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Jüdische Lebenswelten

März 15, 2014
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Buchmesse Freitag

Da die Ukraine, sonst eher unbeachtet, ja gerade im besonderen Interesse der Öffentlichkeit liegt, hatte ich etwas Sorge vor einem überfüllten Saal, auch ist das Haus Ariowitsch dafür bekannt, gern mal überfüllt zu sein. Aber bei 3000 Veranstaltungen an 4 Tagen scheint es doch genug Auswahlmöglichkeiten für alle zu geben.

Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, hat in Estland studiert, in Moskau promoviert und lebt heute in Berlin. Deutsch zu lernen hat sie erst mit 27 angefangen und zwar so gut, dass sie in Deutsch schreibt. Ich erwarte jetzt ein Kompliment, fordert sie den Moderator auf. Der schlägt sich ganz gut im Gespräch mit der Ukrainerin, die aus ihrem preisgekrönten Buch „Vielleicht Esther“ vorliest. Immer wieder verneint sie seine Betrachtungsweisen, korrigiert, Jüdin sei sie nur zufällig, und nein, sie ist nicht nach Auschwitz gereist, sondern nach Oswiecim, und nein, sie könnte ganz und gar nicht auch Stern heißen. Das alles tut sie auf eine charmante Art, fast macht es den Eindruck, als flirteten die beiden auf der Bühne. Mich hat sie sofort auf ihrer Seite, als sie den Berliner Hauptbahnhof so treffend bezeichnet, wie ich ihn empfinde. Außerdem schreibt sie Sätze über halbe Seiten. Wunderbar. Ich liebe das. Und so, wie sie schreibt, erzählt sie auch. Fast ein bisschen hastig. Und natürlich verneint und verbessert sie nicht einfach nur, sondern erklärt ihre Antwort auch. Und wenn sie dann manchmal fragen muss, Wie war jetzt die Frage?, nimmt ihr das niemand übel.

Auch dieses Buch erzählt von einer Suche. Von der Suche nach der Geschichte ihrer Familie. Der Reise zu den Schauplätzen. Und Esther? So hieß vielleicht die Großmutter, die 1941 in Kiew erschossen wurde.

Nach der Lesung würde ich gern zu der Veranstaltung „Partisanen. Kunst als Aufbauhilfe in Belarus“, aber das ist ganz im Süden, das schaffe ich nicht in 10 min. Alles weitere beginnt erst 1 Stunde später. Im UT Connewitz sprechen süd-ost- und osteuropäische Autoren über den 1. Weltkrieg, im Telegraph liest ein georgischer Autor aus seinen surrealistischen Kurzgeschichten über die Absurditäten des Alltags, im polnischen Institut lesen polnische und ukrainische Autoren und Andrej Kurkow liest im Museum der bildenden Künste.

Ach Mensch, wo soll ich nur hin? Ich wollte mich treiben lassen, mit Katja Petrowskaja beginnen und dann schauen, wo es mich hinzieht. Aber plötzlich bin ich willenlos. Ich möchte überall sein und kann mich zu nichts aufraffen.

Gut, ist ja noch eine Stunde Zeit. Fahre ich erstmal nach Hause. Meine Gästin hatte doch da auch was erzählt? Das ist gleich bei mir im Literatur-Institut und beginnt schon in einer halben Stunde? Vielleicht sollte ich da erst mal und noch mal nachdenken? Oder in die Albertina und mich überraschen lassen? Was ist eigentlich in der Hauptpost?

An der Haustür treffe ich die Gästin, schließe mein Fahrrad weg und laufe mit zum Literatur- Institut. Meinen Plan lasse ich zu Hause. Man muss auch offen sein für Neues.

Es ist eine Entdeckung!!!

Veranstaltet von der Israelischen Botschaft und dem Berthelsmann-Club lesen junge Autoren aus Israel. Die Gesprächsführung übernehmen Leipziger Literaturstudenten. Das ist doppelt frisch. Unbekanntere Autoren und auch die Studenten setzen sich mit den Werken doch anders auseinander als professionelle Moderatoren. (Gut, es sollte auch ein älterer Schriftsteller da sein, der aber wegen Krankheit seiner Frau absagen musste, den ich aber kein bisschen vermisse)

Beide Bücher, „Eine Nacht, Markowitz“ von Ayelet Gundar- Goshen und „Wo bist du, Motek?“ von Ilan Goren scheinen mir unbedingt kaufenswert. Letzteres erwerbe ich sofort, dazu die Jahresanthologie der Studierenden des Literaturinstituts und schwupps, wechseln etwas mehr als 30 € den Besitzer. So eine Buchmesse ist echt teuer und die meisten der begehrten Bücher landen auf Geburtstags- und Weihnachtswunschlisten. Manche vergesse ich auch. Dann war es nur gut, dass ich sie nicht sofort gekauft habe. Aber diese zwei mussten sein und fast hätte ich die letzte Nacht durchgelesen.

Der kleine Nebeneffekt des gestrigen Abends: Ich war wieder mal in einem Haus, das ich nicht kannte. Von innen. Das ist neben der Inspiration das schönste an der Buchmesse. Jahr für Jahr. Es gibt nicht nur Literatur zu entdecken.

*Auf dem Foto: Katja Petrowskaja

** Etwaige Rechtschreibfehler bitte ich zu entschuldigen. Die Beiträge sind flugs geschrieben und mein Notebook und ich kämpfen auch noch um unsere Verständigung

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3 Kommentare leave one →
  1. März 18, 2014 10:15 pm

    Die Kulturangebote in Leizig sind echt beneidenswert!

    Gefällt mir

    • März 18, 2014 10:22 pm

      Ja, ich kann nicht klagen. Außer darüber, dass oft ne weile nix los ist und dann fällt alles auf EIN Wochenende, oder noch schlimmer: EINEN Tag

      Gefällt mir

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