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Tiertransport

September 2, 2014

Mittwoch, 16. Juli 2014 , im Zug

Das Taxi holt uns pünktlich 5:30 Uhr am Hotel ab. Ich bete, dass wir nicht wieder so einen Zug wie nach Ulan-Ude, der war etwas moderner, aber irgendwie unpraktischer, und nette Nachbarn erwischen.

Das Abteil ist ok, aber im Kupé reist eine 4 Wochen alte Katze mit. Es gibt eben für alles eine Steigerung. Das Kätzchen gehört zu einem kleinen Mädchen und Mutter. Seit Moskau sind sie unterwegs und wollen (Licht am Ende des Tunnels) bis nach Tchita. Die Kackschale steht unter der Leiter zu meinem Bett, also da, wo eigentlich meine Schuhe hingehören.

Nun habe ich nichts gegen Katzen, schon gar nichts gegen kleine Mädchen, die Katzen besitzen. Aber natürlich möchte die Mutter nicht, dass das Fenster geöffnet wird, auch tagsüber nicht, weil es zieht. Und die Tür soll auch geschlossen bleiben, weil ja sonst das Kätzchen stiften geht. Nun ist es in so einem Abteil mit geschlossenen Fenstern und Türen, ohne Klimaanlage, im Sommer schon ohne Katze geruchstechnisch etwas schwierig. Mit ist es eine Zumutung. Da ist es ein Glück, dass sie nur bis Tchita fahren. Bis dahin werden wir zwar den ganzen Tag fahren, aber wir müssen nicht mit Katze und Klo übernachten und wenn der Geruch gar nicht auszuhalten ist, kann man auf den Gang gehen. Dort liegt ein Hund. Das ist der reinste Tiertransporter heute. Im Gang sind aber die Fenster geöffnet.

Der erste große Halt ist Schilok am Fuß des Jablonovij Gebirge. Die Cousine und ich zicken uns wieder etwas an, als sie erzählt, dass ein paar Passagiere gemeckert hätten. Weil das Bier im Bahnhofskiosk zu warm wäre und ich finde, dass das ja auch ein berechtigter Grund sei, um zu meckern. Bei uns gibt’s auch warmes Bier, antwortet sie mir spitz. Und ich: Ja. Aber deshalb muss es mir doch nicht gefallen. Auch in Frankreich, Italien oder sonstwo ist das Scheiße. Du musst nicht ständig alles verteidigen, nur weil es die Russen machen. Das ist auch keine allgemeine Kritik an den Russen und Russland überhaupt.

Großartig, denke ich, wenn das so weiter geht, wird der Urlaub noch richtig schön. Ich muss unbedingt aufhören, Bedenken, Zweifel und Kritik laut zu äußern. Ich bin schon in riesige Fettwannen gehüpft, als ich mich über die Effizienz, mit der hier gearbeitet wird, gewundert habe.

Wir fahren über den höchsten Punkt der Transsib zwischen Moskau und Wladiwostok. Nur wenige Kilometer weiter fuhr der Zug früher durch einen Tunnel, der auf der einen Seite mit „Zum Stillen Ozean“ auf der anderen mit „Zum Atlantischen Ozean“ beschriftet war. Der wurde jedoch gesprengt, als die damals noch eingleisige Strecke um eine Spur erweitert wurde. Ich versuche trotzdem, das Felsmassiv zu fotografieren. Auf der Suche nach sauberen Fensterscheiben stehe ich am hinteren Eingang des Wagons, dort, wo niemand aus- oder einsteigt, dort wo der Müll auf den Bahnhöfen entsorgt wird. Will der Heißwasserboiler am anderen Ende des Wagens ist und weil der Wagen selbst noch einmal durch eine Tür von dieser Art Vorraum getrennt ist, hat man hier relative Ruhe. Ich versuche so viel wie möglich vom vorbeifliegenden Leben der Einheimischen zu erhaschen. Holzhäuser, unbefestigte Straßen, Birkenwälder.

Und Gleisarbeiter. Die sind wohl Schuld an der ersten Verspätung, die wir hier erleben. 6000 km und die erste Verspätung. Auf einer Strecke, die meistens durch unbewohntes Gebiet führt, und das grö0tenteils nur zweigleisig. Ich finde, da können sich andere Bahnen mal angucken, wie das geht.

40 km vor Tchita durchfahren wir Ingoda. Der Ort ist nach dem Fluss benannt, an dessen Ufern die Strecke auf den nächsten knapp 400 km meistenteils entlang führen wird. Laut meinem kleinen Handbuch soll das nach der Strecke am Baikal der schönste Abschnitt auf der Fahrt von Moskau nach Wladiwostok sein.

Trotz der Verspätung hält der Zug in Tschita 20 min. Die Katze verlässt uns, ein älteres Ehepaar zieht ein. Walja und Wladimir aus Komsomolsk na Amure, 66 und 70 Jahre alt, Rentner. In Russland gehen Frauen mit 55 in Rente, Männer mit 60. Im Osten des Landes, wo die Bedingungen etwas härter sind, jeweils 5 Jahre früher. Und wenn man einen schweren Beruf hat, so wie Wladimir, der früher Schmied war, kriegt man noch mal 5 Jahre geschenkt. Das heißt, er ist seit 20 Jahren in Rente, seit er 50 ist. Das klingt sehr verlockend, aber ich mache mir so meine Gedanken. Jemand muss die Rente ja bezahlen. Ich denke an die kleinen Lebensmittelgeschäfte in Moskau und Sibirien, wo teilweise vier Verkäufer die Arbeit erledigten, die auch einer geschafft hätte. Zum Beispiel Butowo-Park. Da gab es ja wirklich genügend dieser kleinen Produkti. Geschnitten waren sie wie Wohnungen mit sehr kleinen Zimmern. Im ersten stand die Kasse mit Kassiererin, im zweiten gab es Milchprodukte aus dem Regal und eine Käsetheke, betreut von einer Verkäuferin, im dritten das gleiche nur mit Wurst-und Fleischwaren. Dann gab es natürlich noch ein Zimmerchen, in dem es Drogerieartikel und Süßigkeiten, Fertigbackwaren und Brot gab, und nein, da gabs keine extra Verkäuferin. Dort hat der Security, der in keinem russischen Lädchen fehlen darf, aufgepasst. Vier Leute in Geschäften, die so klein waren, dass es schon, wenn außer uns zweien noch ein dritter Kunde kam, zu eng wurde. Aber meistens waren wir die einzigen Kunden. Es gibt einfach zu viele dieser kleinen Läden, als dass sich die Kundschaft nicht gut verteilt.

Ich denke über all das nach und wundere mich nicht mehr über die niedrigen Einkommen und die geringen Renten. Ich wundere mich nur, wie man damit leben kann, vor allem als Pensionär.

Offensichtlich versucht jeder, auch nach der Pensionierung weiter zu arbeiten. Und dann sind da ja noch die Datschen. Gärten sind nicht, wie hier üblich, zum Blumen züchten gedacht, sondern hauptsächlich, um Gemüse und Obst anzupflanzen, ganz davon abgesehen, dass ein Russe sich über die Größe unserer Schrebergärten entweder totlachen oder verwundert fragen würde, wie wir davon leben können.

Draußen regnet es. Dabei ist die Landschaft wirklich schön. Der Fluss, die Wälder, diesmal wieder eher Nadelhölzer, wechseln sich mit baumloser Tundra ab.

In Karymskaja besteht die letzte Umsteigemöglichkeit für Reisende nach China. Der Ort selber wurde 1878 direkt am Flussufer gegründet, nach einer verheerenden Überschwemmung 1897 aber orientierte man sich mehr Richtung der im Bau befindlichen Transsibirischen Eisenbahn.

Drei Frauen sitzen im Regen außerhalb des Bahnhofsgeländes. Als wir die Wagons verlassen, schlittern sie auf uns zu. Eine alte Frau verliert ein paar der Piroggen, die sie hier eigentlich verkaufen will. Wir nehmen eine mit Kraut. Mit richtig viel Kraut.

Der Zug übrigens hat die Verspätung wieder herausgeholt. Pünktlich 20:47 Uhr verlässt er den Bahnhof und wir machen uns bereit für die Nacht.

Viel der Fotos sind aus dem nicht ganz sauberen Zugfenster heraus gemacht, einige auch noch bei Regen. Für alle gilt: Drauf klicken = groß gucken

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8 Kommentare leave one →
  1. September 2, 2014 9:04 pm

    Tchita – da habe ich Assoziationen. Löwengeruch aus „Daktari“. Was ist da schon – Katzenviech bleibt Katzenviech – Kätzchengemüffele 😉
    Und, oh ja, in Sachen Russlandkritik wäre ich auch ganz weit vorne. Dein Cousinchen und ich vermutlich schnell ein angriffs- und verteidigungslustiges Pärchen.
    Tja, und Piroggen mit viiiiiiiiel Kraut richen vermutlich final auch nicht besser als das Kätzchen 😉

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    • September 3, 2014 6:50 am

      Oh, das Kraut hatte erstaunlicherweise nicht die Wirkung, die auch ich befürchtet habe. Und zur Verteidigung der Cousine sei gesagt, dass das hier natürlich einseitige Berichte sind, nämlich aus meiner Sicht. Und ich bin sicher auch eine Zicke.

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  2. September 3, 2014 8:19 am

    was für ein abenteuer!

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  3. September 3, 2014 3:27 pm

    Den Bildern sieht man an, dass ihr jetzt ziemlich weit im Osten seid.
    Das Rentnerproblem mit dem frühen Pensionsalter und den entsprechend niedrigen Renten, die hinten und vorne nicht reichen, gibts hier af dem Schwarzen Berg auch.
    Leute, die allgemeine Kritik auf das reduzieren, was sie bewundern und verehren kenne ich auch etliche. Nach meiner Erfahrung haben die alle früher oder später ihr Fett abgekriegt, wenn sie im Land ihrer Träume eine richtig unangenehme Erfahrung machen mussten….

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  4. September 4, 2014 2:10 pm

    Obwohl ich ja selber große Katzenliebhaberin bin, das Getue um die kleine Mieze, und daß man weder Fenster noch Türe öffnen durfte, hätten mich auch genervt… Wenn ich mir überlege, daß ich nach russischen Verhältnissen nun schon seit fast drei Jahren Rentnerin wäre – aber wahrscheinlich wären dann meine Bezüge dermaßen lächerlich niedrig, daß ich dennoch arbeiten müsste…
    Gezicke im Urlaub finde ich furchtbar! Ich erinnere mich immer noch mit Schaudern an meine letzte Floridareise vor nunmehr fast fünf Jahren, als ich so manchesmal im Stillen mit dem Gedanken spielte, den oft haaresträubend herumzickenden Freund, mit dem ich auf Tour gewesen bin, aus dem Mietwagen zu schmeißen, und die Fahrt alleine fortzusetzen. :mrgreen:

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  5. September 10, 2014 6:26 pm

    Hihi, das Plumpsklo am Ende der Welt 😀 Hoffentlich hast Du nicht eine der Piroggen erwischt die den Korb zwischenzeitlich verließen 🙂

    Liest Deine Cousine hier eigentlich mit? Ihre Kommentare wären sicher spannend (und warmes Bier ist Scheiße, egal ob in Russland oder im Himalaya, da kann man durchaus berechtigt meckern).

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    • September 15, 2014 9:13 am

      Nein, die Cousine liest nicht mit. Worüber ich einerseits froh bin, andererseits sit es Schade, denn so kommt sie sehr einseitig rüber. Es wäre sicher interessant, ihre Gegenbdarstellungen zu hören. Denn eins ist ja klar: Unsere Reibereien enstanden aus unserer Verschiedenartigkeit, nicht daraus, dass der eine klüger, flexibler, spontaner, anpassungfähiger oder sonstwie besser als die andere ist. Und natü+rlich habe ich darauf geachtet, eine saubere Pirogge zu ergattern. Die runtergefallene wurde sicher am nächsten Zug verkauft. Was natürlich mit der von mir erworbenen am vorigen Zug passiert ist, weiß ich nicht 😉

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