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Walken. Sonntags

März 30, 2014

Dicker weißer Nebel verschluckt die Stadt. Nur da, wo ich das Reichsgericht vermute, zeigt sich am ebenfalls vermuteten Himmel eine leichter Schimmer. Die Sonne, die den Nebel zu durchdringen sucht.

Gut.

An einem nebligen Sonntagmorgen wird der Park noch leerer sein, als an einem sonnigen Sonntagmorgen.

Ich schnappe mir die Stöcke und schleiche mich durch den Hinterausgang aus dem Haus und gelange unbehelligt in den Park.

Gut.

Ich beginne meine Runde, die nicht festgelegt ist. Der Takt der Stöcke begleitet mich. Nur sehr, sehr wenige Menschen treffe ich. Ein einsamer Radfahrer, der entweder zu einer Sonntagsschicht fährt oder von einer durchzechten Nacht heimkehrt, eine Frau, die ihren Hund Gassi führt, zwei Jogger. Falls sie mich auslachen sollten, verschluckt der Nebel ihr spöttisches Grinsen.

Aber sie lachen mich nicht aus. Ich weiß sehr wohl, dass ich mir die verächtlichen Blicke der Menschen, die mir beim Walken begegnen, nur einbilde. Trotzdem ziehe ich es vor, den Park mit Stöcken nur zu betreten, wenn mit weniger Verkehr zu rechnen ist.

Ein Sonntagmorgen ist so ein Zeitpunkt. Und wenn es neblig ist, fühle ich mich fast unsichtbar.

Im Johannapark treffe ich nur den Radfahrer, als ich den Clarapark erreiche, begegnen mir Frauchen und Hund und die zwei Jogger.

Ein auf einer Bank zusammengesunkener Betrunkener entpuppt sich beim Näherkommen als Papierkorb und als ich die Warze, einen im Winter bei Kindern beliebten Rodelhügel hinauf stakse, muss ich an die amerikanischen Krimiserien denken, die ich abends gern laufen habe. Leider schaffe ich es selten, so lange interessiert oder wach zu bleiben, bis der Mörder entlarvt und überführt ist, doch während die Missetat selber gezeigt wird, bin ich immer dabei. Und mir fällt ein, dass im Central Parc abgelegte Leichen immer von Joggern gefunden werden, von Spaziergängern oder Leuten, die ihren Hund Gassie führen. Ich überlege angestrengt, ob schon mal ein Walker einen Niedergemetzelten gefunden hat und kann mich nicht erinnern.

Gut. Das ist gut. Ich werde also keine traumatische Überraschung erleben. Obwohl, vielleicht gibt es ja in New York keine Walker? Habe ich in New York Walker gesehen? Ich kann mich nicht erinnern.

Aber das ist nicht New York und nicht der Central Park und auf der Warze erwartet mich keine Leiche, sondern die Überreste der letzten, einer Samstagnacht. Kaputte Bierflaschen, ein erkaltetes Lagerfeuer und die Reste eines Grills.

An der Sachsenbrücke macht sich ein Trio älterer Damen warm. Ihre Stöcke lehnen an der Steinbrüstung. Als ich gestern Abend hier lang fuhr zur Kleinfamilie, waren hier so viele Menschen, dass man die steinernen Bänke nicht sehen konnte. Jemand hatte auf der Straßenmitte einen leeren Bierkasten platziert und eine Fahrradpumpe. Ein Trio junger Männer spielte Klezhmer, junge Menschen saßen auf den Bordsteinkanten und den Brüstungen. Ich fragte mich ums wiederholte Mal, wann und wieso diese Brücke, ausgerechnet diese, so beliebt wurde. Nur 200 m weiter steht eine viel schönere. Aber vielleicht ist diese andere nicht breit genug. Und sie verbindet auch nicht die zwei Flussseiten mit den meisten Liegewiesen, von denen gestern Abend Trommelklänge, Gesang, Gitarren und die Rufe Ball oder Frisby spielender junger Männer herüber drangen, und die Luft den verführerischen Duft nach Fleisch und vermutlich allerhand vegetarischem durch den Park trug.

Jetzt liegen die Wiesen leer und verlassen unter dem dichten Nebel. Dort, wo er sich lichtet, zeigen sich die Spuren der letzten Nacht.

Nach der Brücke biege ich links ab. Früher, als ich noch joggen durfte, war das meine Lieblingsstrecke. Entlang des Elsterflutbettes. Walkend meide ich ihn eigentlich, denn der Weg ist schmal und die Stöcke sind jedem Radfahrer und Jogger ein ärgerliches Hindernis. Ich weiß das. Doch an einem nebligen Sonntag morgen treffe ich niemanden, dem ich ein Hindernis sein könnte. Aus dem Wald rechts dringt der Lärm der Vögel, aus dem Park links das klagende Krächzen der Krähen.

Ich biege ab und stakse auf schmalen Pfaden durch den Wald mit seinem Bärlauchteppich. Es wird Zeit, mir meinen Jahresbedarf sammeln zu gehen, denke ich und hoffe, nicht wieder auf Leute zu treffen, die den wilden Knoblauch im großen Stil ernten. Da sehe ich die Spuren dieser Art Sammler. Sie schneiden die Pflanzen büschelweise ab. Das, was dabei an „schlechtem oder nicht zu gebrauchendem“ in die großen Kiepen oder Al.di-Tüten gelangt, finde ich wenig später auf einem breiteren Waldweg. Idioten, denke ich. Wer macht so etwas? Ich möchte gern an Leute glauben, die das Zeug eher ernten denn sammeln und dann auf folkloristischen Märkten zu Geld machen, aber wahrscheinlich sind auch jede Menge hipper Ökoterroristen dabei. Schließlich ist es trendy, Bärlauch zu sammeln. Von Leuten aber, die einem Trend hinterher jagen, kann man, auch wenn sie diese Jagd in die Natur führt, keinen Respekt für eben diese erwarten.

Es ist so leer und neblig im Park, dass ich mich nach kurzem Zögern entschließe, den Trimm-Dich-Park zu erkunden. Leider sind die Schilder zugeschmiert und zugesprayt, teilweise so stark, dass man die Anleitungen nicht lesen kann. Das ist Schade. Man kann ja Trimm-Dich-Pfade und-Parks für dämlich halten, andere an der Benuzung zu hindern, ist aber genauso dämlich. Ich probier mich an ein paar Balance-Einheiten, teste so ein seltsames Gerät und habe meinen Spaß, da kommt ein Jogger, der die Sache hier ziemlich ernst nimmt. Über sein Stöhnen muss ich so gickern, dass ich fast vom Drahtseil falle. Ich schnappe lieber meine Stöcke und stakse weiter durch den Park.

Die Sonne hat es jetzt geschafft, auf den Lichtungen ist die Sicht nur noch hie und da von in Bäumen und Gebüschen hängen gebliebenen Nebelfetzen unterbrochen. Auf der Brücke begegnen mir die ersten schnatternden jungen Mädchen, ein Radfahrer breitet seine Decke auf eine der Wiesen aus.

Im Johannapark treffen die ersten Eltern ein, ihren Nachwuchs in Fahrradanhängern hinter sich herziehend.

Nicht mehr lange, dann wird der Park summen wie ein Bienenschwarm, der große Spielplatz an der Rennbahn wird überfüllt sein, in den Sandkästen werden junge und ältere Eltern ihren Kindern das Spielen beibringen, die Bänke werden besetzt sein von Lesenden und Liebenden, die Angler werden ihre Siebensachen packen und ihre Beute nach Hause tragen, auf den Wiesen wird man kauam noch einen Platz für seine Decke finden, auf der hinter der Eisdiele aber werden sich ausschließlich Eltern mit Kleinkindern niederlassen, 100 m weiter werden Teenager auf den Bordsteinkanten und Brüstungen der Sachsenbrücke hocken und warten, was der Tag so bringt.

Der Park ist bereit, all die luft- und sonnenhungrigen Städter aufzunehmen.

Ich aber stakse nach Hause, dusche und warte, dass die Prinzessin kommt. Nach dem Mittagsschlaf, denke ich, gehen wir in den Park. Auf den kleinen Spielplatz. Ich werde ein Buch mitnehmen oder Strickzeug und hoffen, dass auf einer der Bänke am Sandkasten noch Platz ist.

 

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7 Kommentare leave one →
  1. März 30, 2014 4:21 pm

    schön. sehr schön! stimmungsvoller bericht mit stimmungsvollen fotos. so früh ist es am schönsten, aber ich schaff´s nicht aus dem bett, hab gerade meinen morgenkaffee um 11 genossen. viel spaß mit der prinzessin.

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    • April 1, 2014 9:02 am

      Ja, die Katze. Die Katze weckt mich jeden Morgen. Stupst an mir rum, bis ich mich aus den Federn quäle und zur Fütterung schreite

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      • April 1, 2014 10:31 am

        Ich habe eine Kollegin, die möchte keine Kinder. Weil die so anstrengend sind und so viel Arbeit machen. Die Kollegin hat fünf Katzen.

        (Das fiel mir jetzt nur wieder so ein, weil hier schon lange kein Kind mehr stupst, bis wir zur Fütterung schreiten. Jedenfalls nicht vor halb zehn.)

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        • April 1, 2014 12:27 pm

          Ja!!! Kinder sind da viel angenehmer! Die wissen, dass Eltern ihren Schlaf brauchen. Meine waren da auch viel rücksichtsvoller als die eine Katze

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  2. April 1, 2014 3:12 am

    Diese Stöcke sind echt ein Stigma, oder? *g* Wäre mir egal, seit ich in Norwegen die Vorteile solcher Dinger (beim wandern) genießen konnte grinse ich nicht mehr über Walker.
    Und den Bärlauchsammlern muss man vielleicht nur erklären, dass man Bärlauch anders behandelt als Pilze.

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    • April 1, 2014 9:07 am

      Ja, gruselig, das mit den Stöcken. Zumal ich ne Menge Freunde habe, die sich ständig lustig machen, sowohl über Walker als auch über die Skiläufer, die die Ski verloren haben 😉 Und ich gebe zu, ich mache da selber gern noch mit. Also nicht bei den Walkern, die stören bzw störten mich einfach nur, beim Radeln und beim Joggen. Wobei ich immer dazu tendierte, abzuwiegeln mit „wenigstens bewegen sie sich, das ist gut“.
      „Wanderstöcke“ habe ich bisher nur einmal verwendet, im Hochgebirge namens Tien Schan. Seit meiner OP will ich sie aber immer mit in die Sächsische nehmen, denke aber immer erst dort dran. Außer letzten Herbst, da habe ich sie gesucht und nicht gefunden. Wenn alle Maler und sonstigen Arbeiten beendet sind, wenn der Boden nicht mehr vollgemüllt ist mit Tapeten und Sägen und Haushaltskram, muss ich die noch mal suchen

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  3. April 3, 2014 8:04 pm

    Ich mag die „andere“ Brücke auch viel lieber und bin ganz froh, dass die so wenig beachtet wird. Und wenn ich mal der Menschen müde bin, dann verkriech ich mich ins Küchenholz – da ist schön viel Platz…

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