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Eingewöhnung

Juli 31, 2014

Eingequetscht zwischen der Trasse der Eisenbahn und den sich wie eine Epidemie ausbreitenden Hochhäusern der Moskauer Vororte behaupten sich ein paar alte Holzhäuser. Bedrängt von den mehr als 20geschossigen Wohnsilos im Nacken schneiden ihnen die Stahlstränge der Eisenbahn jeden Fluchtweg ab. Sie kommen mir vor wie Tiere auf der Roten Liste. Schutzlos. Ohne Lobby. Die Dörfer im Moskauer Umland, vom Aussterben bedroht. Jede Hilfe scheint zu spät zu kommen.

Wir sitzen im Zug Richtung Omsk. Knapp zwei Tage wird es dauern, ehe wir die Stadt erreichen werden. Das wird dann schon in Sibirien sein, in Asien.

Freundin Nr. 1 hat uns zum Bahnhof gebracht, zum Jaroslawer, von dem alle Züge Richtung Wladiwostok starten. Weil hier drei Bahnhöfe stehen, könnte das für Neuankömmlinge verwirrend sein, aber wir sind eine Stunde vor Abfahrt unseres Zuges da und haben genug Zeit, uns zu orientieren. Der genaue Bahnsteig wird eh erst max. 30 min vor Abfahrt bekannt gegeben.

Das Abteil, ich habe für alle Zugfahrten immer die zwei oberen Liegen gebucht, teilen wir uns zunächst mit nur einer Frau aus Nischij Nowgorod, das liegt nur 461 km von Moskau entfernt und wird noch am Abend erreicht. In Wladimir steigt dann noch ein junges Mädchen zu.

Wir haben uns eingerichtet, aber nicht gut vorbereitet. Leider habe ich mich von der Cousine beeinflussen lassen, als die meinte, sie würde im Zug keinesfalls andere Sachen anziehen. Jetzt würde ich mich gern umziehen, aber die „Zugsachen“ liegen ganz unten im Rucksack. Und, so praktisch die Abteile auch eingerichtet sind, ganz tief im Rucksack wühlen ist irgendwie ganz ungünstig. Auch meinen Trinkbecher, den ich mir in Moskau extra gekauft habe, weil meiner in Leipzig auf dem Küchentisch stehen geblieben ist, habe ich ungünstig verpackt. Aber bei der Schaffnerin kann man sich Teegläser ausleihen.

Der erste große Halt erfolgt in Wladimir (km 210), eine der ältesten Städte Russlands, die 1108 als Festung gegründet wurde. Uns bleiben exakt 37 min, um uns die Beine zu vertreten, ein bisschen umzusehen, Essen zu fassen.

Wir vermissen die Babuschki, die frisches Obst, Piroggen usw. verkaufen, aber von den Mitreisenden erfahren wir, dass die wegen der Terrorismusgefahr nicht mehr auf die Bahnhöfe dürften. Das ist jetzt ganz blöd. Das stand so in keinem Forum. Wir haben uns voll darauf verlassen und nur eine Notration mit. Zum Glück gibt es aber dafür kleine Kioske auf den Bahnsteigen. Und bei mehr als 30 min Aufenthalt kann man natürlich auch mal schnell auf den Bahnhofsvorplatz wetzen. Hinter dem Ural, so meinen unsere Mitreisenden, würde das sicher besser werden mit den Babuschki. Aber bis zum Ural ist es noch ein Stück. Stattdessen laufen Frauen durch den Zug, die Kristallkram verkaufen. Es muss hier irgendwo ein Werk geben und die Arbeiterinnen haben einen Deal mit dem Zugpersonal, denn eigentlich darf man die Waggons nur mit gültiger Fahrkarte betreten. Aber dazu schreibe ich im nächsten Blog mehr. Wie das funktioniert und was man braucht.

Unser Zug fährt übrigens bis Sewerobaikalsk, dafür braucht er knapp vier Tage und es sitzen tatsächlich Leute im Zug, die von Moskau bis Sewerobaikalsk durchfahren. Das sind vor allem Familien mit Kindern, die in die Ferien fahren.

Auch Nischnij Nowgorod, wo der Zug wieder für 30 min hält, gehört zu den älteren Städten Russlands.

Ich muss sagen, ich bin an diesem ersten Tag noch damit beschäftigt, den Zug zu erkunden. Mich einzurichten. Statt mich mit den Mitreisenden zu unterhalten, schaue ich lieber den Kindern im Gang zu. Oder aus dem Fenster. Ich bin noch ganz gefangen von diesem neuen Abenteuer.

Bis Kotelnitch bei km 830 fahren wir auf der sogenannten „Neuen Strecke“ über eben Nischnij Nowgorod, wo wir die Wolga überqueren. In Kotelnitch geht es dann zurück auf die alte, die historische Strecke. Aber das passiert irgendwann nachts zwischen 2 und 3. Da schlafe ich längst.

Leider bestehen unsere Abteilnachbarn auf geschlossene Fenster, was für ein bisschen warme Luft sorgt. Zum Glück haben sie uns aber geraten, die Bettdecken nicht zu beziehen, sondern nur die Bettbezüge zu nutzen. Sonst wäre das kaum auszuhalten.

Inzwischen teilen wir uns das Abteil mit einer „Pädagogin“, sie ist Erzieherin in einem Waisenheim, die nach, ich glaube, es war Bratsk, fährt,um dort ihre Schwester zu besuchen, und einer jungen Frau, die irgendwo bei Wladiwostok in einem Reservat irgendetwas mit ussurischen, wie die sibirischen auch genannt werden, Tigern macht. Aber genaueres will sie nicht sagen. Ich hoffe trotzdem, dass das, was sie da tut, dem Schutz der Wildkatzen dient. Wie wir macht sie Urlaub auf der Transsib, fährt aber bis Nowosibirsk.

In Perm trifft die Pädagogin ihre Cousine. In Perm haben wir 20 min Aufenthalt. Zeit, um Verwandte mal zu herzen, Geschenke auszutauschen… Und wir reden uns damit heraus, dass wir Verwandte nicht besuchen könnten, weil sie zu weit entfernt wohnten….

Irgendwo zwingt sie mich, Quark zu essen. Nun mag ich die Russische Küche sehr, Quark allerdings und Buchweizengrütze gehören nicht zu meinen Lieblingsspeisen. Andererseits ist es fast unmöglich, das Essen abzulehnen, ohne die Frau zu beleidigen. Und die Pädagogin ist genau so, wie man sich eine Sowjetische Pädagogin vorstellt. Da gehorcht man lieber. Ich sage mir also, dass es mich hätte schlimmer treffen können, nämlich, wenn da statt des Quarks diese ekelhafte Grütze auf dem Speiseplan gestanden hätte, und versuche den Geschmack mit Keksen zu neutralisieren.

Wenige Meter östlich des Haltepunktes Werschina, sagt mein Reiseführer, steht ein Obelisk auf der rechten Seite der Bahnstrecke, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert. Leider hält unser Zug nicht in Werschina (km 1777), ich sehe den Obelisken trotzdem. Ihn zu fotografieren gelingt mir natürlich nicht.

Irgendwo unterhalte ich mich mit einem reisenden aus einem anderen Abteil, der mir erzählt, dass er in Tschechien, bzw damals war das ja noch die CSSR, gedient hat. In der Sowjet-Armee natürlich. Das verblüfft mich. Bis zu diesem Moment hatte ich wirklich geglaubt, die seien nur in der DDR stationiert gewesen. Nicht, dass ich nie vom Prager Frühling gehört hätte, aber dass „die“ dann dort geblieben sind?

So vergehen die ersten 42 Stunden Zugfahrt. Oder waren es 38?

Wir erreichen Omsk 6:07 Uhr Moskauer Zeit, losgefahren sind wir 12:45, vorgestern. In Omsk müssen wir die Uhren 3 Stunden vorstellen.

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13 Kommentare leave one →
  1. Juli 31, 2014 10:39 pm

    Du erzählst wieder einmal so ungemein anschaulich und lebendig, liebe Inch. Da hat man beim Lesen das ganz starke Gefühl, direkt mit dabei zu sein…

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  2. Juli 31, 2014 11:24 pm

    So so, den Kascha hättest du nicht gemocht? 🙂
    Es ist schön, wie du die Menschen beschreibst. Ich glaube, solche Erlebnisse machen eine solche Reise erst interessant.

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    • August 2, 2014 12:15 am

      Nein, ich mag das nicht. Auch nicht Hafergrütze und was es da sonst so für Breis gibt.

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  3. Juli 31, 2014 11:45 pm

    Das ist echt krass. Und mal wieder derbe spannend. Die Koje sieht echt gemütlich aus, aber sitzen kann man dann nur unten auf den Betten oder wie? Dann hätte ich natürlich auch oben reserviert.
    Der Bahnhof von Kungur gefällt mir, der ist niedlich. Überhaupt großes Lob mal wieder,
    lesen + gucken = fast wie mitfahren :).

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    • August 2, 2014 12:16 am

      Die Koje IST gemütlich. Sitzen kann man da auch. Aber zum Essen ist es natürlich gemütlicher unten und da, ja, da sitzt man dann im Bett der anderen. Da ist oben schon schöner

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  4. August 1, 2014 12:36 pm

    …ich bin hin&hergerissen— ein weiterer toller Etappenbericht und eindrückliche Fotos. Mit den Zugbildern zerschlägst du allerdings liebgewordene Russenvorurteile. Ich dachte da an so eine Art tausendrädrige Klapperpostkutsche mit fauchender Zugmaschine 😉
    Aber der kleine Junge in Unterhose, Unterhemd und Latschen hats wieder gerichtet. So sehen die männlichen Touristen hier auch aus, kleine und grosse.. Und natürlich der graue Himmel über Omsk. Besucht die Sonne Sibirien jemals?
    Die Bahnhöfe sind ja toll!!!
    Weiter Fotos entwickeln und Erlebnisse in die Tasten hauen… bitte!
    Mittäglichsonnigzikadenschnarzendfröhliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • August 2, 2014 12:19 am

      Oh, ich habe mir den Bauch verbrannt da im Osten!!! Der schält sich jetzt noch. Wenn das so weitergeht, nehme ich noch ab. 😉 Also Sonne hatten wir reichlich, auch in Omsk! Und die Bahnhöfe, ja, die sind schön. Der schönste war in Omsk. Und dann haben die überall so alte Loks rumstehen und…hach, es würde Dir gefallen. Ich bin ganz sicher!

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      • August 2, 2014 10:50 am

        … hach – schon nach deinen wenigen Berichten und den tollen Fotos glaube ich das auch 😉
        Samstäglichsiebensonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  5. August 1, 2014 10:45 pm

    Na, Herr Ärmel, da sollten Sie erstmal Business buchen, ab Vladik … Da gibts von Klima über LCD TV bis zum eigenen Bad alles, was des Reisenden Herz begehren könnte.
    Das mit dem Umziehen hättei ch natürlich vorher bekannt geben können. Habe ich nicht? „Der Russe“ beginnt mit der Erholung, russ. otdykh, wenn er seinen Antidas- Trainingsanzug angezogen hat. Duschen usw. ist lästig.
    Das Fehlen der Verkäuferinnen bemerkt man nur bis zum Ural. Nachher wurde es sicherlich besser. Terror hört spätestens am Baikal auf …

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    • August 2, 2014 12:21 am

      Ich wusste das mit dem Umziehen ja! Aber die Cousine hat das so kategorisch für sich abgelehnt und sich doch dabei immer so als Russlandexperte ausgegeben, dass ich verstört meine Zugsachen weggepackt habe. Aber nur bis Omsk. Ab da hatte ich sie immer griffbereit. Und stimmt, hinterm Ural standen sie dann, die Verkäuferinnen

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    • August 2, 2014 1:32 am

      Herr Ostnomade, ich bitte Sie, lassen Sie mir wenigstens einen Rest von meinen Vorurteilen 😉
      Nächtlichruhige Grüsse vom Schwarzen Berg

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