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In der Mitte

August 9, 2014

Der Kerl mit dem großen Koffer, um die Antwort auf einer der Fragen Herrn Ärmels vorweg zu nehmen, hat nicht geschnarcht. Das hat die Cousine übernommen. Und das störte nicht sonderlich, brauchte ich doch nur rüber zu greifen und am Kopfkissen zu ziehen, um für Ruhe zu sorgen. Stellen Sie sich mal vor, ich hätte das mit dem Italiener machen müssen. Mein Arm wäre nicht lang genug gewesen, um an das Kopfkissen unter mir zu gelangen. Ich hätte mich also in halsbrecherischer Aktion aus meinem oberen Bett herunterbeugen müssen, wäre bei dieser Aktion möglicherweise aus selbigem geplumpst und wie bitte schön, frage ich Sie, hätte das denn ausgesehen? Ich, nachts, leicht bekleidet, zu Füßen des Italieners?

Mit anderen Ausländern im Abteil ändert sich sofort der Rhythmus.

Erstens bleiben wir viel länger wach. Wir wundern uns gemeinschaftlich, dass wir die einzigen Nicht-Russen sind, alle haben wir jeweils zum ersten Mal im Zug solche getroffen, danken der russischen Bahn bzw. dem blickigen Mitarbeiter, dass er uns fast alle in ein Abteil und den fünften gleich daneben gesteckt hat, tauschen unsere Erfahrungen aus und sprechen über unsere weiteren Pläne.

Um Marie, die auch kein Wort russisch spricht und auch nicht lesen kann, und vermutlich auch nicht mongolisch oder chinesisch, mache ich mir ja etwa Sorgen, dass sie in Peking ankommt. Sie erzählt, wo sie den Zug verpasst hat, wie sie dann weiter gefahren ist, wieder irgendwas verpasst hat…, ich gebe zu, irgendwann verliere ich den Faden. Irgendwo hat sich dann ein Russe ihrer armen Seele angenommen, weswegen sie in Nowosibirsk gelandet ist, eine Stadt, die Andrea als schlichtweg hässlich beschreibt, aber mit toller Atmosphäre. Die Französin kann dazu nicht viel sagen. Die zwei Tage in der Stadt musste sie offensichtlich recht viel Wodka trinken. Das allerdings erzählt sie mit so entwaffnender Unschuld, dass man sie einfach gern haben muss und ihr alles verzeiht. Ich glaube sofort, dass jeder Russe ihr überall aus jeder Situation helfen wird. Jetzt schleppt sie eine große Geschenktüte über Peking mit nach Hause. Inhalt: eine Ikone, eine Matrjoschka, eine Flasche Wodka. Geschenke ihres Retters, was man eben so aus Russland mitbringt.

Zweitens sind sich vier Ausländer im Abteil sofort einig, dass nur ein offenes Fenster gesundem Schlaf zuträglich ist. Allerdings wird es nachts doch recht kalt und Andrea und ich müssen irgendwie dafür sorgen, dass uns der Kopf von der Zugluft nicht weggepustet wird. Also Ruckeln wir zu viert am Fenster, öffnen es, klappen es wieder zu, ohne es zu verriegeln, zerren die Jalousie runter, versuchen das Fenster dahinter wieder zu öffnen. Dass das Prinzip funktioniert, merke ich nachts. Erst muss ich mich seitenverkehrt ins Bett legen, so dass die Füße am Fenster sind, dann kommt gar noch die Bettdecke zum Schutz vor der Kälte zum Einsatz.

So mit Jalousien unten bleibt es stockfinster im Abteil. Deswegen und weil es ja gestern länger dauerte, schlafen wir (Drittens) auch länger. Eigentlich hatte ich gehofft, dass meine innere Uhr mich in Taiga kurz aufwachen lässt, immerhin steht der Zug da gegen 4:20 Uhr Ortszeit, aber ich verschlafe den Ort, der lange Zeit auf der Liste der zu besuchenden Städte stand, natürlich.

Auch Marinsk, wo der Zug immerhin 26 min steht und man ja mal hätte gucken können, entgeht mir. Und richtig ärgere ich mich, dass ich Bogotol verpasse, denn da hatte ich eigentlich lange nach Zugverbindungen gesucht. Zwischen 10 und 11:00 Uhr quälen wir uns aus den Federn und für Marie ist es wohl wirklich eine Qual. Brendan steht schon im Gang und wartet auf uns. Brendan ist eigentlich Astrophysiker, hat aber schon in der Schulzeit Russisch gelernt, dann ein Auslandssemester gemacht und dann eben als Journalist für Moskau life gearbeitet. Er ist ein hoch interessanter Typ. Leider unterhält sich die Cousine russisch mit ihm, was sicher nicht unhöflich gemeint ist, schließlich ist ihr Englisch nicht so gut, aber natürlich Marie und Andrea ausschließt, weswegen ich mich dann mit den beiden unterhalte. Schließlich sind wir bis Irkutsk eine Familie. Wir ziehen dann auch wie eine solche durch den Zug. Marie hat wohl den selben Fotofimmel wie ich, weswegen wir uns dann gern mal allein irgendwo wiederfinden, immer auf der Suche nach dem besten Motiv. So beschäftigen wir uns in einer kurvenreichen Gegend sicher eine Stunde mit dem Versuch, den Zug zu fotografieren. Die Cousine staunt, wie gut der Ami russisch spricht, was mich erstaunt, schließlich hat er grad ein Jahr im Land gelebt und ein Journalist sollte schon die Landessprache kennen.

Krasnojarsk ist auch so eine Stadt, die der knappen Zeit geopfert werden musste. Hier wollte ich unbedingt nach Stolby, in den Nationalpark. Eigentlich ist die Stadt, am wasserreichsten Fluss der Welt, dem Jenissej, für mich auch DIE sibirische Stadt. Aber so, wie ich im letzten Jahr Chicago, für mich DIE Stadt in den USA, opfern musste, bleibt mir auch hier nur der Trost, irgendwann noch mal her zu kommen. Dann hätte ich auch Zeit, auf dem Jenissej mehr als nur eine Ausflugsfahrt zu machen.

Knapp eine dreiviertel Stunde haben wir Aufenthalt. Wir verbringen die Zeit wie üblich. Bahnhof gucken, rauchen, alte Lok gucken. Alte Loks stehen nämlich auf vielen Bahnhöfen rum. So zum angucken. Meist sind es alte Dampfloks. Die Transsib hatte ja kürzlich ihren 100-Jahrfeier, da findet sich überall genügend altes Gerät, dass man zum Angucken hinstellen kann.

Hinter Krasnojarsk fährt der Zug ein paar Kilometer auf einem teilweise 25m hohen aufgeschütteten Erddamm. Das ist genau die Stelle, wo Marie und ich versuchen, in Kurven zu fotografieren. Sie kommt aus Paris. Und, Herr Ärmel, Herr Zaphod, ich würde sagen, sie sieht gut aus. Jung, lange dunkle Haare. Ich kann das natürlich nicht so beurteilen, in mir weckt sie mit ihrer Naivität und erfrischenden Art, die Welt zu entdecken, eher Mutterinstinkte, möglicherweise löst genau diese Art bei Herren den Beschützerinstinkt aus. Sie hat viele Jahre für diese Reise gespart und bestaunt nun jedes Detail. Vielleicht verstehen wir uns auch so gut, weil ich zwar nicht so lange sparen musste, aber trotzdem jedes Detail bestaune.

Andrea stammt aus Mailand, was noch mal viel Gesprächsstoff beinhaltet, schließlich war ich da sicher sieben mal. Und der rothaarige Kaukasier, der ja Ami ist, ist auch schon mal quer durch die USA gereist und fand das auch ziemlich verrückt. Nun müssen wir ihm alles über den Greyhound erzählen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass er uns diese Reise nachmachen will.

Gegen 18:00 Uhr Ortszeit halten wir für 22 min in Iljanskaja. Dort dürfen die Frauen nicht auf den Bahnsteig. Aber bei 20 min ist genug Zeit, zum Zaun zu laufen und einzukaufen. Kein Fleisch kaufen, warnt uns eine Russin auf Deutsch. Leider sind die Piroggen alle mit Fleisch oder mit Kartoffeln gefüllt. Fleisch, davor sind wir immer und überall gewarnt worden, und mit Kartoffeln gefüllte Piroggen schmecken einfach nicht.

Außerdem steht schon fest, dass wir im Speisewagen essen wollen. Alle fünf Ausländer. Wir sind die einzigen Gäste. Vielleicht ist es für die Einheimischen zu teuer, vielleicht ist es die falsche Uhrzeit. Macht nichts. Wir sind mit uns zufrieden.

Dann versuchen wir, Uk zu fotografieren. Das ist genau die Mitte zwischen Moskau und Wladiwostok. Sagt mein Reiseführer. Aber es ist zu dunkel und Samsor, nur 40 km vor Uk, hat auch ein hübsches hölzernes Bahnhofsgebäude.

Nach 2474 km, etwas über 39 Stunden und zwei Zeitzonen erreichen wir Irkutsk am frühen Montag Vormittag. Brendan schreibt schnell seinen Namen, mit dem er beim Fratzenbuch angemeldet ist, auf Zettel, und verteilt sie. Ich habe da gleich am Abend gegoogelt und… es gibt gefühlte 100 Brendans mit gleichem Nachnamen.*

Marie wird von einem Guide in Empfang genommen, der sie zu ihrem Shuttle nach Listwjanka am Baikalsee bringt. Das ist beruhigend. Andrea springt in ein Taxi und wir kramen meinen Plan raus und machen uns auf den Weg zu Galinas Hostel.

Zum Bilder gucken, wie immer, drauf klicken

* Inzwischen habe ich ihn gefunden und wir haben Kontakt

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18 Kommentare leave one →
  1. August 9, 2014 4:41 pm

    Schlicht und ergreifend DER HAMMER! Alles, Text und Fotos!

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  2. August 9, 2014 4:50 pm

    wieder: staun und danke! 🙂

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    • August 11, 2014 7:05 pm

      Ja, Russland ist so groß. Da gibt es so viel zu entdecken. Und man trifft so viele Menschen

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  3. August 10, 2014 11:48 am

    Krasnoyarsk ist für mich auch so etwas wie Die Sibirische Stadt. 🙂
    Ein feiner Bericht ist das wieder, weil du die Menschen so gut beschreibst und nicht nur Dinge. So wird es interessant und äußerst kurzweilig.
    (An den Rezepten vom wilden Pastinak wäre ich übrigens sehr interessiert.)

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    • August 11, 2014 7:08 pm

      Gelle? Krasnojarsk oder Irkutsk. Das scheint allen so zu gehen,die in Erdkunde viel mit der UdSSR zu tun kriegten. Die Rezepte stehen in einem Buch über Wildkräuter. Ich kann sie abtippen oder kopieren und wir treffen uns mal am WE

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  4. August 10, 2014 8:03 pm

    Liebe Frau Inch, auch jetzt wieder meinen herzlichen Dank mit einer geziehmenden Verboygung!!! Die Zugfahrt ist meine Liste gerutscht, ganz weit unten zwar noch aber immerhin.
    Vielen Dank auch für die Beantwortung der Fragen, Frauen wie die beschrieben Französin lösen bei mir keinen männlichen Beschützinstinkt aus nach Ihrer Beschreibung sondern eher einen spontanen Fluchtreflex 😉

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    • August 11, 2014 7:11 pm

      Lieber Herr Ärmel. Dann werde ich mich bemühen, der Zugreise zu einem Aufwärtstrend auf der Liste zu verhelfen. Und was die Französin betrifft, so scheinen mir das die Worte eines erfahrenen Mannes zu sein. Den Titel des Gentleman des Tages haben Sie sich damit aber leider nicht verdient. Der geht, wie wohl nicht schwer zu erraten sein wird, an den Präsidenten.

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      • August 11, 2014 8:26 pm

        Das mit dem Titel des Tages geht voll in Ordnung für mich. Der Herr Zaphod soll ja auch mal was schönes bekommen *ggg*

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  5. Muger-Fan permalink
    August 11, 2014 1:42 am

    Herzlichen Dank für Berichte und Fotos. Die Reise muss ich noch machen. Den Greyhound habe ich auch mit Amtrak-Pass und Delta-Standby 30 herrliche Tage lang genossen. Unvergesslich und Unvergleichlich, halt wie die Transib, einfach anders.

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    • August 11, 2014 7:11 pm

      Die Reise kann ich nur empfehlen. Ich werde sie auf die eine oder andere Art auch ganz sicher noch einmal machen

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  6. August 11, 2014 4:32 pm

    Der krasnojarskische Bahnhof ist mal wieder schick, überhaupt gefallen mir die russischen Bahnhöfe gut. Und aus dem Fenster geguckt sieht Sibirien tatsächlich aus wie erwartet, flach, grün und viele Holzhäuser.
    Und selbstverständlich lösen junge französische dunkellanghaarige Französinnen bei mir Beschützerinstinkte aus, wenn Herr Ärmel schon die Flucht ergreift, einer muss ja.. *gg*

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    • August 11, 2014 4:34 pm

      Außer französischen Französinnen natürlich auch alle anderen dunkellanghaarigen Damen 😀

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      • August 11, 2014 7:17 pm

        Zählt auch früher mal dunkelhaarig???

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        • August 12, 2014 12:26 am

          Genau genommen ist nett und weiblich eigentlich schon ausreichend. Als nicht russisch sprechender und lesender Mensch wäre ich unter diesen Voraussetzungen aber wahrscheinlich froh gewesen wenn jemand mir gegenüber Beschützerinstinkte entwickelt hätte *g*

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    • August 11, 2014 7:16 pm

      Viele Holzhäuser sind es eigentlich nicht. Nur habe ich da, wo es 4-12 Stunden am Stück nur Wald gab, weniger fotografiert. Und dabei denke ich, dass die Dichte bewohnter Siedlungen entlang der Bahngleise und Flüsse um ein vielfaches höher ist als, nuja, so 5 km weiter weg.Ich habe von Orten gehört, die nur per Hubschrauber zu erreichen sind. Die sind sicher seltener, zu den meisten wird wohl ein Waldweg führen. Aber wie gesagt, auch entlang der Schienen war eigentlich meistens Wald. Oder Sumpf. Aber mehr so Wald.
      Und wegen der Französin bin ich froh, dass es Herren wie Dich gibt und verleihe Dir den Titel Gentleman des Tages

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  7. August 12, 2014 10:46 pm

    Krasnoyarsk und der Staudamm- du hast einen Grund, zurückzukehren. Freut mich. Vielleicht bin ich dann auch in der Gegend.

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