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Stolper(wander)tag 1 – Eu, die Rietzschke

Dezember 3, 2013

Der Legende nach hat Eutritzsch daher seinen Namen.  Als nämlich slawische Bauern in die Tieflandbucht kamen und  auf den Bach stießen, riefen sie erfreut: „ Eu, die Rietzschke!“

(Man beachte, dass der Sachse mindestens Eudridsch mit einem kurzen e als Anhängsel, also Eudridsche, kurzes e!!!), sagt und Eu de Riedschge, wobei er das e in de vermutlich noch irgendwo im Kiefer verlieren würde und sich auch beim letzten e dr Rietschge nicht allzulange aufhielte)

In Wirklichkeit  stammt der Name natürlich von Udericz ab, so hieß das slawische Dorf, das hier schon vor der Deutsche Siedlung stand und Rietzsche lässt sich von der sorbischen Bezeichnung für Bach, „recka“ herleiten.

Eutrizsch, 1890 eingemeindet, war das älteste Ratsdorf der Stadt Leipzig, die den Grund und Boden immerhin schon 1381 erwarb, und ich betrete den Stadtteil auf meinem Stolperwandertag im Norden der Stadt unweit des ehemaligen Dorfkerns.

Gleich an der Ecke Delitzscher/Wittenberger Straße steht ein Gebäudeensemble, dass mich seit Jahren neugierig macht.  Es ist ja nichts so, dass ich da ständig dran vorbei laufe. Ich fahre eher so zwei bis drei Mal im Jahr daran vorbei und dann frage ich mich immer, was das wohl sein mag.  Sieht aus, wie eine altes Werkstattgelände. Und sehr kreativ. Finden dort Konzerte statt? Oder Bastelnachmittage? Ich könnte ja mal rein gehen. Aber so öffentlich sieht es nun auch wieder nicht aus. Und außerdem ist das Tor meist zu. Tatsächlich gibt es auf dem Gelände einen „Verein zur Förderung von Kunst und Kultur“, was immer das sein mag. Aber immerhin, da hängen noch die Banner, die für den letzten Kultursommer werben. Kultursommer? Da könnte ich im nächsten Jahr mal gucken. Ich habe davon noch nie gehört. Wieso kommt das nicht bei mir an? Zu sehr auf den Süden fixiert? Zu sehr nach Westen geschielt? Zu alt? Falsche Art von Kunst und Kultur?

Es gibt auch einen Nachbarschaftsladen mit Gesprächskreis, Kreativwerkstatt, Frühstück, Nachbarschaftsladen und Tauschbörse für Kinderbekleidung.

Nachbarschaftsladen? Da könnte ich ja auch mal außerhalb des Sommers hin. Was ist überhaupt ein Nachbarschaftsladen?

Ich laufe die Wittenberger runter bis zur Theresienstraße. Das Stadtbild hier: die übliche Mischung aus sanierten und verfallenden Häusern und dem austauschbaren Mix aus Alt und Neu am stadtteileigenen Konsumtempel, hier Zentrum genannt. Wahlweise heißen diese Dinger ja auch gern Arkaden oder Hof, enthalten aber immer die gleiche Konzentration an Supermärkten, Apotheken, Blumenläden und Klamottendiscounter, was Städteplaner eben so glauben, dass es für die örtliche Bevölkerung überlebensnotwendig sein. Buchläden findet man da zum Beispiel nie, maximal einen Geschenke- und/oder Schreibwarenladen. Friseur natürlich und die Filiale irgendeiner Bäckereikette, evtl. auch das Pendant aus dem fleischverarbeitendem Gewerbe.

Ich glaube, ich befinde mich nicht in der besten Wohngegend der Stadt. Es ist nicht der Osten, nein, aber die Mieten dürften hier erschwinglich sein.

In der Theresienstraße dann ein wunderschönes, vor 100 Jahren erbautes Wohnhaus, dass noch auf einen Investor wartet, oder darauf, dass sich die Erbengemeinschaft einigt. Jedenfalls  täte ihm die Sanierung gut. Zwar würde es dann vermutlich aus dem ortsüblichen Mietspiegel fallen, aber jetzt wohnt und/oder arbeitet gar niemand drin.

Ich wundere mich über die schon im Oktober erwähnte und diskutierte Hartzstraße, vergleiche um 1930 und um 1900 gebaute Mietshäuser, sehe sanierte und unsanierte, frage Tante G. und stelle fest: So billig sind die Mieten hier gar nicht! Aber Hallo!, die liegen hier kalt deutlich über 5€/qm, und erreiche mein Ziel, die Nummer 53.

DSC_0259Hier bewohnte Sophie Müller ihre letzte eigene Wohnung.  1880 in Moskau geboren und ursprünglich christlich wurde sie, irgendwann vor  1892 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, als jüdisch-stämmige verfolgt. Sophie Müller, die die Deutsche Staatsangehörigkeit besaß, arbeitete als Lehrerin bevor sie Zwangsarbeit in einer Rauchwaren- Zurichterei und Färberei in der Nähe Leipzigs leisten musste. Ihre Spur verliert sich auf dem Weg nach Auschwitz. Am 26. Februar 1943 stand sie auf der Transportliste. Ob sie während des Transports starb oder direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet wurde, ist nicht bekannt. Sie wurde 62 Jahre alt.

Ein paar Fotos von unterwegs (drauf klicken=groß gucken)

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