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Oper wär mal wieder nett

Oktober 7, 2014

Heute ist der 7. Oktober und in einem Land, das es nicht mehr gibt, wäre heute Feiertag. Wohl weil in dem anderen Land, mit dem ersteres angeblich vereinigt wurde, 4 Tage vorher eben jene Vereinigung gefeiert wurde, liefen im Deutschen Fernsehen jede Menge „Dokumentationen“ darüber, wie die DDR wirklich war, wer für den Fall der Mauer wirklich verantwortlich war und dergleichen. Leider immer von Leuten produziert, die sich nie an einem 7. Oktober über einen zusätzlichen freien Tag freuten. Schade eigentlich. Denn diese Sendungen sind ausschließlich für jene Bürger produziert, die sich früher an einem 17. Juni über einen freien Tag freuten. Und vielleicht wäre es endlich an der Zeit, dass sich mal jemand aufmacht und erklärt, wie die DDR wirklich war mit dem Hinweis freilich, dass sich das in 90 min eigentlich nicht erklären lässt.

Oder ist die Zeit schon vorbei? Haben jene, die etwas zu sagen hätten, längst aufgegeben, als sie immer wieder merkten, dass ihnen niemand zuhört?

Letztens schickte mir Herr Ärmel einen Link zu einem sehr interessanten Radiobeitrag, in dem es eigentlich um russische und sowjetische Literatur ging bzw. den Umgang mit eben dieser in den beiden deutschen Staaten. Dieser Beitrag war lehrreicher als alle „Dokus“, die in den letzten Tagen über die Mattscheibe flimmerten. Ja, zum Thema zwei Deutsche Staaten. Obwohl es um sowjetische und russische Literatur ging. Vielleicht, weil sich niemand bemühte, das Land zwischen Oder und Elbe zu analysieren. Zu erklären. Freilich, man musste auf die Zwischentöne achten.

Als Frau Tonari letztens über ein Erlebnis in der Oper bloggte, erinnerte ich mich sofort an eine Aufführung, die als Ersatz für einen Wagner lief, gründlich daneben ging aber vorm Publikum frenetisch gefeiert wurde.

Während ich darüber nachdachte, wie ich bloggend den Bogen spannen sollte vom Jetzt zu einer lange Zeit zurück liegende Geschichte, fiel mir auf: Ich war ewig nicht mehr da. In der Oper. Um eine Oper zu sehen.

Dabei liebe ich dieses Genre.

Früher war ich häufiger da, falls man 2-3 mal im Jahr als häufig bezeichnen kann. Vielleicht waren es auch 4 oder 5x. Das hing ein bisschen davon ab, wie mir die Verwandten Karten zusteckten. Denn die hatten alle ein Anrecht, wie das Theater- und Opern- Abo hieß.. Doch wenn ein Wagner kam, winkten sie ab. Zu lang, zu anstrengend und überhaupt. Wagner! Ich aber liebte und liebe ihn. Da ist mir politische Korrektheit völlig schnurz. Bayreuth war mir fremd und das Gewese darum auch.

So steckten mir die Verwandten also die Karten zu. Manchmal erwarb ich auch vom eigenen geringen Lohn eine.

Später, als den Großeltern das erste Mal ein nacktes Gretchen auf der Bühne erschien, verzichteten sie und traten mir alle Rechte ab, egal ob für Oper oder Theater, Kabarett oder Konzert. Ein nacktes Gretchen, nein, das wollte sie nicht sehen.

Wann hörte ich auf, regelmäßig ins Theater zu gehen? Oder in die Oper? Ins Gewandhaus? Nicht als die Anrechte plötzlich teuer wurden. Im Gegenteil, ich erwarb nun selber eins. Freilich musste das mit Bedacht gewählt sein, denn als der 7. Oktober kein Feiertag mehr war, wurden diese Art Vergnügen nicht mehr subventioniert und fast ein bisschen schwer erschwinglich.

Ich glaube, ich hörte auf, hinzugehen, aus den gleichen Gründen wie meine Großeltern. Der Tannhäuser im Schlachthof, ein blutverschmiertes nacktes Gretchen oder eine gänzlich kahle Bühne, von Galgen baumelnde Puppen, Akteure in OP-Sachen. Das will ich auch nicht sehen.

Manchmal stehe ich am Schauspielhaus, schaue mir die Fotos der Inszenierungen an, bilde mir ein, so zu erkennen, ob die Aufführung für mich zumutbar wäre. Doch noch nie konnte eins dieser Bilder meine Zweifel gänzlich beseitigen.

So gehe ich lieber in die Sommertheater der Stadt. Aufs Feinkostgelände oder zu den Schauspielstudenten. Die brauchen kein Brimborium, kein Blut, keine Brüste und Ärsche, um ihrer Spielfreude Ausdruck zu verleihen. Frisch spielen sie auf und in direktem Kontakt zu den Zuschauern. Jede Vorstellung ist ein Erlebnis. Wo nur, wo, frage ich mich, verlieren sie diese Kunst? Oder geben sie sie sozusagen an der Garderobe ab, wenn sie die festen Häuser betreten?

Denn auf den Freilichtbühnen, ich gebe zu, ich kenne nur zwei, existiert dieses Können auch noch. Dort traue ich mich auch, mein Geld in eine Karte für eine Oper zu investieren.

Allerdings erklärten mir mal Bekannte fast entschuldigend, dass das Spielen und Singen auf so einer Bühne richtig Spaß mache. Beide schienen sie sich ein bisschen zu schämen. So als sei so ein Engagement auf so einer Bühne gar kein richtiges, gar etwas, das man in seiner Vita lieber verschweigt?

Warum?

Etwa, weil es ohne oben genannten Brimborium auskommt?

Erscheint es etwa zu simpel, ein Theaterstück oder eine Oper einfach so zu zeigen, wie es vom Autor einst gedacht war? Widerspricht das dem Geltungsdrang des Intendanten?

Nur, für wen spielen die eigentlich? Und singen?

Oder bin ich zu alt? Zu bieder? Zu konservativ?

Kunst ist, naja, Sie kennen die Sprüche alle selber zur Genüge. Ich jedenfalls scheue mich, Geld auszugeben für etwas, dass mich die Pause herbei sehen lässt, um in eben jener dem Ort des Grauens entfliehen zu können.

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9 Kommentare leave one →
  1. Oktober 7, 2014 7:10 pm

    Jetzt bin ich neugierig auf diese – wenn man so will – unfreiwillig gute Doku.
    Wie lautet denn der Link zu diesem Literatur-Radiobeitrag?

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  2. Oktober 7, 2014 7:25 pm

    Hab wieder einmal einen Deiner interessanten Blogs gelesen und hast mir wieder aus dem Herzen gesprochen mit dem Thema Oper. Danke auch für den kleinen Einblick in Deine DDR-Geschichte.

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  3. Oktober 7, 2014 7:49 pm

    Mir geht es ähnlich. Lese oft Oper- und Theaterkritiken und frage mich danach, ob ich dafür meinen Nachtschlaf opfern möchte. Meistens beantworte ich die Frage mit „Nein!“.
    Warum darf ich mir nicht bei einfach gehaltenen Inszenierungen meiner eigenen Phantasie freien Lauf lassen. Ich mag es auch nicht, wenn klassische Stücke plötzlich aus Ihrer zeit gerissen werden. Mozart braucht kein Handy, Brecht keine Nacktärsche.

    Am Sonnabend waren der Herr Tonari und ich in der Budapester Matthiaskirche und durften wunderbare Musik genießen. Gänsehaut wegen der Möglichkeit, solche Dinge nun genießen zu können und wegen der unglaublich unaufgeregten Art der Musiker, herrlicher Akustik und einem Veranstaltungsort, der wunderschön war.
    Vor 25 Jahren nahezu undenkbar, denn die Karten wären vergleichsweise unerschwinglich gewesen und die Forint zu kostbar 😉

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  4. Oktober 7, 2014 9:38 pm

    Von der DDR zur Oper. Kann das Zufall sein? Beides dramatisch? Oder verbindet anderes?

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  5. Oktober 8, 2014 12:25 am

    Oper ist fast so gruselig wie ne Rücken-OP *gg*
    Die Hochzeit des Figaro würde ich mir evtl. antun, da sind ein paar wirklich schöne Arien drin. Aber nur mit anständigen Kostümen, kein moderner Murks mit Handy und Nacktarsch.

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  6. Oktober 8, 2014 9:01 am

    Ein toller Beitrag, liebe Inch – vielen Dank dafür: du sprichst mir aus dem Herzen.
    Die Zauberflöte habe ich mehrmals gesehen, da weiss ich, um was es geht. Mein Problem ist nämlich, dass mich weniger der Gesang als die Texte an sich interessieren. Und die kommen dermassen unverständlich rüber…
    Wagner finde ich auch klasse; der Mischling aus Led Zeppelin und Pink Floyd der Klassik sozusagen. Von seinen Werken habe ich keins je auf der Bühne gesehen.

    Und was die Darstellung der ehemaligen DDR und den Verkauf der Wahrheit darüber betrifft, sprechen wir sowieso eine Sprache.
    Wir Jetzigen leben in einer Phase, in der wir miterleben können wie Geschichte gemacht wird. An unseren eigenen nationalen Schicksalen können wir sehen, wie Geschichtspolitik funktioniert. Wie je nach den Herrschaftsinteressen jetzt für schwarz erklärt wird, was früher eindeutig weiss gewesen ist. Und umgekehrt.

    Wir müssen über die noch immer bestehende imaginäre Mauer hinweg miteinander sprechen, uns zuhören und gegenseitig voneinander lernen – das ist der einzige Weg, um Körnchen der Wahrheit zu erhalten….

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  7. Oktober 14, 2014 1:31 pm

    Liebe Inch,
    ich hab mir nen Zweitblog zugelegt & es geht dort durchaus häufiger um die zwei-ländrige Vergangenheit und die Darstellung von Geschichte im Stadtbild& Ausstellungen. Wenn de willst, kannste ja mal reinschaun: http://sprachederdingeblog.wordpress.com/
    Mama007

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