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Die falsche Entscheidung? (Freitag, 26.07.2013)

September 5, 2013

Hier sind wir aber jetzt am Arsch der Welt, stellt die Cousine fest, als der Bus weg ist und wir etwas verloren auf dem Truckstop stehen.

Ja, antworte ich, das war ja auch der Plan.

Aber die Cousine hat, das hat sich längst herausgestellt, zu Hause kein sonderliches Interesse für den Plan entwickelt. Zwar habe ich ihr immer alles geschickt und um ihr OK gebeten, aber offensichtlich hat sie mir, was meine Reiseplanung betrifft,  total vertraut. Ist ja eigentlich nicht schlecht, und ihr Vertrauen in mich ehrt mich, wenn sie nur nicht jetzt ständig wissen wöllte, wann wir wo umsteigen und wie viel Aufenthalt wir wo haben. Das nervt ein bisschen, weil ich dazu ständig die Fahrkarten auseinander fuddeln muss.  Es ist nämlich so, dass man, wenn man z.B. drei Mal umsteigen muss, 4 Fahrkarten kriegt. Und zwar für jeden. Und ich habe, was Unterlagen angeht, eine kleine Macke. Ständig habe ich Angst, ein wichtiges Dokument zu verlieren. Also habe ich zu Hause sortiert und sortiert und sicher x mal überprüft bis alles passte und ich sicher war, dass ich nur noch zur richtigen Zeit in die richtige Folie greifen musste.

Heute mussten wir 3 Mal umsteigen. Dabei lagen die Transferzeiten zwischen 25 bis 35 Minuten, was mich nach den Erfahrungen der letzten Tage Böses ahnen ließ.

Und es ging auch böse los. Das bestellte Taxi kam nicht. Also hechelten wir zu Fuß zur Bus Station.

Da steht kein Greyhound, sondern das Fahrzeug eines Subunternehmers. Und weil auch bloß  5 Leute mit wollen, genießen wir den Luxus eines leeren Busses. Echt, das ist die bequemste Fahrt bisher. Wenn ich nun noch W-LAN hätte. Doch das gibt’s nur in den Greyhound-Bussen. Klingt jetzt sicher sehr dekadent, wenn ich das Internet vermisse, aber nachdem wir in Grants die Einladung zweier couchsurfer verpasst haben, weil ich kein ordentliches Netz hatte und zu faul war, checke ich mein Profil jetzt wenigstens zwei Mal am Tag. Denn das hat uns wirklich geärgert, immerhin kam eine Einladung von einem Ranger. Nicht auszudenken, was wir mit dem alles hätten erleben können.

Indianapolis. 35 Minuten Zeit umzusteigen. Der Stress ist enorm. Wieder sortiert der Fahrer. Doch diesmal passen alle rein. Leider aber sortiert er so, dass die, die die kürzeste Strecke fahren, als letzte einsteigen dürfen.

Das sind die Cousine und ich.

Ich soll neben einem fetten Mann platziert werden. Ich schaue den Operator an. Nein, das will ich nicht. Doch der bedeutet mir, hinsetzen oder aussteigen.

Der Typ ist so fett, dass er auch noch die Hälfte meines Sitzplatzes beansprucht. DAS.GEHT.GAR.NICHT!

Ehrlich! Wieso kann man solche Leute nicht zwingen, zwei Tickets zu lösen?

Wir haben das schon in Amarillo mit David diskutiert und tatsächlich gab es Versuche der Bus-  und einiger Fluggesellschaften, so eine Regelung durchzusetzen. Wurde aber abgelehnt wegen Diskriminierung! Und was ist mit meinen Rechten? Ich habe für einen Sitzplatz bezahlt, jetzt hänge ich nur mit dem halben Hintern auf der Bank, mit dem rechten Bein versuche ich, die Balance zu halten. Unglaublich.

Und überhaupt: Wieso kriege ich immer die Fetten ab?

Nachdem der Operator auch die Cousine platziert hat (neben einem dünnen Kerlchen), dreht er sich am Eingang des Busses noch mal um.

Und sieht mich.

Er kann seinen Blick nicht von mir lösen.

(Ich glaube, ich sehe sehr verzweifelt aus.)

Das ist nicht sehr komfortabel, oder?, fragt er mich.

Ich schüttele nur traurig den Kopf.

Da setzt er noch mal alle um.

Ich lande neben der Cousine und neben Fatman sitzt das dünne Kerlchen. Der tut mir ja leid, aber…

Natürlich erreichen wir Columbus mit Verspätung. Aber der Anschlussbus, wieder ein Subunternehmer, wartet. Trotzdem ist alles ein bisschen hektisch. Die Tickets geraten durcheinander und ich mal kurz aus der Fassung. Mönsch, ich bin doch hier nicht die Mutti!

Letzter Umstieg Akron. Wir sind zu spät, der Bus wartet, es gibt nur noch je eine Fahrkarte für diesen Tag, alles ok.

Und dann New Philadelphia. Truckstop. Die Cousine fragt den Driver noch, wo hier das Greyhound-Zeichen ist, doch der antwortet nicht und fährt davon.

Während wir versuchen, die Lage zu orten, zwischen uns und der Stadt liegt eine gewaltige Kreuzung mit Ab-und Auffahrten zum Highway, einem Freeway und noch ein paar anderen Straßen,  fragt uns ein sehr merkwürdig aussehender Typ „Are you guys backpacking through America?“ Und dann erzählt er “I came from Tennessee, found myself in Ohio“. Er trägt eine kurze Hose mit Hosenträgern, einen riesigen Schlapphut und einen langen Bart. Ist das jetzt der letzte Schrei in Ohio oder der vorletzte in Tennessee?

Uns mit in die Stadt zu nehmen, versäumt er leider.

Also überqueren wir todesmutig alle Kreuzungen. Natürlich gibt es keine Fußwege. Gefährlich ist es aber eher nicht. Nicht für uns. Denn die Autofahrer sind so verwirrt, dass sie lieber einmal zu viel bremsen.

Im Zimmer im Motel riecht es nach Urin. Das kommt aus der Air Condition.

Und Fahrradausleihe? Die Frau an der Rezeption schüttelt erschrocken mit dem Kopf.

Vielleicht war New Philadelphia eine falsche Entscheidung.

Aber immerhin, als wir beim Mexikaner essen, sehen wir schon mal vier Amische. Die steigen in ihr Auto ein und fahren davon.

Häh ???

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9 Kommentare leave one →
  1. September 6, 2013 9:35 am

    Deine Cousine erinnert mich an meinen Spezl, mit dem ich die letzte Florida-Tour unternommen hab‘. Quasi monatelang haben wir die Reiseroute ausgetüftelt – und als wir dann drüben waren, und es richtig los ging, meinte er, dass er am liebsten gleich nach Miami Beach gefahren wär und die ganzen zwei Wochen am Strand verbracht hätte, anstatt kreuz und quer durch’s Land zu gurken. 😉

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    • September 8, 2013 7:44 pm

      Nuja, die Cousine war schon glücklich mit meiner Reiseplanung. Hatte nichts dran auszusetzen. Nur, dass ich ihr eben vor Ort erst mal alles erläutern musste, das war etwas anstrengend

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  2. September 6, 2013 4:22 pm

    die beschreibung ist vom allerfeinsten! 🙂 ganz schön nervig, auch noch als mutti im urlaub herzuhalten. es sind aber alles ganz tolle erfahrungen, oder? ich freu mich auf viele fortsetzungen!

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  3. September 8, 2013 12:13 am

    Am Arsch der Welt, das war der Plan, Muahaha, ich hab mich echt weggeschmissen. Ich find das wirklich ungeheuer mutig was ihr beiden da gemacht habt, das ist sicher keine Erholungsreise gewesen, aber bestimmt ein derbe krasses Erlebnis wie man hier so sagt. Eigentlich hätte man darüber eine Doku drehen müssen, aber echt jetzt. Zwei Leipziger Frauen couchsurfen sich per Greyhound quer durch die USA, weil sie an den Arsch der Welt wollen. Zumindest eine der beiden. Da hätte jeder intelligente Fernsehproduzent sofort zugegriffen, also ich finde das weit interessanter als zwei Typen die in China durch die Wüste radeln, jedenfalls solange Du das Drehbuch schreibst.

    Jetzt will ich aber langsam wissen wieso Amische mit Autos fahren. Leihwagen geht ja vielleicht wenn man es nicht ganz so streng auslegt, ich kenne schließlich auch Bier trinkende Moslems.

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    • September 8, 2013 7:47 pm

      Ich muss erst mal das Wochenende verarbeiten ehe es mit den Amischen weitergeht. Und die Infos sortieren. DENN ich habe ganz viel gelernt dort.
      Und die Doku… ich glaube mit so Kamerateam wären die Erfahrungen nur halb so intensiv gewesen, gerade die, wo es so schien, als ginge jetzt gar nichts mehr. Und davon kommen noch so eins zwei…

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  4. September 8, 2013 1:32 pm

    Schöner und kurzweiliger Bericht, liebe Inch. Da werde ich doch meine große Tochter fragen, ob sie mich nächstes Jahr dahin karrt. Ich bin gespannt, was sie sagt. 😀

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