Skip to content

Im Zug

August 1, 2014

„Ich hatte gehört, auf der Transsib fahren viele Ausländer“, wundert sich Andrea, Italiener und einer der drei Ausländer, die wir im Zug getroffen haben. „Ja, dachten wir auch, „aber Du bist der Erste, den wir treffen.“ Wundern wir uns. „Aber wo sind denn die anderen?“. Ich hebe die Schultern. „Vielleicht im Rossija?“ „Meinst Du, der ist doch aber teuer?“. Ich hebe wieder die Schultern.

Tatsächlich hatte ich bei meinen Recherchen gelesen, dass je niedriger die Zugnummer, desto besser der Komfort. Bei der Bestellung der Zugtickets zeigte sich dann auch, dass die Preise so steigen wie die Zugnummer sinkt. Aber das war nicht der Grund, weswegen wir alles taten, um nicht im Rossija zu reisen (Zug Nr.2) oder im Baikal (Nr. 10). Wir wollten vielmehr so wenig Ausländer wie möglich treffen und dachten, da seien wir am sichersten vor, wenn wir uns Züge mit hohen Nummern raus suchen, so sie in unsere Planung passen. Und das hat gut geklappt. Obwohl ein kurzes Stück im Rossija wäre vielleicht doch ganz gut gewesen. Zum Vergleich. Denn das Foto eines Waschraumes in meinem Reiseführer zeigt doch, dass es da ganz anders zugehen muss.

Die Nummern unserer Züge lagen zwischen 70 und 100, und das letzte Stück fuhren wir gar mit der 351, deshalb können meine Erfahrungen gänzlich von denen abweichen, die man im Rossija macht. Oder im Baikal. Und die Tipps, die ich geben kann, gelten in den anderen Zügen vielleicht nur bedingt. Außerdem sind wir ausschließlich und nur Kupé (die Schreibweise ist Absicht) gefahren, also 2. Klasse, 4-Bettabteil. Wie es in der 1. Klasse oder gar in den Luxuszügen zugeht weiß ich genauso wenig wie in der 3. Klasse.

Trotzdem, im großen und ganzen wird es wohl ähnlich sein.

Also, bevor ich also meinen Reisebericht fortsetze, einiges zum Reisen in der Transsib.

Vor der Fahrt empfiehlt es sich, einen Beutel oder Tagesrucksack für die Zugfahrt zu packen. Da hinein gehören Zahnputzzeug, Waschzeug und was man so an Kosmetik braucht, Bücher, Taschenlampe, Handy oder womit man auch immer die Zeit totzuschlagen gedenkt, Wechselsachen für den Zug!!!! (ganz wichtig), Essen, Teetasse, Messer.

Jeder Wagon hat zwei Schaffnerinnen, die im Schichtwechsel arbeiten. Eine der beiden steht an den Stationen immer draußen vor der Tür, lässt Neuankömmlinge rein und achtet darauf, dass die anderen Reisenden nicht die Abfahrt verpassen. Wenn man also die Reise antritt, zeigt man der entsprechenden Schaffnerin seinen Pass und die Fahrkarte. Nach sorgfältiger Kontrolle darf man in den Wagon. Wurde der Zug erst eingesetzt, kann es sein, dass man der erste im Kupé ist. Das ist immer für 4 Personen und für jeden Reisenden gibt in der Regel es eine Matratze, ein Kopfkissen und eine Bettdecke(einmal sind wir mit einem „moderneren“ Zug gefahren, der hatte weichere Sitze, die Polster waren aus Samt, da gab es keine Matratze). Das liegt bei neu eingesetzten Zügen meistens oben in der Gepäckablage. Steigt man irgendwo zu, liegt das Bettzeug schon zusammen gerollt auf den Liegen.

Sollte schon jemand im Abteil sein, grüßt man höflich und stellt sich vor. Unter Umständen reiste man 2-3 Tage auf engstem Raum zusammen, da kann ein guter Start hilfreich sein.

Da wir immer recht zeitig am Zug waren, haben wir unser Gepäck abgestellt und sind noch einmal raus auf den Bahnsteig.

Wenn der Zug losgefahren ist, kommt die Schaffnerin, kontrolliert noch mal die Tickets, reist „ihren“ Schnipsel ab und bringt dann die Bettwäsche, also Bezüge, Laken und ein Handtuch. Nun kann man sich einrichten. Die anderen Reisenden werden so höflich sein, und das Abteil verlassen, um Platz zu machen. Umgedreht sollte man das natürlich auch tun, wenn Reisende zusteigen.

Matratzen ausrollen, Laken drauf, Betten beziehen. Das Gepäck kommt in die Ablagen oben. Für die, die unten schlafen, gibt es unter den Liegen große Boxen fürs Gepäck. Es gibt Bügel , Haken und Kleiderstangen, dazu ein kleines Gepäcknetz für Krimskrams. Ich habe im Zug, außer auf dem ersten Abschnitt, immer eine kurze Hose und ein Trägertop getragen. Für die Jogginghose war es doch zu warm. So ein Kleiderwechsel ist absolut empfehlenswert, da man nach zwei Tagen Zugfahrt doch etwas derangiert aussieht. Sollte man in einem gemischten Abteil sein, kann man die Mitfahrer des anderen Geschlechts ohne schlechtes Gewissen bitten, mal das Abteil zu verlassen für die Zeit, da man sich umzieht.

Es gibt am Anfang und am Ende jedes Wagons eine Toilette inkl. Waschraum. Als ich den zum ersten Mal sah, dachte ich, das halte ich nicht aus. Es stellte sich aber heraus, dass diese Räume so praktisch angelegt sind, wie der ganze Zug. Sie lassen sich nämlich gut reinigen. Und ehrlich mal, eine Klobrille wäre auch immer beschmutzt. Sauber gemacht wird sehr regelmäßig. Die Toiletten sowieso, aber auch Gang und Abteile werden 1x täglich von der Schaffnerin geputzt.

Am Ende des Ganges ist auch ein großer Abfallbehälter.

Am Anfang des Wagons haben die Schaffnerinnen ihr Abteil. Dort ist auch ein Heißwasserboiler, wo es ständig heißes Wasser gibt, und gegenüber ein Trinkwasserspender.

Bei den Schaffnerinnen kann man auch Fertigsuppen kaufen, Kaffee und Tee oder sich ein Trinkgefäß leihen.

Im Wagon hängt mindestens ein Fahrplan, auf dem alle Haltepunkte mit Zeit und Haltedauer eingetragen sind. Die Zeitangaben sind alle in Moskauer Zeit! Erst fand ich das doof, aber je länger wir unterwegs waren, desto besser fand ich das System. Wir sind durch 7 Zeitzonen gefahren, da verliert man irgendwann den Überblick.

Auch auf den Tickets ist die Moskauer Zeit angegeben. Da wir sie aber in UK bestellt hatten, hatten wir zu jedem einen Zettel, wo noch mal die lokale Zeit vermerkt war.

Die Züge halten so zwischen 1 Minute und 1 Stunde. Bei Stopps, die 10 Minuten und länger dauern, wird man von der Schaffnerin raus gelassen. Für diese Aufenthalte sollte man auch immer bereit haben: Papiere und Ticket, Fotoapparat, Tabak und Geld.

Die Zugbegleiterinnen achten sehr genau darauf, dass alle ihre Schäflein rechtzeitig wieder an Bord sind… wenn man sich auf dem Bahnsteig aufhält. Deswegen immer Papiere und Ticket „am Mann“ haben, falls doch mal was schief geht.

Ach ja, während längerer Halte werden die Toiletten geschlossen! In Städten kann das schon mal 30 min vor Ankunft sein und es dauert dann manchmal auch eine halbe Stunde, ehe sie wieder aufgeschlossen werden.

Rauchen ist auch in Russland mittlerweile verboten. Trotzdem „erwischten“ wir immer wieder Leute, die auf den Plattformen zwischen den Wagons rauchten, was von den Schaffnerinnen (noch) toleriert wurde. Genau wie auf den Bahnsteigen, wo es eigentlich auch verboten ist.

Wir waren auch zwei Mal im Speisewagen. Die sind genauso komfortabel, wie es auf dem zugegebenermaßen schlechten Foto aussieht. Das Personal ist freundlich, das Essen wird auch im Zug frisch zubereitet!!!

Aber eigentlich braucht man den Speisewagen nicht. Wir wurden ständig zum Essen eingeladen. Entsprechend haben auch wir unser Essen angeboten, das gehört zum guten Ton. Aber eigentlich wurden wir gemästet.

Übrigens, wir hatten ja immer die oberen Liegen. Zum Essen hockt man sich natürlich unten hin, auf das Bett der Mitreisenden.

30-45min vor Ankunft am Ziel kommt die Schaffnerin und fordert einen auf, die Bettwäsche abzugeben. Man muss darauf achten, dass man sie ihr dann wirklich persönlich übergibt, da sie die schmutzige Wäsche sofort auf Vollständigkeit überprüft. Matratze, Bettdecke und Kissen werden zu einem Bündel zusammengerollt und an Kopf- oder Fußende platziert.

Das wars.

Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Wenn doch, werde ich diesen Blog gern ergänzen.

update: Die Tickets haben wir bei Real Russia gebucht. Im Gegensatz zu allen Deutschen Anbietern gab es die Fahrkarten da zum Originalpreis. Per Email wurden wir in allen Belangen gut beraten. Die Tickets kamen inkl. einer englischen Übersetzung dann per Post. Dafür waren dann noch einmal 20€ fällig.

Sehr viel Hilfe gab es auch bei raildude. Dort einfach im Forum anmelden und fragen. Leider funktionierte die Seite aber nicht immer.

Advertisements
14 Kommentare leave one →
  1. August 2, 2014 11:23 am

    Wenn mich je etwas an Russland interessiert hat, dann wärs eine Fahrt mit der Transsib gewesen – – deine Berichte und feindetaillierten Fotos mach mich langsam nervös ~~~~
    Samstäglichsiebensonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    Gefällt mir

  2. August 2, 2014 12:34 pm

    … so isses- stelle ich beim Lesen immer wieder fest! Ich muss nur noch beschreiben, wie es ganz alleine geht, das Ticketkaufen ohne Agentur.

    Gefällt mir

    • August 3, 2014 9:43 am

      Ja, mach das mal. Obwohl ich mich über realrussia nicht beklagen kann. Die Tickets gabs zum Orgiginalpreis, dazu viel Hilfe per Email, eine sozusagen persönlicher Ansprechpartnerin da, der sich um alle meine Fragen gekümmert hat

      Gefällt mir

  3. August 2, 2014 8:29 pm

    wo seid ihr jetzt? wie lange dauert so eine reise? ich muss das mal googlen.
    bisher hatte ich null russland-affinität, aber deine bilder sind echt klasse!

    es klingt so, als hättet ihr immer mal wieder den zug gewechselt. oder?
    wie geht das im zug, wenn man nachts aufs klo muss?

    Gefällt mir

    • August 3, 2014 9:50 am

      Unsere Reise hat insgesamt 4 Wochen gedauert, weil wir ja unterwegs ausgestiegen sind und uns Sachen angeguckt haben. Fährt man von Moskau bis Wladiwostok durch, dauert das eine Woche. Dadurch, dass wir immer ausgestiegen sind, haben wir die Züge gewechselt, ja. Man braucht dann für jeden Reiseabschnitt ein extra Ticket. Das kann man aber wunderbar selber planen mit Hilfe von Real Russia. Die Franzosen, die wir unterwegs trafen, haben dort nicht nur die Zugtickets gebucht, sondern auch Transfers, Taxis usw. Da standen da Guides am Bahnhof, die die Reisenden zum Hotel oder weiterfahrenden Bus gebracht haben.
      Wir haben dort nur die Zugtickets gekauft und uns um den Rest selber gekümmert. Oben im Blog verlinke ich in einem update mal Real Russia.

      Gefällt mir

  4. August 2, 2014 9:19 pm

    Mööööönsch! Ist das Klasse! 😀

    Gefällt mir

  5. August 3, 2014 12:16 am

    … ich liebe diese Berichte! Naja,
    wenigstens weiss ich, dass es mehr als 10 Menschen gibt (meine Freunde und ich), denen das Leben näher ist als das Nörgeln. Ich freue mich, von Dir mehr zu lesen.

    Gefällt mir

    • August 3, 2014 1:38 pm

      Oh, das freut mich. Du kannst das ja mit am besten beurteilen. Interessant war gestern ein Gespräch mit Freunden, die vor der Wende mit der Transsib gefahren sind. Und auch noch im Winter! Aber im Winter mache ich das auch noch mal. Das ist dann zwar sicher nicht mehr so rustikal wie vor 30 Jahren aber sicher noch spannend genug

      Gefällt mir

  6. August 3, 2014 11:47 pm

    Wenn die Piroggen was taugen hätt ich keine Probleme mich davon eine Woche zu ernähren *g*
    Ich hab erst gedacht 2 = Luxus und 10 schon sowat wie 2 Sterne Garni, umso erschrockener war ich als ich was von 70 bis 100 gelesen habe, aber abgesehen von der relativen Enge sieht das doch nett aus da. Das Klo, naja, Dixis auf nem Rockfestival sind schlimmer. Ne Packung Hygienetücher dabei ist sicher nicht verkehrt.

    Deine Abenteuerreisen sind echt der Kracher immer, so mal eben mit irgendwelchen fremden Leuten im Abteil durch Russland gurken ist wohl etwas zu dem sich nur wenige aufraffen könnten, die fahren wenn überhaupt mit der 2.

    Gefällt mir

    • August 4, 2014 8:19 am

      Hygienetücher braucht man nicht, weil immer Wasser da ist, auch Toilettenpapier und Papierhandtücher. Und im Gegensatz zu einem Rockfestival und übrigens auch der Deutschen Bahn werden die Toiletten mehrmals täglich gereinigt.
      Und das andere: Man sieht ja ständig Berichte über Leute, die mit der Transsib reisen. Ich habe die auch nicht gesehen und vermute deshalb auch stark, dass die mit den komfortableren Zügen reisen. Die meisten fahren ja dann eh nach Peking und nicht nach Wladiwostok

      Gefällt mir

Trackbacks

  1. Von wegen nur Birken – Inchs Reisen und Fotos

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: