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Zwischen Baklan, Buusy und Buddhismus

August 20, 2014

11. Juni 2014, Olchon, ein langer Freitag, Teil 1

Der Nachteil an der Insel Olchon ist, dass man so zu Fuß nicht viel machen kann, außer am Strand rumlümmeln. Man könnte natürlich wandern. Aber es gibt nicht wirklich Wanderwege, am Strand und den Buchten entlang sind wir gestern schon und zum Radfahren ist es einfach zu staubig.

Das Hostel hatte ja mit allerlei Aktivitäten geworben, davon sehen wir hier nichts.

Aber es gibt anderes. Es werden unterschiedliche Ausflüge angeboten. Nicht nur im Hostel, sondern auch im gesamten Ort. Genau genommen werden überall die gleichen Ausflüge angeboten. Und Fahrräder kann man auch überall ausleihen. Aber zum Radfahren ist es wirklich zu staubig. Die Franzosen, die wir bei unserer Ankunft in Irkutsk in Galinas Hostel kennen gelernt haben, schwärmen uns von einem Ausflug zu einem heiligen Ort vor. Mit Kleinbus. Nee. Das ist auch zu staubig. Und zu ruckelig. Reiten wäre cool. Aber dann sehe ich so eine Gruppe. Das sind alles Nichtreiter, da geht es gemächlich im Schritte einen halben Kilometer in die eine Richtung und dann wieder zurück. Staubig kann da nix werden, aber Spaß kommt da auch nicht auf.

Also Bootstouren! Manche sind täglich, manche nur, wenn sich genug Leute melden. So verhält es sich übrigens auch mit dem Besuch des Museumshofes in Klein Chuschir. Also melden wir uns für eine Bootsfahrt nach Olgoi und zu irgendwelchen heiligen Quellen an und, falls sich genug Leute finden, zum Besuch des Hofes. Allerdings, sollten sich ausgerechnet heute genug Interessenten finden, wird das verdammt knapp. Und wer weiß, ob das so hinhaut, dass wir 18:00 Uhr zurück und dann abgeholt und pünktlich hier sind, um 19:00 Uhr wieder im nächsten Bus sitzen zu können. Nur, morgen könnte es eine Robbentour geben, und die will ich keinesfalls verpassen. Robbentouren gibt’s auch nur nach Bedarf.

Also

10:45 Uhr holt uns der Van vom Minihotel ab. Das klappt schon mal gut.

Am Hafen stehen 3 Schiffe, zu Ausflugsdampfern umgebaute Fischkutter. Kennt man ja aus anderen Ländern. Wenn die hier aber auch mal noch mehr Besucher aus anderen Ländern, die nicht unter die Kategorie Abenteuertouristen fallen, haben wollen, müssen die unbedingt was am Steg machen. (Bild gibt’s im nächsten Blog*). Aber manchmal bin ich mir gar nicht sicher, ob die hier in Sibirien so erpicht auf ausländische Touristen sind. Natürlich freuen sie sich, aber eigentlich haben die genug einheimische, also russische Urlauber.

Wir klettern über den Steg und hopsen aufs Boot.

Ich bin von gestern total verbrannt und dankbar, dass es, kaum hat der Kutter abgelegt, kühl auf dem Wasser ist. Da kann ich meinen Pullover überstreifen. Es gibt auch Schwimmwesten. Allerdings nur 25. Wir sind aber 27 Passagiere, der Guide hat genau gezählt und immer wieder betont, dass auf jeden Kahn nur besagte Anzahl darf.

Nach 90 min erreichen wir Olgoi. Auf der Fahrt erzählt der Guide viel über den Baikalsee, die Burjaten, den Schamanismus, den Buddhismus, die Fischerei, den Baklan, die Möwen, Robben (Nerpa), Wölfe und den Omul.

Also, Omuls gibt es nämlich nicht mehr soviel. Und daran ist, natürlich, die Baikalrobbe Schuld. Die darf nämlich nicht mehr gejagt werden, seit sie im letzten Jahrhundert fast ausgerottet wurde, vermehrt sich fröhlich und frisst den armen Leuten den ganzen Omul weg.

Und dann ist da der Baklan. Das ist ein Vogel, kleiner aber kräftiger als Möwen, vertreibt er diese aus ihren Brutgebieten. Für die Burjaten ist das einerseits tragisch, weil ihnen die Farbe weiß heilig ist und von Möwen okkupierte Felsen nun mal weiß aussehen. Baklane sind schwarz. Mir sehen sie aus wie Komorane. Aber nein, verneinen die Einheimischen, das sind Baklane**. Und natürlich, die vertreiben nicht nur die schönen Möwen, die fressen auch den ganzen Omul weg. 25m tief können die tauchen! Und dann die Robben.

Ich denke an die geschlossene Fischverarbeitungsfabrik und wie viel Omul da wohl früher „verarbeitet“ und vermutlich nicht nur nach ganz Russland geliefert wurde und mir im Übrigen meinen Teil. Kennt man ja. Hat der Mensch zu sehr Raubbau an der Natur betrieben, sind immer irgendwelche Tiere Schuld, wenn die Ernten plötzlich ausbleiben, egal ob auf dem Feld oder im Wasser. Und Wölfe ernähren sich sowieso und ausschließlich von Schafen. Und Großmüttern.

Die Schiffsjungen und der Guide werden irgendwann die Möwen füttern, kurz bevor der Kutter an so einem nun von den Baklan okkupierten Felsen vorbei fährt. Aber wenn Sie genau gucken, sehen Sie noch die eine oder andere Möwe. Die taten mir dann doch leid. Kamen mir vor wie Vertriebene.

Auf der Insel Olgoi steht eine Stupa. Von allen Seiten soll sie zu sehen sein. Im unteren Teil, dem aus Natursteinen, beherbergt sie irgendwelche Reliquien, dann im weißen Teil in den ersten drei Stufen 5000 Bücher.

Fünftausend!

Ein paar Lamas waren drei Monate damit beschäftigt, jedes der 5000 Bücher anzulesen und damit zu heiligen, wobei wichtig ist, dass keins zu Ende gelesen wurde. In der runden Kuppel liegt eine Frau, oder Frauengestalt, mit langen, struppeligen Haaren. Sie ist nicht gläubig und verkörpert den Sieg über das Böse. Dann kommen die Augen Buddhas und dann 13 Blini. 13, weil Buddhas Erleuchtung am 13. Juni stattfand. Oder so.

Das erzählt mir die Cousine, denn ich renne rum, statt zuzuhören. Und dann rennen, nein sie laufen natürlich, alle im Uhrzeigersinn um die Stupa. Barfuß, barhäuptig und mit erhobenen Händen. Und warten auf Erleuchtung. 1x, 3x,7, 21 oder 108 Runden muss man so drehen, um erleuchtet zu werden. Ich fotografiere das lieber.

Die Cousine aber ist ganz begeistert. Irgendwo in Tibet soll es einen Tempel oder was auch immer geben, da ist eine Runde 54 km lang.

Ich finde die kleinen Stein“kirchen“ bemerkenswerter. Die bauen Buddhisten, wenn sie aus dem Tempel kommen. Oder die Stupa oft genug umrundet haben. Das aber widerspricht dem Schamanismus der Burjaten. Denn nach deren Glauben wohnen in der Erde Geister, und wenn man der Erde etwas entnimmt, können die Geiser an die Oberfläche kommen.

Während der Weiterfahrt zum Festland und der heiligen Quelle gibt es Verpflegung. So richtig mit Vor- und Hauptspeise, Kuchen und Tee. Leider sind wir nicht in der Gruppe, in der ein Teilnehmer den Wodka aus dem Beutel holt und an alle verteilt. Neidisch schaue ich der Truppe zu.

Die heiligen Quellen sind der reinste Touristennepp.

Aber die Buusi oder, wie die Russen sagen, Posi, in der Kneipe am Strand sind jede Reise wert. Die sind so frisch gekocht, dass die Köchin bei unserer Ankunft die Bestellung aufgenommen hat und dann, während wir an den Quellen waren, gekocht hat. Und zwar auf eine ziemlich urtümliche Weise. Buusy sind eine traditionelle burjatische Speise, nämlich mit Hammel-, Rind- und Pferdefleisch gefüllte große Teigtaschen. Man könnte sie mit Pelmeni oder Maultaschen vergleichen, nur viel größer. Und sie werden so gekocht, dass die Brühe, die beim Dünsten des Fleisches entsteht, in der Teigtasche bleibt. Fragen Sie mich nicht. Aber es ist extrem lecker. Und am leckersten war es da bei diesen Burjaten am Strand.

Dort ist auch ein kleiner Inlandsee mit ziemlich warmen Wasser, aber die Cousine und ich reden wieder mal aneinander vorbei und so sitzen wir nur da und schauen den anderen beim Baden zu.

Oh je, jetzt habe ich Sie wieder zugetextet. Dabei…, das erzähle ich im nächsten Blog. * Das heißt dann, das Bild vom Steg gibt es erst später.

**Es ist natürlich ein Vogel aus der Familie der Komorane. Im Russischen heißt Komoran dann auch Großer Baklan.

Wie gehabt: Drauf klicken = groß gucken

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8 Kommentare leave one →
  1. August 20, 2014 10:05 pm

    Eure Reise ist schon abenteuerlich gewesen, mein lieber Scholli! Ich habe wieder einmal mit angehaltenem Atem gelesen…

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  2. August 21, 2014 8:45 am

    Klasse Fotos (wie gehabt!) – Ich stelle mir gerade die Strandkneipe und das Hafenschwimmbad leibhaftig vor, Mannomann, eine abenteuerliche Reise….

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  3. August 21, 2014 9:19 am

    Abenteuerlich, aber sehr spannend (und ein bisschen skurril, die bunt gekleideten Touristen um die Stupa pilgern zu sehen *g*). Und Hunger hab ich jetzt vom Lesen!

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  4. August 21, 2014 7:35 pm

    *Klugscheißermodus an*
    Es ist der Kailash. Den Berg in Tibet zu umrunden, gilt als wichtige Pilgerreise.
    In 5700m Höhe sicherlich kein pures Vergnügen.
    *Klugscheißermodus aus*

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  5. August 22, 2014 12:46 am

    108 mal um eine Stupa rennen, die spinnen die Tibetaner, also echt mal.
    Die Möwe im Flug hast Du wirklich grandios erwischt, aber auch die restlichen Fotos sind Spitze. Auf dem 8en Bild rätsel ich allerdings bisher vergeblich, was das für merkwürdige Gebilde sind. Vogelnester oder komische Pflanzen? Burjatische Maulwurfshügel?

    Und bei den leckeren übergroßen Pelmeni mit den diversen Fleischsorten frage ich mich, ob der Verzehr dieser Spezialitäten nur auf Bahnhöfen gefährlich ist, oder ob auf der Insel nur keiner davor warnt 😀

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    • August 22, 2014 8:04 am

      Gut gesehen. Das sind die kleinen Steinkirchen, die die wirklichen Buddhisten bauen, wenn sie oft genug um die Stupa gerannt sind.
      Und zum Fleisch… ich glaube schon, dass es auf Bahnhöfen von fliegenden Händlern dahingehend gefährlicher ist, da man die ja nicht kennt und greifen kann, wenn sie verdorbene Lebensmittel verarbeiten. In Gaststätten sieht das anders aus und auch da am Strand, die Familie kocht und wuselt da ja jedes Jahr, wenn da ein paar Dutzend Touris Magenbeschwerden kriegen, könnte das das Ende ihres kleinen Geschäftes sein. Auch waren da ordentlich Kühlschränke, aus denen die Bier und Cola und so Zeug verkauften, kann man also davon ausgehen, dass auch das Fleisch nicht in der Sonne rumlag. Und! Sie haben die Buusy tatsächlich nur auf Vorbestellung zubereitet.
      Die Babuschki an den Bahnhöfen backen und kochen ja auf Verdacht. Wenn sie dann nicht alles oskriegen und die Familie auch nicht schafft, bin ich mir nicht sicher, ob die das am nächsten Tag noch mal anbieten. Gut, das wäre nur unschön. Aber ich habe da Häuser ohne Wasseranschluss gesehen. Keine Ahnung, wie es sich mit Kühlschränken verhält. Es ist wahrscheinlich wie mit den Straßenküchen in Asien oder Kymus in Zentralasien. Der Einheimische verträgt das gut, unsere europäischen Mägelchen reagieren da überaus empfindlicher.

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