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Tuppern auf Sibirisch

August 6, 2014

Heut wollen wir Boot fahren. Auf dem Irtysch. Aber das ist nachmittags. Es bleibt also genug Zeit für andere Dinge.

Wir schauen uns im Viertel um. Die Cousine will Boot fahren, ich Holzhäuser gucken. Also.

Mehr und mehr bin ich froh mit der Wahl des Hotels. Was gestern noch gruselig aussah, entpuppt sich als wahrer Glücksfall. Nicht auszudenken, was uns entgangen wäre, hätten wir in einem der bekannteren und größeren Unterkünfte am anderen Ufer des Om gebucht. Dann nämlich wären wir nur bis zur Kreuzerhöhungskathedrale gelaufen. Von dem, was sich dem Besucher dahinter bietet, stand im Reiseführer kein Wörtchen. Instinkt! Ich sags ja immer, Instinkt ist der beste Reiseführer.

Es sind 28°C, die Sonne brennt uns auf den Pelz, zwar sind die „Straßen“ noch nicht ganz trocken, aber so bei Sonne sieht doch alles gleich viel besser aus. Und ich habe zwar keine Ahnung von Grünzeug, aber die Blumen vor den Holzhäusern sehen wirklich hübsch aus. Wie auf dem Dorf. Wir streichen durchs Viertel und manchmal weiß ich wirklich nicht, welchen Weg ich an einer Kreuzung nehmen soll. Entscheide ich mich dann, dann mit dem Vorsatz, aber hier ganz sicher noch mal herzukommen und dann in die andere Straße einzubiegen.

Die Häuser sind in unterschiedlichem Zustand. Bewohnt scheinen sie fast alle noch zu sein. Wir entdecken auch gemauerte neue Häuser, die aber mit Holzfenstern, zwar nicht so reich verziert geschnitzt, aber immerhin, versuchen, sich dem Stil anzupassen. Leider scheinen die Dächer nicht mehr original zu sein. Naja, sie haben das ja gestern im Album gesehen.

Als die Cousine einen Aufruf liest, der vor Alkoholmissbrauch warnt und ein Verbot, öffentlich hochprozentiges zu konsumieren, kommt eine Frau mit Eimern zu einem der bis jetzt nicht beachteten schmucklosen Pumpen und holt, ich fasse es nicht, Wasser.

Ich gebe zu, ich wollte sie fotografieren. Natürlich so, dass sie niemand erkennt. Da beschimpft sie mich. Was ich hier wolle. „Fotografiert, wie wir hier leben und morgen steht es in der Zeitung“.

Ich fühle mich ertappt und bin gleichzeitig verwirrt.

Wir machen uns vom Acker.

Doch ein paar Straßen weiter fragt uns wieder ein alter Mann misstrauisch und leicht aggressiv, was wie hier fotografieren. Wir erklären, dass ich mich für Architektur interessiere. Dass die Häuser wunderschön sind. All die Schnitzereien. So was schönes hätten wir zu Hause nicht. Sofort wird der Alte, ein ehemaliger Fischer, zugänglich, ja geradezu überschwänglich und fordert mich fröhlich auf, mir alles anzusehen und alles zu fotografieren.

Wir machen uns so unsere Gedanken. Die Russen sind ein stolzes Volk und offensichtlich empfinden sie es als Fortschritt und Wohlstand, in einem Neubau zu wohnen. Ihren Reichtum, die wunderbaren, mit Schnitzereien reich verzierten Holzhäuser, scheint ihnen eher Zeugnis ihrer Armut sein. Vielleicht aber fürchten sie um ihren Besitz, denn da, wo man ein oder zwei der Höfe abreißt, kann man wunderbar einen Neubaublock hinsetzen. Wer weiß schon, wer hier sonst fotografierend unterwegs ist.

Wir laufen zum Markt und dort… verkaufen zwei Frauen Tupperware. Und zwar Salzstreuer! SALZSTREUER! Die gibt es in Deutschland nicht mehr und ich suche schon seit Jahren nach einem neuen. Die sind nämlich die einzigen wirklich dichten und vor Feuchtigkeit sicheren Teile, die ich kenne. Ideal für Camping und Backpacking. Ich kaufe sofort einen und stopfe ihn mit zum Gemüse. Dabei strahle ich wie ein Honigkuchenpferd. „Ja,“ lachen die Frauen, „wir verkaufen hier nur, was es in Deutschland nicht mehr gibt.“ Ob ich nicht noch mehr bräuchte? Aber nee Danke.

Später, wir haben den Markt schon verlassen, findet die Cousine, dass sie auch so einen Salzstreuer braucht und rennt noch mal zurück. „Kommen Sie auch aus Deutschland?“ sollen die Frauen sie gefragt haben.

Wir bringen unsere Schätze, Obst und Wurst ins Hotel und laufen Richtung Om. Wir bestaunen das vorgestern schon erwähnte Denkmal für die Opfer der Stalinistischen Repressionen, das Taraer Stadttor, dass 1992 zum 200jährigen Jubiläum originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Am Denkmal von Dostojewski erzähle ich der Cousine, die zugibt, kein großer Leser zu sein, von dem Schriftsteller, den ich zwar auch nicht besonders mag, aber man muss wenigstens mal versucht haben, etwas von ihm zu lesen. Zwischen 1850 und 1854 verbrachte er seine Verbannung in der Omsker Festung, beschrieben hat er diese Zeit in seinen „Aufzeichnungen aus dem Totenhaus“.

Wir sehen ein Brautpaar und einen Mann in historischer Uniform, der mir aber nicht sagen will, in welche Zeit, zu welchem Regiment oder was immer die gehört und stattdessen erklärt, für 15 Rubel dürfte ich ihn fotografieren. 15 Rubel sind nur ein paar Cent. Aber ich bin angefressen, weil er mir einen Preis nennt, statt meine Frage zu beantworten.

An der alten Hauptwache begreifen wir lange nicht, dass es die Kirche, von der der Reiseführer spricht, gar nicht mehr gibt und dann finden wir in der Partisanskaja einen gemütlichen Freisitz namens „Sibirskaja Korona“ (was übrigens gleichzeitig der Name eines Bieres ist) mit Blick zum Om (also fast, wenn da nicht ein Bus-Parkplatz wäre) und zur Serafimo- Alexej-Kapelle.

Am Om, 200 m, bevor er in den Irtysch mündet, starten die Ausflugsboote. Eine Stunde dauert eine Fahrt und wir kommen gerade recht, um noch eine Karte zu erwerben (230 Rubel/Person) und auf den Kahn zu hopsen. Auf dem Nachbarschiff checkt derweil eine Hochzeitsgesellschaft ein. Wir treffen sie unterwegs auf dem Weg zur Eisenbahnbrücke, wo das Boot umdreht und zurück schippert.

Der Irtysch ist nun doch etwas breiter als die Moskwa und die Ufer verdammt weit weg. Außerdem steht die Sonne falsch, nämlich über der Stadt. Und am anderen Ufer ist mehr Wald bzw. wird der Blick durch große bewaldete Inseln verdeckt. Trotzdem oder gerade wegen der Entfernung gewinnt man einen Eindruck von der Größe der Stadt, die immerhin 1,1 Millionen Einwohner hat und nach dem 2. Weltkrieg wegen ihrer militärischen und industriellen Bedeutung zur geschlossenen Stadt wurde und bis in die 1990er Jahre, zumindest für Ausländer, blieb.

Zurück vom Boot laufen wir über die Gagarina zu unserem Hotel. Auch hier viele Gründerzeithäuser, in denen aber eher Verwaltungen und dergleichen untergebracht sind, und nicht, wie in der Lenina, Geschäfte. Eigentlich wollen wir uns noch einen Park ansehen, aber die Luft ist raus. Erschöpft und verschwitzt schleichen wir ins Hotel zurück und machen es uns mit unserem marktfrischen Abendessen auf dem Hof gemütlich, gut geschützt durch die Mauern.

23:00 Uhr Fußball. Die Cousine macht wieder ein Gewese draus. Ich bin skeptisch, denn schon in Moskau ist sie während des Spiels eingeschlafen. Auch hier verschläft sie ¾ der Show und ich weiß nicht mal mehr, gegen wen es ging. Aber ich glaube, es war langweilig. Und Deutschland hat gewonnen.

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12 Kommentare leave one →
  1. August 6, 2014 8:48 pm

    Also so langsam kriege ich Lust, vielleicht doch mal… (mal abwarten, was du noch so alles berichten wirst).
    Das mit der Armut (schöne alte Häuschen) und den neuen Gebäuden (= Wohlstand) scheint hier sehr ähnlich sich zu zeigen im Verhalten der Menschen.
    Vielen Dank auch diesmal wieder für die eindrücklichen Fotos…

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    • August 7, 2014 8:16 am

      Ich glaube, es wird nicht schlimmer, das, was ich zu berichten habe. 😀
      Und das mit den Häusern haben wir ja so ähnlich auch vor zwei Jahren in der Maramures erlebt. Ist eben ein Unterschied, ob man als Tourist hinkommt, oder drinnen wohnt

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      • August 7, 2014 10:19 am

        Genau – wenn wir in der feuchten und kalten Jahreszeit darin leben müssten, in der Dunkelheit bei den kleinen Fenstern, hätten wir sicherlich eine andere Meinung. Das ist hier in den alten Häusern genauso: klein, eng, dunkel und leicht muffig.
        Morgensommerliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. August 6, 2014 9:06 pm

    DANKE
    Ich mag Deinen Blog. Und ich mag Deine Sicht immer mehr.

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  3. August 6, 2014 9:08 pm

    Du hast das Russland gesehen, das ich liebe. Mal sehen, was noch kommt in Deinen Beobachtungen.

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  4. August 6, 2014 10:11 pm

    Für die 50 Jahre Ruhm der Sowjetmacht hätte ich mir ja ein etwas repräsentativeres Gebäude gesucht *fg* aber die Stadt hat was. Ein Strand mittendrin ist ja auch eine feine Sache, wenn da auch noch die Holzhäuser stehen würden wär´s fast unschlagbar.
    Was steht denn auf den ganzen Zetteln an der Telefonzelle? Sind das alles Wohnungssuchende wie hier?

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    • August 7, 2014 8:18 am

      Nuja, das ist ja nun schon fatst 50 Jahre her, das mit den 50 Jahren. Da sehen so olle Neubauten eben danach aus, was sie sind: Olle Neubauten.
      Auf der Telefonzelle standen auch 1 oder 2 Wohnungsgesuche. Ansonsten warb das Kleingewerbe mit seinen Fähigkeiten. Fiseure z.B.

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  5. August 6, 2014 10:44 pm

    die salzstreuer – herrlich, diese geschichten. und bilder!

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    • August 7, 2014 8:19 am

      Ja, mein Salzstreuer kommt aus Omsk. 😀 Andere haben Hunde aus Moldavien, ich habe einen Salzsstreuer aus Omsk

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  6. August 9, 2014 10:10 am

    Das ist wieder einmal so großartig erzählt, liebe Inch, daß ich jetzt allmählich auch Lust auf eine Russland-Tour bekomme, obwohl ich bislang diesem Land – aus der Ferne – nie so recht etwas abgewinnen konnte…

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