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Kälte, Kopfsteinpflaster und kein Leben

Mai 6, 2014
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Mein Lieblingswahlplakat der NPD

Was mir schon am Donnerstag ab hinter Halle auffiel, war das Fehlen von Wahlplakaten gewisser farbloser Parteien. Und das setzte sich am Freitag fort.

FDP? Fehlanzeige.

SPD? Nirgends gesehen.

CDU? Nur sehr, wirklich sehr vereinzelt.

Nicht mal die AfD war vertreten. Dafür NPD und Die Linke.

Als würde man sich zwischen Halle und Zerbst den Weichspülgang sparen, jedenfalls auf den Dörfern.

Dafür sah ich schon in Halle Wahlplakate der MLPD, auch in anderen kleineren Städten in Sachsen/Anhalt. Ich wusste gar nicht, dass es die noch gibt.

Aber ich schweife ab.

Die alte Schule in Gnölbzig soll ja nun irgendwie umgebaut werden. Ich hoffe nicht zur Pension, denn dafür hat die Besitzerin (?) wenig Werbung gemacht. Für drei Leute, fand sie nämlich, lohne es sich nicht, Frühstück zu machen. Dabei war sie, als wir im Regen eintrafen, wirklich besorgt und bot sofort an, uns Kaffee oder Tee zu kochen. (Im Link erfährt man, das wird keine Pension)

Also stiegen wir bei Nieselregen und eiskalten Temperaturen auf die Räder, sparten uns den Saale-Radweg und fuhren direkt nach Alsleben.

Ich hatte beim Packen meine langbeinige Sommerradhose nicht gefunden und aus Verzweiflung die Winterhose eingepackt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich jetzt darüber war. Und Winterjacke und Weste und Regenjacke übereinander gezogen, schränken zwar die Bewegungsfreiheit etwas ein, halten dafür aber warm und trocken.

Von der im letzen Jahr beschriebenen Kreativität und Energie der Bewohner am rechten Ufer der Saale ist links nichts zu spüren. Ganz so, als würde der Fluss nicht nur die Landschaft teilen.

Kopfsteinpflaster, scheinbar ausgestorbene Dörfer, und wenn dann doch mal Menschen auftauchen, scheinen die jenseits der 80 zu sein.

Die Häuser, die aus dem selben Material gebaut worden zu sein scheinen wie die Straßen, sähen bei Sonnenschein wahrscheinlich romantisch aus, aber bei diesem Pieselwetter wirken sie trist und geben vermutlich ein realistischeres Bild ab.

In Alsleben vermuten wir den Bäcker im Zentrum, doch wir werden ein paar Straßen weiter geschickt. Dort, wo sich enge Straßen kreuzen, stehen Fleischer und Bäckerei Eck an Eck und bilden, zumindest an diesem Freitagvormittag, das Zentrum des Ortes.

Während die Freunde in der Fleischerei um belegte Brötchen anstehen, sitze ich in der Bäckerei und beobachte fasziniert das Treiben.

Durch die offene Tür kann ich in die Backstube sehen, aus der eine Frau immer mal ruft: 3 Minuten oder noch 2 Minuten. Ich denke, die Stimme meint unseren Kaffee, aber es geht ums Brot. Die Schlange der Kauflustigen reicht bis auf die Straße, wo Rollatoren geparkt stehen, keine Autos. Manchmal springe ich auf und helfe einer Omi, die mühselig die drei Stufen in den Laden erklimmt, die Tasche zu tragen. Dann sitze ich wieder da und folge dem Treiben wie in einem Theaterstück.

Die Preise sind so unglaublich, das gebotene Schauspiel so wundervoll, das Wetter draußen so ausladend, dass ich am liebsten den ganzen Tag hier sitzen würde.

Für den Kaffee muss die Verkäuferin dann erst einen Löffel suchen. Glücklich präsentiert sie mir den einen, den sie schließlich findet. Ich stopfe Eclairs in mich hinein und etwas mit Pfirsich- Quark und frage mich nun doch, wo die Freunde bleiben.

Als sie endlich kommen, empfehle ich ihnen das Gesamtkunstwerk Bäcker, während sie vom Fleischer schwärmen.

Also Ortswechsel.

Durch die offene Tür kann ich den Metzger beobachten. Die Omi, der ich vor 20 min in den Bäcker half,  hat nun díe Fleischerei erreicht. Doch weil hier keine 3 Stufen den Verkaufsraum von der Straße trennen, schafft sie den Weg zur Theke ganz allein.

Es gibt hier keine fertig belegten Brötchen oder dergleichen. Ich wähle also die Wurst, die Verkäuferin wiegt sie ab, entschuldigt sich dann, verschwindet in einen Nebenraum und kommt mit den geschmierten Brötchen wieder. Es gibt natürlich auch keinen Einheitspreis. Bezahlt wird nach Gewicht. Mir geht es hier fast ein bisschen wie beim Bäcker: Ich würde gern sehr viel mehr kaufen als ich essen kann. Naja, ein paar Knacker für unterwegs. Und vom Bäcker noch ein paar Brötchen…

Leider müssen wir heute 73 km fahren, und da wir erst 5 geschafft haben, müssen wir uns schweren Herzens von der Stadt der Rollatoren verabschieden.

Großwirschleben in der Gemeinde Plötzkau ist dann so ein Ort, der idyllisch wirken könnte, auf dem Schloß Plötzkau gibt man sich alle Mühe, Leben in die alten Gemäuer zu bringen, aber bei der Kälte und dem Wind. Und überhaupt: Ich.hasse.Kopfsteinpflaster!

Irgendwo zwischen Bernburg und Zerbst dann ein Ort, der zu seiner Vergangenheit steht. Hier gibt es neben der Kindergartenstraße auch eine LPG-Straße. Und wer weiß noch, was eine MTS ist?

Und dann, bei Calbe, ein Ort namens Gottesgnaden. Dort hocken wir im Saalehof zum Mittag. Die Gastronomie befindet sich im alten Stallgebäude, aber eigentlich ist das eine alte Zuckerfabrik. Die Verwaltung einer Brennerei war da und wohl auch ein Reitplatz. Heute alles umgebaut oder noch im Umbau zu Gaststätte, Pension und Galerie.

Und dann sind wir schon an der Elbe. Eine Überfahrt mit der Fähre und dann die letzten paar Kilometer zur Domäne Badetz.

Der Vierseithof stand einige Jahrzehnte leer, das sieht man den Ruinen heute noch an. Doch das Haupthaus wurde liebevoll saniert. Es gibt eine Gaststätte und Zimmer.

Leider scheint der Wirt etwas sparsam zu sein. So wird die Heizung erst auf Bitte meinerseits angeschaltet. Und natürlich macht er sie nachts aus. Meinetwegen. Nachts liege ich unter der Decke. Doch, obwohl auf höchste Leistung gestellt, wird die Heizung nur lauwarm. Draußen sind 7°C, in der Nacht sollen die Temperaturen auf 2 sinken. So etwas ärgert mich maßlos. Dass die Steckdosen etwas sinnfrei angebracht sind und gern auch mal raus fallen, amüsiert mich dagegen (allerdings muss ich mich auch nicht rasieren).

Ein paar Fotos (drauf klicken = groß gucken)

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11 Kommentare leave one →
  1. Mai 7, 2014 6:57 am

    Vielen Dank speziell für das Schild. Ich hatte in Meckpomm mal Ähnliches entdeckt, aber „LPG Straße“ toppt alles. 🙂

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  2. Mai 7, 2014 1:13 pm

    Sehr ländlich. In solchen Gegenden macht zwischen Tristesse und Idylle manchmal nur eine Wolke den Unterschied.

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  3. Mai 7, 2014 3:55 pm

    wahrscheinlich meinst du mit mts nicht das, was gugl in wiki an 1. stelle zeigt: Die Abkürzung MTS steht für: Flughafen Matsapha in Swasiland (IATA-Code), sondern eine band, die 1973 in der ddr entstand?! – auf so eine schlechtwetterfahrradfahrt hätte ich gerne verzichtet, aber das weiß man ja vorher nicht. stimmungsvolle fotos sind dabei entstanden.

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    • Mai 7, 2014 6:10 pm

      Stimmt, es gab eine Band in der DDR, die sich MTS nannte. Ich glaube, das sollte Männlich, Tapfer, Schön oder so heißen. Aber nach denen ist die Straße sicher nicht benannt. 😉 Vielmehr war das eine augenzwinkernde Anspielung auf die MTS, Die spielten eine wichtige Rolle bei den LPG Typ II. Die meisten Typ I und II LPG wurden ja später alle Typ III. Aber es gab einige winzige Enklaven, wie zB das Dorf, in dem ich lebte.Nun aber genug der Hinweise, es darf weiter geraten werden.
      Und ja, den Flughafen im Swasiland meine ich auch nicht 😀

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      • Mai 7, 2014 6:12 pm

        Interessant, dass nicht mal Wiki das weiß. Und die Band hieß natürlich Mut, Tatendrang und Schönheit

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  4. Ralle permalink
    Mai 8, 2014 1:32 pm

    MTS heißt Maschinen-Traktoren-Station. Gab es in Schladitz direkt an der 184.

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  5. Mai 8, 2014 11:36 pm

    Ach, das erinnert mich an mein Dorf, in dem ich mal kurz lebte. Da gab es genau solche Straßen und Häuser, eine GAP-Staße, allerdings auch jede Menge rechtes Gedankengut.
    Interessant ist er, dein Bericht. Er gefällt mir gut.

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Trackbacks

  1. Die Sonntagsleserin | Über den Kastanien

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