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Ist Euch das Wasser des Baikal denn nicht genug?

August 25, 2014

Es haben sich genug Leute gefunden, die Robben gucken wollen, also führt uns die heutige Exkursion zur Insel Samagoi. Zwar holt uns keine Marschrutka vom Hotel ab, dafür beginnt die Bootstour erst 15:00 Uhr, das lässt viel Gemütlichkeit zu.

Es ist wieder viel zu heiß und wir starten den Tag nach einem ausgedehnten Frühstück im Joschiki Maroschiki mit echtem Kaffee und Eis.

Mittagessen wollen wir bei der „Oma“. Aber statt der Oma verkaufen da heute Mutter und Sohn. Also die Mutter ist die Tochter der Oma. Es gibt Tische und Stühle, auf der Straße dampft der Samowar und der Mann der Mutter will mich zum Reden animieren. Aber ich rede nicht mehr russisch in Gegenwart der Cousine. Sie hat mich gleich am ersten Tag ein bisschen runtergemacht, weil ich brauche nun mal einen Tag, um zu verstehen und noch mal einen, um in ganzen Sätzen zu sprechen. Zwar habe ich mich davon nicht gleich beeindrucken lassen, aber spätestens seit sie eine Auskunft, die ich eingeholt hatte, noch mal erfragt hat, seit sie dann auf meine Frage Glaubst Du mir nicht? grinsend geantwortet hat, Doch, ich wollte mich nur noch mal vergewissern, beteilige ich mich nur noch als Zuhörer an Gesprächen, in die sie involviert ist und die auf Russisch geführt werden. Ich bin ja nicht hier, um einen ungleichen Wettstreit zu führen, dessen Ausgang ich soundso nie in Frage gestellt hätte. Und zum Russisch sprechen bleibt genug Gelegenheit, wenn die Cousine nicht dabei ist. Zum Beispiel als wir am Hafen sind und die Leiterin der Exkursion mich nach den Tickets fragt und sich beschert, dass die im Hotel “ Baikal“ nie Tickets ausgeben. Die Cousine ist da grad am anderen Ende des Stegs und kann dann ja noch mal antworten.

Aber noch sind wir bei der „Oma“, futtern geräucherten Omul und die Cousine fragt eine andere Kundin, was die da isst. Sieht aus wie Heringshäckerle, ist aber Sagutai. Das wird aus einem Fettfisch namens Golomjanka zubereitet, wie der Omul auch endemisch, dazu fast durchsichtig und der am tiefsten lebende Süßwasserfisch der Welt. Aber irgendwann morgens kommt er mal aus den Tiefen nach oben geschwommen. Und wird gefangen. Er wird nur gesalzen und dann mit Zwiebeln angerichtet. Äußerst lecker! Gibt’s aber wie den Omul nur so lange der Vorrat reicht, und der könnte an einem Samstag schnell aufgezehrt sein. Da bestellen wir uns mal was für den Abend.

Drüben vom Festland her donnert es, aber der Mann der Mutter meint, hier würde es heut nicht regnen und auf Samagoi auch nicht. Und dass ich noch erschossen werde, wenn ich immer Jaja sage. Ich zwinkere ihm zu und verabschiede mich höflich, auf Russisch.

Auf dem Steg wird es schon empfindlich kühl und als wir auf dem Boot sind und der Guide erklärt, dass jeder eine Schwimmweste anzuziehen hat, fragt der Käpt’n Jeder? Na wenigstens für die Kinder an Bord, eine halbe Schulklasse reichen sie.

Während der Fahrt, die vielleicht eine Stunde dauert, fängt es an zu regnen. Alles zwängt sich in den engen überdachten Bereich. Interessiert schaue ich den Jugendlichen zu. Ist wie zu Hause. Es gibt die Tussen, die offensichtlich das Sagen haben und im übrigen sehr gelangweilt sind. Es gibt kleinere Mädchen, die noch nicht dazu gehören (dürfen) und große Schwestern, die sich kümmern. (Die Tussen wollen die eh nicht bei sich haben). Es gibt Jungs, die alles tun, um den Tussen zu gefallen und doch nur die Looser sind. Es gibt Jungs, die die Dämchen hoheitsvoll in ihrer Nähe dulden und es gibt sogar einen Favoriten.

Amüsiert betreibe ich meine Sozialstudien, als wir anlegen. Es regnet und ich würde am liebsten auf dem Boot bleiben. Gestern hatte ich noch die Regensachen mit. Umsonst natürlich. Heute liegen sie im Hotel. Doch ein mürrischer Käpt‘n hilft mir vom Boot.

Durch Regen und regennasses Gras stapfen wir dem Guide hinterher. Wir sollen leise sein, um die Robben nicht zu erschrecken (???, inzwischen kann man im Sturm sein eigens Wort nicht verstehen) und natürlich unseren Müll wieder mit von der Insel nehmen. Das mit dem Müll muss man Russen wirklich sagen, denn die lassen den auch gern fallen, wenn sie neben einem Abfalleimer stehen. Doch dann, als wir von Bucht zu Bucht geklettert sind und nicht eine Robbe gesehen haben, bin ich die einzige, die einen Reiseaschenbecher rausholt und die Kippe ordentlich entsorgt.

Als wir zurückkommen hat sich der grummelige Käpt’n in einen sich schämenden verwandelt. Nur als der Guide auftaucht, brummt er wieder rum, dass er ja gar nicht rausgefahren wäre, weil klar ist, dass bei solchem Wetter die Robben nicht hier sind und dass das ja wohl ziemlich unverschämt sei, Touristen so das Geld aus der Tasche zu ziehen*. Ich finde, da hat er Recht, flüchte vor dem Regen unters Dach und betreibe weiter Sozialstudien.

Als wir fast wieder auf Olchon sind, bauen sich zwei der Kinder (Looser und große Schwester) nebst Lehrerin vor uns auf. Guten Tag ich spreche Deutsch. Sie gehen in eine polnische Schule, erklären sie, immer mal zur Lehrerin schielend und von der unterstützt, und lernen neben polnisch und englisch eben auch deutsch. Sie holen noch einen von den manchmal von ihren Hoheiten geduldeten Jungs heran und versuchen ihn zu ermuntern, deutsch zu sprechen und ich bete die ganze Zeit, dass die Cousine ihr Ego unterdrücken kann und die Klappe hält, jedenfalls auf Russisch. Kann sie natürlich nicht, muss zeigen und sich loben lassen. Die Kinder sind verwirrt, mal geduldet raunzt die große Schwester an, wieso er deutsch reden soll, wenn die doch russisch spricht, und ich die Cousine. Ich werde sogar ein bisschen böse, schließlich wollen die Kids deutsch sprechen und haben sicher 30 min geübt, eh sie sich trauten, uns anzusprechen. Die Cousine sieht das nicht ganz so wie ich, aber nun dürfen auch alle deutsch reden, sie fordert die Kids sogar dazu auf. Ich schäme mich ein bisschen, kriege mich aber wieder ein. Die Freude der Kinder ist einfach zu ansteckend.

Am Abend, wie haben unseren vorbestellten Sagutai und Omul gegessen, gehe ich noch ein letztes Mal an den Strand. Eine Schamanin bereitet sich auf ein Ritual vor, aber Zuschauer sind nicht erwünscht. Also gehe ich meiner Wege und sehe aus gebührender Entfernung zu. Kurz überlege ich, dass große Objektiv heraus zu kramen, entscheide mich aber dann, die Schamanin und die sie umringenden Gläubigen zu respektieren.

Es ist Samstag und der Strand fast voll. Autos stehen zwischen den wenigen noch verbliebenen Bäumen, daneben Zelte, Lagerfeuer und Grille überall.

Auf Wiedersehen Baikal, Auf Wiedersehen Olchon. Ich würde gern wiederkommen. Ich habe nur so ein ganz kleines Stück von Dir sehen dürfen. Ich würde gern noch Deine Berge besteigen wollen und durch Deine Wälder streifen. Ich würde gern im Winter mit einem Auto übers gefrorene Wasser fahren, ich würde gern im Sommer doch noch einmal Rad fahren. Aber wer weiß schon, ob ich je wiederkomme? Die Welt ist so groß und es gibt soviel zu sehen.

Ich schicke den sich aus den mobilen Banjas in den See stürmenden  einen stillen Gruß und laufe zurück zum Hotel. Alexander fotografiert burjatische Kinder im Sonnenuntergang. In ihren Trachten wippen und schaukeln sie auf dem hoteleigenen Spielplatz. Ich wünsche ihnen, dass sie ihre Authentizität behalten können. Trotz zunehmendem Tourismus und der zwangsläufig daraus folgenden Vermarktung ihrer Bräuche. Ich wünsche ihnen, dass noch die Enkel ihrer Enkel ihrer Enkel den Baikal so vorfinden werden wie ich ihn verlasse. Mit genügend Fischen, die Bewohner seiner Ufer zu ernähren und so sauber, dass sie aus ihm trinken können. Wie sagte die Verkäuferin in Irkutsk, als wir Wasser kauften? Was kauft Ihr Wasser, wenn Ihr nach Olchon fahr? Ist Euch das Wasser des Baikal denn nicht genug?

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* Als wir das abends der Reiseleiterin in unserem Hotel erzählen, bekommen wir prompt einen Teil unseres Geldes zurück

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11 Kommentare leave one →
  1. August 25, 2014 10:13 pm

    Der Samowar steht da tatsächlich im Straßenstaub? Cool! 🙂
    Ich wünsche es dir, daß du noch einmal zurück zum Baikal kehren wirst. 😉

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    • August 26, 2014 3:47 pm

      Ja, glaubst Du ich lüge Euch an? 😀 Aber wo soll er auch stehen? Straßen … also es fährt ja jeder wie er will

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  2. Herr S-Bahnfahrer permalink
    August 26, 2014 2:24 am

    An dieser Stelle mal ein großes Dankeschön für ihre wundervollen Reiseberichte(hab auch schon letztes Jahr aus USA gelesen)! Sehr amüsant finde ich die regelmäßigen Reibereien mit der Cousine. Ich hoffe nur, dass sie sich nicht noch ernsthaft zerstreiten!
    Grüße aus dem Ruhrgebiet!

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    • August 26, 2014 3:46 pm

      Oh gern. Nebenbei freu ich mich immer, wenn sich „stille“ Leser dann doch ml melden.
      Und was die kleinen Reibereien mit er Cousine betrifft: So ist das eben, wenn zwei ältere, ziemlich sture Ladies zusammen verreisen. Und dann auch noch so lange und wirklich nur zu zweit. Und auch noch zwei Urlaube hintereinander. 😉 Aber ernsthaften Streit gab es nicht, nein, da kann ich sie beruhigen. Nur eben hie und da Rumgezicke.

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  3. August 26, 2014 6:17 pm

    Erneut eine beeindruckend Etappe. Angesichts der Schiffe und Bootsstege finde ich eure Entdeckungslust geradezu abenteuerlich mutig. Nach den Fotos zu schliessen würde mich Omul eher reizen als Golomjanka…
    Jaja? Eier!! hier jedenfalls und eshalb guggt man mich leicht irritiert an. Ich muss jetzt endlich angewöhnen mit da da zu bejahren 😉

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  4. August 26, 2014 6:36 pm

    Ein fast durchsichtiger Fettfisch aus den Tiefen des Baikal, Du traust Dich was. Ich glaube auf dieser Reise hätte ich mich nur von Blini und Busy ernährt. Die Schamanin hätte ich übrigens auch nicht fotografiert, wenn jemand nicht fotografiert werden möchte zum Tele zu greifen wär mir einfach zu peinlich. Außerdem weiß man bei so Schamanen ja nie ob das nicht hinterher irgendwelche fiesen Auswirkungen hat 😀

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    • August 27, 2014 7:55 am

      Genau, an die bösen Nachwehen, wenn ich nicht höre, was der Schamane will, dachte ich auch. Die können bestimmt Voodoo oder so. Kennt man ja aus einschlägigen Filmen.
      Der Fisch war lecker und sicher nicht gefährlicher als das Fleisch in den Buusy

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  5. August 27, 2014 3:15 am

    der bootsanleger ist ja richtig gruselig! schön, daß der blaue elefant mitreisen durfte. habt ihr denn auch wasser aus dem baikalsee genossen? toller bericht!

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    • August 27, 2014 7:57 am

      Der blaue Elefant kommt immer mit, jedenfalls auf großen Reisen. 😀 Und natürlich haben wir Baikalwasser getrunken, all die Tage, die wir auf der Insel waren.

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