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Paris Sibiriens?

August 12, 2014

Galina ist mir suspekt. Kein Typ, der mir auf Anhieb sympathisch ist. Im Gegenteil, irgendwas an ihr macht mich misstrauisch. Sie wirkt wie eine Kunstfigur auf mich, mit ihrer fast schattenhaften Erscheinung, ihrer hohen, flüsternden Stimme und dem farblosen Haar. Farblos wirkt die ganze Person, aber mir ist klar, dass das täuscht. Ich bin sicher, wenn es darauf ankommt, ist die zierliche Frau keinesfalls wehrlos. Ich weiß auch nicht, warum sie diesen Eindruck bei mir hinterlässt, denn sie ist freundlich und ihr Haus scheint ein Treffpunkt für alle ausländischen Transsibreisenden zu sein. Ihr Haus, das ist ein von außen heruntergekommen aussehendes zweistöckiges Holzhaus. Doch das Erdgeschoss, in dem sie ihr Hostel betreibt, ist innen komplett saniert. Nachdem wir vorsichtig durch die windschiefe Tür getreten sind, finden wir uns in einer modernen Wohnung mit allem Pipapo wieder und werden sofort von einem deutsch-amerikanischen Fotografen in ein Gespräch über Kameras verwickelt. Er ist gerade von Olchon zurück. Die Franzosen, die sich in den Sesseln lümmeln, sind auf dem Weg dahin.

Als Galina mich anspricht, oder besser anflüstert, verstehe ich sie kaum. Obwohl sie deutsch spricht. Sie besitzt im Block nebenan eine Wohnung, die ebenfalls als Hostel dient. Dahin bringt sie uns nun.

Irkutsk ist ein Moloch. Man nennt die Stadt auch das Paris Sibiriens. Uns erschließt sich dieser Titel nicht. Mag ja sein, dass das am Wetter liegt. Es ist kalt und bewölkt. Die Uliza Marksa im Zentrum ist laut und schmutzig. Zwar gibt es viele Holzhäuser, aber vor den meist zweistöckigen Gebäuden fehlen die Bauerngärten, die altes Holz etwas hübscher aussehen lassen. Auch sehen wir hier wieder Gründerzeithäuser, aber die verschwinden unter einer dicken Staubschicht. Irgendwie erinnert mich das alles an St. Petersburg. Da kämpften die Menschen auch einen schier aussichtslosen Kampf gegen den allen Glanz verschlingenden Staub.

In einer Fußgängerzone werden wir nicht nur von der üblichen Reklame beschallt, da stehen vor den Läden auch noch Leute mit Megafonen und bebrüllen jeden Vorrübergehenden.

Das mit der Reklame ist in allen russischen Städten ziemlich nervig. Überall wird man beschallt. Dazu versucht jedes Geschäft, mit Musik auf sich aufmerksam zu machen und damit es auch wirklich zu hören ist, versucht es lauter zu sein als alle anderen. Vielleicht übertreibe ich auch. Vielleicht gibt es Gegenden oder Straßenzüge, wo das nicht so ist und wir haben die Stille nicht bemerkt. Fakt ist aber, dass wir in jeder Stadt irgendwo oder irgendwann genervt waren von dem Lärm. Und hier in der Fußgängerzone nun also auch noch die Leute mit den Megafonen. Das ist zu viel. Auch sonst macht die Straße nicht viel her. Breit ist ja gut und schön, aber ein bisschen Grün würde sicher den Wohlfühlfaktor erhöhen. Obwohl bei dem Lärm. Ich verteile mein Kleingeld an die bettelnden Omas, dann suchen wir gezielt die Holzhäuser zwischen Dekabristen- und Karl-Marx-Straße.

Die Häuser sind in ganz unterschiedlichem Zustand. Doch irgendwie finden wir uns in der Stadt nicht zurecht, irren scheinbar planlos durch die Straßen. Es gibt ein Touristenzentrum inkl. Museum, dass recht hübsch saniert ist und auf das wir eher zufällig stoßen. Und über die Synagoge stolpern wir auf der Suche nach dem Museum der Dekabristen. Das Problem ist, dass der Stadtführer nicht zu stimmen scheint und Irkutsk etwas unübersichtlich ist. Inzwischen stimmt aber wenigstens das Wetter.

Auf die Spuren der Dekabristen treffen wir in sibirischen Städten öfter. Das waren Offiziere der Russischen Armee, die, die Ideen der Französischen Revolution aufgreifend, 1825 den Eid auf den neuen Zaren Nikolai I. verweigerten, um so gegen das bestehende System, vor allem aber gegen Autokratie und Leibeigenschaft zu protestieren. Und weil dieser Aufstand im Dezember stattfand, heißen sie eben Dekabristen. Nun ist die Verbannung keine Erfindung der Bolschewiki, und so fanden sich 600 Offiziere in derselben wieder. Mitte des 19. Jahrhunderts in Sibirien zu landen, war sicher kein Spaß und so wundert es nicht, dass DIE Frauen der Dekabristen als Heldinnen gefeiert werden, die ihren Männern in die Verbannung folgten. In Irkutsk gibt es sogar ein Denkmal für die Frau des Dekabristen. Sie gaben damit alle ihre Privilegien auf. Was aber am schlimmsten war und mich wiederum an ihrer Heldenrolle zweifeln lässt, ist, dass sie damit ihre Kinder zur Leibeigenschaft verdammten.

Aber wie dem auch sei. Die Dekabristen brachten, so ganz nebenbei, europäische Kultur, Literatur und Bildung nach Sibirien, in ein Land, dass man sich wahrscheinlich so kultiviert wie den Wilden Westen vorstellen muss, nur mit mehr Wald.

Am Busbahnhof vorbei laufen wir zum Kirow-Platz. Diese Namengebung verdankt der Platz der Tatsache, dass Kirow sich in Irkutsk erste revolutionäre Sporen verdiente. Die Ermordung des späteren Parteichefs von Leningrad und Konkurrenten Stalins um das Erbe Lenins im Dezember 1934 löste die erste Welle der Schauprozesse und zahlreiche Repressalien aus. Am Ende des begrünten und sehr schön gestalteten Platzes steht das „Graue Haus“, die frühere Parteizentrale, in der heute die Gebietsduma residiert. Das Graue Haus steht anstelle der von den Bolschewiki gesprengten Kasaner Kathedrale und hinter dem Verwaltungsgebäude, auf dem Weg zur ewigen Flamme, erinnern Tafeln an die frühere Kirchenlandschaft der Stadt. Die meisten der 20 Kirchen wurden gesprengt oder zweckentfremdet, dazu gab es über 50 Gebetshäuser. In unmittelbarer Nachbarschaft stehen hier die Erlöserkirche, die bis in die 2000er Jahre als Museum diente und die Gotterscheinungskathedrale, sie sind zwei der sieben Sakralbauten, die den „Bildersturm“ überlebten.

An der Rückseite des Grauen Hauses ein bedrückendes Mahnmal gegen den Krieg. 50000 Irkutsker kehrten nicht aus dem Krieg, den wir den 2. Weltkrieg nennen und der in Russland Großer Vaterländischer Krieg heißt, heim. 50000, das ist jeder 4., der als Soldat loszog, seine Heimat zu verteidigen. In Russland, das wird uns immer wieder klar, ist dieser Krieg noch sehr präsent. Ein nationales Trauma. Die Ehrenhaine und ewigen Flammen sind nicht bloß irgendwelche Denkmale an irgendetwas Vergangenes, irgendetwas, das nur die alten Leute angeht.

Als wir auf dem Markt Gurken bei einem usbekisch aussehenden jungen Mann kaufen, fragt der uns, woher wir sind. Als wir antworten, merkt er, ohne großen Aufhebens, so als würde er sagen, dass es heute nicht mehr regnen wird, an Ah, mein Opa war am Reichstag und wendet sich dem nächsten Kunden zu.

Und lässt uns geschockt zurück. Mit Gurken in der Hand versuchen wir diese gerade, so nebenbei und ohne Groll und Wertung hingeworfene Information, zu verarbeiten.

Doch der Gemüsehändler ist längst mit den nächsten Kunden beschäftigt.

Vorbei an der ewigen Flamme kommen wir zur Angara. Dort erinnert eine Statue, die wohl einen Sibirienforscher darstellen soll, vielleicht auch einen Kosaken, an die Gründung der Stadt im Jahre 1661, zunächst, wie sollte es anders sein, als Festung. Das Land eroberte man damals von den Burjaten. Das Moskauer Tor wurde für irgendeinen Zaren gebaut, der hier irgendwann an Land ging, um sich ein bisschen umzuschauen.

Dann laufen wir noch einmal zum Busbahnhof, um nach Möglichkeiten, wie wir nach Talsi kommen, zu suchen. Und siehe da, als wir durch manche Straße zum 2. Mal kommen, sieht diese viel besser aus. Vielleicht ist ja Irkutsk eine von den Städten, die sich erst auf den 2. Blick erschließen?

Wie immer, groß klicken macht die Bilder groß und lässt durchblicken

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9 Kommentare leave one →
  1. August 12, 2014 10:50 pm

    Wieso immer wieder Paris? Ich mag diese Stadt schon mal gar nicht, Paris. Oder ist der Vergleich mit der Hauptstadt Frankreichs schon mal eine Warnung vor etwas ganz Unangenehmen?
    Irkutsk hängt an den Dekabristen, am nahen Baikal, an Sibirien eben. Ich finde die Stadt nett, irgendwie kernig.

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    • August 12, 2014 11:11 pm

      Eine Warnung vor den Preisen in Straßencafés vielleicht, aber hier scheint es ja keine zu geben *g*

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      • August 13, 2014 8:29 am

        Das mit den Straßencafés ist nicht so verbreitet wie bei uns. Eigentlich haben wir ausrechend genug nur in Moskau gefunden und in Wladiwostok an der einen (die haben da mehrere) Uferpromenade. In Omsk fanden wir immerhin zwei, in Irkutsk nur eins, und das gleich n eben einem Megafonmann

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    • August 13, 2014 8:27 am

      Keine Ahnung. Paris scheint ein Qualitätsmerkmal zu sein. So wie Venedig. Frag mich nicht. Paris gefällt mir übrigens recht gut, schon auf den 1. Blick

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  2. August 12, 2014 11:09 pm

    Was ist denn KBAC? Kann man das gefahrlos trinken oder was für Flüssigkeiten befinden sich in dem Anhänger? Und welches Denkmal ist was? Das erste sieht so´n bissl nach Comicfigur aus, das zweite könnte evtl. die Dekabristenfrau sein, mit Dekabristenmann.

    Ich hab auch gleich mal nach „Das Paris des Ostens“ gegugelt, und tatsächlich, Irkutsk ist unter den zehn Namen dabei, dann kommt das mit dem Paris Sibiriens wohl hin. Wieder was gelernt. Das Wetter spielt natürlich bei solchen Eindrücken eine nicht unwesentliche Rolle, sonnendurchflutete Städte sind einfach freundlicher, mir gefällt Irkutsk. Ich fahr zu sehr auf Holzhäuser ab als das mich die Stadt nicht faszinieren würde.

    In der Fußgängerzone tobt allerdings nicht grad das urbane Leben. Irgendwie fehlen da ein paar Straßencafés, aber wenn da laufend mit Megaphonen rumgebrüllt wird will da wohl keiner sitzen.

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    • August 13, 2014 8:38 am

      KBAC ist Kwaß, ein kohlesäurehaltiges, ich denke auch, leicht alkoholiges Erfrischungsgetränk. Wird durch Gärung aus Roggen, Malz und Wasser gewonnen. Kwaß gehört zu Russland wir Piroggen, Plow und Wodka. Man findet diese Kwaßverkäufer mit ihren Wägelchen an allen Straßenecken. Cola und Co scheinen dagegen nicht wirklich anzukommen. Mir persönlich schmeckt Kwaß aber nicht, und wenn er noch so weit runter gekühlt ist.
      Zu den Statuen. Das erste ist ein Seemann, der nach Weltreise nach Hause kommt. Oder so. Die Russen haben nicht nur Springbrunnen, gegen die sich unsere zu Hause wie kleine Zimmerspringbrunnen ausnehmen, sie stellen auch gern so Statuen in ihre Innenstädte. In Omsk zeigte ich ja schon den Kanalarbeiter und den Kaufmann, da gabs aber auch noch einen Bankier und eine Prinzessin.
      Dieses Pärchen steht vor der Erlöserkirche. Irgendwelche Heiligen. Na und das letzte ist ja beschrieben.
      Und die Holzhäuser in Omsk waren aber schöner. Aber ich bin ja zwei Mal in Irkutsk gewesen. Also abwarten. Da finde ich dann auch das Paris in Irkutsk. Aber echt!

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  3. August 13, 2014 11:14 am

    Und wieder ein toller Bericht mit ebensolchen Fotos.
    Strassencafés in einer Stadt, in der man sich 9-10 Monate im Jahr im Freien vor dem Erfrieren schützen muss… da rentiert doch keine Investition.
    Die Holzhäuser prägen sich langsam tiefer in meinem Bildergedächtnis ein…

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  4. August 16, 2014 8:43 pm

    Was ist das nur für eine fremde, manchmal befremdende, faszinierende Welt, in die du uns immer wieder entführst! Manchmal mutet es mich an, als würdest du von einer Reise auf einem fremden Planeten berichten… Zu den Bildern passt übrigens vorzüglich das Klavierkonzert von Rachmaninoff, welches ich mir gerade anhöre…

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