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Ich will in keinem Krieg kämpfen

September 4, 2014

Donnerstag, 17. Juli 2014, im Zug von Ostsibirien in den Fernen Osten 

Pjotr greift nach meinem Arm, nimmt etwas Haut zwischen zwei Finger, macht dann dasselbe bei sich und sagt: Wir sind doch alle gleich. Wir sind alles Menschen. Warum sollten wir aufeinander schießen?

Knapp 7000km östlich von Moskau, noch mal 600km von Kiew entfernt, und fast 9000 km und 8 Zeitzonen „hinter“ Berlin ist der Krieg plötzlich ganz nah. Denn hier spricht niemand von einem Konflikt, hier nennen die Leute es beim Namen: Krieg.

Inzwischen kennen wir alle Mitreisenden im Zug, sind wie eine kleine Gemeinschaft zusammen gewachsen. Stehen rauchend und schwatzend auf den Bahnsteigen, lachen, fragen uns über die Kinder aus, sowohl die, die mit im Zug als auch die, die zu Hause geblieben sind, erzählen uns unsere Geschichten, kennen jeden längst beim Namen.

Ich bin zeitig wach geworden, geweckt von Waljas und Wladimirs Gebeten. Die beiden sind sehr fromm, lesen sich gegenseitig aus der Bibel vor, verweisen bei manchen Diskussionen auf ihr Heiliges Buch, das alles aber auf eine unaufdringliche Weise. Und natürlich hat mich die Aussicht auf einen 15minütigen Aufenthalt in Mogotcha heraus getrieben. Aber der Zug hat sich irgendwo wieder eine Verspätung eingehandelt. Also stehe ich draußen, im Vorraum, und versuche, den Nebel zu fotografieren. Links verschluckt er Birken, rechts legt er sich über Lärchenwälder. In Ksenjewskaja steht ein merkwürdiges Tor aus Stein zwischen dem Bahnhofsgebäude und den Gleisen, Mogotcha erreichen wir schließlich mit einstündiger Verspätung.

Der Nebel verzieht sich, macht der Sonne Platz und Pjotr fragt mich, was ich hier nur immer fotografiere. Nun ja, ich zeige ihm ein paar Fotos. Ja, das ist Russland, so ist es bei uns, so leben wir.

Der Zug steht jetzt im Wald rum. Bauarbeiten, erklärt Wladimir, an den Bahnanlagen. Auf der ganzen Strecke bis Chabarowsk soll das so sein.

In Amasar verkaufen Frauen Piroggen, Gemüse, Obst, Nüsse und etwas, das aus Lärchenharz hergestellt wird, es wirkt beim Kauen antibakteriell und wird zum Zähneputzen benutzt. Das kennt man nur hinterm Ural, wurde von den Kosaken eingeführt und unsere Mitreisenden wundern sich, dass das ausgestorben geglaubte Handwerk doch nicht ausgestorben scheint. Serij, die Grauen, heißen die Stäbchen aus Harz.

Pjotr stammt aus einem Dorf bei Irkutsk, fährt zur Montage ans Achodsche Meer. Zu Hause hat man ein Schwein geschlachtet und so trägt er Köstlichkeit für Köstlichkeit zu uns ins Abteil. Dabei füttern uns Walja und Wladimir schon durch. Und das, was die Babuschki auf den Bahnsteigen verkaufen, wollen wir ja auch kosten.

Nein bitte, ich esse keinen Speck. Pjotr rennt los und legt neben den verschmähten geräucherten noch Schinkenspeck. Die Cousine gickert. Wir sitzen beim Frühstück! Sie muss keinen Speck essen! Schließlich schneide ich mir ein winziges Scheibchen ab, wkusnij, köstlich, das meine ich ehrlich. Prompt landen beide Speckstücken in unserem Fressbeutel.

Schon gestern Abend haben wir lange über den Konflikt in der Ukraine erzählt. 800000 Flüchtlinge (17. 07. 2014) gibt es schon in Russland. Und die werden nicht mal als Flüchtlinge gezählt, weil sie über die Babuschkaregel (Verwandtenbesuch) eingereist sind. Doch nun hat Russland die Grenzen dicht gemacht, nachdem eine Frau, die an einer ungeheuerlichen Tat gegen russisch-stämmige Menschen in der Ostukraine, die wohl auch gefilmt worden sei, beteiligt gewesen sein soll,  durch eben diese Filmaufnahmen identifiziert worden sei. Die Frau sei als Flüchtling nach Russland gekommen und da man Terrorismus im Land befürchte, müssten nun alle Fliehenden erst einmal in Lager, wo sie überprüft werden.

Die Rentner sprechen von Provokateuren und Faschisten und Pjotr fragt, was wir von dem, was da passiert, halten. Es ist schwierig und ohne die Cousine könnte ich mich nicht ausdrücken. Zwar verstehe ich, was sie sagt, höre genau zu, um gegebenenfalls zu korrigieren, aber für solche Diskussionen reicht mein Russisch nun wahrlich nicht. Pjotr erzählt von seinen Ängsten, vom Bruder seiner Mutter, der bei den Unruhen in der Ostukraine ums Leben kam. Ich will in keinem Krieg kämpfen, fleht er fast, als könne ich ihn davor bewahren. Der Mann ist 47, wie sind weiter entfernt von der Ukraine als in Berlin, und doch sind wir viel näher. Die reale Angst der Menschen hier macht mich betroffen, die physische Gefahr, die sie in dem Krieg in der Ukraine sehen, überrumpelt mich geradzu. Ich versuche, jede ihrer Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Was denken die Deutschen über uns? Pff. Die Cousine müht sich redlich, genauestens zu übersetzen. Sie interessiert sich nicht für Politik, gesteht sie mir später und, als ich ihr einen kurzen Abriss zur Historie der Ukraine liefere, Habsburger Monarchie, Galizien usw., auch, dass Geschichte auch nicht zu ihren Hobbies zählt. Dafür macht sie einen ganz guten Job, manchmal, wenn sie sich von einer Gegenfrage ablenken lässt, dränge ich ungeduldig, vollständig zu übersetzen. Gerade als es um das differenzierte Bild Russlands geht, dass in den Deutschen Medien so ganz anders ist als im Osten der Republik. Als ich von Demos und Protesten erzähle gegen die Politik der EU, der USA und der Kiewer Regierung, schüttelt mir Pjotr die Hand und bedankt sich. Stellvertretend sozusagen. Dabei haben die Leute die EU gar nicht auf den Plan, Steinmeier wird positiv bewertet. Die Leute sind wütend auf die Ukrainer. Wieso beschießen die sich? Und auf die Amerikaner. Wozu brauchen die die Ukraine? Warum bedrohen die uns? Offensichtlich erwarten alle eine Antwort von mir. Ich hebe hilflos die Schultern. Vielleicht haben sie Angst vor Euch? Angst? Wir tun doch niemanden etwas!

Was soll ich darauf antworten? Soll ich von Wirtschaft sprechen und das die USA keine neue Supermacht neben sich dulden wollen? Das sie sich vor einer zu starken EU genauso fürchten wie vor einem wiedererstarkten Russland? Ich hebe wieder die Schultern.

Sie nennen die in der Westukraine Faschisten und Provokateure. Mörder. Als Pjotr geht, denke ich lange darüber nach. So unterschiedlich also wirkt Propaganda, denke ich. Zu Hause versucht man uns die Separatisten als Terroristen zu verkaufen, hier schert man alle Westukrainer über den faschistischen Kamm. Doch dann frage ich mich, wie würde eigentlich Deutschland reagieren, wenn eine außerhalb des Landes lebende Minderheit von Landsleuten bombardiert würde? Wie war das noch vor 25 Jahren? Nahm man da nicht jeden Landsmann aus Rumänien oder Russland als Heimkehrer auf? War nicht jeder DDR-Bürger, hatte er es auf die eine oder andere Weise in den „Westen“ geschafft, automatisch Bundesbürger. Sogar meine Eltern, denen es trickreich gelang, mal für 4 Wochen zur Pflege der Oma gemeinsam nach Hessen zu fahren, bekamen anstandslos einen Pass und machten als Bundesbürger Urlaub in Dänemark. Und all diese Menschen wurden, ohne die Repressalien, die sie zu erleiden hatten, schmälern zu wollen, nicht bombardiert. Deren Leben war nicht bedroht. Und die aus Rumänien und Russland „heimkehrenden“ hatten vermutlich nicht mal mehr enge Verwandte in der BRD.

Wer also will es den Russen verdenken, dass sie eine Armee, die auf ihre Landsleute schießt, als Bedrohung ansehen. Und ruft man sich jetzt noch die Geschichte der Ukraine der letzten 100 Jahre ins Gedächtnis und die Tatsache, dass der letzte Weltkrieg als der Große Vaterländische als nationales Trauma noch sehr lebendig im Bewusstsein aller Russen verankert ist, wird die Angst vor einem Faschismus verständlich, auch wenn er mehr als 7000 km entfernt ist.

Das Wetter ändert sich wieder. Nach der Hitze des Vormittags setzt nun Regen ein. Das Land um uns scheint im Schlamm zu versinken.

Irgendwo zwischen Amasar und Jerofej Pawlowitch haben wir Ostsibirien verlassen. Jetzt sind wir im Fernen Osten. Irgendwo, nachts, auf irgendeinem Bahnsteig, fragt Iwan mich, ob ich ihn mit nach Deutschland nehmen kann. Pjotr taucht wieder im Abteil auf. Mit Omul und Bier. Inzwischen hat sich die Verspätung auf 3 Stunden ausgewachsen. Wir essen, trinken Bier, diskutieren über die Ukraine, über Waljas und Wladimirs Abstinenz, die sowohl Alkohol als auch Schweinefleisch einschließt. Dabei habe ich manchmal den Eindruck, die Frau würde schon gern mal naschen. Trotzdem scheint sie die strengere Christin zu sein. Ihr Mann kommt mir dagegen vor wie ein Mann mit sehr viel Lebenserfahrung. Wo sich Walja ereifert, lächelt er nur wissend und nachsichtig in sich hinein. Ich glaube, Wladimir hat wirklich schon viel erlebt und gesehen, in seinem Leben.

Fotos wie immer: Drauf klicken= groß gucken

 

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17 Kommentare leave one →
  1. September 4, 2014 8:28 pm

    Und? Hast Du Serij, die Grauen, probiert?
    Gut übrigens, dass sie nicht „das Grauen“ heißen. 😉

    Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei diesem internationalen Begegnungen zu Gesprächen über Politik kommt. Noch besser, wenn man sich dann qualifiziert ausdrücken kann. Daran hapert es bei uns mitunter. Feinheiten kommen so vermutlich nicht rüber.
    (In Japan wurden wir gefragt, ob es nötig war, Atombomben zu werfen, um den Kaiser zur Kapitulation zu zwingen. In den USA ist immer wieder eine Frage, ob wir vor dem Mauerfall in Ost oder West gelebt haben.)

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    • September 5, 2014 8:07 am

      Leider nicht. Also die Grauen haben wir leider verpasst,zu testen. Und danach wurden die nirgends mehr angeboten

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  2. September 4, 2014 8:35 pm

    Danke, liebe Inch, daß du uns die Sicht auf die höchst aktuellen politischen Dinge so eindringlich von einem gänzlich anderen Blickwinkel aus darstellst… Wenn doch „die da oben“ nur einsehen würden, daß hüben wie drüben eine sehr große Angst vor Krieg herrscht…

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    • September 5, 2014 8:07 am

      Naja, wie die „da oben“ denken und handeln, postete ich ja gestern schon im Gesichtsbuch

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  3. September 4, 2014 9:54 pm

    Können einem nicht die Tränen kommen bei deinem Bericht? Da sitzen ganz unterschiedliche Menschen aus vielleicht noch viel entfernteren Zusammenhängen in einem kleinen Zugabteil und teilen ihr Essen und sprechen miteinander…
    Was sind Politiker, Banker Wirtschaftsbosse und Ammis doch für ein mieser menschlicher Abschaum, dass sie keinen dauerhaften Frieden dulden zwischen den Menschen…

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    • September 4, 2014 10:07 pm

      Bravo, Herr Ärmel, für deine Gedanken!

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    • September 5, 2014 8:11 am

      Lieber Herr Ärmel, ich wollte natürlich niemanden zu Tränen rühren, habe mich bewusst so nüchtern wie möglich versucht auszudrücken, obwohl mir diese zwei Tage im Zug zu denen gehören, die mir wegen der Eindringlichkeit so nachträglich noch sehr am Herzen liegen. Zu denen, die dauerhaften Frieden nicht dulden, postete ich gestern im Gesichtsbuch. Der offene Brief ehemaliger CIA Mitarbeiter an Frau Merkel. Hast Du vielleich schon in Deiner Tageszeitung gelesen. Falls nicht, hier noch mal der Links zum ganzen Brief, in deutscher Übersetzung freilich:
      Update: Oh Gott, der falsche Link! Hier ist der richtige!!!
      http://www.heise.de/tp/artikel/42/42680/1.html

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      • September 5, 2014 8:27 am

        Liebe Inch,
        ich bin natürlich nur metaphorisch in Tränen ausgebrochen.
        Vielen Dank für den Hinweis auf den offenen Brief – können wir denn dem trauen?
        (next week bembeltown?)

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        • September 5, 2014 8:30 am

          Das weiß ich natürlich, das weiß ich. Was den Brief betrifft: Lesen und selber urteilen. Und next week Bemebeltwon, sebtsverständlich. Ich halte die Zugtickets in der Hand und freue mich. (Und Sarajevo habe ich übrigens auch gebucht, für über Silvester, auch wenns da keine Kaffeehaustische auf den Straßen gibt.)

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        • September 5, 2014 8:32 am

          Den Link habe ich jetzt auch korrigiert…

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  4. gemeinsamleben permalink
    September 6, 2014 8:50 pm

    Solange wir nicht mit anderen Menschen in anderen Ländern in Kontakt gekommen sind, wissen wir eigentlich nur, das wir überhaupt nichts wissen. Obwohl das einerseits unvorstellbar ist, wo doch das Internet mit Informationen fast aus allen Nähten zu platzen scheint, ist es nur heiße Luft – die nur mit Vorsicht eingeamtet werden sollte.

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    • September 7, 2014 8:00 am

      Die direkte menschliche Begegnung von Angesicht zu Angesicht ist durch nichts zu ersetzen. Schon garnicht durch virtuelle Begegnungen…
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  5. September 10, 2014 6:51 pm

    Hoffentlich war der Fluss tief genug für den Brückenspringer und hoffentlich muss Pjotr in keinem Krieg kämpfen, aber diese Entscheidungen werden leider nicht von den Pjotrs dieser Welt getroffen, sonst würde es erst gar nicht dazu kommen.

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    • September 15, 2014 9:14 am

      Den Brückenspringer sah ich vergnügt aus dem Wasser auftauchen, also gehe ich davon aus, dass er eine tiefe Stelle für sein Vergnügen wählte.
      Was aber die Pjotrs dieser Welt angeht…

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