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Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist

November 9, 2013

Jakob, Paula und Manfred Buchaster,  Malka Bein und Dr. Jakob Sieskind, Leipziger Bürger jüdischen Glaubens, die dem Holocaust zum Opfer fielen. An den Stolpersteinen, die an ihren jeweils letzten Wohnorten eingelassen wurden und sie vor dem Vergessen bewahren sollen, hielt ich in den letzten Jahren mit Freunden Mahnwachen. „Denn ein Mensch ist“ wie es im Talmud heißt, „erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.

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Denkmal am Standort der Großen Synagoge mit Biografien ehemaliger Leipziger Bürger

An diesem 9. November 2013, 75 Jahre, nachdem in Deutschland die Synagogen brannten, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger zerstört, verwüstet und geplündert wurden, hielten wir Mahnwache für Walter Cramer.

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Walter Cramer war kein Jude. Walter Cramer war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Walter Cramer aber sah nicht weg, als immer mehr jüdische Mitarbeiter entlassen wurden. Er nutzte seine Kontakte für den Widerstand, gehörte zum Goerdeler-Kreis und stand auf der Liste von Stauffenbergs Schattenkabinett. (Biografie Walter Cramers)

Mit der Geschichte des 20. Juli 1944, gebe ich zu, habe ich mich lange nicht beschäftigt, stand ihr eher etwas abwertend gegenüber. Da stand mir wohl meine Erziehung im Weg. Opfer waren  die Menschen jüdischen Glaubens, Widerstand konnte nur aus den Reihen der Kommunisten und Sozialisten kommen.

Stauffenberg, der war ja auch Wehrmachtsoffizier. Der war ja auch mit in den Krieg gezogen. Der widerständelte ja erst 1944, als der Krieg schon verloren war. Der wollte nur seine eigene Haut retten. Und alle, die mit ihm waren, waren nicht anders als er.

Auch 20 Jahre nach der Wende betrachtete ich die Geschichte des 20. Julis noch skeptisch. Stauffenberg war nicht wirklich Widerstand. Und Goerdeler? Auch nicht viel besser.

So helfen uns Stolpersteine auch, sich von eigenen Vorurteilen zu befreien. So wie es einfacher ist, sich das Grauen einer ganzen Epoche an einzelnen Schicksalen als an einer unvorstellbaren Zahl zu vergegenwärtigen, so begreifen wir plötzlich an einem einzelnen Schicksal: Ja, auch das war Widerstand. Und dieser Widerstand in dieser Zeit erforderte von Wehrmachtsoffizieren oder Vorstandsmitgliedern genauso viel Mut wie von Kommunisten und Sozialisten. Mut erwächst aus Anstand, nicht aus Parteizugehörigkeit.

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Denkmal am ehemaligen Standort der Großen Leipziger Synagoge

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7 Kommentare leave one →
  1. November 9, 2013 10:17 pm

    Wenn wir den Opfern Identitäten, Gesichter, Schicksale verleihen, machen wir Geschichte begreifbarer… Sehen wir die Menschen vor unserem Inneren Auge, wächst unsere Betroffenheit, unser Grauen – und unser fester Wille, dergleichen nie wieder geschehen zu lassen…

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  2. November 10, 2013 6:15 pm

    Ich finde die Stolpersteine wichtig, auch wenn viele Menschen das anderes sehen.
    Wenn Stauffenberg und seine Mitstreiter an die Macht gekommen wären, darüber will ich nicht weiter nachdenken.

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  3. November 10, 2013 7:17 pm

    in den letzten wochen nur stille leserin, will ich dir endlich dank sagen für deine beiträge! ich finde es toll, daß du uns die stolpersteine mit den geschichten der opfer nahebringst! ich bewundere es, wie du dich mit der geschichte auseinander setzt und es in worte faßt und uns teilhaben läßt.

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  4. November 12, 2013 12:16 am

    Den Widerstand von Goerdeler und Stauffenberg stehe auch auch heute noch etwas skeptisch gegenüber. Manche Historiker sehen ihn als „Retten was noch zu retten geht“ – Wendung von Industriellenkreisen, die „leider“ auf das „falsche Pferd“ gesetzt haben. Dennoch – jeden Widerstand sollte man gedenken. Aber, der braune Alltag hätte schon zu Machtbeginn Hitlers bekannt sein müssen. Dennoch: auch Christen wie Bonnhöfer, ernste Bibelforscher (Zeugen Jehovas), Sinti, Roma, Parteilose… sollten auch gedacht werden..

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  5. November 13, 2013 7:38 pm

    Naja, meine Meinung zum Grafen habe ich ja schon angedeutet. Seinen Namen wird man sicher so schnell nicht vergessen, so ein Gedöhns wie um ihn gemacht wird. Fast erscheint es mir wie eine Umkehrung. Kamen im Ländle vor 1989 die Helden fast nur aus den Reihen der Kommunisten, Sozialisten und Studenten, scheint sich der Widerstand seitdem auf den Grafen und die Geschwister Scholl zu beschränken. Nur mit dem Unterschied, dass wir vor 1989 den Namen Stauffenberg kannten, das Attentat durchaus Teil des Geschichtsunterrichtes war, nur eben kritisch bewertet wurde. Heute bin ich mir nicht sicher, ob die Kiddies auch die Namen einiger anderer Widerstandskämpfer, mal die Geschwister Scholl ausgenommen, kennen lernen.
    Aber ich schweife ab. Der Name Stauffenberg wird so schnell nicht vergessen werden. Für Menschen wie Walter Cramer ist ein Stolperstein wichtig, eben, damit sein Name nicht vergessen wird und damit er. Widerstand war vielfältig. Oft aber kennen wir nur die Namen der Helden bzw derer, die wir dafür halten. Sich aber in einem System wie dem des Nationalsozialismus zur Wehr zu setzen erfordert Mut, dabei bleibe ich. Da ist es erst Mal egal, ob wir mit der Politik der Handelnden einverstanden gewesen wären. Viel zu viele haben den Kopf in jener Zeit unten behalten. Weg geschaut. Sich nicht getraut

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  6. November 13, 2013 8:59 pm

    Den Stauffenberg werden sie schon nicht vergessen weil Tom Crutze den jetzt gespielt hat. Ein Hollywoodstar der einen deutschen Widerstandskämpfer spielt, das finden dann alle toll, weil die Welt sieht dass es auch andere Nazis, Verzeihung, Deutsche, gegeben hat.
    Wir hatten ja im Westen nichts außer dem Grafen und den Geschwistern Scholl, die anderen waren ja Kommunisten, ergo auch Feinde der freiheitlichen Grundordnung und, tja, irgendwie selber schuld, warum sind sie auch Kommunisten geworden (das war jetzt blanker Zynismus, nicht, dass mich jemand noch falsch versteht).

    Am Beispiel Walter Cramers sieht man aber, dass man das Umfeld von Stauffenberg nicht pauschal als umstürzlerische Nazis abtun sollte. Danke dafür.

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    • November 13, 2013 9:02 pm

      Ach ja, in Hamburg wurden im Grindelviertel, dass die meisten Opfer zu beklagen hatte, Mahnwachen abgehalten von den Nachbarn bzw. heutigen Bewohnern, mit Kerzen und so. Fand ich dann doch sehr beruhigend, dass hier auch ohne diesen Städtetag etwas geht, habe ich leider vorher nichts drüber gelesen, Grindel ist weit weg…

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