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Fehlbuchung

August 16, 2014

Mittwoch, 9. Juli 2014 

DSC_0895

Das ist die berühmteste Ansicht der Insel Olchon auf dem Baikal, der Schamanenfelsen nördlich der Ortschaft Chuschir. Doch um dahin zu gelangen, haben wir einen langen Weg hinter uns gebracht und sind um eine schmerzhafte Erfahrung reicher.

Doch der Reihe nach. Der Tag beginnt mit zwei unfassbaren Überraschungen. Davon ausgehend, dass Deutschland keine Chance hat und wir einen langen Weg vor uns haben, haben wir darauf verzichtet, heute morgen 5:00 Uhr Fußball zu gucken. Immerhin schaue ich mal im Netz nach, wie das Debakel ausgegangen ist.

7:1!

Ich wecke die Cousine mit diesem Ergebnis und logischerweise glaubt sie, dass die Brasilianer uns eins auf die Mütze gegeben haben.

Die zweite Überraschung wartet im Bad auf mich. Mein Zahnputzzeug ist weg. Komplett. Ich suche in der ganzen Wohnung, die Franzosen helfen mit, doch mein zusammenklappbarer Zahnputzbecher und zusammenklappbare Zahnbürste bleiben verschwunden. Natürlich auch die Creme und… mein Tee hat sich auch in Luft aufgelöst. Na toll! 5 Tage ohne Zähneputzen stehen mir bevor. Wir wissen nicht, was man auf Olchon kaufen kann. Das Hostel wirbt damit, dass es mitten im Wald steht, und da man auf der ganzen Insel nicht mit Karte bezahlen kann, rechnen wir nicht mit gut sortierten Supermärkten. Die Cousine hat noch eine Ersatzbürste und rettet mir das Leben. (Falls Sie sich wundern, ja, ich habe mir am Vorabend das Zähneputzen gespart, ich war froh, mein Bett zu finden).

Die Franzosen haben etwas Zeit, da sie von ihrem Zubringer direkt am Hostel abgeholt werden. Das hätten wir auch haben können, aber 500m zu laufen erschien uns nun nicht zu weit.

Galina erzählt uns beim Frühstück, dass sie das Holzhaus, das ja das eigentliche Hostel ist, gern sanieren würde. Aber es gehört ihr nur zur Hälfte und der zweite Besitzer, der im 1. Stock wohnt, hat nicht das nötige Geld. Der Schmutz in ihrer Küche ekelt mich und doch etwas, der hat mit der Sanierung nichts zu tun. Außerdem gibt es wieder das gleiche wie gestern. Und dann entdeckt die Cousine meinen Tee! Ja Himmel! Heißt bei denen sauber machen alles, wirklich alles wegräumen? Uns ist es zu doof, nach meinem Zahnputzzeug zu fragen, wir schnappen unsere Rucksäcke und laufen zum Office von Baikalterra, wo unser Zubringer auf uns wartet. Der Fahrer, Sergej, stopft seinen Van voll und pünktlich 10:00 Uhr geht es los. Es wird zwei Pausen geben, erklärt er, eine 11:30 Uhr, die andere zwei Stunden später. Oder so. Doch zuerst fahren wir mal wieder tanken.

Dann geht es flott Richtung Baikal. Außer, wenn Kühe auf der Straße stehen. Oder der Verkehr wegen einer Baustelle über Feldwege geleitet wird. Ich würde gern fotografieren, aber die Fenster sind so schmutzig.

Zur Pause lädt uns Sergej in einem Café im Nirgendwo ab. Ich würde gern die wirklich sehr aparte sowjetische Architektur fotografieren, die hier in Form einer Bushaltestelle präsentiert wird, aber nachdem ich gegessen habe und die Toilette überlebt, drängt Sergej auf die Weiterfahrt.

Die nächste Pause ist an der Fähre. Viele Händler. Viele Autos, Marschrutkas, ein Bus. Die Franzosen, die eine Stunde vor uns losgefahren sein sollten, aber noch auf ihren Zubringer warteten, als wir Galinas Küche verlassen haben, sind immerhin schon da. Die Cousine entdeckt bei einem Händler diese Schale und macht sich sofort ans Werk. Doch das Teil ist hier 3000 Rubel teurer als in Talcy.

Dann sehen wir plötzlich unsere Marschrutka in der Reihe ganz vorne stehen. Hat er sich prima gedrängelt, der Sergej. Wir winken den Franzosen zu und hopsen auf die Fähre, auf die nur der Bus, unser Van und ein Auto passen.

Olchon.

Die größte Insel des Baikals und die einzige bewohnte. Bei der letzten Zählung lebten hier 1500 Einwohner, hauptsächlich Burjaten. Aber das war 2010 und dürfte sich inzwischen nicht mehr ganz stimmen. Denn die Insel hat, wie uns eine Einheimische erzählt, seit 2006 Strom, und in den letzten Jahren hat ein regelrechter Bauboom eingesetzt.

Aber von dem sehen wir vorerst nichts. Es gibt keine befestigte Straßen. KEINE. Und Sergej fährt soundso lieber neben der Straße. Fragen sie mich nicht. Es scheint dort aber tatsächlich weniger staubig zu sein.

6 Stunden dauert die Fahrt alles in allem, dann setzt er uns am Sunny Hostel ab. Das ist nun zwar nicht mitten in Chuschir, aber auch kein bisschen im Wald. Man könnte sagen, es steht am Ortsrand. Nun kann das was mit dem Bauboom zu tun haben, aber so Websites lassen sich ja aktualisieren, oder? Gut, dass der Sendemast fast auf dem Gelände steht, würde ich jetzt auch nicht unbedingt ins Profil schreiben.

Sergej ruft im Hostel an, dass Gäste da sind und übergibt uns einer jungen Frau. Wir laufen an all den schönen Holzhäusern mit Balkonen und Terrassen, die auf den Fotos der Website zu sehen waren, vorbei zu einem mickrigen Haus aus, äh, Spanplatten? Ohne Balkon oder Terrasse versteht sich. Eine schmale Treppe führt in ein enges Zimmer. Es riecht muffig. Als wir die Rucksäcke abgestellt haben, ist es eigentlich voll. Zwei Betten, kein Tisch, kein Schrank, kein Nagel. Entsetzt stellen wir den Kram ab und folgen Lena zur Küche, wo es Frühstück gibt, einen Samowar und den ganzen Tag Tee, zu den Plumpsklos und zu den Duschen, nehmen unseren Zimmerschlüssel in Empfang und sind eigentlich immer unfähig zu agieren. Die Betten, also die „Lattenroste“ sind vollständig und durchgehend aus Holz, die Matratzen so etwa 3 cm dick, als ich die Bettdecke hochhebe, reißt der Bezug.

Ich muss das erst Mal verdauen. Komm Cousine, lass uns was schönes gucken gehen.

Das Schöne ist gar nicht so weit weg. Einmal über den Hügel und vorbei an dem Sendemast und wir stehen am Schamanenfelsen, der den Burjaten als heiliger Ort gilt. Gleich daneben sehen wir die ersten Zeichen des heute von ihnen ausgeübten Buddhismus, geschnitzte Stelen, die unter den Gebetsfahnen kaum zu erkennen sind. Auch an Bäumen finden wir viele dieser stofflichen Gebete. Wir sehen Jurten und wir sehen den Ort. Die Cousine findet noch einen Händler, der die von ihr begehrte Schale verkauft. Ein lustiger Einheimischer, der sich auf die Brust haut und sagt ICH BIN MONGOLE! Ich grinse und frage: Kein Burjate? Er grinst zurück und meint, dass sei dasselbe.

Stimmt ja irgendwie auch. Früher hieß die Burjatische Sowjetrepublik sogar Mongolisch-Burjatische Sowjetrepublik. Aber das hat Stalin geändert. Wenn man sich das ganze Theater nach der Perestroika anguckt, war das vielleicht, im Nachhinein gesehen, keine schlechte Entscheidung. Wer weiß ob sonst nicht ein paar GI’s am Baikal hocken würden. Immerhin soll der Irkutsker Oblast, zu dem Olchon gehört, die Gegend in Russland sein, wo der Strom am billigsten ist.

Bei einem jungen Paar trinken wir wirklich guten Kaffee. Ihr kleines Café betreiben sie noch nicht so lange und es sieht sehr modern, aber geschmackvoll aus. Der Besitzer ist auf der Insel aufgewachsen und kennt sich hier bestens aus. Als irgendwann der Name Nikita fällt, will ich nun aber mal wissen, wer das ist. Ja, also dieser Typ betreibt eine Herberge. Und abends gibt es viel Kultur. Und offensichtlich steigen alle Ausländer bei ihm ab. Außer wir.

Wir stapfen zurück ins Sunny Hostel. Mir tut meine Bandscheibe schon weh, wenn ich nur dran denke. Nein, das geht nicht. Wir suchen Lena, finden stattdessen die „Reiseleiterin“, eine junge Burjatin, die hier für das Programm zuständig ist. Es folgt eine lange Diskussion. Sie vermutet, dass wir a) zu spät und b) das billigste gebucht haben. Doch ich habe schon im Winter gebucht und, wie sich herausstellt, auch etwas ganz anderes.

Trotzdem, alle Häuser belegt. Sie telefoniert. Zu Baikalterra gehört noch ein Minihotel, da scheint ein 3-Bettzimmer frei zu sein. Wir werden in ein Auto geladen und 500 m weit gefahren. Großes Zimmer, mit Schränken und Tisch, Gemeinschaftsbad zwar und Gemeinschaftsküche und – balkone, aber Klasse. Zurück zum Hostel. Es dauert eine Stunde, ehe ich die Differenz online bezahlt habe, denn obwohl der Sendemast gleich nebenan steht, ist das Internet extrem langsam und mit Karte kann man ja nicht bezahlen. (Ich weiß… Aber es macht absolut keinen Sinn, auf einer Insel hockend, über Geld zu streiten. Nicht in Russland. Und ich hätte fast jeden Preis bezahlt, um aus dieser Absteige weg zu kommen). Dann werden wir samt Gepäck wieder ins Auto geladen und in unsere neue Herberge gebracht. Nach dem Umzug bleibt eigentlich nur noch, schlafen zu gehen. Draußen ist es längst dunkel. Und dunkel wird es hier sehr spät, so nach 23:00 Uhr.

Wie immer, drauf klicken= groß gucken. Und ja, aber der Felsen ist ja auch schön…

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8 Kommentare leave one →
  1. August 16, 2014 10:54 pm

    Die Fotos sind wie immer alle schön – am liebsten mag ich die bunten Gebetspfähle 🙂

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  2. August 17, 2014 10:02 am

    Jetzt klingt es ja wirklich recht abenteuerlich. Ich denke, der Blick in die Gegend konnte euch entschädigen. Oh ja, es sind schöne Fotos von einer einzigartigen Landschaft.

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  3. August 17, 2014 11:51 am

    Die Fotos sind zum Träumen schön… Daß du im Hostel bestohlen wurdest, ist schon äußerst heftig…

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  4. August 17, 2014 11:48 pm

    Die berühmteste Ansicht kannte ich bisher nicht, aber da hätte ich auch unbedingt hingewollt, das Foto ist der Hammer. Hoffentlich versauen sie die Ecke nicht durch den Bauboom, man sollte da nur Holzhäuser bauen dürfen, dann kommen nicht so viele *g*

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  5. August 18, 2014 9:58 pm

    Das Erlebnis mit dem Hostel, also dem Sunny, war wirklich ein schlechter Start. Denn eigentlich hatten wir eine wunderschöne Zeit auf der Insel

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  6. August 21, 2014 8:36 am

    Schönen Dank auch für diese Etappe in deutlichen Worten und eindrücklich schönen Bildern

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Trackbacks

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