wo die junge Familie am 16.10. 1941 zunächst in das Ghetto Lodz und im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert wurde.
Das Ehepaar Fechenbach wurde am 18.9. 1942 erst nach Theresienstadt und am 9.10.1944 nach Auschwitz deportiert. Beide wurden im Alter vom 57 Jahren ermordet.

DSC_0387

In der Georg-Schuhmann-Straße 78, die Straße, ich erwähnte es früher schon, die einem eher nicht einfällt, wenn man an das mondäne Gohlis denkt, finde ich die an Paula und Eugen Hammel erinnernden Stolpersteine. Das Ehepaar, dessen Tochter Käti den Holocaust überlebte, musste einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ abschließen, d.h., sie mussten für Theresienstadt, wohin sie am 19.9.1942 deportiert wurden, auch noch bezahlen. Zynischer kann ein Verbrechen nicht sein. Eugen Hammel starb 73-jährig im Ghetto, seine Frau wurde am 9.10.1942 nach Auschwitz deportiert und sofort nach ihrer Ankunft ermordet. Sie wurde 69 Jahre alt.

Die Bilder dürfen durchaus als nicht zum Text passend empfunden werden.

Drauf klicken= groß gucken

Bisherige Abschnitte:

Der Norden, ein weißer Fleck     tief im Norden     Stadt Dorf Widerstand

form follows function     Drei Geschichten vom Mut

Das Leid der Mütter     Eu, die Rietzschke

Advertisements
8 Kommentare leave one →
  1. Oktober 16, 2014 7:07 am

    Zu deiner Frage, wie „wir uns heute verhalten würden, wenn“ fällt mir bloss ein, dass wir uns nicht viel anders verhalten würden. Zwei Mutige, die unter Lebensgefahre etwas tun; zweihundert Menschen, die nach möglichen Lücken suchen und zwanzig Millionen, die nur sich selbst retten wollen. Es hängt alles vom Mass der Angst ab. Und wenn man sieht, was die Leute derzeit schon alles schlucken nur aus Angst um ihren Arbeitsplatz…

    Mit den Bürgerinitiativen gegen Moscheen, das sehe ich etwas differenzierter. Hier geht es auch um Gastrecht. Warum soll ich Gästen Rechte zugestehen, die sie mir keinesfalls zugestehen (würden). Und damit rede ich keineswegs von den mohammedanischen Religionsfaschisten, die derzeit gerade die Welt erobern wollen. Gleiche Rechte für alle Menschen und zwar überall auf der Welt.

    Gefällt mir

    • Oktober 16, 2014 1:22 pm

      Was die Moscheen betrifft, und auch Asylbewerberheime,so bin ich auch für eine differenzierte Betrachtungsweise. Und eine offene Diskussion. Die ist aber nur aufgeklärten Bürgern möglich. Und wenn „man“ die Aufklärung RTL und der NPD überlässt, z.B., …

      Gefällt mir

  2. Gudrun permalink
    Oktober 16, 2014 3:20 pm

    Doch, solche ungeheueren Dinge könnten sich wiederholen. Und genau das macht mir Angst. Manchmal komme ich mir recht ohnmächtig vor.

    Gefällt mir

  3. Oktober 16, 2014 6:40 pm

    Ich wollte neulich schon mal fragen, was denn die Fortsetzung Deiner wunderbaren Stolpersteinwanderung macht…

    Ich schließe mich Herrn Ärmel an, auch was seine Verhältniszahl 2:200:20.000.000 betrifft.
    Das ist heute schon deutlich an anderen Kleinigkeiten erkennbar. Fast jede(r) ist sich selbst der Nächste. Und wenn ich die Zeitung aufschlage oder die Tagesschau sehe, dann fürchte auch ich, wir haben allesamt nichts oder nur wenig dazu gelernt. Der Mensch scheint ein Feindbild zu benötigen, damit er sich besser fühlt. das bekommt er Dank der Medien geradezu frei Haus.

    Gefällt mir

Trackbacks

  1. Altbekannt und überraschend | Inch's Blog
  2. Stolper(wander)tag 1 – da wos schön ist | Inch's Blog

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: