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Stolper(wander)tag 1 – Stadt Dorf Widerstand

Oktober 12, 2013

Doch erst mal lande ich am Rathaus Wahren. Wenn man zum Auensee mit der Straßenbahn fährt, muss man hier aussteigen. Zwei oder fünf Mal habe ich das sicher schon getan. Aber eigentlich bin ich ja Radfahrer, und es gibt  schönere Wege hier raus. Ich bevorzuge den entlang der Luppe bzw. des Elsterflutbettes.

Das Rathaus entstand zwischen 1905 und 1907 unter Leitung des Architekten Richard Lucht. Wahren verlor seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Ansiedlung vieler Industriebetriebe nach und nach seinen dörflichen Charakter und wurde 1922 nach Leipzig eingemeindet. Hier lebte der als „Gerechter unter den Völkern“ geehrte Aurelio Arkenau. Der Dominikanerpater versteckte ab 1942 mehr als 100 Menschen im Kloster St. Albert. Ein Fakt, der in der Stadt, finde ich, viel zu wenige gewürdigt wird. Ich jedenfalls hatte von diesem Pater nie zuvor gehört.

Der Auensee entstand durch Kiesausbaggerungen für den Bau des Leipziger Hauptbahnhofes. 1913 wurde die so entstandene Grube geflutet und rings um den See entstand der sogenannte Luna-Park, ein Vergnügungspark mit Restaurants, Badestrand, Achterbahn und den damals üblichen Attraktionen. Doch der ging schon vor dem Krieg pleite. Geblieben sind das große Restaurant, das Haus Auensee und der See selbst, in dem das Baden aber seit 1979 verboten ist.

Aber weder Kloster noch Auensee sind heute mein Ziel.

Ich biege am Rathaus nach  rechts ab in die Linkelstraße. Hier stehen ein paar Häuser zum Verkauf, aber der größte Teil ist saniert und bewohnt. Und als ich am S-Bahnhof Wahren rechts in die Damaschkestraße einbiege, wird es fast ein bisschen ländlich. Die Leute, die mir hier begegnen, sehen allerdings teilweise auch recht ländlich aus, so ostsächsisch, wenn Sie verstehen.

Die Damaschkestraße selbst gehört zu Wahren, rechts verlaufen die Bahngleise in Richtung Halle, alle links abbiegenden Straßen gehören schon zu Lindenthal. Das ist interessant. Ich war mal in Lindenthal, vor gefühlten Tausend Jahren. Da schlief ich gerade mal für ein halbes Jahr in der 1-Raum-Wohnung des Freundes. Eine Bekannte wohnte irgendwo in Lindenthal. Sie hatte eine Töpferwerkstatt und lud uns eines Novemberwochenendes dahin ein. Es war ein weiter mühsamer Weg, so mit Straßenbahn und Bus. Noch mühsamer war der nächtliche Rückweg, weil irgendwelche Busse nicht mehr fuhren, ich unter dem ersten zarten Eis eine Pfütze und nicht ein Bauloch vermutete, einbrach und halb erfroren die Wohnung in Mockau erreichte.

Ich hätte schwören können, Lindenthal ist ein Dorf, irgendwo hinter Leipzig. Nun stellt sich raus, es ist ein Stadtteil. Allerdings ohne Straßenbahn.  Wahrscheinlich wurde es erst kürzlich eingemeindet? Ich frage Tante G. Tatsächlich. Bis 1999 war das ein Dorf.

Eine Schornsteinruine zwischen Neubauten lenkt mich ab. Den Pirolweg entlang laufend sehe ich aus der Ferne noch ein paar alte Gebäude. Vielleicht eine alte Gärtnerei? Darauf gibt es keine Antwort, doch ein neues Ziel lockt mich weiter. Am Ende der Straße steht der Lindenthaler Wasserturm. Und ich frage mich, wie das so ist, wenn man im letzten Haus wohnt. Hat man da nicht manchmal Angst, dass der Turm einem auf den Kaffeetisch fällt? Im Sommer? Wenn man draußen im Garten sitzt?

Fragen über Fragen.

Ich laufe zurück zur Damaschkestraße durch eine Reihenhaussiedlung.

DSC_0086In der Raustraße 6 befindet sich Georg Schumanns letzter Wohnsitz. Der Leipziger gelernte Werkzeugmacher gehörte zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Deutschlands, war Redakteur, Reichstagsabgeordneter, später  Chef der illegalen KPD Sachsen. Er wurde zum Tode verurteilt und im Januar 1945 in Dresden hingerichtet. Diese Biografie steht irgendwie im krassen Gegensatz zu der sich mir bietenden ländlichen Idylle. Ob die Rasen mähenden Anwohner den Stolperstein überhaupt wahrnehmen? Lugen Sie hinter den Gardinen vor, wenn hier am 9. November  eine Mahnwache gehalten wird?

Der Weiterweg ist nur zu Fuß zu bewältigen. Ein Trampelpfad führt mich zu einer Brücke über die Gleisanlagen und an diesen entlang Richtung Osten zur Landsberger Straße.  Das liegt an der Grenze zu Großwiederitzsch und da wohnt zwar eine Cousine, aber ganz am anderen Ende. Hier war ich noch nie!!! Der Pfad schlängelt sich irgendwann zwischen Gleisanlagen und der Rückseite der Kaserne entlang. General-Olbricht-Kaserne. Hier war bis zu ihrer Auflösung die 13. Panzergrenadierdivision stationiert. Und ja, es ist die, wo dieser Oberst  Georg Klein herkam.

Heute werden hier Militärs ausgebildet und während ich da lang wackele und mir so meine Gedanken mache, kommt da tatsächlich einer lang. Also, so ein Berufssoldat. Auf der anderen Seite des Zaunes. Grüßt und guckt wahrscheinlich, ob auch keiner ein Loch hineingeschnitten hat, in den Zaun. (Vielleicht muss er auch bloß pinkeln. Ich muss nämlich, aber nach der Begegnung scheint mir der Zaun kein sicherer Sichtschutz mehr zu sein).

Über die Gleise wird der Blick auf eine Mühle frei. Steht die in Wiederitzsch? Oder in Lindenthal?

Um das heraus zu finden, ist der Weg wirklich zu weit und außerdem durch die Gleise versperrt. Und ich will ja auch in eine ganz andere Richtung.

Für die Fotos gilt wie immer: Drauf klicken = groß gucken

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10 Kommentare leave one →
  1. Oktober 12, 2013 3:19 pm

    Wenn du so weiter machst: Vorsicht! Irgendwann stehe ich vor deiner Tür und du musst mir all die Schönheiten vor Ort zeigen 😉

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  2. Oktober 13, 2013 4:43 am

    Wieder mal ein fesselnder Beitrag in Wort & Bild! Du lädst den Besucher – die Besucherin förmlich ein die Wege selber zu beschreiten!

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  3. Oktober 13, 2013 8:25 am

    Schöne Bilder. Vor allem die Telefonzelle! Da muss ich unbedingt mal persönlich vorbei.

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    • Oktober 13, 2013 1:24 pm

      Mich würde ja interessieren, wie die dahin gekommen ist. Da ist nix in der Nähe. Also ich meine, Klubhaus, Kulturhaus, irgend so was. Steht einfach da. Schumann-Straße, gleich nach der Brücke kurz vorm Wahrener Rathaus

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  4. Oktober 13, 2013 2:42 pm

    Hoffentlich ist mit dem Wohnungsangebot nicht die Telefonzelle gemeint, sieht doch etwas zugig aus. Die bunten Reihenhäuser sind aber recht schnuckelig, vor allem weil jeder eine andere Farbe bevorzugt hat.

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