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Von der Fabrik für Drahtseilbahnen zum sozialistischen Kombinat

Dezember 4, 2013

Während meiner Wanderung durch den Leipziger Norden erlebte ich eine kleine Überraschung.  Nach einem kleinen Abstecher nach Eutritzsch lief ich wieder Richtung Gohlis, und dort, wo ich es eigentlich nicht erwartete, stolperte ich über eine leerstehende, alte Fabrik. Leerstehende, alte Fabrikgebäude sind immer dazu geeignet, mich abzulenken. Über all und von allem!

Und so landete ich, am Gemäuer entlang schleichend und immer wieder versucht, durch die zerbrochenen Fensterscheiben einen Blick ins Innere, die große Montagehalle und auf dahinterliegende Gebäude zu erhaschen,  in der Lützowstraße, und weil ich eigentlich einen anderen Weg nehmen wollte, überlegte ich kurz, umzukehren, befragte das Smartphone und entschloss mich, doch hier weiter zu laufen.  Es war mittlerweile 16:30 Uhr, ich vor mehr als 6 Stunden in Möckern aus der Straßenbahn gestiegen, durch Wahren und über Lindenthal hierher gelaufen, das sind etwa 14 km, und langsam spürte ich meine Füße. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Lust mehr auf große Umwege und Abstecher und wählte den kürzesten Weg.

Doch der kürzeste Weg…

Während ich mich noch wundere, hier das Heinrich-Budde-Haus zu finden (ich war hier immerhin schon mal, hätte es aber woanders vermutet. Wo, kann ich gar nicht sagen, nur, woanders) fällt mir plötzlich auf, dass das Tor zu der leer stehenden Fabrik offen ist.

Hm.

Zaghaft betrete ich den Hof.

Jemand da, der mich verjagen will? Nein?

Was für ein Glückstag.

Ich krieche hierhin und dorthin, finde die Montagehalle, stolpere über Höfe. Doch gerade, als ich durch die Tür in eine Art Bürogebäude trete, kommt der Wachmann(?). Ich schließe gleich Tor, sagt er, als sei es das normalste der Welt, dass ich hier neugierig meine Nase in alles stecke.

Was war das früher?, frage ich. Doch er zuckt mit den Achseln. Wird alle neu, klärt er mich dann aber noch auf, wird alle Wohnung.

Um näheres zu erfahren, muss ich Tante G. fragen. Die Antwort haut mich  fast vom Hocker. Das waren die Adolf-Bleichert-Werke.

Adolf Bleichert, Ingenieur, Erfinder und Kaufmann in Personalunion, ist der Erfinder des Deutschen Drahtseilbahnsystems und Begründer des Drahtseilbahnbaus in Deutschland, seine Firma war die größte Drahtseilbahnfabrik der Welt. Vor allem in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg werden hier Seilbahnen gebaut, die alle bisher gesehenen  in Sachen Steilheit, Länge, Leistungsfähigkeit und Höhenlage weit übertreffen. So wird in den Jahren 1903/1904 in Argentinien die längste und höchste Drahtseilbahn gebaut. Sie ist 34 km lang, führt durch zwei Tunnel und überwindet eine Höhe von 3510m! Von der früher für den Transport von Eisenerzen genutzten Bahn sind noch ein Maschinenhaus und die Talstation erhalten. Beides dient heute als Museum (Chilecito- La Mejicana/Argentinien).

In Ostafrika baute die Firma Bleichert die seinerzeit steilste Drahtseilbahn (Usambara-Bahn, Tansania, Steigungsgrad 41°), in Neukaledonien die längste, die über Wasser führte (1km lang), die leistungsfähigste (500t(h) in Frankreich, die nördlichste (19° nördliche Breite)in Spitzbergen und die (damals) südlichste 41° südliche Breite) in Chile. Und natürlich baute die Firma auch die Zugspitzbahn. (siehe auch: www.bleichert-seilbahn.de)

Nach dem 2. Weltkrieg wird das Werk, in dem inzwischen Transportanlagen hergestellt werden,  zu Reparationsleistungen für die Sowjetunion in eine sowjetische Aktiengesellschaft umgewandelt und stark abgebaut.

Nach der Rückgabe an die DDR 1953 wurde es volkeigener Betrieb, ab 1985 Stammbetrieb des Schwermaschinenbaukombinats TAKRAF.  Kabelkrananlagen wurden hier gebaut, Kugelschaufler, Schwimmkrane, Gabelstapler, Elektrokarren und ab den 1970er Jahren  Anlagen für den Braunkohletagebau.

Nach 1991 wurde abgewickelt und liquidiert. Am 1. April 1993 endete nach 110 Jahren die Geschichte eines traditionsreichen Unternehmens und ehemals bedeutendem Transportanlagenherstellers. Die Treuhand übernahm die Verwertung der Gebäude und des Grundstückes. Vom Verfall der in der Folge ungenutzten Produktionsgebäude konnte ich mich bei meinem Zufallsbesuch selbst überzeugen. Inzwischen liegen für die Denkmale der Industriearchitektur Konzepte zur Sanierung und Umnutzung vor.

Darauf bin ich gespannt. Wohnungen, Lofts in alte Industriegemäuer, die sonst nicht mehr genutzt werden, zu bauen, sind keine schlechte Idee. Ich mag so was. Diese Art Gebäude besitzen auch saniert, wenn ihre Charakter erhalten bleibt, oft einen ganz eigenen Charme. Und eh sie dem Verfall preisgegeben werden.  Ich werde mir das mal ansehen. So in zwei bis drei Jahren. Ich zeige Ihnen dann, wie es geworden ist. Heut erst Mal jede Menge Bilder einer leeren Fabrik (drauf klicken=groß gucken)

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8 Kommentare leave one →
  1. Dezember 5, 2013 12:34 am

    na hoffentlich wird bald saniert, so rumgammeln ist für Gebäude eigentlich sehr schlecht. Und solch Historische Gebäude……schade drum. Ich arbeite weiter fleißig daran das „Hallenbad“ zu kaufen und 7 Tage die Woche warm-baden anzubieten 😉

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  2. Dezember 5, 2013 1:20 am

    Faszinierende Aufnahmen. Am schönsten finde ich ja immer die Stellen, die von der Natur langsam zurückerobert werden wie auf Bild 6. Einige Fotos erinnern mich an unser altes Werk in der Schanze, aber das war schneller abgerissen als fotografiert.
    Ein Loft in so einem Gebäude würde mich auch reizen, dürfte aber unerschwinglich sein.

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    • Dezember 5, 2013 9:21 am

      Ja, leisten könnte ich mir so ein Loft auch nicht. Aber angucken kostet ja nichts. Und das mache ich dann immer, ziemlich neidisch, muss ich zugeben, gern dort, wo es so was gibt.

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  3. Dezember 6, 2013 7:54 pm

    Wo immer man alte Industriegebäude und -anlagen in den östlichen Bundesländern sehen kann, muss man hören von den ruchlosen Handlungen der Treuhand. Es st eine Schande.
    Klasse Fotos btw…

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  4. Dezember 7, 2013 9:54 am

    Schöne Fotos! Schade, dass ich so weit weg bin. Die Hängelampe hätte ich gerne.

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  5. Dezember 8, 2013 8:57 pm

    Das erinnert mich an die New Yorker Stadtteile TriBeCa und SoHo. Bevor diese zuerst zu In-Vierteln wurden, die dann der Gentrifizierung zum Opfer fielen, hat man dort auch leere Fabrikhallen zu Wohnungen und Lofts umgestaltet. Damals konnte man so was für nen Appel und’n Ei mieten, heutzutage kostet ein Schuhkarton mit Klappbett und Klo über 1.000 Euronen pro Monat…

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  6. Dezember 17, 2013 12:17 pm

    Den schönsten Blick hat man von der S-Bahn aus.

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