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Pazifik

September 21, 2014

Natürlich ist Wladiwostok nicht das Ende der Welt. Die Stadt liegt am Pazifik, der hier Stiller Ozean heißt, und wenn man da drüber fährt, kommt man nicht nur nach Japan und China oder Korea, man könnte sogar bis in die USA fahren, wenn es Schiffsverbindungen gäbe. Letztes Jahr stand ich da sogar, auf der anderen Seite, hielt die Füße in den Pazifik und wurde, bis auf meine gut verstauten Badesachen, Opfer einer großen Welle Das war am Santa Monica Beach in Los Angeles. Vor ziemlich genau einem Jahr. Wären wir nur eine Woche früher in den diesjährigen Urlaub gestartet, wie ich es eigentlich geplant hatte, könnten wir das ziemlich sogar fast streichen (heute ist der 22.Juli).

Doch bevor wir unsere Füße ins Wasser stecken, streiten wir uns erst ein Mal. Das war ja abzusehen. Das musste ja kommen. Ich schlafe heute etwas länger. Das war in den letzten Tagen eigentlich immer das Privileg der Cousine. Doch im Gegensatz zu mir möchte sie nicht warten, ich will aber auch nicht später als sie zum Frühstück, so entsteht etwas Hektik, als sie verkündet, dass sie jetzt schon runter geht und das Zimmer sieht, nun, nicht gerade vorzeigbar aus. Und weil sie dann eine rhetorische Frage ernst nimmt und zu den im Gang wuselnden Zimmermädchen rennt, um zu fragen, kommt es zum Streit. Denn ich verstehe ihre Übersetzung nicht, die ergibt überhaupt keinen Sinn, also frage ich nach, bin ungeduldig, die Cousine wird wütend, sie sei kein Dolmetscher und überhaupt sei ich immer so ungeduldig. Der blanke Vorwurf. Eigentlich wäre jetzt der Moment, ihr zu sagen, dass ich eigentlich gar keinen Dolmetscher möchte und ich es ziemlich nervend finde, dass sie ständig jemanden fragen rennt statt Dinge selbst zu erkunden. Aber ehrlich, ich habe keine Lust. Irgendwie ahne ich, dass das nichts bringt. Wir sind nicht verheiratet, nach dem Urlaub lebt jeder wieder in seiner eigenen Welt, da brauchts keine Grundsatzdiskussion. So wichtig ist mir das nicht. Und da ich wirklich ungeduldig bin, weil ich im Urlaub relativ schnell Entscheidungen treffe, entschuldige ich mich. Nicht ganz ehrlich, gebe ich zu. Ich will nur meine Ruhe haben. Das Geld, das ich offen im Zimmer hatte liegen lassen, räume ich trotzdem vorsichtshalber weg (wegen der Zimmermädchen)

Aber vielleicht hätte ich doch eine Grundsatzdiskussion führen sollen, denn statt sich vom Frühstücksbuffet einfach zu nehmen, fragt die Cousine wieder, klärt mich dann über die Regeln auf, was mich so verwirrt, dass ich nicht sicher bin, was ich mir nun nehmen darf und was nicht. Also frage ich, die Frau hinterm Tresen antwortet mir wie einem Vollidioten und ich fühle mich auch so.

Sonnenschein. Wir fahren zum Leuchtturm am Kap Tokarew oder Egerscheld. Ich habe das bis heute nicht begriffen, wie es nun wirklich heißt. Er liegt zwischen Amur und Ussurij Bay, ganz am südlichsten Ende des Festlandes und ist über 100 Jahre alt. Mit dem Bus fahren wir, soweit es geht, dann laufen wir. Das wiederum wäre ohne die Cousine schwer herauszufinden gewesen, oder hätte zumindest länger gedauert, denn das ist einer der Tipps, die sie gestern am Passagierhafen erhielt.

Hier ist es wirklich wunderschön. Die Aussicht ist atemberaubend. Links die Ussurij Bucht mit dem Hafen von Wladiwostok und der Insel Russkij, rechts die Amur Bucht und vor uns das offene Meer. Von hier aus kann man auch die mächtige Russkij-Brücke sehen, und zwar in ihrer ganzen Größe und Pracht. Eine Schrägseilbrücke, die mit 1104m die weltweit größte Stützweite aufweist. Genau wie die Solotoi-Brücke, die das Goldene Horn überspannt und von der ich Ihnen im letzten Blog schon ein Nebelfoto zeigte, ist sie erst seit 2012 im Betrieb. Sie ist über 3km lang, die Solotoi nur etwas über 2.

Es ist interessant zu sehen, wie die Russen einen Tag am Strand verbringen. Natürlich versuchen sie, mit dem Auto so nah wie möglich zu kommen. Es gibt die Sonnenanbeter, die wie früher am liebsten stehend Pigmente erhaschen, und natürlich wird überall und eifrig gegrillt. Und da wir ganz ohne Grill da sind, werden wir von unseren Nachbarn kurzerhand zum Schaschlik eingeladen.

Wir bleiben vier Stunden, nicht immer am Leuchtturm, wir sehen uns auch andere Strände an, essen irgendwo traditionell zubereiteten Plow, trotzdem, ich habe mir den Bauch verbrannt. Und den Rücken. Und zwar porentief. So richtig merke ich das erst, als wir zurück in der Stadt sind. Wir wollen eigentlich zum Adlernest, von wo man laut meinem kleinen Transsib Handbuch einen wunderbaren Blick auf den Sonnenuntergang über China haben soll, lassen uns aber zunächst von der Solotoi-Brücke ablenken. Obwohl eigentlich keine Fußgängerbrücke, darf man sie auf der einen Seite überqueren, wobei an bestimmten Stellen das Stehenbleiben verboten ist. Gewaltig. Die Cousine läuft bis zur Mitte. Mir wird schon nach einem Viertel komisch, nämlich als ich mir vorstelle, was passiert, wenn es jetzt einen Autounfall gibt. Ich komme mir ziemlich zerbrechlich vor, so zwischen dem Verkehr und der tief unter mir liegenden Bucht.

In der Puschkinskaja treffen wir dann eine der Schaffnerinnen, die auf der Strecke Irkutsk- Ulan-Ude für unseren Waggon verantwortlich waren. Natürlich ist sie es, die uns erkennt. Sie ist eigentlich Studentin für Erlebnispädagogik und war im „Studentensommer“ auf der Transsib. Diese Art Einsatz in der Wirtschaft scheint immer noch Pflicht zu sein in Russland, denn die Cousine erinnert sich sofort an ihre Einsätze. Fliesen legen in irgendeinem Kaff in Sibirien. Uns beiden tun die Leute leid, die das entsprechende Haus damals bezogen, denn natürlich hatte die Cousine vor jenem Sommer noch nie im Leben eine Fliese verlegt, ihre Kommilitonen auch nicht und es scheint auch niemand dagewesen zu sein, der sie in dieser Fertigkeit anlernt.

Giggernd ziehen wir weiter Richtung Funikular, da treffen wir die zwei Französinnen aus Galinas Hostel. Die sind nur einen Tag hier, also eigentlich einen halben, und weil der Standseibahn kaputt ist, sparen sie sich das Adlernest. Die Tochter, die, die in Russland gelebt hat, ist gehbehindert und für sie ist Wladik mir seinen Treppen und Steigungen schon so anstrengend genug. Wir setzen uns für eine halbe Stunde zu einem Plausch in den Schatten. Die Frauen wollten von Ulan-Ude aus zu Altgläubigen fahren. Ach, das wusste ich gar nicht, dass da welche leben. Das muss ich mir merken für einen nächsten Urlaub.

Nach der Verabschiedungen, besten Wünschen für die Heimreise bzw. die restlichen Urlaubstage steigen wir die Treppen zum Adlernest hinauf. Der Funikular ist wegen Wartungsarbeiten vom 7.7. bis 31.8., also praktisch den ganzen Sommer, geschlossen. Oben steht ein Monument für Kyrill und Method, Misionare der slawischen Völker  und Erfinder der kyrillischen Schrift. Man hat einen phantastischen Ausblick auf die Bucht des Goldenen Horns und Teile der Stadt. Nur den Sonnenuntergang, den kann man hier oben nicht sehen. Da stehen Neubauten im Weg. (Später, zu Hause, sehe ich, wir waren gar nicht im Adlernest, wir hätten da noch viel weiter laufen müssen).

Aber unser Irrtum erweist sich als gar nicht so schlecht, denn immerhin sehen wir in Richtung Sonnenuntergang Meer. Komm Cousine, lass uns da hin laufen.

Und das tun wir dann auch. Mit dem Bus fahren wir ins Zentrum und dann die Admirala Fokina direkt auf den Strand zu. Es ist der, an dem wir gelandet wären, wären wir gestern meinem Instinkt gefolgt. Hier steppt der Bär. Restaurants, Imbissbuden, ganz Wladiwostok scheint auf den Beinen zu sein und über die breite Uferpromenade zu flanieren. Biker stellen ihre Harleys zu Schau, Eltern schieben ihre Kinder durchs Getümmel, junge Pärchen sitzen auf den Kaimauern, Angler mischen sich mit denen, die auf den Sonnenuntergang warten. Viele asiatische Reisegruppen lassen hier ihren Tag ausklingen. Seltsamerweise halten mich einige für ein Fotomotiv. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich für eine typische Russin halten oder den einzigen echten Europäer in der Stadt.

Alle halten inne, als das Schauspiel beginnt. Sonnenuntergang über China, wenn auch die Berge, die wir da auf der anderen Seite der Bucht sehen, noch zu Russland gehören. Oder nicht? Korea müsste etwas weiter links liegen, der Norden des Landes.

Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht liegen Kriegsschiffe in der Bucht. Sie verleihen der Dramatik des Sonnenuntergangs eine besondere Note. Der Abend ist perfekt.

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16 Kommentare leave one →
  1. September 21, 2014 7:20 pm

    Tolltolltoll – auch dieser Bericht und deine Fotografien —- vielen Dank dafür!

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  2. Trude permalink
    September 21, 2014 8:50 pm

    Nun sind wir am Ende der Welt angekommen, danke fürs Zeigen und berichten, ich war/bin immer dabei. Macht Lust mal wieder ein russisches Buch in die Hand zu nehmen *zwinker*.
    Sicher tun dir die Finger nun weh von der Schreiberei, aber es hat sich für die Leser und (für dich) unheimlich gelohnt. Danke, danke.
    Winke die Trude.

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  3. September 22, 2014 1:17 am

    Schöne Bilder! Wenn das Zimmermädchen gute Arbeit macht vlt ein paar Cent oder Kopeken mit einen Zettel „спасибо за жаропрочные работу“ hinterlassen 😉

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    • September 22, 2014 1:19 am

      Meinte „хорошей“ blöde Autokorrektur 😉

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    • September 22, 2014 8:59 am

      Naja, Kopeken wären etwas geizig gewesen 😉 der Umtauschkurs lag im Juli bei 1:47. Mit Cent, ich nehme an, Du meintest Eurocent, kann man in Fernost nicht viel anfangen, wie auch mit dem Euro nicht. Aber keine Sorge, wir haben Rubel da gelassen, ohne Zettel, aber ich denke, die Zimmermädchen wussten trotzdem, was sie damit anfangen. 😀 Die Zimmermädchen hatten das Trinkgeld auch wirklich verdient

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  4. September 22, 2014 8:41 pm

    Urlaub mit Deiner Cousine scheint echt anstrengend zu sein 😀 aber wenn man mehrere Wochen zu zweit auf engstem Raum miteinander auskommen muss wird es wohl überall kleinere Reibereien geben, wenigstens hast Du jemanden der solchen Extemurlaub mitmacht und das ist viel wert.
    Wäre ich Sonnenanbeter würde ich meine Pigmente übrigens auch lieber stehend erhaschen, der „Strand“ sieht mir dort doch etwas steinig aus *g* ansonsten mal wieder super interessant und Plow muss ich auch mal kochen. Laut chefkoch.de soll das nicht sehr schwierig sein, man muss nur die richtigen Gewürze besorgen.

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    • September 22, 2014 11:00 pm

      PS: Der Sonnenuntergang mit den beiden Möwen ist heftig schick, der wäre ohne Kriegsschiff geradezu fantastisch. Aber was ist das für eine krasse „Straße“ da am südlichsten Zipfel? Führt die nur zum Leuchtturm? Dafür ist da ganz schön viel Verkehr.

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    • September 23, 2014 8:56 am

      Naja, Cousinen sind eben Verwandte, da kommt es eher zu Zickereien als unter Freunden, das denke ich schon. Fahre ich mit Freunden, wähle ich die ja sorgfältig aus, und sollte es nicht klappen, gibts eben keinen gemeinsamen Urlaub mehr. Da man sich Freunde auswählt, liegen ja oft auch gemeinsame Interessen vor, das macht so einen Urlaub zu zweit sicher einfacher. Bei Verwandten eben nicht. 😉
      In Russland sieht man stehende Pigmentjäger auch am feinsten Sandstrand. Dort allerdings, am Stillen Ozean, da hast Du Recht, war es eher kiesig. Es gibt feine Sandstrände, aber da waren wir nicht.
      Die „Straße“ am südlichsten Zipfel des Festlandes ist ein künstlicher Wall und führt fast bis zum Leuchtturm. Und wie die Russen eben so sind, fahren sie da auch mit den Autos lang. Solange Platz ist. Das letzte Stück war zum Glück zu schmal und wirklich nur für Fußgänger geeignet und wird außerdem bei „Flut“ gewässert

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      • September 23, 2014 8:59 am

        Ach ja. Ohne Kriegsschiff war Sonnenuntergang dort nicht möglich. Die lagen wirklich wie aufgereiht in der ganzen Bucht.Aber dem Hammer haben wir am nächsten Tag erlebt.Wart mal bis ich es blogge 😉

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  5. September 23, 2014 3:05 am

    toller bericht und wunderschöne fotos! ich freu mich nun auf die rückreise 😉

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    • September 23, 2014 9:00 am

      Danke. Einen Tag sind wir noch in Wladiwostok geblieben. Dann hatten wir noch anderthalb Tage in Moskau. Und dann habe ich eine Bloggerkollegin getroffen

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  6. September 24, 2014 2:11 pm

    Der Hammer!… Ich warte schon sehnsüchtig auf den nächsten Post! 😀

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