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Gastfreundschaft und Freundlichkeit sind zwei verschiedene Dinge

Juli 28, 2014

Moskau, Samstag, der 28. Juni

Wer zum ersten Mal nach Russland reist, mag sich veralbert vorkommen. Belogen.

Russische Gastfreundschaft?

Was? Wo?, fragt er sich, während ihn die mit fliegenden Passagiere aus der Maschine schubsen und er sich übel gelauntem Flughafen-Personal gegenüber sieht, von der Klofrau angeschnauzt wird, auf Russisch natürlich.

Das liegt wohl daran, dass er, der unerfahrene Reisende, Gastfreundschaft mit Freundlichkeit gleichsetzt. Ein nachvollziehbarer Denkfehler, wie können gastfreundliche Menschen unfreundlich sein, und aus welchem Ärmel bitte schön sollen so dermaßen übel gelaunte Menschen so etwas wie Gastfreundschaft zaubern?

Ich gebe zu, ich vergesse das mit der Übellaunigkeit immer etwas, wundere mich dann aber keine Sekunde, wenn ich mich ihr wieder ausgeliefert sehe. Ich weiß ja, dass das nur eine sehr kleine, leicht zu überspringende Schwelle ist und schwupps, plumpst man hinein in die sprichwörtliche Gastfreundschaft und kann sich ihrer kaum erwehren. Ich habe mir während der letzten vier Wochen so meine Gedanken zu dieser Eigenart der Russen gemacht, Theorien aufgestellt und verworfen… frau hat ja Zeit im Zug.

Noch aber sitze ich im Flieger, der gerade in Moskau gelandet ist und langsam übers Rollfeld rollt. Verwundert beobachte ich, wie die anderen Passagiere aufstehen und ihr Gepäck aus den Ablagen kramen. Wo wollen die denn alle hin? Die Stewardess bittet erst auf Deutsch, sich hinzusetzen, bis das Flugzeug seine Parkposition erreicht hat, dann auf Englisch. Schließlich brüllt sie Russisch, im Befehlston. Das wirkt. Alle sitzen wieder. Ungeduldig, aber sie sitzen.

Bis das Flugzeug steht. Jeder will der Erste sein. Meine Sitznachbarn auch. Also stehe ich, am Gang sitzend auf, um ihnen Platz zu machen, werde von den von hinten drängenden geschubst und geschoben, bis ich mich endlich wieder auf meinen Sitz flüchten kann.

Wo wollen die nur alle hin? Die Türen sind noch verschlossen und am Gepäckband müssen eh alle noch mal warten.

Dann stürzt alles zu eben diesem Gepäckband. Gewinner ist der, der gleich da an dem Loch steht, aus dem das Band kommt, oder was?

Ich frage mich belustigt, ob die Russen schon immer so waren, oder ob sie sich dieses Gerenne erst in den 70 Jahren Sozialismus angeeignet haben. Denn da herrschte ja bekanntlich Mangel. Da musste man flink sein, wenn man noch eine Kartoffel abhaben wollte, bevor der Sack leer ist. Und so sieht das heute immer noch aus, als hätten sie Angst, nichts mehr abzubekommen von was auch immer, zu spät zu kommen, oder zu kurz. Kein Wunder, dass Deutsche A/I Touristen , die sich nicht die Mühe machen, mit Fremden zu sprechen, die Russen nicht leiden können. Wenn ich mir vorstelle, was da am Buffet abgeht in so einem Hotel in Ägypten.

Die Cousine ist schon eher nach Moskau geflogen, um Freunde zu treffen und erwartet mich jetzt mit Freundin Nr.1. Mit der hat sie vor ewigen Zeiten nicht nur zusammen studiert, sondern auch in einem Zimmer gewohnt. In Moskau versteht sich. 6 Jahre lang.

Die Begrüßung ist enttäuschend nüchtern. Wir haben uns schließlich ein Jahr nicht gesehen, da hätte ich mehr Freude erwartet. Aber die Cousine macht auf cool und winkt mir zur Begrüßung lässig zu. Hm.

Wir folgen Freundin Nr.1 zum Wagen und ich erleide mindestens 10 Herzkasper, weil ich denke, ein Auto fährt mich um. Tut es aber nicht. Wir, auch ich, überleben den Parkplatz und kommen heil am Wagen an. Freundin Nr.1 und Mann haben kein Navi. Eine Karte auch nicht. Das wäre jetzt sicher nicht schlimm, wenn man sich auskennen würde. Tun sie aber nicht. Wir wollen nämlich zu Freundin Nr.2. Wahrscheinlich aber wären Navi oder Karte eh vielleicht sinnlos, weil Freundin Nr.2 wohnt in so einem ganz neu gebauten Wohnkomplex im sogenannten Neu-Moskau, da gibt es vielleicht gar keine Karten noch nicht.

Es beginnt eine Irrfahrt durch die Außenbezirke Moskaus. Autobahnen mit Spur für Regierungsmitglieder, 4- oder 5-spurige Schnellstraßen ohne jede Markierung, unbefestigte Randstreifen, Blinker scheint es nicht zu geben, ein Kreuz und Quer und scheinbares Chaos. Mir stockt mehrmals der Atem, ich sehe uns Autos rammen oder von welchen gerammt werden. Am besten, ich mache die Augen zu.

Aber wir erreichen unbeschadet Butowo, eine Stadt aus Hochhäusern. Neu-Moskau nennen sie es und es wird noch fleißig gebaut. Auch nachts. Keine Platten, hier wird gemauert. Die Arbeiter hausen in Containern. Weil unsere Irrfahrt doch etwas länger dauerte, kommen wir erst im Dunkeln an und ich kann im Vorbeihuschen Blicke in die beleuchteten Fenster werfen.

Wir werden Freundin Nr.2 übergeben. 12. Etage, 2- Zimmerwohnung, solide gebaut, sehr geschmackvoll eingerichtet. Eine Eigentumswohnung.

Das Essen ist fertig. Natürlich gibt es viel zu viel. Ich brauche in Russland immer etwas, ehe ich mich einhöre. Und noch einen Tag länger, um selber in ganzen Sätzen sprechen zu können. Aber die Cousine redet eh ohne Punkt und Komma. Da kann ich mich aufs Essen konzentrieren. Als ich mich endlich eingehört habe, kommt der Freund der Nr. 2. Na den verstehe ich ja gar nicht. Die Cousine scheinbar auch nicht so richtig. Ich schalte geistig ab. Ich bin satt und müde. Wo ist das Bett?

 

 

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22 Kommentare leave one →
  1. Juli 28, 2014 5:32 pm

    Einfach nur wunderschön geschrieben. Wo bleibt der Verlag, der deine Sachen abdruckt?

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  2. Juli 28, 2014 5:58 pm

    Klasse Ankunft in Moskau – für mich meine ich, mit deinem Bericht . . . weiterschreiben und weiterbebildern jetzt: Tag&Nacht!!!
    Im Ernst, manches scheint wie auf dem Schwarzen Berg – ich bin gespannt, wies weitergeht 😉

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    • Juli 29, 2014 7:52 am

      Das Kind wird mir berichten. Es wird wohl die Ferien auf dem Schwarzen Berg verbringen. Sieht so aus, als wären bald alle dort gewesen. Außer ich.

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  3. Juli 28, 2014 6:19 pm

    Liest sich irgendwie seltsam, daß Gastfreundschaft und Unfreundlichkeit Hand in Hand gehen sollen… Aber bis auf einen zweiwöchigen Urlaub mit den Eltern vor gut vierzig Jahren in Ungarn bin ich noch nie in einem sogenannten Ostblockland gewesen… 😉

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    • Juli 29, 2014 7:45 am

      Na das mit der Gastfreundschaft und Unfreundlichkeit bezieht sich auch nicht auf den ganzen Ostblock, sondern auf Russland. Vor zwei Jahren war ich ja zum Beispiel in Rumänien und das bildeten Gastfreundschaft und Freundlichkeit eine Einheit

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  4. Juli 28, 2014 6:26 pm

    Ach, Inch, da hörst du auf! Jetzt hätte ich gerne noch ein bissel weiter gelesen. 😀

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    • Juli 29, 2014 7:46 am

      Ich war 4 Wochen weg. Das kann ich doch nicht in einem Ritt aufschreiben. Höchstens ichg liefere eine Zusammenfassung 😉

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  5. Juli 28, 2014 8:19 pm

    Endlich geht es los!! 🙂

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  6. Juli 28, 2014 8:57 pm

    Hach, schön eingestimmt. Ich herzkaspere bei der Beschreibung der Autofahrt gleich mit und hoffe, Du hast Dich auf meinem Beifahrersitz wohler gefühlt.

    Mag sein, dass die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft erst einsetzt, wenn die Beziehung persönlicher wird. Ich erwarte auch nicht unbedingt Gastfreundschaft, aber ein Mindestmaß an serviceorientierter Grundfreundlichkeit wäre schon schön und würde einem nicht das Gefühl vermitteln, mit bloßer Anwesenheit zu stören 😉
    (Chinesen habe ich übrigens noch einen Tick unfreundlicher und vor allem rücksichtsloser in Erinnerung.)

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    • Juli 29, 2014 7:47 am

      Auf Deinem Beifahrersitz habe ich mich nicht nur sicher, sondern auch pudelwohl gefühlt. 😀 Und was Service ist, müssen die Russen eh erst noch lernen. Wir sprachen ja darüber. Im Blog komme ich sicher auch hie und da drauf zu sprechen

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  7. Juli 28, 2014 11:28 pm

    Super Einstimmung auf Russland *g* das sind die unglaublich interessanten Reisen, bei denen ich mich freue wenn andere sie machen und so schön drüber berichten. Die Komiker die immer als erste aus dem Flieger und zum Gepäckband müssen gibt es aber auch in Deutschland zuhauf, deswegen sitz ich gerne am Fenster und warte ab bis sich die Aufregung gelegt hat.

    Wenn ich mir diese monströsen Wohntürme ansehe frage ich mich allerdings, warum die Russen unbedingt die gleichen Fehler machen müssen wie wir in den 70er Jahren, aber wahrscheinlich habe ich eine völlig falsche Vorstellung was den Unterschied zwischen „schöner wohnen“ und „Hochhausghetto“ in Russland ausmacht.

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    • Juli 29, 2014 7:50 am

      Ja, das stimmt. Das mit dem als Erster am Gepäckband sein. Nur in Moskau waren das eben nicht nur ein paar, sondern alle bis auf vielleicht 7-8 Leuts.
      Und ja, der Russe findet es da schön, wo alles neu gebaut ist. Scheint uns auch so. Jedenfalls war es immer ein Fehler, einen Einheimischen zu fragen, wo es in seiner Stadt denn schön sei. Außer in Moskau wurden wir immer wohin geschickt, wo die Fugen zwischen den Gehsteigplatten noch nicht richtig getrocknet waren

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  8. Juli 29, 2014 8:12 am

    Ich freue mich auf weitere Berichte. Sprachlich wäre ich total aufgeschmissen, da mein Schulrussisch total verschüttet ist. Aus acht Jahren ist fast nichts hängen geblieben.

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    • Juli 30, 2014 6:51 pm

      Ach, Du würdest staunen, wieviel doch hängen geblieben ist. Man muss nur ne Weile Russisch hören. Ganz viel und rundherum

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  9. Trude permalink
    Juli 29, 2014 10:11 am

    Ach wie schön, die erste Etappe zum nachlesen. Freue mich aufs Weitere.
    Winke, die Trude
    PS: Hast du die Bücher alle gelesen? Oder doch geguckt und gestaunt und beobachtet….

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  10. Juli 29, 2014 6:08 pm

    Ja, so isses. Leider. Die Rennerei aus dem Flugzeug hat auch damit zu tun, dass in manchen airports die Grenzkontrolle unberechenbar ist. Wer da eher dran ist, hat vielleicht eine Viertelstunde gespart. – Besonders nachts in Domodedovo zu erleben.-

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  11. August 2, 2014 11:31 am

    grad habe ich, danke irgendlink, deinen reisebericht entdeckt. klasse geschrieben!
    ich lese weiter … danke für deine berichte!

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