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Klare Sache

Dezember 8, 2013

Es gibt eine ganze Menge Umfragen zum Thema Lebensqualität in Städten. Je nach dem Institut, dass sich meinungsforschend gibt und nach den gestellten Fragen gewinnen da die unterschiedlichsten Städte.  Es gibt internationale Untersuchungen, europäische, solche im Deutschsprachigen Raum, in Deutschland und evtl. wird da auch noch mal zwischen West- und Ostdeutschland unterschieden. Ich fand eine, die nach der Nicht-Großstadt mit der höchsten Lebensqualität suchte.

Es stellt sich bei all den Untersuchungen und Ergebnissen die Frage, welche Antworten die Meinungssucher erwartet hatten und ob es sich nicht einrichten lässt, den gewünschten Sieger mit gezielten Fragen auch siegen zu lassen.

Aber all diese Gedanken mache ich mir erst später. Nach dem Telefonat.

Der Vermieter ruft mich an. Also jemand aus seinem Büro.  Leipzig sei, das habe eine Umfrage der *** (bei späterer Recherche stellt sich heraus, dass das eine Immobilienfirma ist)ergeben, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität.  In Sachsen? Ostdeutschland? Deutschland?… das vergisst die Dame zu erwähnen. Ich frage auch nicht nach. Vielmehr rattern mir Schlagwörter wie Leipzig Hype, steigende Mieten, noch mehr Menschen, die bereit sind,  diese viel zu hohe Mieten zu bezahlen, Zerstörung der Lebensqualität, durch die Synapsen. Die Dame redet derweil weiter.

Man wolle einen Bericht bringen. Über eine junge (sic) Frau, Single, am besten eine, die in so einem Hochhaus wohnt.

Alles in mir wehrt sich. Obwohl ich noch gar nicht weiß, wer *** ist und dass es hier eigentlich nur um Werbung geht.

Noch mehr Leute auf der Suche nach dem einzigartigen Flair der Provinz-Weltstadt, mit viel zu viel Geld im Gepäck, falschen Vorstellungen und der Gabe, dieses einzigartige Flair zu zerstören. Ich denke an eine Kollegin, die sich letztens eine Wohnung ansah, hier in L.E., und vom Makler mit 15 anderen Interessenten durch das Objekt geschleust wurde!

Eine Wohnungsbesichtigung. 15 Interessenten!

Unvorstellbar so etwas!

Man hört von dieser Art Wohnungsbesichtigungen aus München, Hamburg, Köln.  Aber hier in L.E.? Ausgeschlossen. Das wollen wir nicht. Ich denke, während die Dame weiter plaudert, und ich nach Argumenten für eine höfliche Absage suche, an das Kleine Kind, dass ab nächsten Oktober evtl. in Dresden studieren wird und jetzt schon ernsthaft darüber nachdenkt, ob es die WG kündigt (sie ist Hauptmieterin) oder ihr Zimmer vermietet, oder pendelt, denn dass die Preise für Wohnraum hier stetig steigen, ist kein Geheimnis, und wer weiß, wie hoch die drei Jahre später sind. Mitten im Süden. Dort, wo die Wohnung schon im letzten Jahr ein echter Glücksgriff war, was Lage und Preis betrifft.

Da sagt die Dame: Die **** (jetzt kommen die vier großen Buchstaben des allbekannten Schmierblattes) würde sie gern interviewen,  Sie in ihrer Wohnung besuchen, ein paar Fotos machen.

Was? Unterbreche ich sowohl meine gedankliche Suche nach Argumenten für eine höfliche Absage als auch ihren Redeschwall.

Wer?

Die Dame widerholt die vier großen Buchstaben, und bevor sie weiter reden kann, lehne ich bedauernd ab. Tut mir leid, aber für dieses Blatt, nein, das geht gar nicht.

Das können Sie sich nicht vorstellen?, hakt sie noch ein mal, wobei ihre Stimme schon leicht verzagt klingt, bittend nach.

Nein, wirklich nicht. Ganz davon abgesehen, dass ich das EINFACH.NICHT.KANN, müsste ich mir danach auch neue Freunde suchen, und eine neue Familie.

Die Dame ahnt wohl, dass jeder Versuch, mich zu überreden, Energieverschwendung ist, bedankt sich bedauernd für meine Geduld und legt auf.

Hätte sie aber auch wirklich gleich sagen können, das mit dem Blatt, da hätte sie uns beiden viel Zeit und Energie gespart. Nachdenken ist schließlich mindestens so anstrengend wie Reden.

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12 Kommentare leave one →
  1. Dezember 8, 2013 1:23 pm

    Immerhin ist ein Blogbeitrag dabei herausgesprungen.
    Ich hätte zum Beispiel nicht mitbekommen, dass Du in der BLÖD-Zeitung bist. Ich lese die nämlich nicht. 😉

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  2. Susanne permalink
    Dezember 8, 2013 3:31 pm

    Lach.:) Ich sollte vor Jahren mal ins Fernsehen und habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Niemand konnte verstehen, warum ich denn nicht ins Fernsehen wolle, da will doch jeder hin. Ich nicht! Ich wechsle sogar die Straßenseite, wenn mal wieder so ein wild gewordenes Fernsehteam Volkes‘ Stimme einfangen will (kommt in Berlin leider dauernd vor, können die nicht mal woanders hin?). Aber die BLÖD, das wäre ja echt noch schlimmer.

    (Ich stimme allerdings tonari zu, deine Familie und Freunde hätten das sicher gar nicht mitbekommen.)

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  3. Dezember 8, 2013 9:07 pm

    Klasse! 🙂 Die hätten dir womöglich noch jedes Wort im Munde umgedreht und wer weiß welche Lügen geschrieben, wenn du dich darauf eingelassen hättest…

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  4. Dezember 8, 2013 9:08 pm

    Bei solchen telefonischen Überfällen denke ich sehr selten an eine möglichst höfliche Absage, der Name ausgerechnet dieser Zeitung hätte bei mir wohl erst Schockstarre ausgelöst und dann einen Tobsuchtsanfall.
    Was mich in dem Zusammenhang aber beschäftigen würde ist die Frage, wieso die ausgerechnet auf Dich gekommen sind? Die BLÖD Redaktion ruft also bei Deinem Vermieter an und fragt mal nach, ob der jemanden aus besagter Zielgruppe kennt und den fragen würde, ob sie da mal vorbeikommen dürften? Und seine Sekretärin oder wer immer ruft dann mal bei den weiblichen, ledigen Mietern an ob die vielleicht…?

    Hm. Naja, immerhin haben sie die Daten nicht gleich ausgehändigt, das ist in diesen Zeiten schon fast verwunderlich.

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    • Dezember 8, 2013 10:15 pm

      Ja, das habe ich mich auch gefragt. Langjährige Mieterin? Zuverlässig? Nicht ganz doof? Nicht ganz arm? Aber Du hast Recht. Das sie mich erst Mal gefragt haben, ist anständig. Und heutzutage wahrlich nicht unbedingt üblich.

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  5. Dezember 10, 2013 11:08 am

    Glückwunsch! Rückgrat haben beugt Rückenschmerzen vor 😉
    Wobei ich mich schon frage, wie die Verbindung zwischen Vermieter und Schmierblatt entstanden ist…

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  6. Dezember 12, 2013 10:34 am

    War auf jeden Fall die bessere Entscheidung nicht mit denen zu reden 😉 Und Glück hast Du auch gehabt, dass die freundlich deine Entscheidung respektiert haben. RTL wollte mich einmal zu einem Projekt interviewen, das grenzte schon an Telefonterror.

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