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Nomaden, Bauern und Kosaken

August 15, 2014

Talcy, 8.7.2014, ein Dienstag

Wo große Flüsse sind, baut der Mensch gerne Staudämme. Da sind die Russen nicht anders als andere Völker. Und so wurde auch an der Angara gestaut, was das Zeug hält. Dafür, das ist in Russland ebenfalls nicht anders als in anderen Ländern, müssen ganze Landstriche geflutet werden. Dörfer verschwinden, Menschen verlieren ihre Heimat und manchmal, wie vor ein paar Jahren in China, geht auch eine einzigartige Landschaft flöten. Daran muss ich denken, und auch an Valentin Rasputins Roman Abschied von Matjora, von Elim Klimow so eindrücklich verfilmt, als ich in Talcy Festungstürme bestaune, Bauernhöfe, Gefängnisse, Dorfschulen und noch ein bisschen mehr. Aber ich tue es nicht mit Wehmut, denn wer weiß, was aus den teilweise aus den 17. Jahrhundert stammenden Anwesen geworden wäre, stünden sie nicht hier, in Talcy.

Talcy liegt ca. auf halber Strecke zwischen Irkutsk und Listwjanka am Baikalsee. Talcy ist eigentlich ein ganz normales Dorf an der Angara, das niemand kennen würde, hätte man nicht auf einem Hügel neben dem Dorf ein Museumsdorf errichtet, dass sich dem Erhalt historischer Baudenkmäler und handwerklicher Tradition widmet. Das passierte in den 1960er Jahren. Und als dann die Angara bei Ilimsk gestaut wurde, verfrachtete man u.a. fast eine gesamte Kosakenfestung, Ostrog genannt, aus dem 17. Jahrhundert hierher. Und noch ein paar andere Bauernhäuser. Läuft man durch die weitläufige Anlage, fällt wirklich auf, dass viele Bauten aus der Gegend um Ust-Ilimsk stammen. Oder aus Bratsk.

Und, äußerst passend zu meinen Klischeevorstellungen von Russland, liegt das alles in einem Birkenwald. Am Fluss!

Wir sind mit der Marschrutka hergefahren. Nachdem wir gestern mühsam Busfahrpläne studiert haben, meinte Galina, dass das ja wohl der einfachere Weg sei. Marschrutkas fahren alle 15 min, Busse nur 4-6x am Tag, die Kleinbusse sind auch nur 3 Rubel teurer als ihre großen Brüder und außerdem fahren sie am Markt los, das ist für uns günstiger als der Busbahnhof. Da können wir nämlich gemütlich frühstücken, statt die Blini hastig in uns rein zu stopfen.

Frühstück gibt es in Galinas Küche. Das Frühstück war der Grund, weswegen ich nochmal umgebucht hatte, die Gäste hatten so vom echten Russischen Frühstück in Galinas Küche geschwärmt. Zu den Blini gibt es Warenje aus so einer Art wilder Kirschen. Und Kuchen aus eben solchen Kirschen. Der Kaffee ist Instant. Ich weiß auch nicht, warum die Russen das Zeug lieben. Selbst in Gaststätten ist es schwer, ordentlichen Kaffee zu bekommen.

Zum Markt fahren wir Straßenbahn. Das muss schließlich auch mal sein. Sitzt5 man erst mal drinnen, wirken sie gar nicht mehr so gefährlich wie von außen. Eine Schaffnerin kassiert von jedem neu Zugestiegenen das Fahrgeld und die ersten 10 Plätze sind vorzugsweise für Veteranen, Mütter mit Kindern und Behinderte.

Am Markt drängeln sich sicher 50 Marschrutkas, das sind übrigens Kleinbusse, so eine Art Sammeltaxis, die auf einer vorher festgelegten Route fahren, aber, der Kyrillischen Schreib- und Leseweise mächtig, finden wir schnell das richtige. Als alle Plätze besetzt sind, geht es los, allerdings erst Mal tanken und dann ziemlich flott auf einer guten Straße Richtung Baikalsee. Birken und einige wenige Dörfer fliegen an uns vorbei. An der Bushaltestelle Talcy drücken wir nach 45 minütiger Fahrt dem Fahrer die 100 Rubel in die Hand und sind so ziemlich die ersten Besucher des Tages.

Das ist gut. Da haben wir Zeit und Muse, uns alles genau anzugucken. Es geht los mit ein paar Lagern der Ewenken und Tofalar, den Ureinwohnern der Region, wobei die Ewenken als nomadisches Volk über ein ziemlich großes Gebiet verstreut lebten bzw. leben. Interessant sind die Tofalaren, die irgendwie mit den Samojeden verwandt sind. Von diesem Stamm leben heute nur noch 500 Menschen in drei Dörfern in der Nähe der Stadt Nischne-Udinsk. Keine Straße führt dorthin, die Ansiedlungen sind nur mit dem Hu8bschrauber zu erreichen! Ich muss wohl nicht betonen, dass die Tofalaren als ethnische Minderheit vom Aussterben bedroht sind. Auch ihre zwei Lager erscheinen mir wie die der Ewenken eher Alibifunktion zu haben, denn hier im Museum geht es um russische Häuser. Aber das ist ok, deswegen sind wir hier und immerhin, dass überhaupt solche Lager da sind, ist ein Zugewinn an Wissen.

Nu aber Holzhäuser. Ein Jagd- und Fischerlager, wie man es auch heute noch in der Taiga finden könnte, die Wassermühlen sind leider fest verschlossen, der alte sibirische Handelsposten dient der Ausstellung von Getreidesorten aber jetzt… Sehen Sie sich einfach die Bilder an.

Logischerweise verlieren sich die Cousine und ich ständig. Sowas passiert in solchen Museen ja fast zwangsläufig. Hier kommt dazu, dass sich die Cousine, wie sie einräumt, noch nie für Geschichte interessiert hat und nun alles sehr interessiert und gründlich liest. Ok, ich bin im Vorteil. Für mich bestand Russland noch nie nur aus Moskau und im Vorfeld des Urlaubes habe ich mich zusätzlich ein bisschen kundig gemacht. Bauernhöfe,ein Teil einer alten Kosakenfestung aus dem 17. Jahrhundert und älter als Irkutsk, Spasskiturm (1667) und die Kasaner Kirche (1679) wurden ohne einen einzigen Nagel gebaut!

OHNE EINEN EINZIGEN NAGEL!

Einige Häuser dienen als Schauwerkstätten, in anderen befinden sich Ausstellungen, die bestenn sind die original eingerichteten.  Wie gut es ist, nicht in Reisegruppe unterwegs zu sein, zeigt sich, als wir eigentlich Landsleuten ausweichen wollen, da hören wir die Reiseleiterin rufen Ja ich weiß, hier ist jedes Haus schön, aber die Stunde ist rum und wir müssen weiter. Die haben ganz sicher nicht den Tofalar- und Ewenkenkram gesehen und vermutlich auch nicht die Jurten der Burjaten. Denn von denen gibt es wirklich ausreichend. In einer aus Leder verkaufen Burjaten traditionell hergestelltes Zeugs. Die Burjaten sind ein mongolisches Volk, das in Sibirien zwischen Irkutsk und Tschita lebt. Ursprünglich Nomaden sind sie die größte nationale Minderheit Russlands und leben heute größtenteils in der Burjatischen Autonomen Republik, deren Hauptstadt Ulan-Ude ist. Hauptsächlich sind sie Buddhisten, ihre Hauptstadt ist auch das Buddhistische Zentrum Russlands, aber auch der Schamanismus spielt wieder oder noch eine relativ große Rolle. Wie nah sie den Mongolen sind und wie sehr Buddhisten, wird uns in der Jurte sofort klar. Das erinnert nicht nur stark an das Nachbarland und an Tibet, viele der Waren sind auch in den genannten beiden Ländern hergestellt. Ich kaufe. Ein paar Hausschuhe aus Yakwolle. Handgenäht. Ich gucke mir die lange an. Scheint wirklich zu stimmen. Die sollen im Winter wärmen und im Sommer vor Hitze schützen. Das mit der Hitze habe ich schon ausprobiert, das stimmt. Die Cousine verliebt sich in eine tonnenschwere Metallschale, die, wassergefüllt, wenn man sie entspannt reibt, zu einem Springbrunnne wird. Aber sie entscheidet sich auch für die Hausschuhe. Beide lassen wir uns Metallschalen auf diverse Körperteile stellen und spüren die Schwingungen.

So beschwingt laufen wir weiter durch die kleine Ansammlung von hölzernen Sommer- und Schamanen- Jurten und kommen zur Angara, wo uns erst ein Goldgräberlager empfängt und dann ein burjatisches Fischerlager, beide aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammend. Und dazu gibt es einen richtig hübschen Strand. Und picknickende Familien. Die Sonne scheint und das Leben ist wunderbar.

Zurück in Irkutsk stolpern wir über das Lenin Café! Also erst glaube ich ja, einen Starbucks entdeckt zu haben und das verspricht echten guten Café, aber es ist ein Lenin Café. Ansonsten ist alles genau wie beim Starbucks. Auch das Interieur, alles. Nur leider gibt es keine Tassen, sonst hätten wir dort jedem Kind eine gekauft. Ehrlich mal. Eine Lenin-Starbucks-Kaffeetasse!

Die russische Künstlerfamilie, die das 3- Bett-Zimmer im Hostel belegt hat, ist abgereist. Stattdessen logieren da jetzt zwei Französinnen. Die Tochter, in unserem Alter, hat lange in Russland gelebt, und Mutter. Wir kochen zusammen, gucken Bilder, trinken Wein. Es wird ein langer Abend. Morgen wollen wir alle weiter nach Olchon, der Insel auf dem Baikal. Und der Franzose, der in im 1- Bett-Zimmer liegt, kommt grad von da, so wie die Familie aus Tschita, die heute früh abgereist ist.

Wer genau und groß gucken will, klickt aufs Bild

update: Natürlich, so an der Angara, musste ich in Irkutsk und Talcy immer an ein Lied denken, dass wir in der Schule sowohl in Russisch als auch in Deutsch gelernt haben. Wir nannten es „Angara“, weil es eben um den Fluss geht. Deswegen hat es eine Weile gedauert, bis ich ein Video fand. Im Original heißt das Lied nämlich „Rastzwetai, Sibir“ Und keine Angst, auch wenn es für nicht russisch Sprechende so klingt, es geht nicht um Stalin, allerdings kommt natürlich Lenin vor. Eines  meiner Lieblingslieder ist es trotzdem. So viel Sehnsucht in der Melodie. Hören Sie sie auch?

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16 Kommentare leave one →
  1. August 15, 2014 6:48 am

    Jetzt fängts an, richtig fremd zu werden. Tofalar und Ewenken: nie gehört.
    Ich liebe Freilichtmuseen, und dieses scheint sehr interessant zu sein. Gibts die Erklärungen auch in Nichtrussisch/kyrillisch? Das ist auf dem Schwarzen Berg nämlich hin und wieder lästig…
    Vielen Dank für den Bericht und die Erklärungen (und die Fotos versteht sich!)

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    • August 15, 2014 7:11 am

      Ja, das Museum ist auf ausländische Besucher eingestellt. Die Tafeln an den Häusern \ Lagern sind in Russisch und Englisch.

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      • August 15, 2014 7:49 am

        Prima…

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        • August 15, 2014 8:11 am

          Ach ja, von den Tofalar habe ich auch zum 1. Mal im Zug von Omsk nach Irkutsk gelesen. Ewenken kannte ich vorher schon vom Namen her, zumindest mit den Samojeden habe ich mich schon früher mal, in meiner ethnologischen Phase 😉 , beschäftigt.

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          • August 15, 2014 8:17 pm

            Ha, Inch, heute Nachmittag habe ich dich überholt. In Omsk bin ich zugestiegen.
            Zwei-teilige Doku „Mit dem Zug von Berlin nach Peking“. Dadurch wurden deine Berichte noch lebendiger. Vor allem sind viele deiner Fotos besser, als die in der Doku gezeigten Bilder….
            Schöne Abendgrüsse aus Ulan-Bator 😉

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  2. August 15, 2014 8:49 am

    Ich liebe Freilichtmuseen! Das sieht wirklich toll aus! Und seit deinen Einleitungssätzen über die Angara und den Staudammbau hab ich das Lied von der Angara aus dem Russischunterricht im Ohr. *g* Ich glaube, da wär ich sogar noch textsicher…

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    • August 15, 2014 8:51 am

      Hab gerade geupdated. Heißt im Russischen nämlich anders, der Text ist aber derselbe

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      • August 15, 2014 9:17 am

        Und ich hab schon an mir gezweifelt, ob ich das vor dem Kommentieren einfach nicht gesehen habe *g*

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  3. Gudrun permalink
    August 15, 2014 1:17 pm

    Ach, was hab ich jetzt? Fernweh.
    Ein schöner Bericht, liebe Inch.

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  4. August 15, 2014 9:19 pm

    Ach wie gut, dass ich kein Ewenke bin. Oder Tofalar, das sieht noch schlimmer aus. Wenn ich mir vorstelle im sibirischen Winter in so etwas nächtigen zu müssen friert es mich jetzt schon. Aber sonst: sagenhaft. Diese Sommerjurte sieht sehr edel aus, das war bestimmt die vom Dorfchef. Und die ganzen Holzhäuser und Kirchen sowieso, ähnlich krasses Holzgedengel habe ich sonst nur in Norwegen gesehen, die haben ihre Stabkirchen glaube ich auch ohne Nägel gebaut.

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    • August 16, 2014 10:28 am

      Außerdem wärst Du dann ja, zumindest als Tofalar, vom Aussterben bedroht. Und das will doch hier wirklich niemand

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  5. August 16, 2014 10:24 am

    @ Herre Ärmel
    Na toll, jetzt habe ich wie irre rumgezappt, weil ich dachte, da läuft möglicherweise was im Fernsehen. War natürlich nicht so. Dafür habe ich was anderes cooles gefunden, auf ARD-Alpha „Die Gräfin und sie Russische Revolution“. Das gute an der Doku war, dass die Historiker, die zu Wort kamen entweder Österreicher waren oder doch sehr objektiv die Sache betrachtet haben. Also die Revolution als epochales Ereignis, ohne die Bewertungen aus heutiger Sicht. Sehr sehr spannend. Leider nicht in der Mediathek und eine Widerholung ist auch nicht vorgesehen. Aber klar, war zu wenig anti-russisch.
    Was nun aber die Doku zur Transsib angeht, da freue ich mich mal, dass meine Bilder besser sind und bedanke mich für das Kompliment, frage mich aber gleichzeitig, wieso? Die Motive liegen da doch auf der Straße bzw den Schienen

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    • August 17, 2014 7:23 am

      Nicht verzagen – Ärmel fragen: „Mit dem Zug von Berlin nach Peking“ // zweiteilige Doku, gibts auch bei Tante Juh Tjuhp 😉

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