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Weißes Speisen und Geschichten aus vergangenen Tagen

August 22, 2014

11. Juni, Olchon, ein langer Freitag, Teil II

Pünktlich 19:00 Uhr legen wir am Hafen in Chuschir an, bedanken uns artig, klettern vom Boot, hüpfen über den Steg und da steht auch schon der Van, der uns zurück ins Minihotel bringt.

45 mim später, es haben sich tatsächlich genügend Interessenten gefunden, holt uns ein anderer Van ab und wir fahren zum Burjatskaja Derewnja, dem Burjatischen Dorf.

Zwei Frauen in Nationaltracht empfangen uns mit Milch. Weiß ist ihnen heilig, deshalb empfangen sie Gäste, so erzählt die ältere der beiden, mit weißen Speisen und Getränken. Bevor wir aber am Schälchen nippen, halten sie uns Rauch unter die Nasen. Weißer Rauch natürlich. Das vertreibt die bösen Geister, oder so.

Auf dem Hof stehen eine Jurte aus Tierhaut, eine aus Holz, eine überdachte Terrasse und allerhand langsam verfallendes Arbeitsgerät wie Schlitten, Kahn usw. Die Oma, heute 87 Jahre alt, hat das alles aufgehoben und für die Nachwelt bewahrt. Das Zeug ist also nicht von irgendwo hergeholt, sondern wurde in der Familie so tatsächlich früher benutzt. Die Familie wohnt gleich nebenan, in einem großen, neueren Holzhaus. Früher hat die Großmutter selber durch das kleine Anwesen geführt, kann das aber krankheits- und altersbedingt nicht mehr.

Die junge Frau verschwindet und wir folgen der älteren in die Holzjurte. Die ist wie die aus Tierhäuten rund. Damit sich in den Ecken keine bösen Geister einnisten können. Innen erwartet uns ein Sammelsurium an Geräten, Kleidungsstücken, Fotos, alten Schulbüchern, Erinnerungen.

In den Jurten gab es eine Seite für die Frauen, und eine für die Männer. Wo die ihre vielen Kinder gemacht haben, traue ich mich nicht zu fragen. Die Oma hatte immerhin 13, dazu kommen 80 Enkel und aktuell 50 Urenkel. Heute haben burjatische Frauen nicht mehr so viel Kinder, die, die uns hier alles erklärt, sieht auch, abgesehen von der Tracht, ziemlich modern aus. Wir bestaunen Hochzeits- und Alltagskleider, Betten, Jagd- und Fischfanggeräte, Robbenfelle und eine Hose aus solchen. Die sieht ziemlich unförmig aus, soll aber absolut wasserdicht sein und warm.

Die Burjaten jagen heute keine Robben mehr. Anders als zum Beispiel die Inuit für Wale haben sie keine Sondergenehmigung. Laut dem Guide vom Schiff leidet der Baikalsee ja unter einer Robbenplage. Ich bin sehr gespannt, ob, wenn das absolute Jagdverbot dereinst aufgehoben werden wird, dann die Einheimischen wieder auf Robbenfang gehen dürfen, oder ob sich dieses Privileg neureiche gelangweilte Russen erkaufen werden.

Die Frau redet ohne Punkt und Komma und sogar die Cousine hat Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Ich habe längst abgeschaltet und sehe mich lieber um.

Nach dem kleinen Exkurs in Sachen traditioneller Lebensweise gibt es auf der Terrasse Essen. Der Tee ist nicht weiß, das sehe ich sofort und Galina, die gute Seele unseres Hotels, wird, als wir ihr das erzählen, die Stirn runzeln und sagen, dass es auch weißen Tee gibt. Es gibt aber weißes Brot und Salamat (burjatischer Käse), Smetana (Sahne) und Tworok (Quark). Letzterer  ist zwar besser als der russische, aber trotzdem nicht mein Ding.

Und dann sehen wir, dass die Familie trotzdem noch groß genug sein muss. Immer wieder kommen neue Nichten oder Neffen durch das Tor und erfreuen uns mit unterschiedlichen Darbietungen. Zwei Jungs ringen, wie bei den Mongolen ist das auch der Burjaten Nationalsport. Ein kleines Mädchen singt, burjatisch, aber Samolot (Flugzeug) ist russisch, das verstehe ich. Ein anderes Mädchen spielt auf einem Zupfinstrument, jemand sagt ein Gedicht auf, es werden Geschichten erzählt und wir müssen Rätsel lösen.

Der Höhepunkt aber ist die junge Frau, die bei der Begrüßung dabei war. Kennen Sie mongolische Gesänge? Nicht dieses Gepiepse, sondern diese kräftigen Kehlkopflaute? Ich habe lange im Netz gesucht, um etwas derartiges zu finden. Leider vergeblich.

Die junge Frau singt und versetzt uns sofort zurück in eine Zeit vor unserer Zeit. Wir sind in der Steppe. Pferdeherden bis zum Horizont. Der Wind zerrt an den Jurten. Staub wirbelt auf.

Ich bin total hin und weg.

Die junge Frau ist wirklich der Höhepunkt, denn sie beendet das kleine Kulturprogramm und wir sind dran. Alle großen und kleinen Künstler kommen noch einmal auf den Hof, verteilen sich unters Volk, wir bilden einen Kreis und kriegen im Crashkurs drei Tänze beigebracht. Fragen Sie mich nicht. Und, nein, davon gibt es keine Fotos. Ich mußte ja tanzen.

Dann öffnet die Chefin ein kleines Büro, in dem wir bezahlen und wer will, ein paar Souvenirs kaufen kann. Finde ich gut, dass das Geld direkt an die Familie geht und nicht nur teilweise über eine Agentur bezahlt mit den entsprechenden Abzügen ihr zugutekommt.

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24 Kommentare leave one →
  1. August 22, 2014 6:11 pm

    In was für Welten du uns immer wieder entführst… Ganz toll, beeindruckend, und auch zum Nachdenken anregend. Danke! 😀
    Hast du wirklich nicht gefragt, wo und wie die vielen Kinderlein herkamen? 😉

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  2. August 22, 2014 6:23 pm

    Weißen Tee gibt es wirklich, aber vielleicht ist er dort unerschwinglich.

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    • August 22, 2014 6:44 pm

      Galina klang eher so, als wäre das dort normal. Aber vielleicht ist das etwas, was man wirklich nur echten Gästen anbietet, nicht zahlenden

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  3. August 22, 2014 6:23 pm

    Sag mal, war die Landschaft dort schon immer so karg? Oder ist das erst das Ergebnis des Raubbaus in den letzten Jahren?

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    • August 22, 2014 6:39 pm

      Naja, die Insel ist über 70 km lang und 10 km breit, und landschaftlich recht abwechslungsreich. Es gibt zum Beispiel auch über 1000m hohe Berge, da waren wir gar nicht.Es gibt da etwa hälftig hälftig Steppe und Wald und Chuschir liegt ungefähr in der Mitte. Ich denke aber, dass durch die Abholzung für die Häuser usw. die Versteppung voran getrieben wird

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  4. August 22, 2014 6:27 pm

    muss ich mir das singen ein bisschen wie das der samen vorstellen, in lappland?
    spannend, was ihr alles erlebt habt! das tanzen hätt ich gerne miterlebt.

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    • August 22, 2014 6:41 pm

      Keine Ahnung. Es sind so gurgelnde Töne, klingt wie Obertongesang, ist dafür aber definitiv zu tief

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    • August 23, 2014 11:11 am

      Hallo Sophia, habe mir grad ein bißchen Samenmusik angehört, aber nee, das ist doch etwas anderes.

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  5. August 22, 2014 6:36 pm

    Hat sich der Gesang in etwa so angehört?

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  6. August 23, 2014 9:09 am

    Fast beneide ich dich um die Sprachkenntnisse. Ich könnte ich hier auf dem Schwarzen Berg ganz anders mit den Menschen umgehen, wenn…
    Weisse Käse, egal aus welcher Tiermilch sie hergestellt sind, mag ich nicht mehr. Aus welcher Milch stellen die Burjaten ihren weissen Käse her?
    Runde Ecken, dass sich keine Geister ansammeln finde ich überzeugend 😉

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    • August 23, 2014 10:54 am

      Ach naja, ohne die Cousine hätte ich sicher nur die Hälfte verstanden, wenn überhaupt. Aber das war ausgleichende Gerechtigkeit. Letztes Jahr in den Staaten war es umgedreht. Woraus der Käse war, haben wir nicht gefragt, schmeckte aber wie welcher aus Kuhmilch. Allerdings habe ich noch nie welchen aus Stutenmilch gegessen und der aus Schafsmilch scmeckt ja eigentlich auch nicht viel anders. Aber Schafe hatten die da nicht.

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  7. Gudrun permalink
    August 23, 2014 10:35 am

    Liebe Inch,
    du bringst mir das Leben in einem Stückchen Erde näher, was ich nie kennenlernen werde. Und das ungeschminkt, ehrlich, aber voller Herzlichkeit. Dafür danke ich dir.
    Weißt du, gerade jetzt hört man in den offiziellen Medien nur Hässliches, wenn aus dem Osten berichtet wird. Es tut gut, bei dir zu lesen.

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    • August 23, 2014 11:05 am

      Das freut mich wirklich, Gudrun. Und was gerade über Russland berichtet wird, da scheint es ja wieder „Den Russen“ zugeben. Da möchte ich jedem empfehlen, dass er mal hinfährt, nicht mit dem Bus und Reiseleitung, um mal einen veränderten Blickwinkel zu bekommen.
      Volker Piepers hat ein schönes Programm zum „Russen“. Es macht wirklich Spaß, sich das ganz anzugucken, mindestens aber bis 3:20 min http://youtu.be/2839TkXlmj4

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  8. August 25, 2014 6:55 pm

    Weißer Käse schmeckt mir zu häufig nach nix, Mozarella ohne Pizza, Tomaten oder Basilikum kann man auch knicken. Für den Quark könnte man ja etwas Zazikigewürzmischung einpacken oder Früchte untermischen (hab aber keine Ahnung wie russischer Quark schmeckt, eventuell ist das ja ganz furchtbar)

    Das Video kann ich hier auf Arbeit leider nicht sehen, aber zum Gesang fällt mir spontan der Name Huun-Huur-Tu ein (aus Tuwa), da gibts sicher was bei youtube. Davon gibt es noch einen moderneren Ableger namens Yat-Kha, die haben auch ein paar wirklich nette Alben gemacht.

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    • August 25, 2014 7:16 pm

      Meine Rede, egal ob Lateinamerika, Nordafrika oder jetzt auf dem Balkan: die weissen Standardkäse, die ursprünglichste und wahrscheinlich einfachste Form aus vergorener Milch (welchen Tieres auch immer) noch was halbwegs magenfüllendes herzustellen.
      In aller Regel mit langweiligem bis gar keinem Eigengeschmack…
      (Das mit der Tzazikimischung muss ich mir mal merken, könnte ich von Aldi hierher schaffen)…

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