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Silvester in den Sümpfen*

Januar 2, 2014
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oder: Schreiben Sie Ihre Bestellung auf!

Haben Sie diesen Satz schon mal in einer Kneipe gehört? Gar in einem Restaurant? Oder, um noch eins drauf zu setzen, in einem Hotelrestaurant?

Wir schon. Im Spreewald.

Gleich als wir am Samstag nach Weihnachten hinein fuhren, vorbei an Fließen und dem Nichts, dachte ich mir, dass die Menschen hier sicher sehr speziell sind.

Freundlich sind sie ja. Und reden gern und viel. Immerhin, auf der Suche nach unseren Unterkünften irrten wir über Waldwege und trafen auf Gehöfte, so fernab vom Schuss, dass ich mir schon vorstellen kann, dass die Leute, die da leben, gern und viel reden, wenn sie denn mal auf andere Menschen treffen.

Unsere Ferienhäuschen liegen zum Glück nicht ganz so in der Pampa. Sogar eine Straße gibt es da. Zwar erst seit den 1960er Jahren, aber immerhin. Im Ort selber soll es so um die 150 Einwohner geben, allerdings liegen die Gehöfte weit auseinander, das ganze Dorf haben wir vermutlich nicht gesehen.

Aber es gibt, in nicht zu weiter Entfernung, gleich drei Restaurants. Freilich, das eine ist eher ein Café und schließt 17:30. Das andere scheint nur spontan zu öffnen. Das Hotelrestaurant aber…

Doch ehe wir da landeten, drehten wir eine kleine Runde. Auf Waldwegen und  über Brücken die Fließe mal von links mal von rechts überquerend, die seltsamen Heuschober begaffend, und uns an den vielen Weiden erfreuend sahen wir den Kähnen zu, die von älteren Herren durchs Wasser gestackst wurden und versuchten uns an Hand der vielen in den Winterschlaf geschickten Boote auszumalen, wie voll es hier im Sommer sein mag. In Lübbenau labten wir uns an der einheimischen Küche, sprachen den lokalen Bieren zu, verkosteten die äußerst leckeren Liköre der Eingeborenen und machten uns so gestärkt auf den Weg, das Moor zu umrunden. Das, gebe ich zu, dauerte etwas länger als erwartet, alle Kneipen, die am Wegesrand lagen, hatten geschlossen, mindestens bis zum 1. April.

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Größere Gruppen bringen bitte ihre Kellnerin mit!

Im Dunkel erreichten wir nach 22km hungrig und mit brennenden Füßen unseren Ausgangspunkt, humpelten weiter zu besagtem Hotelrestaurant und sahen uns konfrontiert mit einer leicht überforderten Bedienung. Die forderte uns schließlich auf, mit den Suppen beginnenden unsere Bestellung niederzuschreiben, was eine der Freundinnen flugs übernahm. Leider machte sie einige Fehler. Hatte die falschen Tischnummern vergeben und überhaupt, man schreibt nicht Kartoffeln mit Quark, sondern Kartoffeln mit Quark I. Denn woher, bitte schön, soll die Kellnerin sonst wissen, wie viele der 12 Gäste Kartoffeln mit Quark wollen?

Also.

Und als es ans kassieren ging und wir partout nicht die Gesamtrechnung löhnen und das dann selber auseinander klamüsern wollten, als wir also darauf bestanden, einzeln zu bezahlen, durften wir immerhin unsere Einzelsummen selbst ausrechnen. 13,90 €, antwortete ich auf die Frage, Haben Sie’s im Kopf ?, zahlte, ohne dass sie nachfragte, was ich eigentlich konsumiert hatte, und ward entlassen.

Jaja, die Spreewälder. Sie sind nicht nur redselig, nein, sie tragen auch noch dieses Vertrauen auf das Gute im Menschen in ihren Herzen. Ich wusste gleich, als wir auf der Suche nach unserer Fewo durch den Wald irrten, dass die Menschen hier sehr speziell sein müssen.

Wenn man mit Freunden unterwegs ist, die einen gemütlichen Silvesterurlaub mit Kampfwandern verwechseln, wenn dann wider besseren Wissens alle mit sinkender Laune hinterher stapfen, hetzen und am Ende schleichen, wenn dann die Hälfte der Truppe mit diversen Krankheiten zu  kämpfen hat wie eiergroßen Blasen, Knieleiden und ganz allgemeinem Schmerz ab Hüfte abwärts, bleibt am nächsten Tag nur eins: Räder ausleihen. Und obwohl besagte Freunde dafür bekannt sind, auch aus einer gemütlichen Radtour ein Kampfradeln zu machen, und obwohl das alle wissen, lassen wir uns darauf ein. Die geliehenen Räder sind ganz unterschiedlicher Qualität. Auf meinem, ohne Gangschaltung (aber im Spreewald ist alles flach, da braucht man keine Gangschaltung), hatte ich schon nach drei Kilometern das Gefühl, in einem Hamsterrad zu sitzen. Die Übersetzung war grauenhaft und wenn andere einmal ins Pedal traten, musste ich zwei Mal. Ein Viertel dieser anderen klagte nach besagten 3 Kilometern bereits über Schmerzen im Hinterteil. Das, wie auch mein unermüdliches Kurbeln, lenkte zumindest von den Plagen des Vortages ab. Die Sonne schien ganz wunderbar und zauberte ein grandioses Licht in die Landschaft. Doch zum Anhalten fehlte uns die Muse. Ohne Karte und Plan trieb uns nur ein Gedanke: Nicht den Anschluss verlieren! Hinterher! 13 km sollte es bis irgendwohin sein. Aber irgendwie musste ein Umweg gefahren werden, weil eine Apotheke angesteuert werden musste. Ganz schlimm, wenn man mit alten Leuten unterwegs ist. Immerhin, ich nutzte den Umweg, um mich im Städtchen mit Tabak für den Rest des Jahres zu versorgen. Denn die Versorgung ist auch diesbezüglich nicht einfach im Spreewald. Und dann, nur noch 7km zur Kneipe.

Geschlossen.

Noch weitere 5 zur nächsten.

Geschlossen.

Ich strampelte mit sinkender Laune über Feldwege den Antreibern hinterher. Um mich herum wurde  das Murren und Klagen lauter. Das endet wie gestern, mutmaßte ich, während die Hälfte der Truppe laut die schmerzenden Hinterteile beklagte. Bei mir indessen machte sich durch die ungewohnt aufrechte Sitzhaltung ein tückischer Schmerz im Nacken breit. Für die Schönheiten der Natur hatten wir längst kein Auge mehr. Die Kalorien zählenden Kampfradler nicht und die Versehrtentruppe eh nicht.  Doch der Gott der Kneipen hatte ein Einsehen und belohnte uns mit einem geöffneten Fresstempel. Nie aß ich leckerere Rouladen.

Vanillelikör und Schokolikör waren zwar auch lecker, aber an den Rhabarberlikör aus Lübbenau kommt wohl nichts mehr heran in diesem Urlaub. Am Nachbartisch betrank sich derweil eine Rentnergang mit Stil und viel Spaß. Respekt. Wenn wir in 20 Jahren noch so drauf sind, haben wir eine gute Zeit vor uns.

Doch nun drängt die Zeit. Es ist 3 und der Rückweg sollte 90 min dauern. Wenn wir zügig radeln. Doch oh, was ist das? Mein Hintern? Im Hamsterrad jagte ich also mit schmerzendem Hinterteil und steifem Nacken durch den Spreewald.  Erwähnte ich, dass ich kein Licht am Leihrad hatte?

Immerhin, in der Dämmerung radelten wir die letzten 5 km, die wir uns am Vortag in totaler Finsternis entlang geschleppt hatten. Eigentlich ein schöner Fleck Erde. Man müsste nur mal allein hierher. Oder mit Freunden, die nicht bei jeder Wanderung oder jeder Radtour verlorene Jugend nachzuholen glauben müssen.

Morgen ist Kahnfahren angesagt. Mit Glühwein und Kahnfahrer. Das sollte dann doch entspannend sein. Schließlich gibt da der Eingeborene das Tempo vor. Und da die ganze Schoße nur 90 min dauert, wer weiß? Vielleicht kann ich danach ja noch mal einen klitzekleinen Spaziergang machen? Allein.

Ps.:  Am Abend versuchten wir unser Glück noch Mal im Hotel des Vortages. Doch obwohl wir unsere Bedienung mit hatten, ließ man uns nicht ein. Vielleicht hätten wir auch den Koch mitbringen sollen.

Zum Foto gucken wie immer: Drauf klicken= groß gucken

*Błota, sorbischer Name für Spreewald, heißt Sümpfe

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12 Kommentare leave one →
  1. Januar 2, 2014 8:37 pm

    Eine restaurant- und kneipenmäßige Diaspora kannst du zur Zeit aber nicht nur im Spreewald finden, sondern auch hier in München! In meinem Viertel hat im Umkreis von mindestens 500 Metern fast jede Lokalität bis Anfang/Mitte nächster Woche geschlossen – mit Ausnahme eines Chinesen und eines kleinen Bagel-Shops. 😉
    Ich wünsche dir ein großartiges neues Jahr, ohne Nacken-, Po- und sonstigen Schmerzen, mit viel Wohlergehen und Erfolg! 🙂

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  2. Januar 2, 2014 9:24 pm

    Tja, wohnen eben Vertreter der berühmten Saure-Gurken-Zeit 😉
    Früher hat man sich ja schließlich auch selbst versorgt und nicht armen Beschäftigten mit Aufträgen gedroht. Bestimmt seit ihr jetzt wegen eures Einzelbezahlterrors auf die Rote Liste gekommen. Wer weiß, ob ihr im Wiederholungsfalle noch je das Ferienhaus erreichen werdet.
    Hab ein wunderbares Jahr 2014. (Wir sind übrigens am 16.2. bei Lisa Fitz in LE.)

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  3. Frau Doktor permalink
    Januar 2, 2014 10:15 pm

    Ich bin auch sehr gerne im Spreewald, allerdings eher in der warmen Jahreszeit. Ich empfehle das Wiederkommen im Frühling. Jetzt ist dort tatsächlich keine Saison und eben die Bürgersteige, Brücken, Stege usw. hochgeklappt. Alles Gute für das neue Jahr und ich bin weiter gespannt auf Deine tollen Reiseberichte.

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  4. Januar 2, 2014 11:29 pm

    Tja, Inch… sind nicht alle Spreewälder ein wenig Gurke ? *fg*
    Aber tröste Dich, der „Regenwäldler an sich“ unterscheidet sich nur marginal. 😉

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  5. Januar 3, 2014 9:49 am

    Hat wenigstens der Kahn ein Licht?;)

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  6. Januar 3, 2014 12:23 pm

    In der Tat würde die Beschreibung auch fast auf den Regenwald passen.
    Ein frohes Neues wünsche ich Dir noch 🙂

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  7. Januar 3, 2014 12:59 pm

    Das war ein Start ins neue Jahr an den man sich erinnern wird.
    Wünsche gute Erholung und en kommenden Wochen.

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  8. Januar 3, 2014 4:05 pm

    Faszinierende Landschaft, der Baum auf Bild 11 gefällt mir besonders. So ein Ferienhaus würde mich reizen, mit Kahn und Bootssteg. Wäre nicht einmal sehr riskant, denn in meinem Freundeskreis finden sich weder Kampfradler noch Kampfwanderer, aber ganz bestimmt viele Rhabarberlikörtester. Mjam.

    Frohes neues Jahr 😀

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  9. Januar 3, 2014 6:42 pm

    Zaphod,ich beneide Dich. Eigentlich war ich ja auch mit den Feier- nicht mit den Kletterkumpels unterwegs. Aber es gibt da eben in ersterer Truppe welche, die meinen Versäumtes nachholen zu müssen 😉
    Nuja, Kampfwandern und – radeln gehören ja dem alten Jahr an, verabschiedet haben wir uns altersgerecht und den 1. Tag des Jahres… Ich werde berichten. Im Hotel waren wir jedenfalls nicht.
    Übrigens hat uns die Vermieterin eingeladen, wieder zu kommen. Jaja. Und ein paar Dinge haben da ja auch im Winter auf. Man muss nur lange genug bleiben, um die Gegend zu erkunden, landschaftlich, kulturell und gastronomisch.
    Apropos kulturell. Wenn die im Regenwald so Party machen können wie im Spreewald will ich da hin 😉 Natürlich nur wegen des Vergleiches

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  10. Januar 4, 2014 10:17 pm

    Liebe Inch ich danke dir für deine Berichte und die vielen stimmungsvollen Fotos, sowohl diese als auch die vom vergangenen Jahr. Ich wünsche dir ein erlebnis- und erkenntnisreiches 2014er Jahr

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  11. Januar 4, 2014 10:18 pm

    Inch, ich kenne beides – Spreewald und Regenwald. Nette Menschen überall, witzig, lieb und trinkstandfest 😉

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    • Januar 5, 2014 12:00 pm

      Oh ja. Und ich glaube, ich bin ein großer Spreewaldfan geworden. Einige Freunde denken sogar darüber nach, den nächsten Jahreswechsel wieder dort zu feiern. Allerdings nur, wenn wir erst am 3. Januar nach Hause fahren. Schließlich braucht man in unserem Alter längere Erholungsphasen, vor allem, wenn es mit dem Auto heimwärts geht 😀

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