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Wie wir einen Heuschreck fotografiert und sehr viel gegessen haben

August 18, 2014

Olchon, Donnerstag, 10. Juli 2014 

Das Frühstück im Mini Otel ist aber nun mal ganz russisch. Und damit meine ich nicht wundersam oder improvisiert, wofür wir hier im Osten der Republik ja gern mal den Ausdruck Russisch verwenden, sondern im wahrsten Wortsinne Russisch. Buchweizengrütze, Blinis mit saurer Sahne, Kuchen, Graubrot und der Kaffee ist natürlich Instand. Klar, sind ja eigentlich auch nur Russen hier, warum soll es da etwas anderes geben, als, was die Russen gewohnt sind. Die Ausländer logieren bei Nikita.

Nun bin ich ein Fan der russischen Eierkuchen. In Moskau war das sogar eine meiner ersten Amtshandlungen: Blini essen! Wer weiß, wann ich das wieder kriege, könnte ich sagen, habe ich gedacht. Aber ich habe gar nicht gedacht.

Russland= Blini, das ist Pawlowsch, da kann ich nix gegen machen. Ich hätte ja auch wirklich nie gedacht, dass der Punkt kommen würde, wo ich auch mal ein Frühstück ohne die russischen Eierkuchen gewählt hätte. Wenn das im Angebot gewesen wäre. Aber Buchweizengrütze! Sagte ich schon, dass ich die hasse? Also doch lieber die Blini.

Dann laufen wir an der Küste entlang nach Klein-Chuschir, zum burjatischen Dorf. Es ist unglaublich heiß und wir lassen uns ordentlich Zeit. Auf diesem Teil der Insel gibt es keinen Wald, der beginnt erst so 2 km hinter dem Hauptort. Ob das immer so war oder die Versteppung durch den massiven Holzeinschlag entstand, weiß ich natürlich nicht. Sieht mir aber ein bisschen nach selbst verschuldeten Kollaps aus.

Und der nächste steht der Insel ganz sicher bevor. Denn seit es hier Strom gibt, ich erwähnte es gestern, setzte hier ein Bauboom ein. Das ist überall zu sehen. Vor allem entstehen Ferienanlagen. Nur scheint niemand dafür einen Plan zu haben, es sieht so aus, als baue jeder wie er will und wo er lustig ist. Dort, wo wir glauben, den Rauch eines Feuers, gar eines Brandes zu sehen, fährt nur ein Auto durch die baumlose Steppe, denn befestigte Straßen gibt es ja auch nicht. Also fährt auch jeder wie er will und so nah als möglich an den Strand. Das kann nicht gut gehen, wenn immer mehr Touristen kommen. Am Strand an unserem Hotel klafft schon eine große Erosionsspalte. Und! Es gibt ganz offensichtlich keine Kanalisation. Das Wasser des Baikalsees hat Trinkwasserqualität. Wie lange noch, bleibt abzuwarten.

Am Hafen erwartet uns ein Schiffsfriedhof. Neben der längst nicht mehr arbeitenden Fischverarbeitungsfabrik liegen die Wracks im Sand. Gleich daneben steht eine neue Ferienhausanlage mit Zugang zum Strand. Die scheint aber nicht recht vermietet zu sein. Vielleicht ist sie nicht fertig geworden, vielleicht ist sie zu teuer.

Dann haben wir Chuschir hinter uns gelassen und staunen über die Pflanzen, die dem sandigen Boden ihr Leben abtrotzen. Sie wissen ja, ich habe es nicht so mit Pflanzen, aber diese kleinen tapferen Gesellen nötigen mir Respekt ab. Doch als wir einen kleinen Sumpf hinter der Düne durchqueren, verliere ich die Cousine, war ja klar.

Tiere gibt es sehr wenige. Also natürlich Pferde und Kühe und Möwen und im Wasser recht viel Fisch. Aber sonst flattert nicht allzu viel Getier durch die Gegend. Das mag der Grund dafür sein, dass wir uns sicher 30 min mit dem Versuch beschäftigen, einen Heuschreck zu fotografieren. Ich nehme ihn ins Visier, die Cousine stampft mit dem Fuß und dann … dann hab ich ihn doch nicht auf die Speicherkarte gebannt. Auch mit Dauerfoto nicht. Nur so ein bisschen.  Schauen Sie:

In Klein Chuschir gibt es eine Art Ausstellungshof, aber der ist geschlossen und wohl nur offen, wenn eine „Exkursion“ kommt. Ansonsten leben die Burjaten nicht anders als die Russen. Im Dorf entsteht sogar eine Ferienanlage. Um aber kein falsches Bild aufkommen zu lassen, im Hauptort gehören zumindest einige Niederlassungen auch Burjaten, wie zum Beispiel Baikalterra, zu dem ja unser Mini Otel gehört. Und dort arbeiten auch viele dieser Minderheit. Von Rassismus haben wir auf Olchon nichts mitgekriegt, aber wir sind Touristen, da ist es schwierig, tiefer zu blicken und in unserem Hotel arbeiten fast nur Burjaten. Die Gäste freilich sind Russen und wir. Was uns viel mehr aufstößt, ist, dass die Kinder seit dem letzten Schuljahr nicht mehr wie früher bis zur 4. Klasse zweisprachig unterrichtet werden. Jetzt ist diese Art Unterricht fakultativ, ansonsten gilt russisch. Und das scheint uns doch ein Rückschritt in der Burjatischen Autonomen Republik.

Zurück im Hauptort, Sie werden es mir nicht glauben, essen wir Blini! Eine junge Familie hat in ihrer Toreinfahrt mittels Zeltplanen ein kleines Restaurant errichtet. Konnten wir ja nicht wissen, dass es da nur Blini gibt. Doch eigentlich sind wir auf dem Weg zu einem gestern gesehenen kleinen Verkaufsstand am Ortsrand. Dort gibt es morgens gefangenen und am Vormittag geräucherten Omul. Also das ist ein echter Festschmaus!

Wir laufen zurück in den Ort und gönnen uns einen echten Café im Joschiki Maroschiki. Das liegt zwar an der Hauptstraße, aber da sie breit ist, ist vom Staub, den die vorbei fahrenden Fahrzeuge aufwirbeln, fast nichts zu spüren. Und außerdem: KAFFEE!!!

Und dann gibt es Abendbrot im Hotel. Wegen der Fehlbuchung kriegen wir das heute geschenkt, genau wie eine Ladung Wäsche waschen. Ich bin froh, dass wir hier nicht jeden Abend essen müssen, denn es ist grauenhaft. Die Cousine findet das nicht, aber sie hat für alles eine Erklärung und Kritik an den Russen ist unerwünscht. Wir zicken uns ein bisschen an, aber abends am Strand ist alles wieder gut.

Wir trinken unseren Wein so heimlich das an einem Strand eben geht und schauen dem Volk beim Baden und Saunieren zu. Die Cousine hatte sich am Nachmittag mal kurz in den See gewagt, ich fror schon am großen Zeh, als ich ihn prüfend ins Wasser hielt.

Für die Fotos gilt wie immer: drauf klicken = groß gucken

 

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10 Kommentare leave one →
  1. August 19, 2014 8:25 pm

    Ich bin enttäuscht. Hatte ich doch nach der Ankündigung erwartet, dass du den Heuschreck erst geknipst und dann ganz viele seiner Artgenossen gefuttert hast. (Nun ja. Frittiert schmecken sei wie Erdnuss-Flips. Hab eich auf der EXPO in Hannover im Selbstversuch gelernt.)
    Liest das Cousinchen eigentlich hier mit? Wenn ja, wo bleiben ihre korrigierenden Kommentare? 😉

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    • August 20, 2014 8:07 am

      In Russland gibts Blinis und Buchweizengrütze, keine Heuschrecken! Tzzz
      Ob die Cousine mitliest, weiß ich nicht. Ich glaube, die hats nicht so mit Computern. Die Schwester der Cousine aber schon, weil die kommentiert manchmal hier oder im Fratzenbuch oder liked. Was mich freut, weil wir ja ziemlich weit auseinander wohnen (für deutsche Verhältnisse)

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  2. August 19, 2014 10:13 pm

    Buchweizengrütze habe ich zwar noch nie gegessen, aber schon das Wort Grütze ruft ungute Assoziationen hervor, da wäre ich sicher auch bei Blinis gelandet *g*.

    Tolle Eindrücke vom Baikal, im Fernsehen sieht man immer nur die Schiffsfriedhöfe, der nette Teil wird verschwiegen. Nächstes mal steigt ihr einfach im Grand Hotel Europa ab. 5 Sterne! 😀

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    • August 20, 2014 8:11 am

      Nuja, Buchweizengrütze ist einfach nur ein gekochter Brei aus Buchweizen. Warum das Grütze heißt im Deutschen, weiß ich auch nicht. Es gab auch gekochten Weizenbrei, Haferbrei und so Kram. Hane ich alles stehen lassen. ALLES:
      Was die Schiffswracks angeht, glaube ich, verwechselst Du den Baikal gerade mit dem Aral. Kann das sein? Das ist jedenfalls der, wo im TV immer die Schiffswracks gezeigt werden wegen des Rückgangs und der Verlandung.
      Ja, und das nächste Quartier auf dem Baikal steht fest, das ist klar 😉 , weil Nikita ist keine Option, wie noch zu berichten sein wird.

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      • August 22, 2014 12:49 am

        Grütze oder Brei, hört sich beides ähnlich schlimm an. Das ist was für ganz kleine Kinder, weil die sich noch nicht wehren können. Und natürlich hab ich das mit dem Aral verwechselt..

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  3. August 20, 2014 9:26 pm

    Ich wiederhole mich immer wieder gerne: Mach‘ bitte, bitte ein Buch aus deinen Reiseberichten und sagenhaft schönen und interessanten Fotos! 🙂

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    • August 20, 2014 10:06 pm

      :D, Naja, so ausschweifend, wie ich mittlerweile berichte, würde zumindest die Quantität ausreichen 😉 Komisch, früher passten 3 Wochen in einen Reisebericht Hihi

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  4. August 21, 2014 8:51 am

    Buchweizengrütze (überhaupt das Wort „Grütze“) stelle ich mir vor, aufs Feinste angerichtet (hingerichtet?) im Grand Hotel Europa (von dem Foto) . . . oh, je, hoffentlich liest die Cousine jetzt nicht mit… 😉
    Vielen Dank für den Bericht und die Fotos

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