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Bilder und Musik

März 16, 2014

Ein kleines schmerzendes Klopfen ganz tief hinter der Stirn kündigt Ungemach an. Gleich eine Tablette schlucken oder erst Mal das Frühstück abwarten? Manchmal ist das ja nur Zeichen zu geringer Flüssigkeitszufuhr. Oder der falschen.

Während ich zum Fenster schielend noch diagnostiziere, dass sich zum drohenden Kopfschmerz heute auch noch schlechtes Wetter gesellen könnte und ich überlege, ob es die heutigen Veranstaltungen wirklich lohnt, das Bett zu verlassen, scheucht mich meine Gästin hoch.

Du, die Veranstaltung heute, die ist aber mir Voranmeldung!

Ich bin sofort wach, recherchiere das Programm noch einmal im Internet und wirklich: Anmeldeschluss 12. März.

Mist.

Doch einen Anruf und eine Email später stehe ich auf der Gästeliste, inklusive zweier Begleitpersonen. Das werden die Gästin und der Bekannte sein, der mich am Mittwoch mit ins Gewandhaus nahm. Eigentlich wollte ich noch Freunde fragen, ob sie uns zur Tranzyt-Nacht begleiten wollen, aber in der Kürze der Zeit und vor allem so früh an einem Samstagmorgen konnte ich deren Zusage nicht mehr einholen.

So hochgescheucht kann ich auch gleich das Frühstück bereiten. Der Kopfschmerz, wiewohl er nicht stärker wird, lässt sich weder mit Kaffee, noch mit Milch oder Wasser vertreiben. Also Tablette.

Dann aufs Fahrrad und ab in den Westen. Ganz in den Westen. Nach Leutzsch.

Wie lange war ich nicht mehr in Leutzsch? In der Villa Hasenholz gleich neben dem alten Bahnhof lockt eine Lesung. „Geisterstätten Leipzig. Vergessene Orte“ lockt mit Lesung und Führung. Verlassene Industriegebäude zu fotografieren ist nun nicht ganz neu, auch hier nicht, doch im Gegensatz zu „Lost Places“, dem Buch, sind die Fotos farbig und es werden Geschichten zu und/oder über die 14 ausgewählten Objekte erzählt. Mein Bruder bekam das Buch vor wenigen Tagen zum Geburtstag geschenkt und ich hätte es am liebsten gleich mitgenommen.

Die Villa Hasenholz, von der ich bis zum Samstag Mittag glaubte, sie hieße Villa Hasenfuß, vermutete ich irgendwo stadtnah, weswegen ich mich frohgemut mit der Kleinfamilie zum Kaffeetrinken bei den Großeltern ganz im Süden der Stadt verabredete.

Stattdessen rief ich nun vorsichtshalber an, mein Eintreffen eine Stunde zu verschieben und radelte gen Westen. Natürlich hatte ich Gegenwind, der mir unangebrachter weise auch noch vereinzelte Regentropfen entgegen schleuderte.

Villa Hasenholz, Künstleresidenz und Klub, das ist noch hinterm alten Leutzscher Bahnhof. Schon diese alte Gründerzeitvilla am Rand des Auenwaldes, mit Tanzsaal, Wintergarten und von Streuobstwiesen umgeben, lohnt sich die Anfahrt. Seit 2009 haucht Marion Salzmann dem denkmalgeschützten Haus wieder Leben ein. Ihr Ziel ist die komplette Sanierung und Wiederbelebung der Villa, doch noch sieht man dem Haus den jahrelangen Leerstand an und das hat ja auch einen gewissen morbiden Charme.

(Bilder kann man auch groß gucken, indem man drauf klickt)

Dieser reizt die Berliner Fotografin Babett Köhler auch an Ruinen. Arno Specht, der die Geschichten zu 6 der ausgewählten Orte schrieb, ist schon Autor der Bücher „Geisterstätten“ (Berlin) und „Geisterstätten Dresden“. Der Leipziger Krimiautor Uwe Schimunek schrieb die Geschichten zu den übrigen 8 Objekten. Besonders schön an der Lesung finde ich, dass alle drei ihre Beweggründe, solche Orte zu besuchen, erläutern, dabei Fotos zeigen, die es nicht in das Buch geschafft haben, Anekdoten ihrer Fototouren erzählen und auch ein bisschen ihre sonstigen Werke anschneiden.

Und nach der Lesung, die, obwohl so weit außerhalb des Stadtzentrums und so schwer zu erreichen, gut besucht ist, geht es rüber zum Bahnhof Leutzsch*, durch den zwar noch Züge fahren, der Haltepunkt aber wurde verlegt.

Nach dem Familiennachmittag will ich eigentlich in den Waageraum der Rennbahn. Allein der Location wegen. Aber meine zwei Begleiter für den Abend wollen um die Ecke essen, ohne mich kommen sie nicht ins Theater Fakt, ich weiß nicht, wie lange das da auf der Rennbahn dauert…, also gehe ich mit ins Café. Das ist bei Intellektuellen sehr beliebt, steht wahrscheinlich auch in jedem Reiseführer und ist, schon außerhalb der Buchmesse gut besucht, recht überfüllt.

Aber zum Glück fangen ja so Abendprogramme nie pünktlich an. Trotzdem kommen wir für einen guten Platz zu spät. Wir sitzen quasi inmitten der Videoinstallation, also zwischen zwei transparenten Leinwänden. Diese technokratische Musik, die der Pole da mittels Computer erzeugt, ist ja nicht unspannend, aber viel zu lang, zu laut ist sie sowieso und die Videoinstallation wirkt wie ein LSD-Trip und überhaupt sind wir diesen psychedelischen Kinderschuhen längst entwachsen. Dem Jungvolk gefällts aber, wie mir später ein Bekannter erzählt, der mit 19jähriger Tochter da ist. Jede Zeit hat ihre Lieder. Jedes Alter auch.

Meine zwei Begleiter allerdings verlassen das Theater nach diesem ersten Teil des Abends fluchtartig. Schade, besonders meine Gästin, die mir am nächsten Tag beteuert, ab 21:00 Uhr eh nicht mehr fit zu sein, hätte das ruhig schon eher ankündigen können, dann säße jetzt eine Freundin hier. Denn was nun folgt, ist einfach nur großartig. Die Ukrainische Schriftstellerin Natalka Sniadanko liest aus ihrem Roman „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ und dazwischen singt ihre Landsfrau Mariana Sadovska traditionelle Lieder, begleitet sich dabei selbst auf Piano und einem Instrument, das wie eine Mischung aus Akkordeon und Keyboard aussieht. Ihre Lieder sind schmerzhaft, schaurig, fröhlich, frech und entführen den Zuhörer direkt nach Odessa.

bbb

Der Abend endet mit Tanz zu Punk und Ska made in Ukraine. Kozak System macht genau die Musik, die man bei diesem Namen erwarten darf. Und das schönste an osteuropäischen Punk Rock Ska Bands ist ja immer, dass sich ihre Herkunft in ihrer Musik niederschlägt.

Und so endet die Tranzyt-Nacht nicht anders als die Balkan-Nächte in den Jahren zuvor: Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Regeneration. Man ist ja schließlich nicht mehr die Jüngste. Und außerdem gilt es, Geburtstags-und Weihnachtswunschlisten zu verfassen, ehe so mancher Autor, so manches Buch in den Niederungen des ewigen Vergessens untergegangen ist. Man ist ja schließlich nicht mehr die Jüngste.

* Über den Leutzscher Bahnhof berichte ich später ausführlicher.

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2 Kommentare leave one →
  1. B.Köhler permalink
    März 17, 2014 4:01 pm

    Hallo, vielen Dank für diesen Bericht. Wir hatten auch sehr viel Spaß an der Lesung. Die Villa Hasenholz ist ein wirklich toller Ort. Die Fotografin heißt übrigens Babett Köhler, ohne E am End. 😉
    Beste Grüße

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    • März 17, 2014 6:14 pm

      Oh oh. So ist das, wenn man leicht erschöpft schreibt, dann auch noch auf einem neuen Schreibgerät, das sich noch etwas sperrig anfühlt und meint zu wissen, wie Namen geschrieben werden. 😀 Den Namen habe ich korrigiert und die anderen Fehler hoffentlich auch. Für den falschen Namen entschuldige ich mich

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