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Vom Suchen und Finden (nach Büchern, Heimat und der Wahrheit)

März 14, 2014

Der hat das überhaupt nicht erklärt, schimpfen die zwei Herren. Doch, natürlich, beteuert die Frau. Nein, beharren ihre Begleiter, nicht, warum er Jude geworden ist. Doch, beteuert sie, Menschen die Ohren haben, haben das verstanden.

Ich stehe vorm Ariowitsch-Haus und schließe mein Fahrrad ab. Die zwei schimpfenden Männerstimmen entfernen sich, immer wieder von der geduldigen Frau unterbrochen, Richtung Stadtzentrum.

Es ist kurz nach 10 abends und ich beende nach einer vergnüglichen Lesung mit Elyah Havemann den Tag. Der Deutsche konvertierte zum Judentum und beschreibt diese seine Reise in dem Buch „Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?“ Nebenbei erklärt er dem geneigten Publikum auch noch, wie unterschiedlich die nahezu 1000 Gesetze eingehalten werden. Es ist seine erste Lesung, beteuert er, und schwankt in seinen Erklärungen zwischen Ironie und Ernst. Das Buch, so erklärt er, soll eine Warnung sein für alle, die es ihm gleich tun wollen und ich bin mir nicht sicher, ob er das jetzt ernst oder spöttisch meint.

Der Donnerstag begann für mich mit einer Führung. Ich gewährte mir eine lange Mittagspause und stiefelte in die gegenüber der Arbeit liegende Deutsche Nationalbibliothek, wie die ehemalige Deutsche Bücherei heute heißt. Dort findet eine Führung statt. Leider ist das Fotografieren nur für den Privatgebrauch erlaubt, weswegen ich Ihnen keines der Zwölfhundert Bilder aus dem Inneren des Tempels zeigen darf. Lesesäle wie am Anfang des letzten Jahrhunderts, ein Saal voller bibliophiler Ausgaben, ganze Reihen Archive aus der Zeit vor dem Internet, Magazine, die aller 20 Jahre hinzugekommenen Anbauten. Jugendstil, Funktionalismus, 60er Jahre, Büchertürme, 2000er Jahre. Zahlen, Fakten, Anekdoten. Die „Bekanntschaft“ mit einem Direktor, der das Haus durch die Wirren der Nazizeit und der Anfangsjahre der DDR brachte und dem es dabei gelang, wirklich jede Publikation in Deutscher Sprache zu sammeln, und sei es vorübergehend nur für den Giftturm. Die Gemälde vergangener Direktoren und ein merkwürdig nichtssagendes Foto dessen, der mit dieser Tradition als erster brach.

Ich hätte noch so viele Fragen, aber die abschließende Runde muss ich schwänzen und mich zurück ins Büro flüchten. Immerhin, welche internetten Publikationen gesammelt werden, konnte ich kurz erörtern. Es gibt da eine Art Filter. Gesucht wird aber nur auf offiziellen Seiten. Also, liebe Mitblogger und Mitbloggerinnen: Werdet offiziell, wenn Ihr in der Nationalbibliothek aufgenommen werden wollt.

Meine Gästin, die am Mittwoch wegen Krankheit nicht da sein konnte, reiste gestern an. Doch uns bleibt nicht viel Zeit, Neuigkeiten auszutauschen. Ich muss in die Berlitz- Sprachschule, dort liest Sergej Lebjedew aus „Der Himmel auf ihren Schultern.“ Es geht um die Vergangenheit, um Gulags, Erschießungskommandos, um die Suche eines jungen Mannes nach der Wahrheit seines 2. Großvaters, der ihm als Kind das Leben rettete. Lebjedew, der im Programm Lebedew geschrieben wird, aber tatsächlich Lebjedew heißt, ist 1981 geboren, hat die Sowjetunion also kaum noch bewusst erlebt. Er kommt mir selber wie ein Suchender vor. Er spricht von Verdrängung, davon, dass sich jede Familie ihre eigene Biografie schön bastelt. Mich erinnert das an Deutschland. Wer war schon ein Nazi? Und gäbe es nicht die Altbundesländer, aus deren Richtung mancher gern mit dem Finger auf uns zeigt, würden wir wohl auch gern vergessen. Stattdessen sehen wir uns oft in der Position, uns zu verteidigen. Das Gute zu betonen. So wie es wohl Lebjedews Eltern bzw deren Generation tut. Oder wir betrachten uns als Opfer.

Wenn ein Russe liest, sind immer ziemlich viele wütende Ex-Russen im Publikum, die vom Dagebliebenen bestätigt haben wollen, wie schlimm es in der alten Heimat ist. Fast als bräuchten sie diesen Hass, um ihr Heimweh zu bekämpfen. Oder die Zweifel, die sie ob ihrer Auswanderung manchmal befallen mögen, im Keim zu ersticken. Objektive Diskussionen sind da kaum möglich.

Bei mir verfestigt sich der Eindruck, dass niemand in Russland über die Gulags spricht, dass man die vergessen möchte. Alle, Staat und Bevölkerung. Doch dann fragt so ein Ex-Russe, ob die Ursache der geringen Resonanz, die das Buch in der Heimat erfährt, vielleicht in einer Art Übersättigung liegt, schließlich seien nach der Perestroika oder währenddessen Hunderte Publikationen über die Gulags erschienen. Eine genaue Auskunft gibt es nicht, denn die Antwort des Autors geht ein bisschen unter. Und als ein anderer fragt, ob es vielleicht eine neue Generation ist, die neue Fragen stellt und zu der Lebjedew ja gehört, meint er, es gäbe keine Generation. Schade, ich dachte gerade an die 68er, die 20 Jahre nach dem Krieg ihre Eltern fragten, wo die eigentlich im 3. Reich gewesen seien. Noch verwirrender wird es, als eine Deutsche sich wundert, dass es keine Lager mehr gäbe. Seien die Mädels von Pussy Riot nicht auch in einem Lager gewesen? Das verwirrt nun auch den Autor, den Dolmetscher und die Gesprächsführerin. Mich auch. Ja, es gäbe noch Lager. Die seien nicht anders als die Gulags. Aber das sind keine Gulags.

Lebjedew erzählt unglaubliche Geschichten vom Lebenswillen der Verbannten. Zum Beispiel gab es da einen Ort an unwirtlicher Stelle, an den ehemalige Großbauern verbannt wurden. Die schafften sich Erde heran, Zentner für Zentner, auf roh gezimmerten Flößen, bis sie Obstgärten pflanzen konnten. Lebjedew schreibt wunderbar und die vorgelesenen Fragmente tragen mich fort in eine grausame, mythische, ferne Welt. Wenn er den Blick aus dem Fenster eines Bauern beschreibt, sehe ich die sich im Nebel duckenden Baracken vor mir und spüre den rostigen Nagel in meiner Hand. Die Fragen, die er stellt, erscheinen mir dagegen vertraut. Und dann endlich, ganz am Schluss, schafft es ein deutscher Zuhörer, meine Frage zu formulieren. Das Buch wurde auch ins Französische übersetzt. Der junge Mann erkennt die Gemeinsamkeiten in unseren Geschichten, auch in Deutschland gäbe es dunkle Kapitel in unserer nicht all zu fernen Vergangenheit, hätten wir uns mit Schuld auseinanderzusetzen und mit Verdrängung. Er fragt, wie die Franzosen das Buch bewerten. Doch leider, das Buch ist zwar übersetzt, aber noch nicht erschienen. Schade, die Antwort auf diese Frage wäre wirklich spannend gewesen. Oder werden die Franzosen an Algerien denken, wenn sie das Buch lesen?

Ein paar Außenansichten der Nationalbibliothek. Drauf klicken= groß gucken

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3 Kommentare leave one →
  1. März 14, 2014 9:14 pm

    Klasse be/geschrieben. (Ich freue mich schon mit dir auf deine diesjährige Reise!) und die Berichte natürlich.
    Btw: Das Wort „Algerienkrieg“ war bis vor wenigen Jahren verboten auszusprechen in Frankreich. Überall in Europa liegen Vergangenheitscherbenhaufen herum. Wer wird die alle aufräumen? Und wann?

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  2. März 14, 2014 10:16 pm

    Diese Frage, „wer war schon ein Nazi?“ beschäftigt mich seit Urzeiten. Die große Mehrheit waren zumindest Mitläufer, und oft habe ich mich gefragt, wenn ich älteren Menschen auf irgend eine Weise begegnet bin, was die in dieser Zeit gemacht haben. Hat der nette ältere Herr, dem man gerade den Weg erklärt hat, einfach nur angstvoll abgewartet bis der Spuk vorbei war? Oder hat er Transporte ins KZ organisiert? Hat er seine Tür verriegelt und weggesehen, als die Gestapo seine jüdischen Nachbarn abgeholt hat oder ist er vorher dort gewesen um sie zu denunzieren?
    Wäre das hier jemals richtig aufgearbeitet worden, hätte man sich solche Gedanken nicht machen müssen. Aber wenn man heute liest das 90jährige Frauen vor Gericht gestellt werden, weil sie Aufseher in einem KZ gewesen sind, dann war das komische Gefühl über die Jahre nie verkehrt.

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    • März 14, 2014 10:26 pm

      Ach ja, vergessen wollten das hier auch immer viele. Wann immer Dokumentationen oder Filme über die Nazizeit im Fernsehen liefen gab es die gleichen Stimmen. Muss auch mal gut sein, immer sind wir die Bösen, langsam haben wir genug gebüßt/bezahlt, die anderen haben ja auch ne dunkle Vergangenheit, Stalin war genauso schlimm blabla.

      Immer schön wegsehen, immer schön relativieren, den Erfolg sieht man heute.

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