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Stolper(wander)tag1 – Drei Geschichten vom Mut

Oktober 19, 2013

Ich bin jetzt mitten in Gohlis. Eine Ecke, in der ich mich gar nicht auskenne. Coppistraße, Coppiplatz, das treibt mir die Sachweißperlen auf die Stirn. Da verlaufe ich mich grundsätzlich und immer. Und, obwohl noch weit vom persönlichen Bermudadreieck entfernt, geht es auch sofort los. Trotz Smartphone und Navi biege ich falsch ab.  Das aber bringt mich in eine hoch interessante Ecke. Nachdem ich über ein paar rosa Fassaden geschmunzelt habe, stehe ich vor einer Art Lofts. Backstein, irgendwo am Ende, das sieht aus wie ein Bahnhof. Alles saniert, alles Wohnungen. Viel Grün, Springbrunnen, künstlich angelegte Teiche. Sehr gelungen. Sehr nobel. Natürlich schützt ein Zaun vor ungebetenen Gästen. Mich aber treibt die Frage: Was war das früher? Die alte Russenkaserne? Tatsächlich handelt es sich um eine um 1900 gebaute Kaserne des ehemaligen Heeresbekleidungsamtes mit allem Schnick und Schnack, die später von der Roten Armee genutzt wurde.

Gegenüber  der ehemaligen Kaserne wirbt eine Immobilienbirma mit Frühstück auf der Terrasse mit Seeblick. Teilweise sind die dort stehenden Klinkerbauten schon saniert und bezogen, teilweise muss noch ein bisschen am See gebaut werden. Exklusive Wohnlagen, keine Frage. Nur, wer bitte schön, will denn hier draußen wohnen? Und wenn man die Wohnanlage verlässt, ist da nichts.

Hm.

Ich jedenfalls bin falsch und laufe in die richtige Richtung und stehe alsbald vor der Versöhnungskirche. Die sollte im Mittelpunkt der geplanten Wohnstadt stehen, zu der auch die Krochsiedlung gehören sollte. Nach einem Entwurf des Leipziger Architekten Hans Heinrich Grotjahn entstand sie zwischen 1930 und 1932. Wie die Siedlung gilt sie als Beispiel der Klassischen Moderne, was sie bei den Nazis nicht gerade beliebt machte (entartete Kunst).

Ich mag ja alte Kirchen mehr, also so richtig alte Kirchen.

DSC_0163Nicht weit entfernt, in der Heinrich-Budde-Straße 50, erinnert ein Stolperstein an Werner Schilling. Der 1917 geborene, verheiratete Bürobote, wurde am 5. Januar 1940 zum Kriegsdienst eingezogen. Er floh, wurde nach seiner Verurteilung in ein Strafbataillon versetzt, floh wieder, wurde festgenommen, floh aus der Untersuchungshaft, wurde wieder verhaftet, zum Tode verurteilt und am 24.Juli 1944 hingerichtet. Fahnenflucht steht auf dem Stolperstein.

Fahnenflucht.

In seiner Biografie steht nichts von Parteizugehörigkeit oder tiefer Religiosität. Werner Schilling fand es einfach völlig hirnrissig, seinen Kopf für einen Krieg hinzuhalten. Werner Schilling wollte leben, statt sich für Führer, Volk und Vaterland herzugeben.

Fahnenflucht.

Das mag noch heute für manche feige klingen. Ich denke, er war ein sehr vernünftiger Mensch. Und seine Biografie zeigt, dass er keineswegs feige war. Drei Mal fliehen, das erfordert Mut und Ausdauer.

DSC_0173Nur einige Blocks weiter, in der Heinrich-Budde-Straße 27,erinnert ein Stolperstein an Margarete Bothe. Die wurde wegen eines Rundfunkverbrechens vor Gericht gestellt, das heißt, sie hörte ausländische Rundfunksender. Da sie das sozusagen passiv, in der Wohnstube ihrer Vermieter tat, wurde sie wohl frei gesprochen, jedoch nicht entlassen. Am 12. April 1945 wurde sie, die an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig promoviert hatte, 30-jährig, von der Gestapo erschossen. 6 Tage später befreiten amerikanische Truppen Leipzig.

DSC_0185In einer Querstraße finde ich nur wenige Schritte entfernt in der Corinthstraße 9 den Stolperstein für  Richard Otto Keil. Er starb für seinen Glauben. Nachdem er schon 1936 wegen seiner Betätigung als Zeuge Jehovas zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, wurde er kurz nach seiner Entlassung im Juli 1940 am 19. Dezember desselben Jahres erneut verhaftet und wegen „Zersetzung der Wehrkraft“, d.h. nichts anderes als Verweigerung des Wehrdienstes, zum Tode verurteilt und am 24. Mai 1941 im Alter von 35 Jahren enthauptet.

Zwei Männer, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in den Krieg  ziehen wollten und eine Frau, die sich informierte, wie es wirklich um die Front steht. Ich bin beeindruckt und frage mich, wie viel Mut ich in solch einer Zeit aufgebracht hätte. Gut, die Frage des Kriegsdienstes stellt sich für mich nicht. Aber hätte ich den Mut, einen Verweigerer zum Beispiel zu verstecken? Hätte ich Werner Schilling geholfen? Oder Richard Otto Keil?

Ich könnte mir vorstellen, „feindliche“ Sender zu hören. Aber hätte ich wie Margarete Bothe den Mut gehabt, mich zu weigern, meine Vermieter zu denunzieren?

Ehrlich?

Ich glaube es nicht.

(Ein paar Fotos aus Gohlis. Drauf klicken = groß gucken)

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15 Kommentare leave one →
  1. Oktober 19, 2013 4:57 am

    Danke, dass Du Dich weiterhin auf den Weg der Stolpersteine befindest. Jeder Mensch, der damals Widerstand leistete tat dies aus verschiedenen Beweggründen. Man kann nicht ausschließlich Kommunist_inn_en oder Jüd_inn_en würdigen. Wir müssen uns begreiflich machen, dass auch ganz normale Menschen bedroht waren, sich gegen Zwangsmittgliedschaften in NS Vereinen wehrten, gegen 12-16 Stunden Arbeitstage aufbegehrten, den „stinknormalen“ SS und SA Terror… Gut, das Du auch von solchen Schicksalen berichtest.

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  2. Oktober 19, 2013 9:33 pm

    Schöne Details hast Du mal wieder mit der Kamera eingefangen! Die alte Kaserne sieht eher wie ein Gebäudeteil in einem Schlossgarten aus, sehr schön! Danke für’s Mitnehmen!

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  3. Oktober 20, 2013 7:14 am

    Ich bin beeindruckt und gebe zu, den Mut wie die Drei hätte ich nicht.
    Danke für den Tipp mit den Stolpersteinen. Bei meinem ersten Leipzig-Besuch denk ich dran.

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  4. Oktober 20, 2013 11:05 am

    Die Frage, ob und wie viel Mut ich in jenen Tagen gehabt hätte, habe ich mir auch schon ungezählte Male gestellt. Und sie für mich stets mit einem beschämten „Nein“ beantwortet. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sich im WWW gegen die Rechtsradikalen stark macht, oder es von Angesicht zu Angesicht tut…

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  5. Oktober 20, 2013 11:40 am

    Hui, die Story überstrahlt ein wenig die interessanten Details der Bilder.
    Ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, welches Dank solcher Stolpersteine hoffentlich nicht ganz in Vergessenheit geraten wird.
    Die Frage ob man selber den Mut aufgebracht hätte sich zu widersetzen ist schwierig zu beantworten, da wir nicht in der Zeit aufgewachsen sind. Mit meiner heutigen Einstellung wäre ich wohl im Widerstand, aber damals…

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  6. Oktober 20, 2013 6:33 pm

    Ich schliesse mich dem trefflichen Kommentar von @alltagsfreak an!

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  7. Oktober 23, 2013 12:26 am

    Wie man selber in dieser Zeit gehandelt hätte wird man nie erfahren, das ist auch völlig unnötig. Wichtig ist, wie man heute handelt, damit sich das nicht wiederholen kann.

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    • Oktober 23, 2013 7:53 am

      Dem stimme ich nun voll und ganz zu. Die Frage, wie man selbst in so einer Zeit gehandelt hätte, ist, wenn man sie sich ehrlich beantwortet, trotzdem nicht ganz unangebracht um wenigstens in Ansetzen zu begreifen, wie viel Mut dazu gehörte, so zu handeln und nicht einfach nur still zu halten.

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  8. Oktober 23, 2013 9:43 pm

    Liebe Inch, auch mich bewegt das Thema sehr und was ich in den letzten Wochen hier im Urlaub dazu gelesen habe deutet nicht darauf hin, dass es eine Frage des Mutes ist, wie wir handeln würden.

    In einem Zusammenstreffen von vielen situationsbedingten Momenten ist man einfach nicht mehr in der Lage, NICHT „mutig“ zu handeln, wobei „mutig“ es dann nicht richtig trifft, sondern eher ein nicht „nicht anders können“ das handeln bestimmt.

    Soviel nur aus dem ersten Augenblick. Ich möchte dazu gerne nochmal kommentieren.
    Brauche aber noch etwas Zeit dazu.

    Bis dahin, aus dem Mittelmeerraum,
    Menachem

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  9. gemeinsamleben permalink
    November 2, 2013 11:00 am

    In der nachfolgend frei erfunden Geschichte für dich, liebe Inch, und auch für mich und alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, möchte ich versuchen aufzuzeigen, dass es uns allen möglich ist, humanitär zu handeln, wenn es die Situation erfordert. Ein Nachdenken darüber, ob wir es tun würden, wird uns keine Antwort geben. Was uns vielleicht hilft, ist, dass wir unseren Teil dazu tun, dass es niemals zu einem Tag kommt, der diese großen Herausforderungen an uns stellt.

    „ Ein Dienstagmorgen. 7:30 Uhr. Dein Vorgesetzter, ein cholerischer und überall unbeliebter Genosse, kommt in das Zimmer gestürmt und schreit dich an, warum die Unterlagen nicht auf seinem Tisch liegen würden, die du ihm für heute Morgen hattest fertig machen sollen. Er bräuchte diese für ein wichtiges Gespräch mit Mielke morgen Nachmittag. Innerlich wird dir heiß und kalt. Du hast es tatsächlich vergessen. Warst mit den Gedanken die ganze Zeit bei deiner kleinen Tochter, die mit unbekanntem Fieber im Bett liegt. Keiner kann ihr im Moment richtig helfen.

    Und er schreit weiter im Zimmer herum. Und er ist bekannt dafür, dass das, was er sagt, auch tut. Unfähiges Personal, das in die Ablage gehört. Staatszersetzende Kollaborateure die dem kapitalistischen Erzfeind insgeheim zuspielen…..

    Mitten in diesem Wutanfall kommt aus der geöffneten Nachbarbürotüre deine Kollegin herein und fragt: Warum er hier so rumschreie? Sie hätte gestern durch die offene Bürotüre genau gehört wie er gesagt hätte, er bräuchte die Unterlagen am Mittwoch. Und heute sei es erst Dienstag und was anderes sei nicht gesagt worden.

    Die Lage in deinem Büro entspannt sich und du bekommst tatsächlich eine letzte Frist für die Unterlagen bis Mittwochmorgen, 7:00 Uhr. „

    „ Ein neuer Tag. Montag. 9.10.1989. Die anfänglich friedliche Montagsdemo in Leipzig wird gewaltsam von der Polizei und NVA aufgelöst. Chaos und Angst auf Leipzig`s Straßen. Sirenen und Krankenwagen inmitten tausender Menschen, die im Halbdunkel oder im taghellen Scheinwerferlicht durcheinander laufen. Du bist zu Hause. Und in dieser angst- und wuterfüllten Atmosphäre schellt es auf einmal bei dir. Abends um halb zehn. Deine Kollegin von „oben“ steht vor der Tür: „Kann ich mal kurz reinkommen?“

    „Ja“ ist dein Antwort.
    Und sie ist drin.In deiner Wohnung.Und die Dinge nehmen nunmehr unweigerlich ihren Lauf.

    „Was ist passiert?“ fragst du.
    „Die STASI hat heute Abend B. Bohleys Wohnung durchsucht und ich habe Angst, dass sie dort Material von mir finden. Wenn Bärbel es nicht rechtzeitig vernichten konnte, muss ich mit dem schlimmsten rechnen. Kann ich heute Nacht erst mal bei dir bleiben?“

    „Ja“, ist auch diesmal deine Antwort, ohne nachdenken zu müssen. „Wir werden eine Lösung finden. Morgen sehen wir weiter.“

    Nach einer Nacht mit kaum Schlaf entschließt du dich, erst mal auf die Arbeit zu gehen, damit alles nach Normalität aussieht. Am Abend wollt ihr noch mal über Möglichkeiten sprechen, wie deiner (nunmehr ehemaligen) Kollegin geholfen werden kann.

    Als du am Abend nach Hause kommst, sitzt deine Kollegin am Bett deiner kranken Tochter, die erstmals seit Tagen ruhig und tief schläft. Ihr schaut euch einen Moment an und sie sagt ganz ruhig: „Meine Tochter hatte vor drei Jahren dieselben Symptome. Es ist eine seltene Virusinfektion. Ich mach das schon. Besorg mir von Dr. Hammerschmid aus Gohlis ein Medikament. Ich schreib es dir auf.“

    ………………………

    Liebe Inch.
    So wurde aus einer ersten Nacht, eine zweite, eine dritte und dann…. war es auf einmal einfach nicht mehr möglich, diese Kollegin draußen den Hunden vorzuwerfen. Die Angst, die diese Menschen dabei durchlebt haben, war riesig und ist von vielen bis heute nicht bewältigt. Viele sagen, dass sie das ein zweites Mal nicht könnten, auch nicht für eine MILLION. Aber kaum ein Mensch, der von diesen Erlebnissen erzählt hat, hat sich als mutig empfunden.

    Abschließend möchte ich mich deinen Worten anschließen:
    „Wehret den Anfängen!“

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