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Durststrecke

August 7, 2014

Omsk, Sonnabend, 5. Juli 2014

Samstag. Reisetag.

Der Zug fährt erst nachmittags, das gibt uns Zeit für ein gemütliches Frühstück. In Russland ist das warm. Buchweizengrütze, Blini (Eierkuchen) mit gesüßter Kondenzmilch, Smetana (saure Sahne) Tworok (Quark) oder Warenije (Marmelade, nur flüssiger als unsere), manchmal auch noch warme Würstchen. Ich konzentriere mich auf die Blini.

Wir wollen die Rucksäcke am Bahnhof aufgeben und essen gehen.

Im Omsker Bahnhof, der mir übrigens von allen am besten gefallen hat, gibt es niegelnagelneue Gepäckschließfächer. Die sind so niegelnagelneu, dass sie noch nicht in Betrieb sind.

Also ab zur Gepäckaufbewahrung.

Und das geht in Russland so: An einem Schalter legt man einer gestrengen Beamtin Pass und Zugtickets vor. Sagt, wie lange man aufzugeben gedenkt, zahlt, bekommt ein Zettelchen und geht dann zur Gepäckaufbewahrung. Während der ganzen Zeit steht ein Milizionär mit im Raum und beobachtet. Aber der war sehr freundlich, wie übrigens auch die gestrenge Beamte nur 10 sec streng war und auch die Herren Uniformierten am Eingang zum Bahnhof, wo man wie am Flughafen das Gepäck zwecks Durchleuchtung auf ein Band legt und man selber durch so eine Kabine läuft, die logischerweise piepst, sehr locker waren. Aber in Omsk waren ja eh alle freundlich.

Die Gepäckaufbewahrung selber wird auch von einem Milizionär bewacht, die Frau Gepäckaufbewahrerin kontrolliert sorgfältig das Zettelchen, füllt ein neues aus, zeigt, wo man seinen Rucksack hinlegen darf, hängt ein Zettelchen daran, gibt einem ein anderes und schon ist man entlassen. Dauert alles in allem keine 20 min.

Auf der Busfahrt zum Bahnhof habe ich schon mal geguckt, wo einheimische Restaurants sind, doch als wir hinaus auf die Straße gehen, sagt die Cousine: Ich will noch mal zum Irtysch. Der Ton verrät, das ist beschlossene Sache. Widerspruch wird nicht geduldet. Die Cousine entwickelt sich langsam zum Bestimmer, der auch gern mal kritisiert, wie ich was gebucht habe, schließlich mache man das in Russland so und so und nicht anders. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass sie mich für ein bisschen einfach strukturiert hält, vermutlich weil ich kein fließendes Russisch spreche, und behandelt, als wäre ich ihre Tochter. Wahrscheinlich meint sie es aber nur gut und fühlt sich verantwortlich, weil schließlich hat sie ja 6 Jahre in Moskau gelebt, vor 30 Jahren, und weiß genau, wie der Hase hier läuft. Und ich bin ein an sich friedlicher Mensch und an einem schönen Urlaub interessiert und warum also soll ich jetzt darauf bestehen, dass wir eigentlich essen gehen wollten?

Der Weg zum Irtysch führt nicht durch die schönsten Ecken Omsks. Und am Fluss selber? Nuja, Beton, Wasser, hatten wir schon. Was aber das wichtigste ist: keine Kneipe. Weit und breit. Also zurück. Auf der Straße, die wir gekommen sind, ist Markt. Die Cousine will da jetzt an einem Imbiss Schaschlik essen. Sie bemerkt wohl meine aufkeimende Brummigkeit. Hunger kann ich echt nicht vertragen. Nicht, wenn eigentlich kein Grund dazu besteht. Schaschlik also. Die Cousine lobt in höchsten Tönen. Ich mache ihr die Freude, und gebe mich zufrieden.

Auf dem Markt würde ich gern Obst kaufen, aber die Kirschen sehen überreif aus und von Erdbeeren bin ich vorläufig geheilt, nachdem ich gestern bei einer Omi welche gekauft habe, die abends schon gärten.

Es ist wieder furchtbar heiß, 29°C und wir sind froh ob der Kühle im Bahnhofsgebäude. Weil ich keinen Briefkasten gefunden habe, bietet die Frau Gepäckaufbewahrerin an, meine Postkarten nach ihrem Feierabend einzuwerfen. Sie stutzt kurz, weil die noch aus Moskau sind, aber echt, wir haben in Omsk nirgendwo welche zu kaufen gekriegt.

Nur ein weiterer Passagier teilt sich das Abteil mit uns. Der Bauarbeiter fährt bis Nowosibirsk. In Omsk arbeitet er, jetzt fährt er nach Hause. Nowosibirsk liegt etwas über 600 km von Omsk entfernt, oder knappe 8 Fahrstunden mit dem Zug.

Obwohl wir seine Heimatstadt abends erreichen, zieht es sich um, bezieht sein Bett und schläft sicher 4 der 8 Stunden.

Die Birkenwälder, die uns auf der Strecke Moskau –Omsk begleitet haben, sind einer eher steppenartigen Landschaft gewichen. Und Mischwäldern.

Und nun soll endlich beginnen, wovon in allen Transsib-Reiseführern berichtet wird. Als wir in Barabinsk einrollen, warnt die Schaffnerin über Lautsprecher vor gesundheitlichen Schäden durch den Verzehr der auf dem Bahnsteig von den Babuschki erworbenen Lebensmittel und teilt gleichzeitig mit, dass die russische Bahn keinerlei Haftung für evtl. Schäden an Leib und Leben übernimmt.

Wie bei vielen sibirischen Städte beginnt auch Barabinsks Geschichte mit einem Fort, dass allerdings an der Stelle einer alten tatarischen Siedlung errichtet wurde. Der Aufschwung des Ortes kam mit der Eisenbahn. Wir haben hier 30 min Aufenthalt und sind gespannt auf das Angebot der Babuschki (und jungen Frauen, also Djewuschki):

Piroggen, Obst, Gemüse, Fisch. Der Fisch heißt  Scherich. Niemand, wirklich niemand kann uns sagen, was das auf Deutsch heißt. Aber, er ist lecker. Extrem lecker. Nur sehr salzig. Ich werde in der Nacht verdursten. Ganz sicher. Die Pirogge, mit Zwiebeln und Ei gefüllt, ist dagegen sehr fettig. Ob das gegen den Durst hilft? Nein. Ich werde verdursten.

Doch bevor es soweit ist, kommen wir nach Nowosibirsk. Der Bauarbeiter hat sein Bettzeug abgegeben und wünscht uns einen schönen Urlaub.

54 min Aufenthalt. Da kann man sich den Bahnhof angucken und ein bisschen auf dem Platz davor rumrennen. Leider gibt es hier extrem viele Mücken. Wir denken, dass sei nur der Vorgeschmack auf Sibirien und ahnen Schlimmes. Bei so einer Plage harren wir lieber auf dem Bahnsteig aus und ich rauche soviel, dass ich nicht mehr weiß, ob mir von der fettigen Pirogge ein bisschen komisch zumute ist oder von den vielen Zigaretten. Durst habe ich sowieso.

Ich bin fast erleichtert, als uns die Schaffnerin endlich zum Einsteigen auffordert, ein Kerl mit riesengroßem Koffer lässt mir den Vortritt und spricht sogar englisch.

Der Kerl mit dem riesengroßen Koffer bezieht das Bett unter mir. Der Kerl mit dem riesengroßen Koffer heißt Andrea und ist Italiener. Er reist von Moskau bis Wladiwostok, hat in Jekaterinenburg Station gemacht und Nowosibirsk, wird nun bis Irkutsk fahren, dann an den Baikal, von Wladiwostok mit der Fähre nach Japan fahren und von dort nach Hause fliegen. Andrea kann kein Wort russisch und lesen sowieso nicht, aber er wurschtelt sich durch. Ein Stück ist er sogar Platzkartnaja gefahren, aber dort haben ihn die Mitreisenden so gefüttert, dass er dachte, er bräuchte nie wieder im Leben essen und irgendwie froh ist, dass er ansonsten nur Kupé fährt. Platzkartnaja, das ist die 3. Klasse. Großraumwagen. 36 Liegeplätze. Es heißt, wer das richtige Feeling erleben will, muss dort mitfahren. Aber wir, haben wir entschieden, brauchen diese Art Feeling nicht. Nicht mit über 50 Jahren auf dem Buckel.

Während wir also erzählen und der Zug schon lange fährt, öffnet sich die Tür und wir sind komplett. Marie, aus Frankreich, hätte den Zug fast verpasst. Nicht zum ersten Mal, nur das sie den letzten tatsächlich verpasst hat. Marie fährt von Moskau nach Peking, über die Mongolai. Nowosibirsk stand eigentlich nicht auf ihrem Plan, das hatte was mit dem verpassten Zug zu tun, aber sie war auch in Jekaterinenburg, wird in Irkutsk aussteigen und zum Baikal fahren.

Im Nachbarabteil aber sitzt ein Amerikaner. Der war mir schon kurz nach Omsk aufgefallen, aber die Cousine meinte, dass sei ein Kaukasier und nicht, wie ich vermutete, ein Ausländer. Der Typ hat rote Haare und ich bin immer noch verwirrt ob der Frage, wie Kaukasier eigentlich auszusehen haben.

Nun gut. Brendan, Journalist, hat ein Jahr in Moskau gelebt und ist auf dem Heimweg nach St. Louis. Bis Wladiwostok mit dem Zug, dann mit dem Flieger nach Japan und von dort mit einem anderen Flieger nach Hause. Als wir ihm von unserer USA-Durchquerung vom letzten Jahr erzählen, begreift er erst gar nicht, dass wir das in Greyhoundbussen getan haben.

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16 Kommentare leave one →
  1. August 7, 2014 10:58 pm

    ui, hoffentlich wird (wurde) das mit der cousine kein drama.
    fein erzählt und gebildert!! 🙂

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  2. August 7, 2014 11:05 pm

    Mensch Inch, mittendrin aufhören gilt nicht…!!!
    Bist du nachts verdurstet oder hattest du eine Fischvergiftung?
    Hat der Italiener mit dem Riesenkoffer geschnarcht?
    Was hat Marie gegessen, sprach sie auch kein russisch, wie sah sie aus?
    Was hat der rothaarige Ammi gesagt, nachdem ers begriffen hatte?
    Fragenfragenfragen
    Fragenfragen
    Fragen
    (Frau Waas erzähle ich fleissig von deinen Erlebnissen, heute hatte sie zum ersten Mal keine Senkrechtfalte mehr auf der Stirn 😉

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    • August 8, 2014 10:46 am

      Man muss auch Spannung aufbauen, Herr Ärmel. Das ist wie in schlechten Serien à la Lost. 😉 Deine Fragen werde ich mich bemühen, in der Fortsetzung zu beantworten. Oder auch nicht.
      Und das Frau Waas’s Senkrechtfalten heute zum ersten Mal ausblieben, ist ein gutes Zeichen. Für Russland? Für zukünftige Reisepläne? Oder dafür, dass ich wider Erwarten alles heil überstanden habe und wieder zu Hause angekommen bin?

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      • August 8, 2014 10:55 am

        Ich gugge aber keine schlechten Serien (brbl – grml)…
        Meine Fragen beantworten – oder auch nicht? Ich darf doch wohl ganz höflich bitten ~~~
        Frau Waas hatte anfangs zwei Senkrechtfalten als sie von deiner Reise erfuhr (echt freiwillig tagelang im Zug sitzen in Sibirien? Merkwürdig: tagelang, wirklich? Unglaublich) 😉

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        • August 8, 2014 11:20 am

          Solche Senkrechtfalten gabs hier auch wenige, aber wirklich nur wenige. Die meisten fandens cool, kriegten glänzende Augen, weil sie das auch mal machen wollen oder wöllten.
          Und die Fragen? Ich bemühe mich ja. Ehrlich. Aber ich muss auch an die Spannung denken, nicht wahr

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  3. August 8, 2014 3:44 am

    … und dann auch noch Bilder vom Bahnhof innen … Da hast du Glück gehabt, dass du die Kamera nicht abgeben durftest. Schön beobachtet und beschrieben.

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    • August 8, 2014 10:47 am

      Ich habe da vorsichtshalber meistens die Taschenknipse benutzt, aber auch Leute gesehen mit großen Kameras. Meines Wissens ist das Fotografieren ja nicht mehr verboten. War ich falsch informiert? Bin ich nur knapp der Festnahme entgangen?

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      • August 8, 2014 11:10 am

        Ach, das weiss keiner so richtig. Valyat Duraka heisst das Spiel, sich dumm stellen, womit man auch hier gewinnt

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  4. August 8, 2014 3:09 pm

    In der Bahn warnen sie vor dem Verzehr und Du gehst als erstes mal gucken was es so gibt und einkaufen? *g*
    Das ist wahrscheinlich wie mit den Straßenküchen in Asien, davor wird auch immer gewarnt, aber wenn man schon mal da ist muss man das ausprobieren 🙂

    Mit meinen Fragen schließe ich mich Herrn Ärmel an, ich warte nur geduldig auf die Fortsetzung..

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    • August 8, 2014 3:12 pm

      „Mit meinen Fragen schließe ich mich Herrn Ärmel an, ich warte nur geduldig auf die Fortsetzung…..“ willst dich wohl beliebt machen, wie *ggg*
      Naja, wenns hilft und Inch brav&fleissig weiterschreibt….

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  5. August 8, 2014 4:18 pm

    Der Fisch sieht ein wenig wie bayerischer Steckerlfisch aus. 😉
    Du hast wieder so umwerfend spannend, mitreissend und informativ erzählt, daß auch ich die Fortsetzung kaum abwarten kann…

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  6. August 8, 2014 8:11 pm

    …ist das spannend!!! inch, du bist echt gut!!
    beim bahnhof dachte ich an opernhaus oder so, und erstmal die halle mit den riesenleuchtern, toll!!!

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