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Manöver und so

September 23, 2014

Mittwoch, 23. Juli 2014, der letzte Tag in Wladiwostok

Der letzte Tag in Wladiwostok. Plötzlich fällt mir auf, dass ich die vielen kleinen Büdchen und Kioske, die ich in Russland so mag, gar nicht fotografiert habe. Dabei wollte ich Ihnen die doch zeigen. Also hole ich das jetzt fast ein bisschen hastig nach. Aber das ist nachmittags.

Außerhalb der Stadt soll es wunderbare Sandstrände geben, zum Beispiel in der Lasurnaja Bucht oder bei Wladimir, drei Mal am Tag kann man auch mit der Elektritschka nach Nachodka fahren. Aber die Cousine hat gefragt und beschlossen, dass wir auf die Insel Russkij fahren, an die Universitäts-Uferpromenade. Sie sagt, dort soll es sehr schön sein, aber der wahre Grund ist wohl, dass wir dahin über beide Brücken, die Solotoj und die Russkij fahren müssen. Nun ja, ich kenne Wladiwostok nicht, da ist es egal, zu welchem Strand wir fahren und auf Nachodka, eine andere große Hafenstadt, habe ich auch nicht wirklich Lust.

Der Bus füllt sich nach und nach mit immer mehr Leuten, die ganz offensichtlich das selbe Ziel wie wir haben. Sie tragen zusammen gerollte Decken unter den Armen und Sonnenhüte auf den Köpfen, schieben Picknickkörbe vor sich her in den Bus und die Kleinen schleppen Schwimmringe und Wasserpistolen mit. Es riecht nach Sonnencreme und Sommer.

Fein, wir müssen nur mit der Meute aussteigen, dann sollten wir richtig sein. Doch noch auf der Russkij-Brücke fragt die Cousine einen jungen Mann vor uns. Der ist verwirrt. Schließlich sagt er ja, hier.

Alle fahren weiter. Nur wir stehen kurz hinter der Brücke, vor einem Umspannwerk oder so, einem riesigen Umspannwerk, auf einer baumlosen Straße.

Cousine?

Ja wir können da ja mal fragen.

Auf der anderen Straßenseite bewachen Sicherheitskräfte eine Schranke zu einem eingezäunten Areal aus Neubauten.

Wieso musst Du immer fragen? Warum sind wir nicht einfach mit allen mitgefahren?

Wir laufen zur Schranke. Da ist auch ein großer Lageplan. Guck, die Cousine gibt sich Mühe, die Situation zu retten, hier ist auch Wasser. Wir können ja auch mit dem nächsten Bus weiterfahren, schielt sie zu mir rüber. Ach Quatsch, wir werden schon was finden.

Das Areal entpuppt sich als riesengroßer Hotelkomplex, sehr großzügig und weiträumig angelegt. Mit viel Grün, künstlichen Teichen und Wasserfällen und im Zentrum der Anlage stehen sogar noch ein paar der namensgebenden Universitätsgebäude.

Eine hüfthohe Mauer trennt den vielleicht zwei Meter breiten Strand von der Uferpromenade. Im Wasser, also eigentlich so 2 cm unter der Oberfläche, bemerke ich einen verräterischen Teppich aus abgestorbenen Algen. Ich suche nach den Rohren. Und tatsächlich, alle 50 m lugen sie unter der Ufermauer hervor, einen halben Meter Durchmesser. Natürlich, am Tag werden über sie nicht die Fäkalien der Hotels ins Meer geleitet. Ich bremse die Cousine, die unbedingt baden will, mit Blick auf die Rohre und dem Hinweis, dass ich hier ganz sicher nicht ins Wasser gehe.

Wir ekeln uns ein bisschen und laufen dann zu einem Restaurant. Aber das schließt 13:00 Uhr!!!! Nicht nur wir sind fassungslos, aber das Personal ist gnadenlos. Jetzt müssen sie sauber machen, basta. Das Restaurant ist ein riesiges Zelt, Selbstbedienung, wir sind ungefähr 5 Gäste. Oder doch sieben?

Doch ein paar Meter weiter steht noch eins, so richtig aus Stein und mit Freisitz. Woher wir kommen, fragt der Kellner auf Englisch und was wir vom Ukraine-Konflikt halten. Während ein anderer hinter dem Tresen unsere Latte Macchiato macht, disputiere ich mit ihm. Weil ich tatsächlich Latte Macchiato bestellt habe, ist der jüngere und schlechter englisch sprechende verwirrt, weil in Russland sagt man nur Latte. Der Ältere rügt ihn, ich sage, dass alles ok ist, da quatscht die Cousine russisch. Ich schwöre, eine Sekunde lang steht mir das Herz still und die beiden Russen halten zumindest den Atem an. Mensch, Cousien, kannste nicht mal einen Kurs in Feinfühligkeit machen? Vor allem der eine müht sich hier mit seinem Englisch.

Wieso, ich habe ihm doch nur gesagt, wie gut er das macht. Mit dem Kaffee und dem Englisch.

Eben.

Die beiden sehen uns an, wie man eben jemanden ansieht, der einen vorführt. Niemand will mehr wissen, was wir vom Ukrainekonflikt halten. Und wieso die den Steinmeier gut finden und warum die Merkel jederzeit in Russland willkommen ist, muss ich mir nun selber zusammenreimen.

Zurück in der Stadt, in der Admirala Fokina, die Cousine hat sich grad so ein Koreanisches Dingens zum Essen gekauft, rumst es. Das kommt vom Hafen. Da ist irgendein Fest! Lass uns dahin gehen, wenn Du aufgegessen hast.

Da fährt ein Kriegsschiff an uns vorbei. Also, es sieht so aus, als führe es unmittelbar am Strand lang. Jedenfalls, wenn man die Fokina runter guckt zur Bucht sieht man kein Meer mehr, und Anfang und Ende des Kreuzers auch nicht. Der nächste Rums erlöst uns aus unserer Schockstarre. Ach Du Scheiße. Was machen die denn da? Das muss ich sehen. Komm Cousine.

Wir rennen die Fußgängerzone runter zum Strand. Als wir die Promenade erreichen, kommt uns ein Mann lachend entgegen und meint, alles sei vorbei. Es fragt sich natürlich, wieso er das gerade uns sagt. Sind wir zwar bewegungsfähig aber immer noch ein bisschen geschockt? Sieht man uns das an?

Aber er hat recht. Die Kreuzer drehen ab, auch die kleinen Schiffe, die sie wie Fische umschwärmen.

Menno.

Wir sitzen noch eine Weile auf einer Mauer, die Cousine kaut ihre Koreanische Teigtasche, und sehen den langsam am Horizont, nein um die nächste Landzunge herum verschwindenden Schiffen nach.

Wir setzen uns ins „Rosmarin“. Vom Freisitz hat man einen wunderbaren Blick sowohl in die Stadt als auch auf den Strand. Es ist Halb Fünf. Die Karte bekommen wir flott, die Bestellung geben wir Viertel Sechs auf, das erste Essen kommt kurz nach Sechs. Dabei stehen genug Kellnerinnen rum, die Getränke sind auch schnell da, aber das Essen. Als ich mich bei der Suche nach der Toilette verirre, sehe ich: In der Küche werkelt nur ein Koch. EINER. Kein Beikoch, keine Mamsell. EINER. Da hätte der Chef auch mindestens 3 der 5 Kellnerinnen einsparen können.

Uns wird aber nicht langweilig, denn kaum sitzen wir, kommt die Flotte wieder um die Landspitze und manövriert. Ach Du Scheiße, die schießen sogar. Das ist mehr als bizarr. Rettungsboote achten darauf, dass keiner der Badegäste mit so einem gemieteten Schlauchboot zu weit hinaus fährt. Krass. Fehlt nur noch so ein Schwan als Tretboot. Und ein U-Boot natürlich. Also ich finde, ein U-Boot hätte zur Bespaßung ruhig auch mal auftauchen können. Und untergehen.

Und die Russen finden das völlig normal. Erschrecken sich nicht mal, wenn das Wasser hinter dem kleinen Jachthafen aufspritzt. Grillen gemütlich weiter oder stecken höchstens mal neugierig die Köpfe aus ihren privaten Booten.

Trotz der langen Warterei ist noch Zeit bis zum Sonnenuntergang. Zeit, doch noch mal ins Millionka zu gehen, das ehemalige Chinesenviertel, das ehemalige Rotlichviertel, dass zwar zu Stalinzeiten abgerissen wurde, aber eben nicht ganz. Heute ist das ein quirliges Szeneviertel, allerdings nicht ganz billig. Aber billig ist in der Stadt am Pazifik eh nichts, die Preise orientieren sich eher an denen in Moskau. Doch hinter dem Dynamo-Stadion sieht es richtig alternativ aus. Wir finden ein modernes Kriegerdenkmal, das nicht nur an die Helden im 2. Weltkrieg erinnert, sondern auch an die Gefallenen des Afghanistankrieges und an die in Tschetschenien. Sehr vorausschauend ist da auch noch Platz gelassen für zukünftige Kriege. So viel Pragmatismus erschreckt mich.

Nun ist es doch Zeit, zurück zum Strand zu gehen. Wir laufen bis ans Ende der Promenade, genießen das Treiben und das Licht. Auf der Trasse des letzten Restaurants genießen wir den letzten Abend in der Stadt, gut bewacht von der russischen Pazifikflotte, und es gelingt mir sogar, einen Sonnenuntergang fast ohne Kriegsschiff zu fotografieren.

Wenn Sie nachschauen wollen, aufs Bild klicken und groß gucken

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6 Kommentare leave one →
  1. September 23, 2014 8:19 pm

    Bei den Schüssen des manövers hätte ich mich wahrscheinlich unter den Tisch fallen lassen und seid ihm sogar entgegen gerannt . tststs . .
    Die Büdchen gefallen mir gut.
    Wir waren denn die Wassertemperaturen? Hier auf dem Schwarzen Berg fallen die russischen Touris dadurch auf, dass sie ausser im Dezember und bis Mitte Januar bei jedem Wetter in die Adria springen…

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    • Oktober 1, 2014 12:10 pm

      So ängstlich kamst Du mir gar nicht vor.
      Das Wasser hatte so 18/19°C, also Ostseetemperatur und war damit ERHEBLICH wärmer als der Baikalsee

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      • Oktober 1, 2014 1:17 pm

        Naja, ich traue möglichen Querschlägern nun mal nicht. Das hat eher mit Vorsicht zu tun als mit schierer Angst ~~~~

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  2. Oktober 1, 2014 1:17 am

    Also, mich hätte das Manöver mit Krach-Bumm auch magnetisch angezogen. 😉

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    • Oktober 1, 2014 12:11 pm

      Genau! In Deckung gehen kann man immer noch, aber sterben, ohne die Neugier gestillte zu haben, nicht auszudenken. 😀

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Trackbacks

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