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Wie ich das sehe

Februar 24, 2014

Um es vorweg zu nehmen. Ich befürworte hier nicht die Schüsse auf Menschen in der Ukraine. Ich bin auch kein Janukowitsch-Fan.

Und natürlich bin ich für Demokratie.

Ich bin auch kein Politologe und schon gar kein Germanist. Was ich zu sagen habe, sage ich, wie ich es meine. Ohne Fremdwörter, die nicht ein mal ich verstehe.

Das ist der Versuch, Ihnen meine Empörung zu erklären.

Möglicherweise bin ich nur etwas empfindlich, wenn ich sehe, wie sich Staaten in die innerpolitischen Angelegenheiten anderer souveräner Staaten einmischt. Das hat vielleicht etwas mit meiner Geschichte zu tun. Mit meinen Erfahrungen.

Ich habe miterlebt, wie es ist, wenn man auf die Straße geht, um gewisse Veränderungen erwirken zu wollen und wie es ist, wenn dann ein Kanzler kommt und alles überrennt. Ich habe gesehen, wie Träume einfach im nirgendwo verschwinden, weil die Träumer nicht das Geld und die Macht hatten, sich durchzusetzen gegen die, die Dank der Möglichkeiten anderer plötzlich an die politische Oberfläche gespült wurden.

Natürlich ist das vermutlich nicht vergleichbar. Die DDR war kein Staat. Die DDR war ein Teil Deutschlands. Die Bockwurst hat hier nur ihre Interessen vertreten, als Kanzler für alle Deutschen. Und ich will mich auch nicht beklagen. Mir geht’s gut im großen deutschen Einheitsland. Als ich sah, wie die Tschechen sich mühevoll abrackerten, aus der Scheiße herauszukommen, wusste ich, dass es keinen Sinn macht, Träumen nachzutrauern. Relativer Wohlstand fühlt sich besser an als Träume. Zumindest füllt er die Mägen.

Mir ist klar, dass Menschen, die in den alten Bundesländern und/oder nach 1980 geboren wurden, diese besondere Empfindlichkeit nicht kennen.

Deswegen möchte ich Sie mit auf eine Reise nehmen. Die Geschichte ist erfunden. Natürlich. Und Sie brauchen recht viel Phantasie.

Stellen Sie sich also vor:

Deutschland.

Obwohl 80% der Bevölkerung anscheinend gegen den Anbau von Genmais sind, enthalten sich die Regierungsvertreter eben dieser Bevölkerung der Stimme, als es in Brüssel zur Abstimmung über den Anbau kommt. Zwar sind auch die Franzosen gegen den Anbau und ein paar andere auch, aber die Amis…, aber ich schweife ab.

Stellen Sie sich nun vor, ich weiß, das ist schwer, die Deutschen, die Wähler, wären davon ziemlich angepisst, fühlten sich verraten und ein paar Tausend marschierten, statt eine Online Petition zu unterschreiben, nach Berlin.

Vor dem Bundestag richteten sie sich ein und verlangten, dass die gewählte Regierung dieses Landes den Willen der Wähler umsetzt.

Das geht so eine Weile. Muddi gibt natürlich nicht nach. Das macht die Demonstranten ziemlich wütend. Sie verlangen jetzt aber, dass ihr Wille umgesetzt wird..Erste Stimmen von Absetzung und Neuwahlen werden laut.

Als nun die Demonstranten nicht, wie zu erwarten war, nach 2 Wochen nach Hause gehen, denken sich die Franzosen, die ziemlich angepisst sind, weil die Deutschen sich in Brüssel in Enthaltung geübt haben und die Franzosen jetzt möglicherweise diesen Mist aus dem Amiland erlauben müssen und weil sie sowieso finden, dass sich Deutschland viel zu sehr aufspielt in der EU, da erklären wir uns mal solidarisch mit den Protestanten. Und die Griechen und Spanier und Italiener, die auch finden, dass die Deutschen sich viel zu sehr aufspielen, machen das auch. Und die Schweiz, die es ziemlich dämlich findet, dass die EU mit Sanktionen droht, weil ihre Regierung nämlich genau das macht, den Willen des Volkes umzusetzen, so blöd der Wille des Volkes auch ist, natürlich auch.

Das macht den Demonstranten viel Mut. Mit so viel moralischer Unterstützung können sie nur als Sieger aus der Sache herausgehen. Sie beschließen, auszuharren, bis Muddi geht.

Die Amis freilich finden das nicht so gut und warnen die Muddi, sie machen ihr Mut und fordern sie auf, sich nicht erpressen zu lassen.

Putin der Große dagegen findet so ein bisschen Theater nicht schlecht und schickt seinen Außenminister nach Berlin. Der spricht mit ein oder zwei Oppositionsführern. Denn natürlich gibt es Oppositionsführer. Frankreich, Italien, Griechenland, Spanien und natürlich die Schweiz schicken ihre hinterher. …

Das finden Sie jetzt übertrieben? So etwas gibt es doch gar nicht? Und überhaupt, hier würde doch niemand schießen?

Stimmt.

Das ist übertrieben und hier gäbe es so etwas nicht. Wer besäße schon die Frechheit, sich so offen in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einzumischen. Ich gebe zu, es ist schwer, ein vorstellbares, auf Deutschland übertragbares Szenario zu ersinnen. Und übers Schießen brauchen wir nicht zu diskutieren.

Aber ich weiß genau, wenn ich hier von Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine spreche, werde ich viel Gegenwind ernten.

Denn das ist etwas völlig anderes!

Und  natürlich dürfen wir nicht zusehen, wie in unserer Nachbarschaft Menschenrechte verletzt, Demokratien ausgehebelt und politisch Andersdenkende verfolgt werden. Wir nicht, und Regierungen nicht. Aber wir dürfen uns auch nicht blenden lassen, wenn genau diese Dinge vorgeschoben werden, um wirtschaftliche und Machtinteressen zu legitimieren. Und wenn eine Opposition benutzt wird.

Übrigens

Bei den Präsidentschaftswahlen am 17.1. und der anschließenden Stichwahl am 7.2.2010 setzte sich Janukowitsch gegen Julja Timoschenko durch.

Julia Timoschenko war von 2007 bis eben zu jener Wahl Ministerpräsidentin. Die Multimillionärin saß schon mal 2001 in U-Haft. Ende 2011 wurde sie zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Die Anschuldigungen sind immer die gleichen: Veruntreuung, Machtmissbrauch, Steuerhinterziehung. Fakt ist auch, dass die Ende 2008, Anfang 2009 mit Russland ausgehandelten Verträge über Gaslieferungen von Timoschenko quasi am Parlament der Ukraine vorbei abgeschlossen wurden.

Man kann davon ausgehen, dass Janukowitsch jede Chance nutzte, seinen stärksten politischen Gegner auszuschalten.

Ich weiß nicht, wann Timoschenko zur Heldin wurde.

Ach ja, sie versprach sich mehr Vorteile von Seiten der EU. Für die Ukraine natürlich.

Früher, als sie noch keine Heldin war, durfte man gern davon sprechen, wie sie sich auf Kosten anderer bereichert hatte. Genau wie Janukowitsch. Nur, von dem darf man das auch heute noch sagen.

Wie gesagt, ich möchte nicht missverstanden werden. Janukowitsch ist kein Politiker, wie ich ihn mir auch nur im Stadthaus wünsche. Timoschenko allerdings auch nicht.

Übrigens wurde Timoschenkos Vermögen 2007 auf mehrere 100 Millionen Dollars geschätzt, das von Janukowitschs Sohn 2012 auf 99 Millionen

Aber weiter mit den Fakten.

Am 21.11.2013 suspendierte die Ukraine das Assoziierungsabkommen mit der EU. Zwar beteuerte man gleichzeitig, dass man am EU-Kurs der Ukraine nichts ändern werde, man bräuchte eben nur mehr Zeit und  die Wirtschaft… Es gab sicher sehr lange Erklärungen in beide Richtungen, also Richtung EU und Richtung Russland.

Das führte zu den Protesten und Demonstrationen in Kiew.

Diese Menschen waren ehrlich enttäuscht. Sie hatten die Nase voll von jahrelanger Korruption, Amtsmissbrauch, Amtsanmaßung. Vielleicht wollten sie auch nicht mehr von Oligarchen (nennt man die in der Ukraine auch so?) regiert werden. Ihre Hoffnungen hinsichtlich der EU sahen sie am 21. November 2013 verraten. (So wie meine erdachten Genmaisgegner enttäuscht waren und die Nase voll hatten.)

Timoschenko tauchte am Wochenende übrigens wieder auf, verkündete ihre Machtansprüche. Sie warnte die Demonstranten davor, den Maidan zu räumen und kündigte an, sich am 25. Mai zur Wahl zu stellen.

Ach ja, die EU wird der Ukraine  helfen. Finanziell. Natürlich ist diese Unterstützung an gewisse Bedingungen geknüpft.

Die Ukraine braucht dieses Geld dringend. Denn der Putin, der hält den versprochenen Milliardenkredit jetzt auch zurück. Will erst mal abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Natürlich stellt er keine Bedingungen. Bei ihm ist das Erpressung.

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17 Kommentare leave one →
  1. Februar 24, 2014 7:23 pm

    Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, was die weitere Entwicklung in der Ukraine betrifft… Und – klar, daß sich die Europäische Union da so ins Zeug legt, denn durch die Ukraine verlaufen die wichtigsten Gas-Pipelines aus Russland. Würden die Europäer sich nicht einbringen, sondern die Schultern zuckend sagen „Regelt eure Angelegenheiten doch bitteschön selbst, wie das einem souveränen Staat zukommt.“, könnte man uns leicht den Gashahn zudrehen. Was das für Auswirkungen für viele Europäer/innen hätte, trotz sehr mildem Winter, kann man sich ohne viel Phantasie ausmalen.

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    • Februar 25, 2014 6:33 pm

      Wer sollte uns warum denn den Gashahn zudrehen?

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    • Februar 26, 2014 8:36 am

      Ein ungutes Gefühl habe ich auch gerade. Ich fürchte, EU und USA bereiten gerade die Teilung der Ukraine vor. Nicht, dass sie das selber vornehmen könnten. Aber ein bisschen die Opposition in die richtige Richtung lenken, geht schon. So, wie die gerade massiv vor einer Teilung der Ukraine warnen, die USA und die EU, meine ich! Timoschenko scheinen sie schon überzeugt zu haben, da diese plötzlich auch vor einer Teilung warnt.

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  2. Februar 24, 2014 7:44 pm

    Hallo Gertje! Spätestens mit dieser Fiktion hast du einen Platz im politischen Feuilleton einer großen Zeitung verdient; nicht nur weil du ganz und gar meine Meinung treffend wiedergibst 😉 Du sollest deinen Kommmentar an die Redaktionen der bedeutenden Zeitungen schicken! Liebe Grüße, Beatrice

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    • Februar 25, 2014 6:35 pm

      Naja, nuja, mein Blog reicht aus. Schön übrigens, mal wieder von Dir zu hören. Und gut zu hören, dass Du bezüglich des Themas genauso denkst wie ich

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    • Februar 26, 2014 9:53 pm

      Dem kann ich mich nur anschließen. Eine großartige und sehr treffende Darstellung! Vielen Dank!
      Hoffentlich ist bald eine Lösung bzw. ein Kompromiss in Sicht….

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  3. Februar 24, 2014 8:33 pm

    Klasse geschrieben!!!

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  4. gemeinsamleben permalink
    Februar 24, 2014 10:55 pm

    Ich würde gerne irgendetwas qualitfiziertes oder unmissverständliches zu deinem leidenschaftlichen Beitrag kommentieren, Inch. Doch alles, was ich dazu bräuchte, ob Raum, Zeit oder Worte, nichts davon, will sich in diese kleinen schwarzen Buchstaben hineinpressen lassen. Die Grenzen des bloggens. Hier erreichen sie mich.

    Klasse und mutig geschrieben. Da schließe ich mich ganz Herrn Ärmel an.

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    • Februar 25, 2014 6:38 pm

      Ich weiß genau, was Du meinst. Das Thema ist so wichtig, dass einem Worte zu banal erscheinen. Ich habe diesen Text fast drei Tage mit mir „herumgetragen“. Ich freue mich, dass er gelungen scheint. Da hat sich das lange Brüten gelohnt

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  5. Februar 25, 2014 2:32 am

    Das sind halt die Auswirkungen des relativen Wohlstands, wer satt und zufrieden ist geht nicht auf die Straße, schon gar nicht gegen Genmais.
    Sollte es allerdings der Bevölkerung hier irgendwann ähnlich schlecht gehen, wie der in der Ukraine, müsste man sich rechtzeitig vor ihr schützen. Zum Beispiel in dem man die Bundeswehr endlich im Innern einsetzen kann, was ja immer mal wieder angestoßen wird. Mal sehen was wird, wenn die Kapitalismusblase platzt und die Hälfte vor öffentlichen Suppenküchen warten muss. In Griechenland hat es auch schon Tote gegeben.

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    • Februar 25, 2014 6:39 pm

      So lange die Leute hier noch gerade so viel Bezüge kriegen, dass sie zwar kaum über die Runden kommen, aber Angst genug haben, dieses wenige zu verlieren, wird das nicht passieren.

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  6. Februar 26, 2014 8:46 am

    Danke, Gertje, wirklich gut geschrieben.

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  7. März 7, 2014 6:54 am

    Jetzt haben wir den Scherbenhaufen. Die einen nennen es gesteuert, die anderen nennen es Selbstbestimmungsrecht- und es wird immer nach Belieben angewendet, wie Maidan und Krim in jeweils diametraler Form in diesen Tagen beweisen.
    Ich hatte die Hoffnung nach dem Jugoslawien- Krieg, dass Europa genug Gräuel gesehen hat. Ich habe mich offenbar getäuscht.
    Die Deutsche Welle, ein sicherlich akzeptables, seriöses Medium, ganz bestimmt nicht dem ganz linken und auch nicht dem ganz rechten Spektrum zuzuordnen, hat gestern einen Artikel mit interessanten Zitaten veröffentlicht.

    Auszug:
    „… USA wittern neue Geschäftsbeziehungen zu Europa

    Durch die Förderung von Schiefergas streben die USA noch in diesem Jahrzehnt an, zum Nettoexporteur von Erdgas zu werden. Russland betrachtet das bereits mit Argwohn. Nun scheinen die ersten Politiker in der Ukraine-Krise eine Chance für neue Geschäftsbeziehungen zu wittern.

    “Ich denke, die gegenwärtige Krise in der Ukraine beleuchtet auch das Problem der Energieabhängigkeit Europas von Russland“, meint Erik Brattberg vom Thinktank Atlantic Council in Washington. “Als Langzeitlösung sollte Europa mehr Energiesicherheit jenseits von Russland anstreben – ob das nun durch Flüssiggasexporte aus den USA oder anders geschieht, das muss sich zeigen.“

    Auf jeden Fall unterstreiche die Krise in der Ukraine die Notwendigkeit der transatlantischen Partnerschaft. Und sie zeige die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit von USA und EU. “Die Lösung muss eine diplomatische sein, das Verhältnis zu Russland wiederhergestellt werden“, so Brattberg. Darüber hinaus müsse die EU ihre Nachbarschafts- und Erweiterungspolitik überdenken.
    …“
    Quelle: http://www.news-republic.com/Web/ArticleWeb.aspx?regionid=9&articleid=19978865

    … nachdenkenswert

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