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Kein Entrinnen

Januar 21, 2014

Ich bin ein Verdrängungskünstler. Unangenehme Dinge stecke ich in eine Schublade, verschließe die fest und lebe unbelastet von Krimskrams weiter. So geht’s mir gut. So funktioniere ich.

Manchmal freilich öffnet sich die Schublade einen Spalt. Wenn die Verletzung zu groß war z.B. Dann schließe ich sie ganz schnell wieder, bevor sie Schaden anrichten kann.

Manchmal aber wird die Schublade von außen geöffnet. Weil, wie gesagt, ich schiebe ja alles darein, was mir unangenehm ist. Auch Termine. Ereignisse.

So machte ich mir, als die Umbaupläne der Stadt für die Karli konkret wurden, meine Gedanken, regte mich auf, unterschrieb sicher auch eine Petition, verpasste Versammlungen für die Anwohner, verstaute alles in eine Schublade und schob sie, während ich mich mir anderen, wichtigeren Dingen beschäftigte, sanft zu.

Dann, am 23. Dezember,  stand ich vor meinem kleinen Bioladen, in dem ich vermutlich einkaufe, seit es ihn gibt. (Vorher bin ich immer extra in den Osten der Stadt gefahren, da gab es einen Laden, den einzigen, den ich bis dato kannte). Die Baustelle kommt, wir gehen stand an der geschlossenen Tür. Verdattert wurde mir bewusst, das es kein Entrinnen gibt, wackelte frustriert und mit schlechtem Gewissen in die Filiale einer Wir-möchten-gern-eine-Kette –werden gegenüber, und war gleichzeitig froh, dass ich nur wenige Tage vor dem 23.12. einen neuen Bioladen ganz in der Nähe des Instituts entdeckt hatte. Da würde ich in Zukunft hingehen, beschloss ich, denn mein kleiner Stammladen hatte versäumt, seiner Kundschaft mitzuteilen, wo er in Zukunft zu finden sei.

Dann, letzte Woche, stand mir ein Bagger im Weg. Und die Straße war auch aufgerissen. Genau da, wo ich sie zu überqueren pflege. Dort heißt die Karli zwar noch Petersteinweg, aber das wissen vermutlich eh nur 20% aller „Auf-Die-Karli-Geher“.

Jetzt, dachte ich, wird es ernst. Jetzt geht es wirklich los. Und Scheiße.

3 Tage wuchs das Loch in der Straße, dann wurde plötzlich fast alles zugeteert und lässt sich nun wieder famos überradeln.

Am Samstag dann hatte ich einige Einkäufe zu erledigen. Und weil mir Marlene(?) vom Feinkostblog inzwischen verraten hatte, wohin mein kleiner Bioladen gezogen ist, machte ich mich auf in die Karli. Außerdem, ich gebe es zu, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Fühlte mich nach diesem Blog ertappt.

Und deswegen lenkte ich meine Schritte sogar in die ungeliebte Buchhandlung gleich am Anfang der Straße. Ungeliebt deshalb, weil ich da vor Jahren mehrmals schlecht beraten wurde. Als ich nach „Neuen Russen“ fragte, sollte ich selber danach suchen.

Überrascht stellte ich nun fest: Man hat sich gebessert. Nicht nur mein Hunger nach russischer, sondern auch nach südosteuropäischer Literatur konnte gestillt werden.

Eine neue Angestellte? Eine neu entdeckte Leidenschaft einer schon länger angestellten? Oder ist Literatur aus diesem Kulturkreis in den letzten 10 Jahren plötzlich populär geworden?

Wie dem auch sei, ich war s zufrieden und speicherte die Erkenntnis, dass schlechte Erfahrungen nicht von Dauer sein müssen und sich eine Überprüfung nach ein paar Jahren durchaus lohnt.

Dann setzte ich meinen Weg auf der Karli fort. Ein bisschen Angst habe ich ja, dass diese gelben Dinger die zukünftigen Gehwege begrenzen. Zwar läuft es beim Umbau genau darauf hinaus, aber vorstellen kann ich mir das irgendwie nicht. Und mag es auch nicht. Schublade auf, Horrorvorstellung rein, Sie wissen schon.

Den kleinen Bioladen, der sich in einer Seitenstraße befinden soll, habe ich übrigens nicht gefunden. (Marlene? Wo ist der?). Zähneknirschend kaufte ich meine Rinderwurst in der großen Filiale der Möchtegern-Kette gegenüber.  Und stellte mal wieder fest, Bioläden ertrage ich mit dieser besonderen Art des Personals nur in klein. In so einem Supermarkt wird die Gelassenheit/Verpeiltheit der Angestellten einfach nur zum Horrortrip. Jedenfalls für mich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein paar (Handy) Fotos. Drauf klicken = groß gucken

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11 Kommentare leave one →
  1. Januar 21, 2014 8:09 am

    Ich glaube, du musst dir keine Sorgen machen, dass die gelben Schrammborde die künftige Gehwegbreite darstellen. Zumindest nicht die endgültige. Für mich sieht es nach der Kennzeichnung einer probisorischen Umfahrung aus. Vielleicht will man so während des (grundhaften) Straßenausbaus die Belieferung der Läden und die Zufahrt für Rettungsfahrzeuge, Mülle etc. gewährleisten. Außerdem scheint mir die verbleibende Durchgangsbreite für eine dauerhafte Lösung zu schmal und nicht normgerecht. Also: Keep cool.
    Übrigens ist es nicht ungewöhnlich, dass kleine Löcher geöffnet und ziemlich schnell wieder provisorisch geschlossen werden. Sieht für mich nach Probeschlitzen aus, um die genaue Lage von Leitungsbeständen zu sichten.

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  2. Januar 21, 2014 8:19 am

    Was für konkret Pläne hat denn die Stadt mit der Karli? Soll die etwa als Ausfallstraße ausgebaut werden? Das wäre wirklich schade. Hier in Chemnitz wurden die Straßen zum Teil eher schmaler, aber sie waren ja auch in der Stadt in Überbreite gebaut worden ;-).

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  3. Januar 21, 2014 9:08 am

    Das liebe Leid mit den Schubladen 😉
    Ich wünsche dir jedenfalls, dass sich die unruhigen Einkaufserlebnisse für dich bald wieder normalisieren…

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  4. Januar 21, 2014 10:05 am

    Liebe Inch,
    das ist ja sehr toll, daß mein Blogpost Dich in die Karli locken konnte – und Du dabei auch noch die alte Buchladen-Schublade leeren konntest (Platz für neues in der Verdrängungskommode ;-)! Freut mich!
    Daß Du natürlich den Bioladen nicht gefunden hast, tut mir leid. Die genaue Adresse ist Körnerstr 41 („Der Lebensgarten“ – ist wohl doch nicht der gleiche, der den Naturkostkontor im Volkshaus übernommen hatte – das hatte ich irgendwie falsch auf’m Schirm).
    Die gelben Dinger haben übrigens nix mit den künftigen Gehwegen zu tun. Sie teilen momentan an einigen Stellen den (zum Glück ja [noch] so schön breiten Fußweg) in eine Fußgänger-Spur und eine Auto-Spur, um die Zufahrt zu den Geschäften (für Anlieferungen u.ä.) zu ermöglichen. Also, ein bißchen breiter wird der Fußweg dann (hoffentlich!!) schon werden, schließlich ist ja immer noch die Rede vom „Erhalt des Boulevardcharakters“ der Karli… Mal schauen, wie das Ganze dann in 2 Jahren aussieht!

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    • Januar 21, 2014 10:08 am

      Ach Mensch, und jetzt habe ich doch glatt vergessen, meinen Namen drunter zu schreiben, der da oben so fragegezeichnet auftaucht…
      Schöne Grüße von der Feinkost!
      Marlene

      🙂

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    • Januar 22, 2014 8:29 am

      Oops. Fahrweg? Dann bin ich ja fröhlich radelnd auf der falschen Straßenseite lang… Aber mir waren einfach zu viele Fußgänger unterwegs. Die laufen ja auch kreuz und quer. Also wirklich. Aber samstags scheint zum Glück niemand anzuliefern. Und den Lebensgarten, den suche ich dann am kommenden Sonnabend noch mal.
      Und Danke für die Verifizierung Deines Namens. Ich kann Dich ja schließlich nicht mit Feinkostblog ansprechen 😉

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      • Januar 22, 2014 2:00 pm

        Ach naja, Fahrweg… Hier vor der Feinkost benutzen auch alle Verkehrsteilnehmer alle „Spuren“ – mit entsprechender Umsicht ja kein Problem (da rast ja keiner, geht ja auch gar nicht). Hauptsache, alle kommen da an, wo sie hinwollen!

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  5. Januar 21, 2014 2:20 pm

    Die hässlichen gelben Dinger sind nur Behelfsbordsteine zur Verkehrsregelung, die kommen wieder weg. Sehen ja auch schon enorm gebraucht aus und farblich passts auch nicht recht. *g*

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  6. Januar 22, 2014 8:26 am

    @all
    Danke Euch allen für die aufmunternden Worte :D. Das die gelben Dinger nicht bleiben, war mir schon klar. Ich befürchtete eben nur, dass die als Markierung für die Bauarbeiter dienen, bis wohin die den Gehweg wegreißen dürfen. Aber wenn es nicht an dem ist, dann bin ich ja mal vorsichtig optimistisch.

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  1. Vom Zittern und Beben | Inch's Blog

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