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48 Händl und drei Semilader (Montag, 29.07.2013)

September 14, 2013

Auf  schon bekannten Wegen fahren wir am Montag nach dem Frühstück nach Sugarcreek ins Dutch Valley Inn. In der Bäckerei lassen wir uns ein zweites Frühstück schmecken und realisieren erfreut, dass auch hier der Kuchen auf echten Tellern serviert wird. Den Kaffee freilich gibt’s aus den allseits beliebten Pappbechern.

Im Shop neben dem Restaurant blättere ich interessiert in mehreren Büchern, in denen Amische versuchen, ihr Leben zu erklären. Wir kommen mit Ina ins Gespräch. Sie stammt aus Pennsylvania, hat als junges Mädchen die Gemeinde verlassen, in Großstädten gelebt, war verheiratet und ist nun Assistent Manager im Dutch Valley Inn. So eine Biografie macht Hoffnung.

Laut einem Urteil vom 15. Mai 1972 sind die Amischen von der Schulpflicht, die über die 8. Klasse hinausgeht, befreit. Ich lese, dass sie nicht generell gegen Bildung sind, sie sind nur gegen das öffentliche Bildungssystem. Vor allem, wenn Jugendliche in das schwierige Alter der Pubertät kommen, möchten sie sie lieber bei sich auf den Farmen haben. Für die Old Order Gruppen ist die Schule nur Teil der Bildung. In ihren eigenen wird deshalb nur Grundwissen vermittelt: Lesen, Schreiben, Arithmetik. Andere Dinge, die die Kinder lernen und die für ein Leben innerhalb der Gemeinden für wichtig erachtet werden, sind Planzen-, Boden- und Tierkunde. Natürlich gehört das Studium der Bibel zum Unterricht, daneben sind alle Amische bilingual. In traditionellen Schulen werden alle Kinder in einem Raum unterrichtet! (Für die meisten Mennoniten und progressive Amische dagegen ist eine qualitativ hochwertige Bildung wichtig, die sie allerdings am liebsten in eigenen privaten Schulen und Hochschulen vermitteln. Allen aber ist gemein, dass das Bibelstudium, Weisheit und Verständnis wichtiger sind als die Anhäufung von Wissen und ein Leben lang anhält).

Das alles klingt ja nun nicht so, als hätte man, mit dieser Art Schulbildung, außerhalb der Gemeinden eine Chance. Ina ist das Gegenbeispiel. Ihr Weg war sicher nicht einfach, doch heute führt sie ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben, auch wenn die knapp 50jährige wieder für Amische arbeitet.

Ein traditionell gekleidetes junges Mädchen wird von Ina geradezu gezwungen, sich an unserem Gespräch zu beteiligen. Und auch, sich mit uns fotografieren zu lassen. Die beiden empfehlen uns Orte, die wir besuchen sollten und mit dem Fahrrad auch erreichen können. Überhaupt Fahrräder. Am Sonntag haben wir ja hauptsächlich junge Männer auf Zweirädern gesehen, aber nun erfahren wir, dass auch junge Frauen diese nutzen, um zum Beispiel auf Arbeit zu fahren. Zum Abschied möchte uns Ina zwei Freikarten für das Amisch- Mennonitische Theater schenken, aber die nächste Vorführung ist erst Dienstag, da sind wir schon auf dem Weg nach New York.

Und dann fahren wir auf kleinen Sträßelchen  nach Farmerstown.  Vorbei an Farmen, die ohne Elektrizität auskommen. Frauen beobachten uns von ihren Höfen aus. Kinder schauen sich scheu um. Das ist Amischenland genauso, wie ich es mir vorstelle. Ein junger Fahrradfahrer winkt uns aufmunternd zu.

In Farmerstown kommen wir mit einem jungen Mädchen ins Gespräch.  Sie erzählt stolz, dass sie auch schon einmal vereist ist. Nach Kalifornien, in den Yosemite Nationalpark.  In einer kleinen Bäckerei essen wir sehr leckere Swiss OLYMPUS DIGITAL CAMERABurger. Und dann winkt uns ein alter Mann heran. Auf seiner Farm züchtet er Händl. Und heute verkauft er 48000. Die Ställe sind der Horror. Zwar leben die Viecher in sogenannter Bodenhaltung, aber ohne Antibiotika, das sehe ich sofort, geht bei der Dichte nichts. Das ist das Aus für unser Idealbild biologischer Landwirtschaft. Scheinbare Rückständigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Gesundheit.

Trotzdem genieße ich die Fachsimpelei mit dem alten Mann. Ich erzähle von meiner Kindheit. Und davon, wie mich hier vieles daran erinnert. Auch da, wo ich aufwuchs, wurde noch viel von Hand gemacht. Die Herbstferien hießen Kartoffelferien, weil wir da eben Kartoffeln lasen. Zum Rüben hacken  arbeiteten wir uns an schier endlose Reihen die jungen Pflänzchen entlang. Und weil ich ganz schnell gelernt hatte, mit dem Pferdefuhrwerk umzugehen,  saß ich bei Ernten jeder Art auf dem Kutschbock, statt mich wie die anderen auf den Feldern abzurackern.

Manchmal haben wir Schwierigkeiten, uns zu verstehen. Zum Beispiel als der Farmer erzählt, dass heute drei Semilader kommen, die Händl zu holen.

Semilader?

Ich verstehe kein Wort.

Trucks, flüchtet der Mann ins Englische.

Ah, Sammellader!

Und als die Cousine erzählt, dass ich  schon ein Enkelkind habe, versteht uns der Bauer nicht.

Großkind heißt das auf deitsch!

Am Ende des Tages müssen wir ziemlich Gas geben. Über Walnut Creek fahren wir auf der Buggyspur soweit es geht auf dem Highway zurück, dann über den Schiilling Hill nach New Philadelphia und zu Ernie’s  Bicycle Shop.

Die Räder sehen etwas mitgenommen aus. Ernie reist entsetzt die Augen auf, als wir erzählen, wo wir überall waren. Trotzdem, falls Sie mal in die Ecke kommen: Ernie’s Bicycle Shop, 315 Wabashe Ave, New Philadelphia. Ich wette, im nächsten Sommer hat der auch Räder, mit denen man über Land fahren kann. Falls noch mal so ein paar bekloppte Deutsche kommen.

Fotos: Drauf klicken = groß gucken

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9 Kommentare leave one →
  1. September 14, 2013 11:32 pm

    Scheinen vernünftige Menschen zu sein. Das dortige Schulsystem ist bekannt als eines der miesesten in beiden Amerikas – Nord und Süd.
    Wie (bereits) gewohnt: ein guter Bericht mit feinen Fotos

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  2. Frau Doktor permalink
    September 15, 2013 11:33 am

    Wow, wirklich interessant. Und immer wieder meine Bewunderung für Euch und die Art, wie ihr unterwegs ward. Echt toll.

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  3. September 17, 2013 5:55 pm

    so schlecht finde ich die Idee gar nicht. In Deutschland ist das selbst-beschulen ja verboten, was ich etwas schade finde, ich hätte arge bedenken ein Kind heutzutage auf eine Hauptschule zu lassen…. Walnut Creek, da wo Laura Ingals gewohnt hat? 😀 Sehr schöne Reiseberichte finde ich!

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    • September 17, 2013 6:53 pm

      Keine Ahnung. Es gibt da ja mehrere Orte, die so heißen und noch jede Menge Flüsse.

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  4. September 17, 2013 11:14 pm

    Ein(en) Walnut Creek haben die wahrscheinlich in jedem Bundesstaat. Mit der Mode halten sie es jedenfalls wie Mutti Merkel, ein Kleid in verschiedenen Farben ist völlig ausreichend *g*

    @Herr Ärmel, vernünftige Menschen lesen nicht ihr ganzes Leben lang in der Bibel *fg*

    Großartiger Bericht wieder einmal. Und das im ersten Bild ist Bodenhaltung? Gut dass ich seit Jahren nur noch Bio-Eier kaufe.

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    • September 18, 2013 12:34 am

      Die lesen ja nicht nur in der Bibel. Und überhaupt, die können im Vergleich zur Restbevölkerung wenigstens lesen

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  5. September 18, 2013 12:32 pm

    @all
    Nuja, das mit den Schulen sehe ich auch etwas bedenklicher. Gegen home schooling bin ich schon, weil Lehrer nicht umsonst ein pädagogisches Studium absolvieren. Das Problem ist ja, was kann ich mit so einem Grundwissen anfangen? Für ein Leben auf der Farm reicht es sicher aus, aber was ist, wenn ein junger Mensch einen anderen Weh wählt? Ich meine, die geben jungen Erwachsenen ein Jahr oder so Zeit, die Gemeinde zu verlassen, sich etwas umzuschauen und dann freiwillig zurück zukommen, sich taufen und für ein Leben in der Gemeinde zu entscheiden. Aber bedingt diese Art der Schulbildung nicht eine „freiwillige“ Entscheidung? Ein Argument, dass ich übrigens in einem der Bücher der Amischen las: Da heißt es, auf die Mennoniten bezogen, dass deren qualitativ hochwertige Bildung notwendig ist für junge Erwachsene, die die Farmen verlassen wollen. Und darauf bezugnehmend heißt es: Old Order Gruppen argumentieren, dass dieser Trend aufgehalten werden kann durch eine begrenzte Schulbildung.
    Und ja, Zaph, das ist Bodenhaltung. Und Freilandhaltung heißt übrigens nur, dass da kein Dach drüber ist. Ansonsten ist die Besatzdichte ähnlich. Bio ist schon die beste Wahl

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  6. September 18, 2013 11:18 pm

    Das ist überaus interessant, wenn auch fremd, was du über die Amischen und ihre Art der Bildung schreibst. Danke dafür.

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Trackbacks

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